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Dez. 2025

"Let’s all meet up in the year 2000…" – Erinnerungen an 35 Jahre Pressevorführungen (2)

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

Die 90er Jahre könnt ihr hier nachlesen.

Es waren gute Zeiten, das lässt sich nicht bestreiten. Raubkopien aus dem Internet saugen war noch keine Option, Streaming unbekannt, und eine gesunde Menge an Studios und Verleihern pumpte nicht nur viel Geld in Filme, sondern auch in deren Vermarktung. So bekam man 1998 zu LOST IN SPACE diese geile Uhr geschenkt:

MATRIX war der Film, der uns ins neue Jahrtausend brachte – und es sollte sich einiges in Sachen Pressevorführungen ändern. Vieles davon wurde von den Nerds unter den Journalisten heftig kritisiert, muss aber faktisch als Verbesserung angesehen werden.

Zuerst einmal wechselten die Kinos. In den 90er waren immer mal Screenings im Royal am Goethe-Platz abgehalten worden, auch im Cinema und im City. Für Blockbuster und Premieren buchte man erst das alte, heute das neue Mathäser.

Ganz selten luden die Verleiher ausgesuchte Kollegen in die eigenen Vorführräume.

Hauptsächliches Kino war aber das Arena in der Hans Sachs-Straße. Klein, schlechte Klimaanlage, wenig Platz bei Regen und Kälte. Man fror im Winter, man schwitzte im Sommer. Die Leinwand war kaum größer als die Fernseher, die man heute bei Saturn kaufen kann. Für Indie-Filme okay, für Blockbuster weniger.

Es kam zum Umbruch. Ungefähr um die Jahrtausendwende wurde das traditionsreiche Gabriel in der Dachauer Straße zum neuen "place to be" erwählt, was Pressvorführungen anging. Da konnte man sich auch drinnen schön aufhalten, die Toiletten waren sehr sauber, und die Leinwand ein Genuss.

Das Gabriel hatte zudem den Vorteil, sehr zentral am Hauptbahnhof zu liegen – und den Nachteil, in der Umgebung kaum Parkplätze zu bieten. Ah well…

Man bekommt übrigens als Pressevertreter (im weitesten Sinne) nicht nur die Einladung umsonst, sondern auch die Getränke und das Popcorn. Darüber hinaus muss man selber zahlen. "Ich nehme fünf Magnum Mandel" ist also nicht drin. Die Mitarbeiter notieren den Verbrauch und lassen ihn vom Verleiher erstatten.

Es gab auch in dieser Zeit immer wieder ganz besondere "special screenings", zu denen nicht die ganze Presse eingeladen wurde. Über die exklusiv präsentierten ersten 20 Minuten von Peter Jacksons HERR DER RINGE habe ich schon geschrieben.

2001 veranstaltete Columbia eine Vorab- Aufführung von ca. 20 Minuten Material aus FINAL FANTASY: THE SPIRITS WITHIN. Sehr offensichtlich wollte man die Anwesenden mit der bahnbrechenden GGI begeistern. Tatsächlich war die Reaktion im Publikum durchweg mau. Ich erlaubte mir sogar, dem anwesenden Verleihchef persönlich zu sagen, dass DAS ganz sicher noch nicht der Durchbruch in Sachen hyperrealistischer Computergrafik sei:

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Die technischen (R)Evolutionen fanden ganz woanders statt…

In den ersten zehn Jahren des neuen Jahrtausends waren die Veränderungen schon spürbar, auch wenn wir keine Ahnung hatten, wie tiefgreifend sie sein würden. Pressehefte wurden immer öfter durch preiswerte getackerte Ausdrucke ersetzt mit dem Hinweis, man könne sich die Textdatei auch im Internet laden. Diasätze wurden nur noch auf Anfrage beigelegt – hier trennten sich die Wege der Onliner, denen JPG-Dateien in 800×600-Größe völlig ausreichten, von den Printjournalisten, die hohe Auflösungen verlangten und auf Dias bestanden.

Das lag natürlich auch daran, dass das Fenster zwischen der Pressevorführung und dem Starttermin immer weiter zusammen schrumpfte. In den 90ern war es nicht unüblich, dass ein Film in den USA im Spätsommer startete, um dann in der Vorweihnachtszeit den deutschen Markt zu stürmen. Genug Zeit, dazwischen deutsches Material zu erstellen, Kampagnen zu planen, manchmal sogar drei Vorführungen für die lang-, mittel-, und kurzfristigen Printmedien anzusetzen.

