Der Wortvogel spricht zum Volke: Freiburger Thesen
Themen: Film, TV & Presse, Neues |Der Besuch beim Black Forest Film Festival in Freiburg war ein kurzes Vergnügen – also genau die Sorte Vergnügen, die ich bevorzuge. Zeit für einen Bericht.
Man hatte mich gebeten, vor dem ersten Panel einen Impulsvortrag zu halten – ich musste erstmal perplexity.ai anwerfen, um mir den Begriff "Impulsvortrag" erklären zu lassen. Einleitend, einführend, knapp, präzise. Aha. Kann ich.
Außerdem schickte man noch ein paar vorbereitende Fragen für das KI-Panel.
Alles keine Zauberei. Ich schrieb meine Gedanken im Zug nach Freiburg zusammen, der übrigens – bei aller habituellen Kritik an der DB – pünktlich und erfreulich leer war:
Nicht weniger erfreulich: Bahnhof, Veranstaltungsort und Hotel lagen fußläufig in der Innenstadt. Auch das versprach, keine größeren Anstrengungen zu erfordern.
Ich checkte gleich mal im Colombi ein, um vor dem Start des ersten Panels durchzuatmen und mich ein wenig zu sammeln. Das Zimmer – erfreulich:
Gegen 15.00 Uhr hätte ich mich in Schale geworfen, hatte aber keine Schale eingepackt – Hemd, Weste und dunkles Sakko mussten reichen:
Auf dem Spaziergang zum Friedrichsbau passierte ich den Weihnachtsmarkt der Stadt, der an diesem Wochentag schon gut gefüllt war:
Im Kino im Friedrichsbau traf ich die Veranstalter und Moderatoren erstmals persönlich, es wurden Freundlichkeiten ausgetauscht, man staunte über die vielen spannenden Projekt der anderen, von denen man noch nie gehört hatte. Insgesamt eine sehr lockere und freundliche Runde.
Das erste Panel zum Thema "Phantastik in Zeiten der Krise" war nur sehr schwach besucht. So etwas kommt vor und darf kein Problem sein – das Festival befindet sich im ersten Jahr und es war ein Nachmittag unter der Woche. Tatsächlich machte es niemandem etwas aus, die überschaubare Besucherzahl zu bespielen.
Ich trug vorab meinen Impulsvortrag weitgehend unbeschadet vor. Dieser Text entspricht allerdings der Planung – ich habe noch tüchtig improvisiert:
Phantastik in Zeiten der Krise – Warum sie gerade jetzt wieder relevant ist
Ich fühle mich vom Begriff der Phantastik herausgefordert, denn er ist sehr breit gefasst und wird gerne kontrovers diskutiert. Fallen z.B. Märchen und Science-Fiction beide unter Phantastik, so entstammen sie doch unterschiedlichen Ansprüchen und unterliegen unterschiedlichen Erwartungen.
Phantastik in Zeiten der Krise ist relevant, weil sie Menschen ermöglicht, schwierige Realitäten zu reflektieren und alternative Welten zu erkunden, die Hoffnung und neue Perspektiven bieten, wenn das reale Leben unsicher ist. Ob die dafür von der Phantastik geschaffene Welt utopisch oder dystopisch ist, ist dabei zweitrangig.
Phantastik als Werkzeug – Erkenntnis vs. Eskapismus. Was sie bietet, was Fakten nicht liefern
Ich halte deshalb den oft gebrauchten Begriff des Eskapismus für zu kurz greifend, denn er impliziert eine Flucht vor etwas in etwas hinein. Ich betrachte das breite Spektrum der Phantastik eher als einen abstrahierten Entwurf, der es den Menschen im Idealfall erlaubt, auch rückgekoppelt Werkzeuge für das eigene Leben zu entwickeln, sich zu justieren, sich einzuordnen.
Phantastik erweitert die literarisch-erzählerische Sphäre wie die Religion die spirituelle und die Philosophie die intellektuelle Sphäre. Wenn unsere Welt dieser Planet ist, dann können diese Sphären wie die Atmosphäre um uns herum sein, weniger konkret als der Boden, aber leuchtend und nach oben offen.
