Der Wind schlägt um – aber wohin? Die Diät-Spritze als Zeitenwende
Themen: Diet Diary |Disclaimer: Ich bin mir der Problematik der folgenden Diskussion bewusst. Ich habe in meinem Leben viele Menschen mit Essstörungen kennen gelernt, habe sogar Menschen daran sterben sehen. Ich habe selber die erste Hälfte meines Lebens nach klassischem Verständnis zu wenig, die zweite Hälfte zu viel gewogen.
Ich habe in den letzten Wochen mit gleich mehreren Menschen gesprochen, die auf die Spritze als Mittel zur Gewichtsreduktion setzen, darunter gestresste Manager ebenso wie Frauen, die zeitlebens mit schwankendem Gewicht kämpfen. So skeptisch man sein mag: bei allen scheint es zu diesem Zeitpunkt sehr gut zu funktionieren. Langzeiterfahrungen gibt es naturgemäß noch keine.
Es gibt in meinen Augen kein Normal- oder Idealgewicht, aber auch der vage Begriff des "Wohlfühlgewichts" scheint mir problematisch, denn Wohlgefühl ist ebenso eine Frage der Akzeptanz der Umwelt. In diesem Sinne erwarte ich auch von meinen Lesern eine differenzierte Herangehensweise in den Kommentaren.
Ich befasse mich üblicherweise nicht mit Themen, die mich nicht betreffen. Meine aktuell sehr erfolgreiche Diät (von 110 auf aktuell knapp unter 98 Kilo, danke der Nachfrage) bedarf keiner Spritze. Ich fühle mich wohler bei dem Gedanken, das Ziel aus eigener Kraft und ohne pharmazeutische Hilfe erreicht zu haben.
Allerdings bin ich in den letzten Wochen zur Überzeugung gelangt, dass es sich bei Mounjaro, Wegovy, Ozempic u.s.w. um mehr als "Schlankmacher" handelt. Diese Mittel werden unser Selbstverständnis erschüttern, unsere Kultur, aber auch unsere Heuchelei, wenn es um Essstörungen und Adipositas geht. Was in den USA gerade erst richtig los geht, wird die Welt wie ein Flächenbrand überziehen. Und das geht uns alle an.
Für den Kontext habe ich perplexity.ai angeworfen:
Die Geschichte der Schlankmacher wie Mounjaro, Wegovy und Ozempic begann mit der Entwicklung von GLP-1-Rezeptoragonisten, die ursprünglich in den 1990er Jahren als Diabetesmedikamente eingeführt wurden. Ozempic wurde 2018 als Behandlung für Typ-2-Diabetes zugelassen, wobei Wegovy vom selben Hersteller als eigenständiges Mittel zur Gewichtsreduktion später folgte. Mounjaro, das auch GIP-Rezeptoren aktiviert, kam als noch wirksameres Medikament gegen Übergewicht hinzu und revolutionierte die Behandlungsmöglichkeiten ab etwa 2023/2024.
Diese Medikamente werden subkutan (unter die Haut) injiziert – in der Regel wöchentlich. Sie wirken, indem sie das Hungergefühl stark mindern, das Sättigungsgefühl erhöhen und die Magenentleerung verzögern. So reduzieren sie die Nahrungsaufnahme und fördern massive Gewichtsabnahme bei Patienten mit Adipositas oder Übergewicht.
Kulturell haben diese Schlankmacher einen Boom ausgelöst, vor allem auf Social-Media-Plattformen wie TikTok, wo unter Hashtags wie „SkinnyTok“ Abnehm-Hypes vor allem bei jungen Menschen populär sind. Dies führt auch zu Problemen, etwa unkontrolliertem Gebrauch, Verbreitung nichtmedizinischer Behauptungen und einer verstärkten Fixierung auf dünne Schönheitsideale. Gleichzeitig hat der enorme Erfolg der Medikamente Gesundheitssysteme, Pharmaindustrie und Börsenmärkte stark beeinflusst – die Nachfrage ist so groß, dass Lieferengpässe und Fälschungen auftreten. Die Debatte über Nutzen und Risiken ist stark präsent, da der Gewichtsverlust oft nur während der Behandlung anhält.
Der letzte Absatz gibt eine Ahnung davon, wohin die Reise geht.
