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Dez. 2025

Digital heartbeat: Computergrafik in den Musikvideos der 80er

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

Kommen wir nun zu etwas völlig Anderem…

Ich weiß nicht genau, wie ich über dieses Thema gestolpert bin. Es mag das Reel eines Retro-Bloggers gewesen sein, der belegen kann, dass das Video "You might think" von den Cars in den 80ern einmal Premiere hatte, ohne dass die Computertricks vollständig fertig waren. Das löste was in mir aus.

Wie dem auch sei: Es geht heute um Musikvideos als "early adopter" von CGI in den 80er Jahren. Denn wahrlich, damals waren Videos nicht nur die bloße Bebilderung von Stars, Musik und Text, sondern auch ein künstlerischer Sandkasten, in dem man viel ausprobieren konnte. Da die Budgets teilweise sechsstellig waren, wurde mehr Geld rausgehauen als für manchen Spielfilm.

Meistens konzentrierten sich die Macher auf klassische Effekte, auf Kostüme und Sets – wie hier am Beispiel von "Wild Boys" von Duran Duran:

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Manche Videos wurden gerade dadurch populär, dass sie klassische Tricktechniken einsetzten, um eine starke visuelle Wirkung zu erzeugen:

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Und auch Performer, die Wert auf das künstlerische Gewicht legten, setzten ihre Mini-Epen meist noch mit Modellen, Stop Motion, und  Matte Paintings um:

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Nachdem der Computer den Schnitt und das Compositing der Videos zunehmend vereinfachte, war es abzusehen, dass die Avantgardisten die neuen Möglichkeiten nutzen würden, um den MTV-Junkies nie gesehene Bilder zu präsentieren.

Rudimentäre Computergrafiken mit Tönen und Musik zu unterlegen, war schon in den 70ern ein naheliegender Gedanke. John Mahin war ein Vorreiter mit seiner Idee, fertige Musik in Echtzeit mit Animationen zu kombinieren:

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Im Grunde genommen nahm er damit die Visualizations von Audioplayer-Software wie Winamp vorweg, die in den 90ern zum Standard werden sollte:

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Genuin als Musikvideo produzierte Computergrafik startete aber – zumindest nach meiner Zeitrechnung – 1983 mit diesem Clip von Will Powers:

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Ja, das ist Meat Loaf. Und ja, ich kann mich erinnern, Animationen wie das drehende Gesicht damals gesehen zu haben. Wir waren völlig entgeistert, wie "real" das aussah – was beweist, wie dehn- und wandelbar der Begriff "real" ist.

Ein absoluter Schritt nach vorne war das bereits erwähnte "You might think" von den Cars, das auch mehrere Preise gewinnen konnte. Die Fähigkeit, Realszenen digital ins Absurde oder Surreale zu zerren, hat uns massiv beeindruckt:

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Bei "Hard Woman" von Mick Jagger habe ich damals unterstellt, dass der alte Sack bloß zu faul war, um selber ein Video zu drehen. Es lässt sich aber nicht bestreiten, dass die Neonröhren-Ästhetik das Video zu einem Klassiker seiner Ära macht:

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Kontext: Es war die Zeit, da in STAR TREK II schon der Genesis-Planet mit Computerhilfe erschaffen worden war und TRON uns die Welt im Innern der Computer visualisiert hatte. In Filmen wie THE GOLDEN CHILD und WILLOW wurde erstmals das Morphing auf breiter Front eingesetzt und YOUNG SHERLOCK HOLMES zeigte uns eine Figur aus Buntglas-Scherben, die den Helden angriff.

In diesem Spannungsfeld muss man die beiden folgenden Videos verstehen –  bei "Cry" von Godley & Creme wurden die Überblendungen noch mühsam durch händisch generierte Wischeffekte erreicht. Beeindruckend ist es, aber die Limitationen sind sichtbar:

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In Michael Jacksons "Black or white", das massiv auf frühe CGI-Elemente und Locations setzte, wird der gleiche Effekt mit dem Computer generiert, was ihn erheblich glatter und dynamischer macht:

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Ein absoluter Durchbruch für die CGI im Musikvideo war natürlich "Money for nothing" von Dire Straits – der Clip, mit dem MTV in Europa startete (und ja, das ist Sting, der da im Hintergrund "I want my MTV" singt). Heute mag das unfassbar klobig wirken und die Framerate ist auch nicht gerade der Knaller, aber 1985 hat uns das lange vor TOY STORY klar gemacht, dass hier eine komplett neue Spielwiese für Animateure gemäht wird:

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Es mag kaum eine Band geben, die für die Verwendung von Computergrafik prädestinierter war als Kraftwerk. Die vermarkten ihre Synthie-Musik als Roboter, da wächst zusammen, was zusammen gehört. Clips wie "Musique non stop" waren bewusst grob gehalten, um dem Stil der Band zu entsprechen:

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Die Hardrocker von Def Leppard waren 1992 etwas spät dran, aber ich nehme "Let’s get rocked" dennoch in die Liste auf, weil ich die Animation des Jungen namens "Flynn" damals schon gruselig und gar nicht "state of the art" fand:

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Gedreht hat das Video übrigens Steve Barron, dem wir nicht nur Videos wie "Take on me" von a-ha und "Money for nothing" von Dire Straits (ha!) verdanken, sondern auch den sehr frühen Computerliebe-Streifen ELECTRIC DREAMS und die erste Realfilm-Adaption der TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES.