Das Fenster schrumpfte nun von beiden Seiten – USA- und D-Release robbten näher aneinander heran, die Pressetermine mussten kurzfristiger terminiert werden. Das Pressematerial wanderte immer mehr ins Internet. Die Verleiher legten sich Portale für die Journalisten zu, in die man sich einloggen konnte, um hochauflösende Bilder, Logos, Pressehefte und Audio-Interviews zu laden.

Ich hatte es angedeutet: einigen Kollegen passte das gar nicht. Nicht etwa, weil die Bereitstellung analoger Materialien für sie einfacher ist. Sie ist es nämlich nicht: digitale Bilder können verlustfrei ins Layout gehoben werden, digitale Texte werden mit wenigen Klicks kopiert. Aber viele Kritiker waren auch Nerds und sammelten alles Material in Schränken und Regalen. Es stellte für sie einen Wert dar. Digital galt als unsexy.

In diesem Kontext kann man auch die hässliche Tatsache ansprechen, dass diverse Schreiber keine Skrupel hatten und haben, das gleich mehrfach eingesammelte Material hinterher für Premium-Preise bei Ebay zu verhökern. Ein Nebenverdienst, der mich immer als unwürdig abgestoßen hat.

Die Giveaways wurden mit den Jahren erkennbar spärlicher – einen SHREK-Kompass im Säckchen zum Presseheft sollte man heute nicht mehr erwarten:

shrek-giveaways

Ich selbst habe dazu ein ambivalentes Verhältnis. Klar sind aufwändige Pressehefte eine tolle Erinnerung und niemand stört sich daran, vom Verleiher "Geschenke" mitzunehmen. Aber letztlich müllt das doch nur die Regale zu und für meine Blogbeiträge brauche ich das Material sowieso digital.

Und so ist es kein Wunder, dass ich z.B. das Presseheft von STAR TREK INTO DARKNESS damals an meine Leser weitergegeben habe:

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Ich war damit nicht allein. Ich erinnere mich an den Anruf eines Kollegen, dass beim Umzug von Sky in das neue Hauptquartiert ausgemistet werden sollte. Ich besuchte den Kollegen vor Ort in Unterföhring und packte bestimmt drei Umzugskisten mit Flyern und Presseheften ein, die ich an das Archiv von Harald Dolezal weiterleitete.

Die Zeit des Papiers geht zu Ende.

Daraus erwächst eine Pressearbeit, die keine Archive erzeugt, keine Spuren hinterlässt. Filmkritik wird eine Momentaufnahme – verschärft durch zunehmend durchgesetzte Bestimmungen der Verleiher, dass das Pressematerial (Fotos, Trailer) nach der Auswertung des Films wieder offline genommen werden soll.

Ebenfalls eine Entwicklung der 00er ist die Security. Eigentlich paradox: In den 90ern, als die Pressevorführungen weit vor dem Kinostart stattfanden, hätten sich Raubkopien viel eher gelohnt. Aber damals waren die Videokameras zu groß, um sie unauffällig mitlaufen zu lassen. Und tauschen konnte man die Raubkopien über das Internet auch nicht. Es war eher die Sache korrupter Vorführer, der Video-Mafia die Rohware zu liefern.

Heute könnte ich mit meinem Smartphone jeden Film in HD mitschneiden – aber wozu? Oft genug hätte ich damit gerade mal 48 Stunden Vorlauf zum Kinorelease und kaum einen Mehrwert auf der Festplatte. Dennoch wurde es in den 00ern zunehmend Standard, dass die Handys vorab an Security übergeben werden müssen. Mit speziellen Sichtgeräten wird der Saal während des Screenings gescannt, um eine Umgehung der Sicherheitsmaßnahmen auszuschließen.

Es ist allerdings immer noch so, wie ich in meinem Beitrag über CLOUD ATLAS geschrieben habe: mir ist kein Fall bekannt, in dem ein akkreditierter Journalist erwischt wurde, wie er einen Film mitzuschneiden versuchte. Das ist eine Mär.

