Ehegespräche bei Dewis daheim (Gastautor: Christian Lukas)
Themen: Film, TV & Presse |UPDATES: Manchmal laufen Dinge perfekt zusammen – kaum hatte ich den Beitrag gestern online gestellt, zeigte mir Facebook vier weitere Beispiele in den "Erinnerungen" an. Diese habe ich nun pflichtschuldig nachgetragen.
Die Gattin und ich verbringen den lieben langen Tag miteinander. Wir unterhalten uns auch gerne. Die Tatsache, dass wir beide einer recht schneidigen Rhetorik mächtig sind, führt dabei immer wieder zu Loriot-esken Schlagabtauschen, die ich dann und wann auf Facebook wiedergebe.
Ein paar Highlights habe ich euch heute mal ausgegraben – nicht grundlos.
Ich so beim Frühstück: "Ich habe früher ja auch nicht schlecht gelebt."
Die Gattin so: "Du hattest kratzige Handtücher mit Grauschleier, hast auf einer Matratze auf dem Boden geschlafen und dein Klo hatte einen Motiv-Deckel mit Muscheln."
Sie hält das für ein Schachmatt. Ich nenne es "gute Zeiten".
Frühstücksgespräch.
Gattin: "Kann ich was von deiner Salami haben?"
Ich: "Nur wenn du einsiehst, dass es Cervelat ist."
Gattin: "Ich habe einen Wurstnazi geheiratet."
Wieder mal "einer von diesen" Dialogen im Hause Dewi.
Ich: "Der Tatort hat am Sonntag die höchste Einschaltquote seit 30 Jahren gehabt."
Sie: "Warum?"
Ich: "Ich vermute mal, weil viele eingeschaltet haben."
Sie: "Blödmann."
Abendliche Vorbesprechung des nächsten Frühstücks im Hause Dewi.
Sie: "Können wir morgen mal um 8 Uhr frühstücken?"
Ich: "Kein Problem – weck mich um 7.45 Uhr."
Sie: "Und wer kocht dann die Eier?"
Ich: "Wenn du mich um 7.40 Uhr weckst, mache ich auch das."
Sie: "Oh – und was ist mit 7.30 Uhr?"
Ich: "Dann trage ich am Tisch eine Hose."
Meine Frau räumt die von mir gekauften Lebensmittel in den Kühlschrank.
Sie: "Nimm die Eier bitte von rechts weg."
Ich: "Geht nicht. Rechtsweg ist ausgeschlossen."
Ich bin ein Knaller. Mich kann man sogar gebührenfrei anrufen.
Typischer Dialog in unserem Haushalt. Meine Frau macht sich auf den Weg ins Büro, ich sitze noch am Frühstückstisch. Sie trägt "business casual", dunkelblau, Absätze und eine große Pilotenbrille.
Sie: "Wie sehe ich aus?"
Ich: "Wie für die feindliche Übernahme von Ewing Oil gekleidet."
Sie: "Yesss…!!!"
Die Gattin und ich beim Frühstück. Sie holt ein neues Glas selbstgemachte Erdbeermarmelade aus der Speisekammer. Sieht, dass die umgedreht gelagerte Marmelade nicht nach unten gesackt ist – am Boden ist ein zwei Zentimeter hohes "Luftkissen", oben geht die Marmelade bis zum Rand. Sie nimmt einen Löffel und versucht, die Marmelade vorsichtig runter zu drücken. Erfolglos. Irgendwann nehme ich ein Kartoffelschälmesser, greife über den Tisch und stoße es einmal durch die Masse bis in die Luftblase. Pfffft – die Marmelade sackt nach unten ins Glas.
Ich murmele betont beiläufig: "Physik."
Sie so: "Darum habe ich dich geheiratet."
Ach darum. Ich hatte mich schon gewundert.
Im Supermarkt. Ich hole die Taschen aus dem Kofferraum und gehe in Richtung Einkaufswagen.
Gattin: "Moment – ich habe eine Mark für den Einkaufswagen!"
Ich: "Wenn das stimmt, habe ich ein paar beunruhigende Neuigkeiten für dich."
Im Supermarkt. Ich fahre den Einkaufswagen hinter meiner Frau her, gut gelaunt im Conga-Beat tanzend.
Eine ältere Dame zu meiner Gattin: "Ihr Mann tanzt."
Gattin (seufzend): "Ich weiß. Der ist so."
Ältere Dame: "Ist doch schön."
Ich (von hinten): "Genau!"