Die Phantastik denkt in Möglichkeiten, sie lehrt, sie erklärt, sie warnt, sie macht Hoffnung. Es ist dabei irrelevant, ob die Phantastik – als Märchen, als Science Fiction oder als Denkmodell – die Realität exakt spiegelt. Das ist nicht ihre Aufgabe. Sie wirkt allerdings stärker an den Verbindungsstellen zu unserer Realität, allgemein wie individuell.
Die klassische Grundlage fast jeder Phantastik ist das "what if" – was wäre wenn? Was wäre, wenn dieses oder jenes passiert, wenn dieses oder jenes Realität oder wenigstens anders wäre? Und die wirklich gute Phantastik bringt ihren Leser, ihren Zuschauer dazu, sich hinterher zu fragen: ja, was wäre dann eigentlich? Was würde das für mich bedeuten, für uns alle? Das gilt für Märchen wie "Das steinerne Herz" genau so wie für aktuelle Blockbuster wie "The Running Man".
Phantastik als Werkzeug vereint Erkenntnis und Eskapismus: Sie liefert Einsichten in menschliche Erfahrungen und gesellschaftliche Probleme, die Fakten oft abstrahieren, während sie gleichzeitig Raum zum Abschalten und Träumen schafft. Das definiert auch meine persönliche Affinität zur Phantastik als metaphysische Reise: man verlässt das Zuhause, betritt ein fremdes Land, um dabei auch etwas über sich selbst zu erfahren.
Fantasie vs. KI – Können Maschinen Mythen erschaffen? Was bleibt menschlich in der Phantastik?
Maschinen können durch Algorithmen Geschichten generieren, aber Mythen erschaffen erfordert emotionale Tiefe, kulturellen Kontext und kreative Freiheit, was vorerst eine menschliche Domäne bleibt; die Essenz der Fantasie bleibt damit menschlich. Die KI ist mächtig, die große Bandbreite der menschlichen Geschichte und Erfahrung zu sammeln, zu analysieren, und zu remixen, aber sie selbst hat keine Sehnsucht, keine Träume und keine Traumata.
Zumindest noch nicht.
Danach plauderte ich mit den anderen Beteiligten über Fragen wie die, ob man Märchen für jede Generation neu erzählen (und damit "säubern") darf, was der Unterschied zwischen Erzählen und Vorlesen ist, worin sich Kino und Theater unterscheiden, etc. pp. Die Welt wurde nicht gerettet, aber ich glaube, wir haben da ganz spannende Standpunkte ausgetauscht.
Weil wir leicht überzogen hatten, gingen wir nahtlos ins zweite Panel über, bei dem der Saal schon deutlich besser besucht war. Das Thema:
KI & Kreativität – Zwischen Algorithmus und Autorschaft
Hier ging es viel um grundsätzliche Fragen. Was muss erlaubt sein, was darf reguliert werden? Ist die KI überhaupt I, ist sie sexistisch oder zu stark von westlichen Erfahrungen geprägt? Wem hilft die KI und wem schadet sie? Hier hatte besonders der schwedische Jurist Emil Winkler erhellende Einsichten.
Zu den Fragen, auf die ich mich vorab vorbereitet hatte, kamen wir kaum – das Gespräch fand einen eigenen Rhythmus, eine eigene Richtung. Darum präsentiere ich die Fragen – und meine Antworten – exklusiv hier:
Wie greifen zeitgenössische Universen wie das DC- oder Marvel-Universe auf mythologische Motive zurück, um ihre Figuren und Welten narrativ zu vertiefen?
