Drei Minuten Horror-Show: Musikvideos von bekannten Genre-Regisseuren
Themen: Film, TV & Presse, Neues |Ich gestehe, dass es mir Spaß macht, Musikvideos nach Machern & Themen zu kuratieren, besonders die Clips, mit denen ich in den 80ern aufgewachsen bin. Wir hatten ja schon Erotik-Stars als Popsängerinnen, Musikvideos als "mini movies", und frühe CGI in Musikvideos.
Heute präsentiere ich Videos, die von bekannten Regisseuren gedreht wurden, manchmal aus Loyalität zu den Künstlern, manchmal für Geld, manchmal aus persönlichen Verstrickungen. Es gibt sicher Überschneidungen der Motivation und zu den vorherigen Beiträgen. Dabei lasse ich auch Beiträge aus, die hauptsächlich aus Filmszenen zusammen geschnitten sind, z.B. "Say you say me" von Lionel Ritchie, inszeniert von Taylor Hackford (DEVIL’S ADVOCATE):
Ebenfalls nicht dabei: Bob Giraldi, dessen Musikvideos zwar zu den Highlights der Gattung zählen (Beat it, Love is a Battlefield, Hello, Say say say, When the rain begins to fall), dessen drei Spielfilme aber eher Nebenbeschäftigung waren.
Interessant finde ich beim Rest vor allem, wie viele der Videos schon sehr deutlich die Handschrift ihrer Macher tragen und deren spätere Werke vorweg nehmen.
Der "gold standard" ist natürlich der Horror-Kurzfilm "Thriller" von John Landis, dem Regisseur von BLUES BROTHERS und AMERICAN WEREWOLF. Er illustriert gleichzeitig die Leistungsfähigkeit und die Exzesse des Genres, in dem die Präsentation oftmals wichtiger wurde als die präsentierte Musik:
Kein Musiker hat für seine Videos größere und teurere Regisseure angeheuert als Michael Jackson. Als DER Superstar der 80er tat er sich schwer, für den ersten Track seines neuen Albums BAD einen noch populäreren Filmemacher als Landis zu finden – aber er fand ihn in Martin Scorsese (TAXI DRIVER, RAGING BULL), der Jackson ein härteres, erwachseneres Image verpasste. Den Bösewicht gibt ein sehr junger Wesley Snipes (BLADE):
Ebenfalls in dieser Ära versuchte Jackson erneut, seine Musik als Sprungbrett in die Schauspielerei zu nutzen (zeitlebens hatte er davon geträumt, in Kinofilmen den Helden zu geben). CAPTAIN EO wurde von Francis Ford Coppola (DER PATE) inszeniert und jahrelang nur exklusiv in den Disney-Vergnügungsparks gezeigt:
Jackson wollte 1996 nochmal richtig einen draufsetzen und engagierte für GHOSTS den König der "practical effects" Stan Winston, dem wir auch den Film PUMPKINHEAD und die Rüstung von IRON MAN verdanken. GHOSTS überschreitet mit 39 Minuten Länge endgültig die Grenze von Musikvideo zu Kurz-Spielfilm und ist heute weitgehend vergessen:
Auch Bruce Springsteen war ein die 80er definierender Star, der es sich leisten konnte, äußerlich einfach wirkende Videos von Top-Leuten inszenieren zu lassen. So holte er sich für "Dancing in the dark" nicht nur die süße Courtney Cox (HE-MAN AND THE MASTERS OF THE UNIVERSE) auf die Bühne seines Fake-Konzerts, sondern auch Brian De Palma (CARRIE, SCARFACE) auf den Regiestuhl:
Das sehr schöne Video zu "I’m on fire" drehte John Sayles, einer der kultigsten Autoren Hollywoods (LONE STAR, DAS TIER, AYLA UND DER CLAN DES BÄREN):
Machen wir das Triple voll – dass Ted Demme das Video zu "Streets of Philadelphia" drehen würde, konnte niemanden überraschen, handelt es sich dabei doch um den Titeltrack zum Film PHILADELPHIA von Jonathan Demme, seinem Onkel:
Natürlich fehlt auch diesmal "Wild Boys" von Duran Duran nicht, schließlich saß auf dem Regiestuhl Russell Mulcahy (HIGHLANDER, RESIDENT EVIL: EXTINCTION):
Als wir diese Videos in den 80ern bei Formel Eins und auf MTV sahen, gab es noch praktisch keinerlei weiterführende Infos dazu. Es war unter Horrorfans aber durchaus durchgesickert, dass wir Billy Idols großartige Zombie-Mär "Dancing with myself " Tobe Hooper (TEXAS CHAINSAW MASSACRE) zu verdanken hatten:
Auch Phil Collins konnte immer sehr arrivierte Regisseure für seine Videos anheuern – exemplarisch sei hier nur "In the air tonight" herausgegriffen. Stuart Orme war in den 80ern einer der "go to"-Filmer von aufwändigen Musik-Clips und wechselte später zu TV-Serien der edleren Sorte. Uns Genre-Fans ist er am ehesten bekannt für die aufwändige Heinlein-Verfilmung THE PUPPET MASTERS, die ich an einem verregneten September-Tag 1994 in San Francisco gesehen habe:
James Yukich ist ebenfalls primär als Regisseur von Musikvideos bekannt, aber für diese Auflistung qualifiziert ihn nicht nur der "mini movie" zu Marilyn Martins "Night moves", sondern auch die großartig depperte Verfilmung des Videospiels DOUBLE DRAGON, die ich ebenfalls in San Francisco gesehen habe.