Im Haushalt Dewi. Die Gattin packt die Einkäufe in den Froster, sorgsam in Gefrierbeutel unterteilt und mit Edding beschriftet. Ich höre sie murmeln: "Ich weiß nicht, wie man Ćevapčići schreibt – da steht jetzt Jugo-Hackwurst drauf."
Das Frühstücksgespräch der Dewis landet irgendwie beim Thema Flugzeugtriebwerke. Ich erkläre meiner Gattin, dass man durchaus eingesogen und zerbröselt werden kann, wenn man zu nah an einen startenden Jet geht: "Ist erst neulich wieder einer Stewardess in den USA passiert – die wurde püriert."
Meine Frau wird kreidebleich: "Torsten! Wir sitzen gerade beim FRÜHSTÜCK!"
Ich deute auf die Erdbeermarmelade: "Ungefähr so, genau."
Sie schweigt entgeistert. Ich drohe vor Lachen vom Stuhl zu fallen angesichts der grandiosen Gesamtschul-Qualität meines Witzes. Dann sagt sie: "Dir ist klar, dass du irgendwann heute dafür zahlen wirst, oder?"
Meine Frau macht keine leeren Drohungen. Jetzt bin ich ein wenig beunruhigt.
Frühstücksgespräche im Hause Dewi.
Ich so: "Wir sollten echt mal über eine Paar-Biographie nachdenken. Wäre ein Bestseller."
Sie so: "Titel: Pumps und Pantoffeln."
Ich so: "Wann trägst du denn Pantoffeln?"
Und damit kommen wir zu Christian Lukas. Ich mag Christian Lukas. Ich würde ihn keinen engen Freund nennen, dafür sehen wir uns zu selten und sprechen zu wenig. Aber auf Facebook gehört er zu den regelmäßigen Kommentatoren und den Wenigen, in deren Thread ich mich auch mal zu Repliken hinreißen lasse. Ist immer freundlich, respektvoll, und oft genug witzig.
Was Christian RICHTIG gut kann: Miniaturen schreiben. Beobachtungen aus dem Alltag, Gedanken über das Leben, Erkenntnisse im Rückspiegel. Kleine Leseperlen, für die allein sich schon ein Facebook-Account lohnt (der Blödmann hat ja keinen Blog). Da bin ich manchmal fast ein wenig neidisch.
Anlässlich meiner aktuellen Fotostory aus dem Pott (Christian wohnt in Witten) sah sich dieser Schreiberling heute genötigt, selber mal ein (fiktives) Gespräch im Hause Dewi zu entwerfen, das ich euch nicht vorenthalten möchte:
Ich würde ja wirklich so gerne einmal bei einer, nennen wir es, Redaktionskonferenz im Hause Dewi dabei sein. So am Küchentisch, mit Filterkaffee, Lesebrille, Orangenmarmelade.
„Woran arbeitest du derzeit?“
„An einem Beitrag über cinematografische Ruhrgebietspornografie der frühen 90er Jahre.“
Und dann dieser Moment des universellen Schweigens. So ein Moment, in dem selbst die Zimmerpflanze aufhört zu atmen. Wie gerne würde ich einmal erleben, wie du erklärst, dass es dabei natürlich nicht um die pornografischen Dimensionen allein geht, sondern um die kulturreflektorische Schichtung der Begierde. Die Frage nach der Authentizität des Begehrens im Kontext urbaner Tristesse in einer Region im Umbruch. Also, um es klar zu sagen: um die Dialektik von Lust und Last, von Zechenstaub und VHS-Videoästhetik.
Einmal nur …
Ich verbeuge mich. Diesen Text sehe ich als Ehrung.
Gleichzeitig möchte ich aber ein paar Dinge klarstellen, damit sich auch meine Leser vorstellen können, was wirklich im Haushalt Dewi vor sich geht.
Zuerst einmal: kein Filterkaffee, sondern Vollautomat. Keine Lesebrille (mehr). Keine Orangenmarmelade, sondern selbstgemachte Erdbeermarmelade – püriert, weil der Gatte keine Stücke auf dem Brötchen mag.
Die Freizeitgestaltung ist bei uns Teamwork – wir mögen weitgehend die gleiche Musik, die gleichen Theaterstücke, die gleichen Städte, die gleichen TV-Serien, die gleichen Spiele, die gleichen Menschen. Es findet sich immer etwas, das wir gemeinsam unternehmen können. Auch die Abende vor dem Fernseher sind harmonisch: BAKE OFF, GRAND DESIGNS, SLOW HORSES, ALL CREATURES GREAT AND SMALL, FRASIER, MY FAMILY. Dazu Tee und Katzen.
