19
Nov. 2025

"I was there 3000 years ago…" – Erinnerungen an 35 Jahre Pressevorführungen (1)

Themen: Neues |

Es ist mir eher zufällig bewusst geworden, dass ich in diesem Jahr seit 35 Jahren mehr oder weniger regelmäßig zu Pressescreenings von neuen Filmen gehe. Das Prozedere hat sich über die Jahre verändert und heute ist ein so guter Tag wie jeder andere, um davon zu erzählen. This is my history. Your mileage may vary.

Tatsächlich habe ich das Thema vor 17 Jahren (!) schon mal durchgekaut, aber damals eher nüchtern und aus Frust. Das hier ist eher eine stille Danksagung.

Angefangen hat alles – natürlich – mit meinem Einstieg als Redakteur beim GONG 1990. Damals war eine Pressevorführung noch eine rein analoge Sache. Eine Einladung flatterte per Post in die Redaktion, zumeist in Form eines Trifold, also eines aufklappbar gefalteten DinA4-Booklets. Alles sehr aufwändig gedruckt, mit Terminen, Fotos, einer Inhaltsangabe.

Es mag heute seltsam klingen, aber Pressevorführungen waren bei den Kollegen nicht sehr beliebt. Sie bedeuteten oft genug, dass man während der Arbeit oder – schlimmer noch! – nach der Arbeit zwei bis drei Stunden "beruflich" verschwenden musste. Die reine Neugier trieb in der schon sehr überalterten Redaktion des GONG niemanden mehr ins Kino, nicht mal den "Kino-Experten" Jochen Kahn, mit dem mich während meiner ganzen Zeit dort eine intensive Hassliebe verband.

Their loss, my gain – die Chefredaktion war sogar froh, dass der plapperige Jungredakteur sich die Einladungen schnappte, weil der Verlag damit wenigstens ab und an mal Präsenz zeigte und nicht den Anschein erweckte, nur Sesselwärmer zu bezahlen, die nach Stechuhr arbeiteten.

Meinen ersten Termin nahm ich mit einem Kollegen wahr. Weder das Thema scherte mich, noch die Musik dazu – aber hey, meine erste Pressevorführung! Es muss im alten Arri-Kino gewesen sein, wo ich die hagiografische Dokumentation über den Super-Producer und Komponisten Quincy Jones anschauen durfte:

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Kein Knaller-Einstieg, schon klar. Aber ich lernte dabei die Grundregeln solcher Events: eine halbe Stunde früher kommen, ordentlich Essen und Trinken abgreifen, Kollegen anderer Redaktionen kennenlernen, sich wichtig fühlen.

RICHTIG los ging es mit den Screenings für mich erst mit THE COMMITMENTS. Nicht nur war der Film ein absoluter Kracher – der Verleiher hatte sich für die Vorführung auch ein paar Überraschungen einfallen lassen. So bekamen wir neben dem sensationellen Soundtrack auch ein kleines Booklet, mit dem wir die krassesten Formulierungen des Dubliner Slangs übersetzen konnten.

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Auch das eine Lehre: Die meisten Pressevorführungen präsentieren bis heute die Originalfassung, oft mit Untertiteln. Das ist durchaus von den Pressevertretern gewollt. Ausnahme: viele Disney-Filme, bei denen Kinder mit eingeladen werden. Da ist mitunter auch der Synchro-Cast von Relevanz (Comedians, Influencer).

Nicht nur die Einladungen war bis vor ein paar Jahren analog, das Pressematerial war es auch. Da wurden keine Textdateien ausgedruckt und zusammen getackert, da bekam man teilweise prächtige Booklets mit eingehefteten Animationsskizzen in die Hand gedrückt, üblicherweise mit einem Satz Dias auf der letzten Seite. Diese Pressehefte wurden sorgsam ins Deutsche übersetzt und enthielten neben ausführlichen Cast & Crew-Listen auch Inhaltsangaben, Interviews, Biografien, behind the scenes-Berichte, historischen Kontext, etc.