DC und Marvel vereinen vielfältige Elemente as Mythen, Sagen und Religionen – es gibt nicht ohne Grund neben Superman und Batman auch Figuren wie den Donnergott Thor. Comicwelten betrachten alle diese Figuren als klassische Über-Menschen, als überhöhte und entrückte Wesen. Der Rückgriff auch auf deren Welten und Geschichten erlaubt den Lesern zudem ein höheres Level an Identifikation als bei rein fiktiven und neu erdachten Konstellationen. In so weit greift man auf ein kollektives Gedächtnis mit seinen Chiffren und Normen zurück, auch wenn diese teilweise extrem vereinfacht und dem Zeitgeist angepasst werden – so werden die nordischen Götter bei Marvel aus Rücksichtnahme auf christlich orientierte Zuschauer zu "aliens" umdefiniert.
Welche Parallelen gibt es zwischen der offenen Variantenbildung der mündlichen Erzähltradition und den von KI-Systemen erzeugten Erzählvarianten?
Die KI kann in der Tat existierende Mythen perfekt sammeln, analysieren, remixen, durchaus auch in neue und faszinierende Kontexte setzen. Aber ihr fehlt die "human experience", die man auch einfach als die Sehnsucht bezeichnen kann, die Menschen zur Erschaffung von Mythen und Märchen treibt. Selbst wenn wir annehmen, dass die KI in der Lage ist, dergestalt zu empfinden – sie würde entweder eigene, uns fremde Mythen entwickeln, oder unsere Vorstellungen nur bestmöglich nachahmen. Das ist aber nur so lange der Fall, bis die Maschine eine tatsächlich Intelligenz entwickelt und beweist. Dann werden die Karten neu gemischt.
Inwiefern ist der „leichtfertige“ Umgang von KI mit Urheberschaft vergleichbar mit der historischen Offenheit mündlicher Erzählformen?
Ein spannender Ansatz. In der Tat lebt jede Kreativität auch von der Kopie, von der Erfahrung, von der Vorarbeit früherer Kreativer. Jeder Autor hat Schreiben gelernt, in dem er andere Autoren gelesen hat. Die Frage ist demnach, inwieweit auch die menschliche Kreativität nichts genuin Individuelles ist, sondern ein Amalgam von Einflüssen und Prägungen. Damit kämen wir der Methodik der KI nämlich deutlich näher, als uns aktuell vielleicht lieb sein kann.
Welche Herausforderungen entstehen dadurch, dass KI-Algorithmen Geschichten nach undurchsichtigen Auswahlkriterien generieren?
Es lässt sich schwer durchschauen, wo die kreative Eigenleistung aufhört und das Plagiat beginnt. Die KI kann nicht beantworten, ob sie schreibt oder abschreibt – und was genau der Unterschied ist. "Klaut" die KI, wenn sie im Stil von z.B. Stephen King schreibt – und tun menschliche Autoren das nicht auch? Lässt sich der menschliche Prozess des Schreibens nicht ebenso wenig exakt durchschauen – und gebiert er nicht oft ebenso fragwürdige Kopien bekannter Werke? Ich tue mich schwer mit der Frage, wie das moralisch zu bewerten und dann rechtlich einzugrenzen sein soll.
Welche neuen Strömungen gibt es noch? (aus dem Nähkästchen)
Die KI frisst allumfassend erstmal die Randbereiche der Kreativität, beim Roman z.B. das Lektorat, die Gestaltung des Umschlags, das Cover-Motiv. Ähnlich läuft es beim Film, bei der Presse. Der kreative Kern wird flankiert von Dutzenden digitaler Helferlein, die klaglos und kompetent liefern – allein Arbeitswille und Geschwindigkeit der KI werden dabei als Faktoren jenseits der Geldersparnis unterschätzt. Es demokratisiert auch den Markt, denn jeder kann seinen Roman dank der KI professionell aussehen lassen. Ob das sinnvoll ist, steht auf einem anderen Blatt – die Verlage, die Gestaltung, der Vertrieb waren ja immer auch natürliche Filter, die die Spreu vom Weizen trennten.
Ein weiterer spannender Punkt ist sicher die Individualisierung durch KI auf Seiten der Konsumenten – Menschen kaufen keine Geschichten, sondern lassen sich Geschichten generieren, die sie lesen wollen, Bilder, die sie sehen wollen. Es wird den Markt aufblähen, banalisieren – und womöglich katastrophale Folgen haben, denn der Mensch entwickelt sich in der Konfrontation mit Dingen, die er eben nicht vorher abschätzen kann, an denen er sich reibt, von denen er lernt. Isolierte Blasen mit selbst generierten Inhalten lassen den Intellekt eher verkümmern.