Zuerst einmal muss man festhalten, dass wir noch am Anfang der Entwicklung stehen. Ja, in aller Welt reißen sich die Menschen um die neuen Schlankmacher, aber wirklich auf den Kopf stellen werden Mounjaro und Co. unser Selbstverständnis, wenn sie nicht mehr gespritzt werden müssen. Daran arbeiten alle Pharma-Firmen mit Hochdruck. Fällt die Angst vor der Spritze weg, wird "abnehmen" synonym mit "Pille schlucken" – dann brechen alle Dämme. Dafür braucht man kein Prophet zu sein.
Die Folgen werden bis in alle Ecken und Spalten der Gesellschaft spürbar sein.
Wir reden hier nicht von einem rein medizinischen Fortschritt, keinem neuen Blutdrucksenker oder einem Medikament gegen die Grippe. Übergewicht ist spätestens seit der Industrialisierung auch ein kulturelles Phänomen, ein Streitpunkt, ein Graben zwischen reich und arm, gesund und krank, stark und schwach. Wir haben Menschen mit starkem Übergewicht lange stigmatisiert – und die Gegenbewegung hat mit teils absurder Selbstverleugnung versucht, jede vorsichtige Kritik am Übergewicht als "fat shaming" zu diskreditieren und selbst extreme Adipositas als "body positivity" schön zu reden.
Es ist kein Zufall, dass gerade Kalifornien mit Begeisterung auf diesen Zug aufgesprungen ist, sowohl in der Unterhaltungsbranche als auch an den Universitäten. Jede Kritik am Übergewicht wurde als toxisch, maskulin, blind der "überholten traditionellen Wissenschaft folgend" abgewertet. Sich als "plus sized" (es sind die Worte, die immer zuerst lügen müssen) zu akzeptieren, wurde plötzlich ein Akt der Selbstbestimmung und der "self care".
Wer sich um dein körperliches Wohl Sorgen macht, ist ein maskierter Feind.
Kein Wunder, dass immer wieder Stars gefeiert wurden, weil sie scheinbar stolz ihre (nach eigenem Verständnis nicht) überschüssigen Pfunde zu Markte trugen: Lizzo, Adele, Beth Ditto, Jennifer Hudson, Kelly Osbourne, Rebel Wilson – und vor allem Meghan Trainor, die ihre Karriere auf (t)rotzige Texte wie diesen aufbaute:
I’m bringing booty back
Go ahead and tell them skinny bitches that
No, I’m just playing, I know you think you’re fat
But I’m here to tell you
Every inch of you is perfect from the bottom to the top
Hierbei fällt schon auf, dass es fast ausschließlich weibliche Stars sind, die ihre Pfunde thematisieren und Respekt dafür verlangen, dass sie keine Diät machen – und dann dafür, dass sie eine Diät machen. Ausnahmen wie Jonah Hill und Joschka Fischer bestätigen wie immer die Regel.
Bisher war die Frage, ob die "fat acceptance" nicht nur eine verschleierte Kapitulation vor dem eigenen Körper war, eine rein theoretische. Wir haben respektiert, dass dick schick ist, weil jede Skepsis gleich als frauenfeindlich und toxisch ausgelegt wurde – man achte hier mal auf die Reaktionen:
Mit Mounjaro und Co. dreht sich allerdings der Wind – "schlank" ist plötzlich nicht mehr unerreichbar, nicht mehr verbunden mit Quälerei, Verzicht, einer dauerhaften Abkehr von lieb gewonnen (Ess)Gewohnheiten. "Schlank" ist plötzlich nur einen Nadelstich pro Woche entfernt.
Was ist nun mit der Maxime "akzeptiere deinen Körper, wie er ist"?
Schnee von gestern. Überholt. Schon die Frage ist eine Frechheit.
Besonders bei Meghan Trainor fällt es auf:
Der Titel ist natürlich Clickbait – der Trick ist die Spritze.
Man führe sich besonders diesen Satz der Sängern zu Gemüte:
Zugleich betonte sie, dass sie "auf einer Reise ist, um die gesündeste, stärkste Version meiner selbst zu werden – für meine Kinder und für mich selbst".