Die Sperrfristen sind eine weitere Gängelung der schreibenden Zunft und weitgehend eine Entwicklung der Internet-Ära. Es war den Verleihern in den 90er Jahren vollkommen egal, wann und wo man über ihre Filme schrieb. Only no news is bad news. Aber mit den koordinierten globalen Werbekampagnen in einem extrem komprimierten Zeitfenster änderte sich das. Kritiken müssen gleichzeitig und geballt in den Markt geschossen werden. Darum wurde es immer üblicher, nicht nur das Datum für die Freigabe der Kritiken festzulegen, sondern eine genaue Uhrzeit – nicht selten nach der Maxime "exakt eine Stunde nach der Gala-Premiere in London".

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Mitunter ist es schon vorgekommen, dass die Verleiher zum Screening gar keine Sperrfrist festlegen, sondern den Pressevertretern per Email "after the fact" eine Freigabe erteilen, was für keine Seite eine praktikable Vorgehensweise ist.

Ab ca. 2015 kamen dann die Streamer dazu, die gar keine Pressevorführungen mehr abhalten, bestenfalls im Rahmen von großen Premieren. Sie verschicken Links und schalten Streams frei, mit automatisierten Zeitfenstern.

Die Veränderungen der gesamten Branche gehen an den Pressevorführungen nicht spurlos vorbei. Immer weniger Verleiher, immer mehr Superhelden. Das Kino ist infantilisiert worden und immer gnadenloser kommerzialisiert.

Ich habe auch das Gefühl, dass viele meiner Kollegen verstärkt nur noch Gefälligkeitskritiken schreiben, die entweder den Verleiher bauchpinseln oder dem nachlassenden Geschmack des Publikums gerecht werden sollen. Eine eigene Stimme, eine eigene Meinung – unbequem und nicht zielführend, ganz nach dem Motto "ich verreisse doch den neuen SUPERMAN nicht, wenn wir mit dem auf dem Cover groß aufmachen!". Man will ja auch nicht vom Verteiler gestrichen werden.

Kann man machen. Ich aber nicht.

Das Gabriel – 20 Jahre lang unser "Stammsitz" – wurde wegen eines Erbstreits vor ein paar Jahren geschlossen und modert nun vor sich hin:

Die Pressevorführungen finden jetzt wieder primär im Cinema und im City statt. Um mich nicht mit der Parkplatzsuche rumzuärgern, komme ich mit der Verspa:

Old scooter man – they see me rollin', they be hatin’…

Wo stehen wir heute? Als jemand, der seit 35 Jahren dabei ist, möchte ich instinktiv sagen: Pressevorführungen sind unsexy geworden. Alles nur noch digital, alles nur noch schnell schnell, alles nur noch nach dem Gutdünken der Verleiher.

Aber das stimmt nicht wirklich. Denn der Kern, das Erlebnis Kino, hat sich nicht geändert. Wie 1990 sitze ich mit klopfendem Herzen Mitte-Mitte, wenn das Licht im Saal ausgeht. Ich trinke eine Cola (Sommer) oder einen Kaffee (Winter). Ich lasse mir eine Geschichte erzählen und freue mich darauf, hinterher meinen Lesern davon zu berichten – egal, ob als Verriss oder Lobeshymne.

It’s still magic and nobody can convince me otherwise.

In diesem Sinne:

P.S.: Ich esse gar kein Popcorn.



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4 Kommentare
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Jörg Krömer
1. Dezember, 2025 17:47

Gratis-Popcorn gibt es meist nur, wenn auch Kinder zur PV mitgebracht werden dürfen. Dann ist es allerdings auch vorwiegend für die Kinder gedacht. Ein erwachsener Pressemensch, der nach Filmbeginn noch laut Popcorn mampft, erhält meist böse Zurufe von den anderen Kollegen. Nach überlangen Filmen rennen viele schnell weg, um die nächste PV in einem anderen Kino zu schaffen. Oder sie rennen weg, weil sie sich am Ausgang nicht zum eben gesehenen Film äußern möchten. Hier hat ein Kritiker sehr schön die Zustände in Berlin zusammengefasst: News | Kolumnen | Getrocknete Pflaumen, oder die seltsame Welt der Filmkritiker und Nicht-Kritiker

Magineer
Magineer
1. Dezember, 2025 18:02

Der große Eimer "Pocon" ist irgendwie niedlich. 😉