MAX HEADROOM im Würgegriff der Marketingmaschinen (NSFW)
Themen: Film, TV & Presse |1985. MTV war noch so jung wie das deutsche Privatfernsehen und der Commodore Amiga. STAR TREK: THE NEXT GENERATION war noch nicht gestartet, Reagan Präsident und Kohl Kanzler. Die Yuppies prägten das Jahrzehnt. Um mit den Worten von Gordon Gecko zu sprechen: greed is good.
Aber es gab eine kleine, kurzlebige Science Fiction-Serie, die sich gegen die "corporate culture" auflehnte, die von Manipulation der Zuschauer und Konsumenten erzählte, die vor der Lethargie der Masse warnte und einer Technologie, die wie Fortschritt scheint, aber die Zivilisation langsam auffrisst.
Es gab MAX HEADROOM:
Wie viele Produktionen ihrer Zeit musste die Serie übrigens einen Großteil ihrer "CGI" analog faken, weil die Technik einfach noch nicht so weit war. Der digitale Klugscheißer Max wurde von Matt Frewer in einer Latexmaske gespielt.
Es ist Spätgeborenen schwer zu erklären, wie sehr MAX HEADROOM trotz seines beschränkten Erfolges die Popkultur prägte und unseren Sinn für die kalte Korruption des Kapitalismus schärfte. Max war Protest, Anarchie und Widerstand zugleich und ein potenterer Charakter als Guy Fawkes in V FOR VENDETTA.
Max wurde augenblicklich ein Meme, bevor es Memes gab, Teil der Sub-, Pop-, und Protestkultur unter der glatten Oberfläche der kommerzialisierten 80er und 90er.
Aber es ist auch erstaunlich – und darum soll es heute gehen-, wie schnell MAX HEADROOM selbst kommerzialisiert, vermarktet und missbraucht wurde. Die "corporate culture" bekämpfte ihn nicht, sie subsumierte ihn einfach. Aus dem Kämpfer gegen den bewusst-losen Konsum wurde ein Konsumprodukt. Die Figur konnte sich schlecht wehren – und ihr Darsteller Matt Frewer wollte es wohl nicht.
Dabei fing alles ganz gut an – mit dem Banger von Art of Noise, der in seiner (alp)traumhaften Orientierungsosigkeit perfekt zu Max Headroom passt:
1987 hackte sich außerdem ein anonymer Max Headroom in die Sendesignale zweier TV-Stationen in Chicago – ein bis heute unaufgeklärter Fall.
Der Glotzbuster hat das in einem sehr schön umfangreichen Video aufgearbeitet.
Ich habe auch nicht dagegen, dass zeitgenössische Videospiele erschienen, in denen klobige Pixelgrafik die Welt von morgen illustriert:
Es ist aber schon bitter, dass Max sehr schnell ausgerechnet für einen prototypischen Megakonzern Werbung machen musste:
Es ist fast schon ein Treppenwitz der Geschichte, dass er sich hier für die kapital gefloppte New Coke prostituiert.
Dennoch: Max Headroom als "spokesperson" – da hätte man ihn lieber gleich digital schreddern sollen. Es erinnert mich den Vorwurf eines DDR-Sachbuchs, das ich vor 19 Jahren (!) besprochen habe, Jugendkulturen seien immer an der Revolution gescheitert, weil sie vom Kapitalismus erfolgreich geschluckt wurden.
Aber es kommt schlimmer: Für den deutschen Markt dachte sich Coca Cola eine noch größere Pervertierung der Figur aus. Im ZDF-Vorabend-Werbefernsehen machte man aus dem paranoiden Gefangenen des Cyberspace die "coole" Moderatorin "Cora" in der Mini-Sendung "Coca Cola Magic Music":
Die Legende besagt, dass mit dieser Ausstrahlung der Begriff "cringe" in die Welt kam. Jede andere Firma wäre von den Machern von MAX HEADROOM in Grund und Boden geklagt worden. Aber Coca Cola hatte die Figur mit Haut und Haaren lizensiert – und kannte wahrlich keine Gnade.
Wer jetzt denkt "weiter runter in den Keller geht’s nicht", den muss ich eines Besseren belehren. Anscheinend hat es Werbestrategen gegeben, die (vermutlich bis in die Haarspitzen zugekokst) in "brainstormings" auf den Tisch gehauen und gebrüllt haben: "Wäre besser, wenn der Max eine Frau wäre – und nackt!"