Ähnliche Artikel finden sich zuhauf von Kelly Osbourne, Lizzo, Oprah Winfrey und sogar Elon Musk. Alle betonen natürlich, dass die Spritze nur ein "Baustein" ihrer "weightloss journeys" sei, neben Sport und gesunder Ernährung. Aber sie verschweigen hartnäckig, dass es der entscheidende Baustein ist, ohne den sie es bisher nicht geschafft haben, dauerhaft Gewicht zu verlieren. Es ist die typisch amerikanische Heuchelei, selbst die pharmazeutisch verlorenen Kilos einer bejubelnswerten eigenen Leistung zuordnen zu müssen.
Fast schon tragisch ist die Wandlung bei Oprah Winfrey, die kürzlich aus dem Aufsichtsrat von Weight Watchers austreten musste, weil "Maß halten" längst nicht mehr ihr bevorzugtes Mittel zur Gewichtskontrolle ist.
Ist es nicht wundersam? Jahrelang propagieren diese Promis, dass es völlig normal und sogar schön sei, Übergewicht zu haben. Sie haben die Presse und Kritiker mit Gift und Galle überzogen, die das zu kritisieren wagten. Doch kaum haben sie die Chance, ohne nennenswerten Aufwand das klassische Schönheitsideal zu erreichen, greifen sie zu. Gierig, schnell, medial ausgeschlachtet. "fett" war gestern und "schlank" ist heute – Nachfragen zu einer womöglich inkonsistenten "message" unerwünscht.
Was ist denn nun mit all den jungen Mädchen, denen sie Vorbild sein wollten? Denen sie zeigen wollten, dass man auch mit Speckröllchen und Pausbäckchen glücklich und erfolgreich sein kann? Lautet die neue Message nun "ab zum Arzt und Mounjaro verschreiben lassen"? Ist die These, dass unterschiedliche Körper halt unterschiedliche Formen haben (dürfen), hinfällig und naiv? Beginnt eine neue Zeitrechnung "n.O." (nach Ozempic)?
Kann es sein, dass wir uns jahrzehntelang etwas vorgemacht haben, etwas vorgemacht haben lassen, weil wir in einer immer stärker binär auf Täter/Opfer ausgerichteten Gesellschaft leben und nicht mehr sagen, was offensichtlich ist – dass "fett sein" zu allererst mal ein körperlicher Zustand ist und kein Lifestyle? Dass er mit klaren Nachteilen, aber keinen erkennbaren Vorteilen verbunden ist? Dass ein großer Teil der Menschen, die ihr Übergewicht als Teil ihrer Persönlichkeit verteidigen, sofort darauf verzichten würden, wenn es nur einfach genug wäre?
Und wenn es diese Verzerrung der Wahrnehmung gab – kann es dann sein, dass sie "dank" dieser neuen Schlankmacher krachend in sich zusammenbricht?
Da verlässt meine Skepsis die reine Unterhaltungs-Bubble und wendet sich unserem Menschenbild zu. Wenn jeder schlank sein kann – was ist dann mit dem Recht, es nicht sein zu wollen? Schafft die Tablette einen gänzlich neuen Druck, sich dem wieder zunehmend normierenden Körperideal anzupassen?
Es mag ja sein, dass jede Frau für sich entscheiden kann, ob sie schlank sein will oder nicht. Aber das ist natürlich Schall und Rauch in einer Gesellschaft, die Schlankheit erwartet und dir das Mittel dazu in einer 3 Monats-Kur über den Tresen schiebt. Und es hilft nicht bei 13jährigen Mädchen, die nicht nur von Klassenkameradinnen, sondern auch von den Eltern genötigt werden, "die gesündeste, stärkste Version ihrer selbst zu werden". Wie überzeugt man Kinder von einer gesunden Ernährung, wenn der Burger besser schmeckt als der Salat und die Pille in Griffweite steht?
Hat man wirklich noch eine Wahl?
Warum sollte man überhaupt eine Wahl wollen? Schlank sein ohne Hunger, alle Burger dieser Welt, Torten zum Frühstück, Chips nach Mitternacht! Wir entkoppeln die körperliche Erscheinung vom verantwortlichen Verhalten. Dann braucht es nur noch die "Muskelpille" und wir alle werden Adonis und Aphrodite!
(*)
Es ist diese Entkopplung, die ich für hoch gefährlich halte. "no pain, no gain" ist eine wichtige Maxime für die Entwicklung der Menschheit. Wer haben will, muss tun – und wir kennen genug Beispiele, dass haben ohne tun keine Früchte trägt.