Abgesehen von diesen Beispielen wurde die CGI danach aber oft nur generisch und willkürlich eingesetzt. Eine Art Budenzauber für die Augen. Es gab aber durchaus auch in den 90ern noch spannende Experimente, wie diese "Computer Animation Odyssey", die wie ein Probelauf für Pixar wirkt:

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Fußnote hierzu: Für Teil 2 komponierte Jan Hammer (Miami Vice) die Musik, für Teil 3 Thomas Dolby ("She blinded me with science").

Es wuchs zusammen, was zusammen gehörte. Ende der 80er kamen neue, weitgehend am Computer generierte Formen der Dance Music auf den Markt und das Video von MARRS zu "Pump up the volume" verwendete CGI-Aufnahmen vom Flug durch das Weltall, der nach meinen Informationen aus NASA-Schulungsfilmen stammte:

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Darüber hinaus empfand ich die Flut an Eurodance-Songs mit willkürlichen CGI-Szenarien in den 90er Jahren als unerträglich – praktisch jeder Act wurde von durchs All fliegenden Delphinen oder generisch generierten Planeten begleitet. Das wirklich hummeldumme Video zu "Blue" von Eiffel 65 ist da nur ein Beispiel:

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Billig rausgehauene Computergrafik ohne Sinn und Verstand wurde eine der MTV/Viva-Geißeln der 90er Jahre – ich hatte schon drüber geschrieben.

Das einzige Beispiel, das ich ob seiner pubertären Spielfreude noch gelten lassen kann, kommt natürlich von den Ärzten – take it away, boys:

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Und damit sind wir auch schon wieder durch mit unserer kleinen Retrospektive. Es lässt sich festhalten, dass die 80er spannende Experimente hervorgebracht haben und Musikvideos zu den Türöffnern in Sachen CGI gehörten. Ich hätte nur mit mehr als einem halben Dutzend respektabler Beispiele gerechnet.

Dennoch: Wir haben gestaunt und uns gefragt: wo soll das alles noch hinführen?

Heute sieht das alles natürlich total albern und rudimentär aus. Genau deshalb tun mir die "Spätgeborenen" auch ein wenig leid – sie werden nie wissen, was es bedeutete, 1985 erstmals "Money for nothing" zu sehen.

Was habe ich vergessen? Was habe ich falsch oder unfair wiedergegeben?

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Spandauer
Spandauer
10. Dezember, 2025 09:59

Ein sehr schöner Rückblick.
Man war schon erstaunt, was Computer alles konnten, gerade bei "Money for nothing" war ich damals echt begeistert.
Das Video von Eiffel 65 zu "Blue" fand ich im Gegensatz eher lustig, also nicht "hummeldumm".
Aber zum Glück ist der Geschmack nicht genormt.

Alexander Freickmann
Alexander Freickmann
10. Dezember, 2025 11:12

Da die Budgets teilweise sechsstellig waren

Meinst du nicht eher hier siebenstellig? The Wild Boys kostete damals laut Wikipedia 1 Million Pfund, andere Quellen sagen 1 Million USD (inflationsbereinigt 3-3,5 Millionen USD). Sledgehammer hatte ich keine Summen gefunden, außer das es sehr teuer war und Jackson hatte ja auch gerne Millionen ausgegeben.
Das Wild Boys Video erinnerte mich an Ridley Scott, aber war dann von Russell Mulcahy, der danach Highlander drehte. Und was ich dabei auch rausfand war, dass die Anderson Resident Evil Filme 2+3 gar nicht von ihm waren – was auch erklärt, wieso ich die persönlich am höchsten Ranke in diesem Race to the bottom. Der 3. Resident Evil von Mulcahy hat imo auch viele Parallelen zu Highlander 2.

Das Money for Nothing Video wurde vom späteren Mainframe Studios gemacht, die mit Reboot die erste CGI TV Serie im Programm hatten. Das erklärt auch viel der Ästhetik in deren Serien, denn die waren von den Animationen damals schon ähnlich.

Sledgehammer wurde teils von Aardman gemacht.

Greek
Greek
18. Dezember, 2025 06:50
Reply to  Torsten Dewi

Dachte Black & White vom MJ hätte 11 Mio Dollar gekostet

S-Man
10. Dezember, 2025 23:37

Oh was war ich damals eifersüchtig auf belafarinrod. Es gab sogar ein Bravo-Poster mit den vieren (? war Rod damals da mit drauf? In meiner Erinnerung waren es nur Farin, Bela und Lara auf dem Bild).

dopey
dopey
11. Dezember, 2025 11:42
Reply to  S-Man

Du meinst wahrscheinlich die Bravo Screenfun: https://archive.org/details/screenfun/1998_05/

S-Man
11. Dezember, 2025 19:43
Reply to  dopey

Ja, kann sein 🙂 Ich konnte mich noch vage an das Bravo-Logo erinnern.

Sergej
Sergej
12. Dezember, 2025 10:28

Für die, die Sting und Dire Straits zusammen sehen und hören wollen:
https://m.youtube.com/watch?v=JcqhvPNiJzo&pp=0gcJCR4Bo7VqN5tD