Maurice Phillips hat es ähnlich wie Yukich gemacht – angefangen mit Musikvideos, dann über kleinere Kinofilm zu den teuren TV-Serien wie MAX HEADROOM, BECK, und POIROT. Sein "Loverboy" ist eine Liebeserklärung an STAR WARS:
Steven Barron, der Regisseur u.a. von ELECTRIC DREAMS und TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES, kommt in praktisch jedem dieser Beiträge vor, weil er mit seinen Clips die Ästhetik der 80er prägte und ausreizte. Was für eine Filmographie: Africa, Billie Jean, Cry Wolf, For your eyes only, Maid of Orleans, Steppin' out, Summer of 69, Temptation, Take on me, The sun always shines on TV, It’s a miracle, etc.
"Rough boy" von ZZ TOP war ein Sequel zu den vorherigen Videos der Band und erzählte vom Ende (?) des legendären Wagens. Bei den Trickeffekten haben wir damals echt gestaunt – wie haben die das gemacht?!
Schöne Beine, btw.
Julien Temple war ein absoluter Dandy unter den Musikregisseuren, dessen Style die Clips oft unverwechselbar machte und dem man früh eine große Karriere als "echter" Filmemacher prophezeite. Mit ABSOLUTE BEGINNERS, ARIA und EARTH GIRLS ARE EASY (!) konnte er die Erwartungen allerdings nicht erfüllen. Wie viele andere Musikvideo-Regisseure (Tarsem Singh, Marcus Nispel) war der Style nicht mit Substanz gepolstert. Für Tom Pettys "Into the great white open" konnte er allerdings einen fetten "all star cast" ködern:
Der Song heißt "Hellraiser", es kommt Pinhead drin vor – wer anders als Clive Barker könnte für das Video von Motörhead verantwortlich gewesen sein?!
Auch Sam Raimi hat sich ein paar Mal als Musikvideo-Regisseur verdingt, auch wenn die Ergebnisse nicht wirklich bemerkenswert sind. Ich würde am ehesten noch Iggy Pops "Cold metal" eine gewisse Raimi-eske Dynamik bescheinigen:
In den 90ern wurden die billigen Videos immer mehr CGI-Klump, die teuren hingegen überblasene "mini movies", die in vier bis acht Minuten erzählten, wofür Hollywood anderthalb Stunden brauchte. Es ist offensichtlich, dass Leute wie David Fincher (7IEBEN) Clips wie "Janie’s got a gun" als Visitenkarten für größere Projekte sahen – durchaus erfolgreich:
Michael Bay, je nach Lesart der neue "golden boy" oder der Untergang des Blockbuster-Kinos, fand seine perfekte Entsprechung in den Rockopern von Jim Steinman und drehte alle Videos zum legendären "Bat out of hell 2"-Album. Exemplarisch sei "Objects in the rear view mirror" präsentiert – fetter wird’s nicht:
Bei George Romero (ZOMBIE) kann man unterstellen, dass er in der schwächsten Phase seiner Karriere (Jahre nach STARK, lange vor dem Comeback mit LAND OF THE DEAD) jeden bezahlten Gig annehmen musste. Wenigstens passt hier alles wie die Faust aufs Auge und der Clip ist erfreulich rotzig:
Von ganz groß zu ganz klein – mag kann durchaus fragen, warum es für das karge Video zu Nick Caves "We no who U R" ausgerechnet Gaspar Noé (ENTER THE VOID) brauchte, aber es lässt sich nicht bestreiten, dass es eine Sogwirkung besitzt:
Viele Regisseure auch der neueren Generation lassen sich mit spannenden Konzepten ködern, 3 Minuten lang die Sau rauszulassen – im Fall von Edgar Wright (SHAUN OF THE DEAD, RUNNING MAN) diente "Blue Song" von Mint Royale sogar als "proof of concept" für den späteren BABY DRIVER:
Bei Tim Burton war ich überrascht, dass er bis ins neue Jahrtausend brauchte, um Musikvideos zu drehen – nicht aber, dass er Winona Ryder mitbrachte:
Es gibt übrigens zwei Regisseure, die ich hier auslasse, weil sie zwar durchaus Reputation im Genre besitzen, aber eben doch primär Grenzgänger zwischen Werbung, Film, Musik und Videos sind: Michel Gondry (GREEN HORNET) und Quentin Dupieux (MANDIBLES). Beide haben in frühen Jahren auch zusammen gearbeitet.