Überhaupt sollten wir die Evolutionsbiologie nicht aus dem Auge verlieren. Es gibt einen Grund, warum der Körper Fettreserven anlegt. Einen Grund, warum wir im Alter meist deutlich zunehmen. Es ist schlicht nicht vorgesehen, dass man wie Pierce Brosnan mit 72 noch in Skinny Jeans vor einem Bugatti für die Fotografen posen kann.
Wir haben lange Zeit dem Backfisch ebenso wie der Midlife-Crisis das Recht auf körperliche Varianz abgesprochen. "Schlank" wurde das einzige Ideal, egal wie man es definierte. Bauch haben dürfen nur Chefs und Charakterschauspieler. Der Rest hat versagt, hat nicht ordentlich auf sich aufgepasst.
Völlerei ist nicht umsonst eine der Todsünden.
Danach haben wir dann wie aus Trotz ALLE körperlichen Varianzen für "normal" erklärt und bar jeder Einsicht behauptet, jedes Gewicht sei auf eigene Weise "schön" und "gesund". Es wurde auch als schicksalhaft abgestempelt und von jeder Eigenverantwortung (Ernährung, Sport) abgekoppelt.
Die Spritze oder die Pille führen diese Grabenkämpfe ad absurdum. Das hat auch Auswirkung auf unheimlich viele andere Branchen. Werden Light- und Diät-Produkte vielleicht aussterben, weil sie ihren Zweck nicht mehr erfüllen müssen? Erkennen wir alkoholfreien Wein dann als die Perversion, die er nach gesundem Menschenverstand ist? Werden Fitness-Studios wieder reine Nischen für Sportfanatiker, weil niemand mehr sich die Pfunde abschwitzen muss?
Vielleicht ist es aber auch umgekehrt. Vielleicht entwertet die Pille (wenn sie die Spritze ersetzt hat) die gesellschaftliche Bewunderung des schlanken Körpers. Weil – kann ja jeder. Und dann schlägt das Pendel um und jeder darf wieder sein, wie er will? Ich würde es gerne glauben. Aber ich tue es nicht.
Kurzum: Ich fürchte, was eine auf breiter Front und preiswert verfügbare Mounjaro-Pille mit dem individuellen Körperverständnis macht – und den gesellschaftlichen Ansprüchen. Es wird Erdbeben geben, die wir noch nicht absehen können.
Vielleicht hat STAR TREK auch das ganz gut vorher gesehen. Auf der Enterprise ist niemand dick – und Sylvia Tilly wurde als Systemsprengerin gefeiert. Ich bin dennoch ziemlich sicher, dass auch Mary Wiseman ihre Entwicklung in der Serie mittelfristig zurückdrehen wird:
Wir sind jetzt bei über 10.000 Zeichen und normalerweise würde ich hier einen Break machen, um die komplett andere Seite dieser Diskussion vielleicht morgen zu beleuchten. Aber ich fürchte, dass in den Kommentaren schon zu viel vorweg genommen wird nach dem Motto "aber so eine Pille würde doch auch bedeuten, dass…". Und darum mache ich jetzt mal weiter und schreibe über die fantastischen Möglichkeiten, die sich unserer Gesundheit und unserer Kultur bieten (könnten)…
Das ist nämlich die Kehrseite der Medaille: die Schlankmacher können genauso gut zu einer sehr positiven gesellschaftlichen Entwicklung führen.
Fangen wir einfach mal mit den direkten medizinischen Folgen an. Sofern keine krassen langfristigen Nebenwirkungen oder Folgekrankheiten entdeckt werden, gilt die Maxime: eine schlankere Bevölkerung ist eine gesündere Bevölkerung.
Jeder Teil des Körpers profitiert davon, wenn ein Mensch statt 200 nur noch 90 Kilo wiegt: Herz, Kreislauf, Magen, Atmung, Muskulatur, Knochen. Die direkten Konsequenzen führen zu den indirekten: man lebt länger, man lebt fitter, man braucht weniger Medikamente. Tausende Operationen an Knien oder Hüften würden unnötig, Therapien und Reha-Maßnahmen ebenfalls.
Schlankere Menschen sind generell produktiver, können mehr und länger arbeiten, fallen weniger aus gesundheitlichen Gründen aus. Die Kosten für das Gesundheitswesen würden massiv sinken und sich wieder gleicher verteilen. Wer bis ins hohe Alter schlank bleibt, kann zudem leichter in Bewegung bleiben und damit seine Gesundheit zusätzlich fördern. Ein aktiverer Lebensherbst winkt.