Machen wir uns nichts vor: Diese teilweise 200 Seiten umfassenden Pressehefte waren eine Handreichung für Kollegen, die zu eigener Recherche entweder keine Lust oder keine Zeit hatten. Presseheft abschreiben war Standard. Auch ich habe mich exakt einmal dieses "Vergehens" schuldig gemacht – zu MORTAL THOUGHTS hatte der Verleih einen derart großartigen Text gezimmert, dass ich ihn unverändert an ein Düsseldorfer Stadtmagazin durchreichte. Allerdings setzte ich davon sowohl den Verleih als auch den Verleger in Kenntnis:

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Die Verleiher hatten alle Zeit der Welt, das aufwändige Material vorzubereiten – oft genug lagen zwischen Pressescreening und Kinostart mehrere Monate.

Ich kenne Kollegen, die über Jahre jedes Presseheft und jeden Dia-Satz penibel gesammelt haben. Was diese Archive noch wert sind, ist sicher diskutabel.

Die meisten Pressevorführungen fanden/finden übrigens tagsüber statt, oft genug von den Verleihern so terminiert, dass man zwei oder drei pro Tag schaffen kann, wenn gerade Saison ist. Und ja, ich hatte Tage, da habe ich mich gar nicht mehr in der Redaktion sehen lassen, sondern nur im Kino rumgelungert.

Es waren nicht ausschließlich Kinofilme, die im Kino gezeigt wurden – manchmal war den Verleihern auch ein TV-Film ein Screening wert, wenn er groß auf Video ausgewertet werden sollte. Im Cinema habe ich seinerzeit eine der wenigen Vorführungen des intensiven Thrillers BY DAWN’S EARLY LIGHT sehen dürfen:

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Toller Film, toller Cast, tolles Erlebnis!

Neue TV-Serien wurden üblicherweise im kleineren Rahmen gescreened. Ich erinnere mich an Zusammenschnitte von PRINZESSIN FANTAGHIRÒ in einem Münchner Lokal nahe dem Isartor. Für eine Präsentation der aufwändigen Miniserie A WOMAN NAMED JACKIE flog mich die ARD allen Ernstes nach Mainz:

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Manche Pressevorführungen fanden auch im Rahmen von Premieren statt – im Fall von HIGHLANDER II sogar als Weltpremiere im längst abgerissenen Mathäser-Palast in Anwesenheit von Christopher Lambert und Virginia Madsen:

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Über diesen denkwürdigen Tag habe ich vor vielen Jahren ausführlich geschrieben.

Üblicherweise sind Pressetermine in München nur mager besucht, ganz besonders während der Bürozeiten. Heute wie damals zwischen 10 und maximal 30 Leuten. Ganz selten schafft es ein Blockbuster, den Saal zur Hälfte zu füllen – ich erinnere mich an einen unüblichen Andrang, als der Terminator wieder zu Besuch kam:

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Ebenfalls erinnerlich: eines der fettesten Pressehefte, die ich je gesehen habe. DinA4 und bestimmt mindestens 250 Seiten dick. Mehr Buch als Booklet.

Wo wir gerade von den Kollegen sprachen – es sind oft immer die gleichen Gesichter, die in den immer gleichen Reihen hocken. Manche Redakteure kenne ich seit 30 Jahren, ohne dass sie mir je vorgestellt wurden. Man plaudert manchmal ein paar Worte, nickt sich freundlich zu. Aber wir sind keine Clique.

Einer der besonderen Vorzüge in den 90er Jahren war, dass man mangels Internet oft genug vergleichsweise "blind" in die Vorstellungen ging. Das sorgte für Überraschungen, für Entdeckungen, für Gänsehaut. Man stelle sich nur mal vor, dass ich damals binnen einer Woche im Neuen Arena sowohl MAN BITES DOG…

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… als auch Tarantinos RESERVOIR DOGS sehen durfte (noch unter dem ersten deutschen Titel WILDE HUNDE):

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Das hat mir förmlich die Schädeldecke weggeblasen. Beides Meisterwerke, und bei Tarantino wusste man instinktiv: von dem werden wir noch hören.

Vielleicht gehört das zu den Dingen, die am meisten schmerzen: diese Unschuld ist verloren gegangen. "Dank" Internet weiß man schon Monate im Voraus, was einen erwartet, die Dunkelheit im Saal ist nicht mehr die Ruhe vor dem Sturm. Man sucht sich heute viel stärker aus, was man sehen will, statt sich ins cineastische kalte Wasser werfen zu lassen. Ich versuche, diese Neugier mit meinen FFF-Besuchen am Leben zu erhalten, bei denen ich Vorab-Infos weitgehend meide.