Damit waren die beiden Veranstaltungen auch schon rum, ich hätte bequem wieder heimwärts fahren können. Aber für den Abend war ein Essen des gesamten Team im Tizio angekündigt und wenn ich ein edles Hotelzimmer habe, nutze ich das auch.
So schlenderte ich ein wenig über den Weihnachtsmarkt, besuchte einen langjährigen Leser in der Buchhandlung Rombach, und erfreute mich generell an der pittoresken mittelgroßen Stadt, die auf überschaubarer Fläche alles bietet, was man braucht.
Sakko und Weste sollte ich für den Abend nicht brauchen, mit Hemd und Lederjacke ging ich etwas legerer wieder unter die Menschen. Dabei gefiel mir besonders die Atmosphäre – sanftes Piano aus der Hotelbar, ein riesiger Weihnachtsbaum im Foyer, "Last Christmas" bei Glühwein vor der Tür.
Den Abend mit dem Team des Festivals zu verbringen, sollte sich als richtige Entscheidung herausstellen. Ich kenne kaum die Namen der Leute, aber sie waren sehr spannend, hatten interessante (und teils kontroverse) Ansichten, und am Ende sprühten erstaunlich viele kreative Funken bei Pasta und Wein.
Wir verließen das Lokal erst, als am anderen Ende bereits die Tische hochgestellt wurden – gut satt und gut unterhalten.
Eine geruhsame Nacht und eine unerwartete Störung, die euch nichts angeht, hievten mich in den nächsten Tag. Das Frühstück im Hotel war klassisch, aber wertig, und gegen 10.30 Uhr spazierte ich entspannt zum Bahnhof. Mein Zug kam erneut pünktlich, wenn auch diesmal besser gefüllt. Die Rückfahrt verkürzte ich mir mit der ersten Staffel von MITCHELL AND WEBB ARE NOT HELPING:
Gegen 15 Uhr lief ich wieder in München ein, entspannt und gut gelaunt. Das dürfte niemanden verwundern: ich bin immer entspannt und gut gelaunt.
Mein Fazit: ein Heidenspaß, sehr unterhaltsam, mit vielen erinnerlichen Eindrücken und ebensolchen Menschen. Hätte ich vorher gewusst, was ich jetzt weiß, wäre ich früher gekommen und später gefahren, hätte mir die anderen Vorträge angehört und ein paar der präsentierten Filme genossen (TOMMY!).
Vielleicht nächstes Mal?
Ich habe mich jahrelang gefragt, was Kollegen daran finden, sich auf solchen Veranstaltungen herumreichen zu lassen. Jetzt habe ich zumindest eine Ahnung…
In Berlin eine Plastikkammer, in Freiburg das Colombi. Wenn das Hotel perfekt zur Stadt passt. 😉
In Berlin musste ich selber zahlen 😉
Ach verflixt, du warst um die Ecke?! Verdammt. Nach über 15 Leserschaft hätte ich dich gerne mal live erlebt!
Ich musste kurz schmunzeln. Du bist eine Plaudertasche und liebst es zu reden. Und das wiederum liebe ich an dir und an jedem Treffen mit dir, denn du hast immer unendlich viel zu erzählen. Aber in "kurz" kann ich mir dich ernsthaft nicht vorstellen!
Kein Balkon, also keine Rede zum Volk! !
Kein Kirchentür, keine Thesen!
So will es das Gesetz!
Das Gesetz bin ich.
Hast du dann wenigstens die Herschenden angegriffen und aufgezeigt dass alles was sie versprechen, falsch ist?
Ich habe der Gesellschaft die hässliche Maske runtergerissen. Change is gonna come!
Never compromise. Not even in the face of Armageddon.
Wollte auch mal was beitragen.