Die ganze unselige Diät-Industrie würde zusammen brechen, weil ihre Produkte nicht mal den Bruchteil des Ergebnisses der Pille versprechen könnten.
Es könnte wieder einen stärkeren Fokus auf "sportlich" statt auf "schlank" geben. Ein schlanker Körper wird leichter fit, und ein fitter Körper ist gesünder.
Vielleicht gehe auch ich es dann mal wieder an:
Wie viele tausend Menschen wären dankbar und würden es als Himmelsgeschenk ansehen, nicht mehr an Diäten zu scheitern oder an der eigenen Willenskraft? Wenn man Menschen, die übergewichtig unglücklich sind, einen Schlankmacher schenken kann – hat man dann nicht auch die verdammte Pflicht dazu?
Gesellschaftliche Konflikte könnten nicht (wie oben gemutmaßt) verstärkt werden, sondern verringert. Dazu eine persönliche Anekdote: Bei unserer Reise durch die Südstaaten der USA ist uns 2010 erschütternd auffällig gewesen, wie sehr die gesellschaftliche Zweiteilung von arm und reich eben auch eine Zweiteilung von schwarz und weiß ist, von dick und dünn, von desillusioniert und motiviert. Diese Dinge hängen zusammen und ein "Schlankmacher für alle" wäre zumindest eine erste Brechstange.
Die Pille wird zum großen Gleichmacher, der zumindest äußerlich die Armen nicht mehr von den Reichen unterscheidbar macht, die Entschlossenen von den Willensschwachen.
Wir könnten das große medizinische und gesellschaftliche Problem des Übergewichts dauerhaft lösen. Eine Geißel der Menschheit – besiegt. Der Sieger: die moderne Wissenschaft. Welt im Wandel. Was sollte uns abhalten, es zumindest zu versuchen? WER sollte uns abhalten, es zumindest zu versuchen?
Auch das oben gebrachte Argument mit der evolutionsbiologisch vorgesehenen Anhäufung von Fettreserven kann man umdrehen – sie hat sich überholt. Unsere Körper humpeln der Entwicklung unserer Gesellschaft hinterher. Der Drang des Körpers, zwanghaft Fett zu speichern, ist in einem Land des Überflusses an Nahrung nicht mehr zeitgemäß. Und weil wir keine Jahrmillionen Zeit haben, bis die Evolution das auf natürlich Weise justiert, sollte die Pharma-Industrie helfen.
Der "homo modernus" kann und will nicht warten.
So sehe ich beide Möglichkeiten, die sich nicht einmal ausschließen. Die Welt war immer eine Fusion aus Utopie und Dystopie, niemals nur MAD MAX oder nur STAR TREK. Wir werden das Beste daraus machen – und das Schlechteste.
Meine eigene Meinung? Wie bei der KI bin ich wieder mal fasziniert, gerade weil es mich persönlich vorläufig nicht betrifft. Ich genieße die Freiheit, mein Gewicht selbstbestimmt zu beeinflussen und mich dabei nicht radikalen Medikamenten auszuliefern. Mein Plan ist, auch nach Erreichung meines Ziels zwei Tage die Woche voll zu fasten.
Gleichzeitig kann ich nicht ausschließen, dass ich doch eines Tages zur Pille greifen werde. Weil zu viel und zu unverantwortlich essen eben doch zu meinen Hobbys gehört. Der Burger braucht Pommes und ich bin nicht satt, bevor der Teller leer ist. Ein Eis zum Nachtisch geht immer. Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie ich das ohne mein antrainiert schlechtes Gewissen genießen könnte…
Mehr als sonst würde mich eure Meinung zum Thema interessieren. Nicht nur im Bezug auf die Frage, was solche Schlankheitsmedikamente mit der Gesellschaft machen – sondern auch mit eurem eigenen Leben. Seid ihr betroffen? Fühlt ihr euch betroffen? Habt ihr vielleicht sogar schon Erfahrungen mit diesen Mitteln?
(*) Bei der Generierung dieses Bildes verweigerte perplexity übrigens die Mitarbeit mit dem expliziten Verweis auf möglicherweise konfliktträchtige Schönheitsideale:
The content policies for the image generation tool restrict the creation of images with certain themes, even if harmless or respectful, when the prompt asks for transformations into marble statues with "muscular perfect bodies."