Und so, liebe Kinder, entstand das erste digitale Cyber-Playmate Maxine Legroom:
Der typische Playmate-Steckbrief wurde entsprechend altherrenlustig ausgefüllt:
Und ja – Karriere sollte diese Figur, die mich fatal an Brigitte Nielsen erinnert, auch machen, allerdings nicht an der Stange, sondern im Video:
Warum und in welchem Kontext lief das auf RTL?!
Ich rechne dem Song und dem Video hoch an, dass sie versuchen, mit einer bewusst rotzigen Attitüde eben nicht billigen Popo-Pop zu verkaufen.
Die junge Dame "hinter" Maxine Legroom durfte übrigens ein halbes Jahr später als reguläres Playmate reüssieren – und sie gefällt mir so deutlich besser:
War es Scham oder späte Einsicht, dass Max danach weitgehend und wortwörtlich von der Bildfläche verschwand? Erst Ende der 90er tauchte er unter einem Pseudonym noch einmal auf – und es typisch, dass die deutschen Werber mal wieder komplett hinterher hinkten. Als "Robert T. Online" machte er u.a. Werbung für die T-Online-Aktien, mit denen sich viele kleine Leute massiv verzocken sollten:
"Robert T. Online" – echt? Für die Idee hat einer Geld bekommen? Echt?
Presse, Promotion, Playboy – der Systemsprenger Max Headroom hat als Büttel des Kapitals wahrlich nichts ausgelassen. Oder doch? Max Headroom-Pornos habe ich vergeblich (allerdings auch nur mit mäßigem Eifer) gesucht. MAX BEDROOM? MAX HEAD? HEAD MAXBOOM?
Sollte ihm das erspart geblieben sein – und damit uns? Seien wir dankbar…
Man kann ihn mittlerweile übrigens als fertiges 3D-Modell für Vlogs kaufen – ich bin jedoch nicht sicher, ob das rechtlich wasserdicht ist:
Und was wurde aus Max? Er tauchte 2007 zuletzt auf – als Rentner in einem Werbespot für den Wechsel von Channel 4 zur digitalen Ausstrahlung:
Dass Netflix oder Amazon Prime die Gelegenheit noch nicht ergriffen haben, sich von Max im eigenen Interesse auf die Schippe nehmen zu lassen, wundert mich. Aus einem angekündigten Remake bei AMC wurde ja augenscheinlich nix.
It’s time to come back, Max! The world needs you… again.
"1987 hackte sich…" da solls am Ende ja wohl "ein bis heute unaufgeklärter Fall" heißen
Ich möchte bei der kommerziellen Verwurstung noch an "Robert T-Online" erinnern:
https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_T-Online
Oha, ja! Den liefere ich noch nach!
Schöner Artikel. Allerdings würde ich argumentieren, dass Max Headroom von Anfang an Teil der Kommerzmaschine war und jegliche gegenkulturelle Street Cred nur Teil des Gesamtkonzepts.
Immerhin war schon die Einführung der Figur gut geplant: Einen Tag nach dem TV-Film auf ITV startete der Sender eine von Max moderierte Musikshow, in der er Videoclips abspielte und Stars interviewte. D.h. der Film war eigentluch nur die Origin Story für den neuen Moderator. Diese Show lief mehrere Jahre und wurde auch in die USA exportiert.
Ein Jahr später gab es dann das Paranoimia-Video und die Coca-Cola-Kampagne, und erst noch wieder ein Jahr später, als die Figur bereits einen sehr großen Bekanntheitsgrad hatte, kam die US-Serie, die das Konzept des ITV-Films wieder aufnahm und weitersponn.
Schon klar. Ich hatte ja auch vor Jahren bereits geschrieben, dass die "big corporations" gerne ihre eigene Kritik inhouse produzieren und damit kontrollieren:
Die Serie fand ich großartig, das war erster Cyberpunk. Toll die Szene mit dem verbotenen Ausschaltknopf am Fernseher (ich meine, das war bei Max, mag mich aber irren, lange her!). Danke für die Erinnerung!
Ja, Edison musste eine Decke über den Fernseher werfen um den Blicken von Max zu entkommen.