Es gibt daher nur wenige Stunden, in denen jeder für sich Entertainment sucht, von dem er ahnt/weiß, dass der andere daran kaum Vergnügen finden würde. So binged die LvA gerade mal wieder 221 Episoden THE FLYING DOCTORS aus den 80ern. Kann ich mich genauso wenig mit anfreunden wie mit MASH.
Umgekehrt hat die LvA nullkommanull Interesse an Trash, Horror, hohler Action und platzenden Köpfen. Jeder Versuch, ihr den Appeal von MISTER BOOGIE oder 3 SCHWEDINNEN AUF DER REEPERBAHN zu erklären, würde zwangsweise scheitern. Sie kann auch nicht verstehen, was mich an solcher Musik verzückt:
Das heißt aber nicht, dass sie mir den Konsum von Kunst und Kappes missgönnt. Im Gegenteil: sie freut sich ehrlich für mich, wenn ich mal wieder zum Fantasy Filmfest fahren und 35 Filme in einer Woche schauen kann. Sie unterstützt die Planung und hält daheim die Stellung, ohne jemals kritisch zu hinterfragen, was ich daran finde.
Wenn es um die Filmverbrechen-Fotostorys geht, hat sich mittlerweile ein Ritual entwickelt, das mir sehr am Herzen liegt. Alle vier bis sechs Wochen hole ich den Frankster vom Truderinger Bahnhof ab, meistens mittwochs. Manchmal kaufen wir noch obskuren Pizzen bei HIT ein, aber meistens wird gekocht – oder wir werden bekocht. Schlechte Filme auf leeren Magen, da liegt kein Segen drauf.
Dann schauen der Frankster und ich ein bis zwei Stunden lang obskure Clips und Musikvideos auf YouTube, tauschen Geschichten über unsere letzten Urlaube ebenso aus wie Erinnerungen an eine teilweise gemeinsam erlebte Jugend – so musste ich mir neulich von ihm erklären lassen, dass wir tatsächlich zusammen in der ALIEN: WAR-Installation in London waren. Mein Gedächtnis ist ein Sieb.
Wenn das neue Filmverbrechen dann startet, zieht sich die LvA in ihr Arbeitszimmer zurück, macht den Kamin an, und schaut irgendwas auf ihrem Notebook. Porno-Prominenz aus dem Ruhrpott ist ebenso wenig ihr Ding wie ein siffiger Rainer Werner Fassbinder im Leoparden-Anzug.
Manchmal fragt sie beim Frühstück, wie der Abend war – aber damit meint sie das Beisammensein mit dem Frankster, nicht den Film selbst. Details möchte sie gar nicht unbedingt wissen. Außerdem kann sie dann ja selber die Fotostorys lesen.
Das gehört übrigens zu den Dingen, die sich verändert haben: mein Tonfall als Wortvogel ist etwas weniger rüde, weil ich ein verheirateter Mann bin, der nicht mehr wie ein pubertärer Schreihals pöbeln kann. "Meine Frau liest das ja auch" klingt wie eine Schere im Kopf, ist tatsächlich aber ein beruhigendes Regulativ.
Das macht allerdings eine angemessene rhetorische Verschlachtbankung von Werken wie POMMES ROT-WEISS nicht einfacher. Der Film verlangt eigentlich danach, mit obszönen Worten gnadenlos verhöhnt zu werden.
Aber nein, ich mäßige mich.
Somit sind das Fantasy Filmfest und die Filmverbrechen-Fotostorys die einzigen Themen, die mir und meinen Lesern gehören und aus der Paarbeziehung mit der LvA ausgegliedert bleiben. Jedem Tierchen sein Pläsierchen.
Alles andere ist seit 15 Jahren kein ich, sondern ein wir. Und ich würde es nicht anders wollen. Denn wie ich der LvA immer wieder versichere und beweise: es gibt nichts, was ich allein lieber machen würde als mit ihr zusammen.
Der letzte Satz ist besonders schön.
ich möchte alles, was Christian als Vignetten schreibt, als Buch haben.
Hab ich ihm schon oft gesagt.
Ich kann dir nur beipflichten, bei uns ist das auch so. Gute 95 % der gemeinsamen Zeit verbringen wir mit Dingen, die wir beide mögen, den Rest hat jeder für seine eigenen Interessen. So muss das in meinen Augen auch sein, jeder braucht einen gewissen Freiraum und man ist ja nicht miteinander an der Hüfte verwachsen. Und ja, dem letzten Absatz stimme ich vollumfänglich zu