>Langzeiterfahrungen gibt es naturgemäß noch keine.
Aber es gibt erste Studien die aufzeigen das der Effekt nicht bleibt wenn man die Mittel absetzt:
https://www.theguardian.com/society/2025/nov/24/mounjaro-health-benefits-reversed-regain-weight-after-stop-using
Wurde sogar schon in den Simpsons thematisiert:
Season 36, Episode 13, The last man expanding.
Das weiß ich natürlich. Aber ich halte diese Studien für fragwürdig, weil sie eben nur erste Daten analysieren und in meinen Augen eigenen Denkfehler enthalten: wenn man nach der Spritze unter seinem täglichen Kalorienlevel bleibt, KANN man gar nicht wieder zunehmen, denn der Körper braucht einen Überschuss an Kalorien, um Fett anzusetzen. Die ganzen Theorien, was nach der Absetzung von Ozempic & Co. passiert, basieren auf der Annahme, dass man sich vorher, während und nachher ungesund ernährt. DANN mag das in der Tat von der Spritze abhängig macht. Es ist aber das Problem jeder Diät. Ich werde – wie geschrieben – nach dem Ende meiner Fastenzeit auch versuchen, bei zwei Null-Tagen die Woche zu bleiben, um das Kalorienniveau niedrig zu halten.
Eine Freundin nimmt gerade wegen der Diabetes die Spritze und hat von einer völligen Ess-Unlust berichtet.
Sogar "Lieblingsgerichte" bekommt sie nur wenig hinunter mit einem "muss ja"-Gefühl, die Freude an und auf Essen ist weg.
Nach meiner Recherche justiert sich das nach einer Weile. Und es ist schließlich der vernünftigste Weg, dass man durch die Medikamente weniger essen will. Wenn man das als einen Mangel an Lebensfreude betrachtet, muss man halt verzichten und weiter übergewichtig bleiben.
Furchtbar. Dann quäl ich mich lieber durch die Woche und genieß ab und an meine Cheat Meals. Die schmecken dann ja noch besser.
Was die gesellschaftlichen Dimensionen angeht, teile ich Deinen Blick aus dem zweiten Teil Deines Textes: Die Vorteile eines nüchternen, realistischen Umgangs mit dem Thema überwiegen klar die Nachteile. Übergewicht — erst recht in einem Bereich weit jenseits eines BMI von 30 — ist kein Lifestyle-Ideal. Und wer behauptet, er fühle sich damit rundum wohl, lügt sich und alle anderen an.
Natürlich versteht es sich von selbst, dass auch stark übergewichtige Menschen mit Würde, Respekt und normaler Höflichkeit behandelt werden sollten. Wer würde das ernsthaft in Frage stellen?
Aber daraus abzuleiten, dass starkes Übergewicht nun als „toll“, „sexy“ oder „attraktiv“ gefeiert werden müsse, nur um nicht unter Bodyshaming-Verdacht zu geraten, führt uns in moralisch wie gesundheitlich fragwürdige Gewässer.
Ganz persönlich:
Ich kämpfe seit der Grundschule mit Übergewicht. Mal ausgeprägter, mal weniger — nie im extremen Bereich, aber immer so, dass es spürbar und sichtbar war. Momentan habe ich ein „Allzeit-Hoch“, gegen das mit rein konservativen Mitteln anzukommen zunehmend schwerfällt.
Rational weiß ich, dass etwa 70 % meines Problems auf den inneren Schweinehund zurückgehen (ein widerspenstiges Viech), und vielleicht 30 % auf äußere Umstände: Eine 60-80-Stunden-Woche, zwei kleine Kinder, wenig Schlaf, kaum Zeit für Sport und eine gesunde Ernährung, die Genuss und nicht bloß Pflicht sein soll. Und weil das natürlich selbst schon eine bequeme Entschuldigung ist, sind es am Ende vielleicht doch 90 % Schweinehund und nur 10 % äußere Faktoren. Im Resultat steht jedenfalls ein bayrisches Mannsbild mit mehr als zwei Zentnern Lebendgewicht.