Gutes Beispiel: Im Royal-Kino am Goethe-Platz habe ich seinerzeit JURASSIC PARK gesehen – auch hier war der Saal angesichts der aufgeregten Vorab-Presse voll:

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Es tut mir fast leid, dass die Generation Z nicht mehr die Gelegenheit hat, so etwas wie JURASSIC PARK zum ersten Mal zu erleben. Klar kannten wir CGI und TERMINATOR 2 hatte uns ein Gefühl dafür gegeben, dass die Karten in den 90ern neu gemischt werden würden – aber erstmals die Dino-Stampede auf der großen Leinwand zu sehen, ließ uns die Münder aufklappen wie Laura Dern.

It was new world.

Ich erwähnte schon, dass manche Pressevorführungen mit Premieren verbunden wurden – und gerade Disney mühte sich oft genug, noch einen draufzusetzen. So mietete man eine riesige Wiese im Olympiapark, um unter freiem Himmel in einer lauen Sommernacht POCAHONTAS zu zeigen:

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Hierzu fällt mir noch eine Anekdote ein. Oft genug kamen geladene Promis zu den Premieren, um sich vor dem Kino von einer Rotte Fotografen knipsen zu lassen – Bilder in der Presse sind Werbung und mit ein bisschen Klatsch konnte man die Collage der Anwesenden auch auf eine ganze Seite in der tz oder Abendzeitung aufblasen. Jede Seite profitierte davon.

Was wenige Leser wussten: Vielen Promis war der tatsächliche Anlass so egal, dass man sie zehn Minuten nach Beginn der Vorführung aus dem Seitenausgang schleichen sehen konnte. Die gingen dann lieber essen oder mit Freunden in eine Bar. Die vor einer halben Stunde geheuchelte Begeisterung für den Film? Fake.

Ich kann nicht mehr aufzählen, was ich alles in den 90er Jahren im Kino gesehen habe, auch weil ich meinen Filofax (fragt eure Eltern) von damals dummerweise entsorgt habe, ohne ihn zu scannen. Es müssen hunderte Filme gewesen sein. Teilweise fünf, sechs, sieben Vorstellungen die Woche.

Man kann es passend finden, dass das neue Jahrtausend mit einem bahnbrechenden Blockbuster eingeläutet wurde, der das digitale Kino feierte und noch einmal für unfassbare Adrenalinstöße im Saal sorgte:

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In MATRIX ins Gabriel-Kino hatte ich Florian Breitsameter mitgenommen, den Betreiber von u.a. SF-FAN.DE. Wir sitzen auch 25 Jahre später noch gerne nebeneinander im Saal, wenn das Licht ausgeht. Damals war er Student, heute ist er Kurator beim Deutschen Museum, verheiratet, und hat eine Tochter.

Es ist schon faszinierend – die Pressevorführungen von 1990 liefen im Grunde exakt so ab wie die Pressevorführungen von 1999. Die großen Veränderungen, die vom Internet und globalisierten Marketing-Strategien ausgelöst wurden, kamen erst im neuen Jahrtausend voll zum Tragen.

Davon erzähle ich euch dann im zweiten Teil.



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Flossensauger
Flossensauger
20. November, 2025 00:03

Zeitlich (leider) passend: Kannst du dem Flo vielleicht was rausplaudern, was mit SF-Fan (und dem dazugehörigem Forum besonders!) passiert kann.

Die "technische"

Flossensauger
Flossensauger
20. November, 2025 00:06
Reply to  Flossensauger

…Seite scheint zu dauern.

Wünsche ihm und besonders dem Forum alles Gute.

Flossensauger
Flossensauger
22. November, 2025 18:09
Reply to  Torsten Dewi

Läuft wieder, leider 6 Monate Verlust. Egal.

el flojo
21. November, 2025 11:21

Einer der besonderen Vorzüge in den 90er Jahren war, dass man mangels Internet oft genug vergleichsweise "blind" in die Vorstellungen ging.

Ich hab keine Ahnung, wie ich das damals geschafft habe, weil ich eigentlich immer ein Auge auf das kommende Programm hatte, aber sowohl Matrix als auch Sieben und Fight Club hab ich im Kino gesehen, ohne auch nur den blassesten Schimmer zu haben, worum es geht. Was ein Glück.

Frank B.
Frank B.
21. November, 2025 15:49

Es verbietet sich wohl aus Höflichkeit über Hassliebe zum "Kino-Experten" Kahn zu berichten?