John Landis, Martin Scorsese, George Romero, Tobe Hooper, Sam Raimi, Tim Burton, Brian De Palma, Russell Mulcahy – das ist wahrlich ein "who is who" unserer Legenden und Vorbilder. Man müsste eher die Frage stellen, wer KEIN Musikvideo gedreht hat.
Okay, also stellen wir die Frage – wer hat KEIN Musikvideo gedreht?
Da wäre zum Beispiel John Carpenter, der aber für sich in Anspruch nehmen kann, Clips für sich selbst produziert zu haben:
Darüber hinaus? David Cronenberg und Wes Craven glänzen durch Abwesenheit. Stuart Gordon auch. Ich konnte keine Musikvideos von Dario Argento finden oder von Stephen King. Fallen euch noch andere Namen oder Beispiele ein?
leider hat mein lieblingsmusikvideoregisseur Chris cunningham nur bei bekannten Spielfilmen mitgewirkt (sfx?) und nicht gedreht. windowlicker und come to daddy sind mit abstand meine lieblingsmusikvideos
Spike Jonze
Regisseur von her, being john malkovich hat einige Fatboy Slim videos gedreht u.a. das grossartige Video zu Weapon of choice mit dem Tanzenden Christopher Walken
Wim Wenders hat glaub ich einige U2 Musik Videos gedreht
gibt übrigens equivalent zu IMDB die IMVDb für Musikvideos 😉 https://imvdb.com/
Absurd genug – ich wollte oben natürlich Spike Jonze statt Michel Gondry nennen und habe das in der Eile verwechselt. Danke, dass du das erwähnt hast.
Ted Demme hat das Springsteen-Video gemeinsam mit seinem Onkel Jonathan Demme gedreht. Der war wiederum der Regisseur von „Schweigen der Lämmer“ und „Philadelphia“.
Schlamperei! Ist korrigiert, danke.
Das legendäre "Bakerman"-Video von Laid Back wurde von Lars von Trier gedreht.
Drollig.
Ich würde sogar unterstellen, dass der größte Teil der etablierten Regisseure irgendwann mal Musikvideos gemacht hat, manche auch schon nach Karrierestart, weil sie bestimmt einfach Bock drauf hatten. Kathryn Bigelows Clip für New Order, David Lynch natürlich (Nine Inch Nails & Co.), Gore Verbinski (Bad Religion), Antoine Fuqua (mit dem Coolio-Evergreen "Gangsta’s Paradise"), Sofia Coppola (u.a. für die Flaming Lips und die White Stripes) oder auch Gus van Sant (Bowie, die RHC Peppers).
Sogar Steven Spielberg hat einen, wenn auch eher unspektakulären, Clip für Marcus Mumford gedreht, der wohl eher das iPhone und dessen Fähigkeiten herausstellen sollte, aber immerhin … 🙂
Ich wusste, dass ihr da noch viel finden würdet, danke! Wobei man bei den genannten oft nicht wirklich von großen Horror-Regisseuren reden kann.
Ah okay, stimmt, das hatte ich ignoriert – ich denke mal, gerade Argento kam einfach aus der italo-europäischen Filmszene, wo das nicht so üblich war und Musicvideo als Medium zu seinen Anfangszeiten ja auch ohnehin nicht existierte.
Ansonsten würde mir da natürlich noch Butti einfallen, der nicht nur "Nekromantik" oder "Schramm" gemacht hat und logischerweise auch noch Rob Zombie, aber der hatte ja eh seine eigene Band. Ach, und Alex Proyas noch, wenn der mit reinzählt, der hat ja in den 80ern die Crowded-House-Dinger und Fleetwood Mac und Mike Oldfield und Sting und Alphaville und so weiter gemacht. Oh, und grad noch an Clive Barker gedacht (Motörhead). Danach wirds wirklich langsam eng. 😀
Nachtrag: Hah, hab noch Darren Lynn Bousman entdeckt. Von Saw II und Repo zu Mudvayne und Emilie Autumn.
Zack Snyder hat u.a. Musikvideos für Soul Asylum, Peter Murphy und Morrissey gemacht. Zugegeben alles keine wirklich bekannten Videos.
Ok, wow! Erheblich mehr bekannte Regisseure als ich gedacht hätte, haben sich mal an Musikvideos versucht.
Aber ernsthaft: Bei Courtney Cox denkst du als erstes an MASTERS OF THE UNIVERSE?!?
Es geht hier primär um Genre-Produktionen.
Dann wären die meisten wahrscheinlich immer noch bei SCREAM gelandet.
Aber kein Hate von mir – ich hab eine persönliche Faszination zu MASTERS OF THE UNIVERSE.
SCREAM hatte ich in der Tat völlig ausgeblendet. Misfits of Science wäre auch gegangen.
Vielleicht auch noch Andy Morahan, der hat die meisten Guns‘n Roses-Videos gedreht und durfte dann bei Highlander 3 ran (was aber in die Hose ging).
Jau, der passt faktisch auch rein.
William Friedkin.Regie bei Branigans self Control.
Und Lasse Hallström. Nicht nur "Gottes Werk und Teufels Beitrag", sondern auch Bullerbü und ABBA …
Guten Rutsch und so