Im Freundes- und Bekanntenkreis purzeln derweil die Kilos in beeindruckendem Tempo. Die Spritze macht Karriere. Das reicht von Fällen, in denen ich den Einsatz aus medizinischer Sicht absolut befürworte, bis zu Frauen (es sind tatsächlich ausschließlich Frauen), bei denen ich mich frage, ob man die fünf überschüssigen Kilo nicht auch „konventionell“ hätte wegtrainieren können. Aber gut — jede wie sie mag.
Mein eigener Plan ist es, es nach Weihnachten (ja, auch das ist wieder eine Schweinehund-Ausrede) noch einmal konservativ zu versuchen. Bewusst konservativ, denn ich habe Respekt vor möglichen Nebenwirkungen und vor allem vor bislang unbekannten Langzeitfolgen der Spritze.
Aber: Wenn es wieder nichts wird, bin ich bereit, auch zu diesem Mittel zu greifen — weil ich überzeugt bin, dass die gesundheitlichen Risiken ohne Gewichtsverlust langfristig größer sind als die Risiken der Behandlung.
Vielleicht hilft mir allein das Wissen, dass es diese Option gibt — weil der Druck sinkt. Vielleicht, und das ist wahrscheinlich realistischer, erschwert es das Abnehmen, weil man eben eine Alternative in der Hinterhand hat.
Wir werden sehen.
Super. Danke für diese ausführlichen Einsichten.
Sehr spannende Denkanstöße. Was den Effekt für die Gesundheit angeht, frage ich mich, ob es recht, schlank zu sein. Weil das restliche Leben geschieht dennoch: Wer neben Job, Kindern, anderen Hobbies keine Zeit für Sport findet (oder sich diese nehmen will), ist diese Person dann gesünder als die- bzw. derjenige, die/der dreimal die Woche Ausdauersport macht und zweimal Krafttraining, aufgrund der Ernährung aber dennoch ein paar Kilo zu viel auf den Rippen hat?
Ich sehe es ja an mir: Ich laufe gut 200 km in der Woche, aufs Jahr um die 2.500 km. Immer wenn ich es irgendwie unterbringen kann. Auch wenn der BMI mit ca. 23 absolut im Schnitt ist, habe ich dennoch einen Bauch, weil ich eben nicht verzichten will auf Pizza, Burger und Co. und mir beim Filmabend auch gerne mal zu viel Chips und Schokolade reinpfeife, von Bier und Whisky einmal abgesehen. Mit Mitte 40 merke ich das deutlich mehr als noch vor 10 Jahren. So viel laufen kann ich gar nicht, als dass es nicht immer ein Kampf wäre (und ja, nach Weihnachten steht auch wieder fasten an).
Sport vs. Spritze – was ist gesünder? Im Idealfall vielleicht schlank und Sport. Wenn denn nur die Körperfülle diesen verhindert.
Ich denke, das ist eine "false equivalency". Ob schlank oder übergewichtig: mit Sport ist IMMER besser und gesünder. Punkt.
Ich spritze Ozempic schon seit Jahren, wegen Diabetes. Die Blutwerte stimmen dadurch jetzt wieder, aber leider hat sich dieser wundersame "Abnehmeffekt" trotzdem nie bei mir eingestellt – obwohl ich die appetithemmende Wirkung durchaus wahrnehme. Ich muss das Abnehmen enttäuschenderweise leider komplett auf die altmodische Weise bewerkstelligen – tägliche Bewegung und gesunde Ernährung. Immerhin seit dem Sommer 10 kg verloren, mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Aber wenn in den Medien immer wieder von einer "Wunderspritze" fabuliert wird, die vollkommen müheloses Abnehmen garantiert, klingt das für mich wie Zynismus oder pure Fantasie. Das muss bei anderen dann wohl weitaus besser anschlagen als bei mir.
Zuerst einmal: danke für die Offenheit. Dein letzter Satz scheint mit ein Schlüssel zu sein – in der Tat schlagen diese Mittel bei den Leuten, mit denen ich gesprochen habe, erheblich besser an als bei dir. Vielleicht ist das auch eine Frage der Dosis?
Interessant. Vielleicht liegt es ja daran, dass bei Maximilian die Spritze ihren eigentlichen Job macht und es dann eben nicht die beliebte Nebenwirkung gibt. (Wilde Spekulation natürlich.)
Kann ich mir vorstellen – als Diabetes-Medikation, wie ursprünglich vorgesehen, ist das Mittel ja tatsächlich bei mir wirksam. Pech für mich, dass die "erwünschten Nebenwirkungen" nicht auftreten. 🙂
Ich glaube außerhalb einer sehr kleinen aber medial völlig überrepräsentierten Bubble hat niemand wirklich den Body Positivity Kram geglaubt. Gegen den gesunden Menschenverstand, der den meisten Leuten signalisiert dass extrem dünn oder extrem dick nicht gesund sein kann, lässt sich schwer argumentieren
Also an Nebenwirkungen kann man zumindest vereinzelt sog. "Ozempic-Faces" erkennen. Keine Ahnung, ob es einfach an einer Überdosierung liegt.
Ansonsten könnte das schlank/fett sein auch wieder verstärkt die sozialen Schichten zeigen… Solange es keine Kassenleistung ist, dürfte der Geldbeutel entscheiden, wer dick oder dünn sein wird.
Ich halte den Preis wie die Notwendigkeit, die Medikamente zu spritzen, für ein Übergangsproblem.
Als "Dicker" Mann wird jedes Essen eine Rechenschaft an die anderen… der Arzt, Partner und Kollegen schimpfen, Taledeln oder belächlen einen. Leider sind die Pfunde nicht so schnell runter wie man sich es wünscht. Mein Arzt schickte mich zur Ernährungsberatung und es stellte sich heraus, das es eine Beratung für eine Magenband OP ist. Dabei fühle ich mich nicht zu dick, zwar nicht schlank, aber mich gleich einer OP zu unterziehen, halte ich etwas für zu hart. Bei den ganzen Pillen die man ab 50+ einnnehmen sollte oder muss, kommt es auf diese eine Pille dann auch nicht mehr an, wenn man dann sich die mitleidigen Blicke und gutgemeinten Tipps erspart. Ein sehr toller Beitrag, Danke
Ich habe auch 20kg zu viel Ich denke Bewegung habe ich ausreichend in meinen Alltag eingebaut. Aber ich denke wenn die Spritze mir hilft einfach weniger zu essen wäre das für mein Leben sehr gut. Mein Gewohnheiten schaffe ich einfach nicht so zu brechen. Aber den Schritt mich zu spritzen ist für mich sehr groß.
Erstmal wird der hohe Preis des Abnehmmedikaments den Unterschied zwischen arm und reich sichtbarer machen. Wenn es ohne relevante Nebenwirkungen ist, auch bei dauerhafter Anwendung, wäre denkbar es dem Essen beizumischen; wie Folsäure, Jod und Fluorid.
Falls der Kapitalismus dazu in der Lage ist, Essen zu verkaufen das weniger Essen lässt. Deren Lobbyeinfluss ist so groß dass politisch nichtmal Werbung für ungesunde Kinderprodukte eingeschränkt wird, obwohl evidenzbasiert sehr hilfreich für die Gesundheit, in vielen Ländern und von allen Experten empfohlen.
"Doch geschützt vor ungesundem Essen werden Kinder hierzulande vom Gesetzgeber so gut wie nicht: keine Zuckersteuer, kein Werbeverbot für Süßigkeiten, keine verpflichtende Lebensmittelampel. Stattdessen Süßigkeitenautomaten am Bahnsteig, Softdrinks am Kiosk, daneben Pommes und Pizza und die Quengelware in jedem Supermarkt.
»Wir lassen es zu, dass unsere Kinder einen erheblichen Schaden erleiden, so muss man es leider sagen«, urteilt Martin Wabitsch"
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Ich nehme schon länger das Gegenteil. Ein Medikament das mein Sättigungsgefühl ausschaltet und mir Heisshunger macht. Vor kurzem hatte ich es abgesetzt und innerhalb weniger Tage war mein Bäuchlein weg. Jetzt nehme ich es wieder und nach wenigen Tagen Bäuchlein wieder da. Krasses Erlebnis da ich glaubte mit ein bisschen Disziplin was die Ernährungsgewohnheiten angeht und ein bisschen Bewegung im Alltag wäre alles gut.
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»Jahrelang propagieren diese Promis, dass es völlig normal und sogar schön sei, Übergewicht zu haben.«
Dass die das extra propagieren ist mir nicht aufgefallen. Aber dass Frauenkörper ständig kommentiert werden schon. "Frank Schätzing, sie haben tolles Haar, welche Pflegemittel nutzen Sie?" twitterten deutsche Schriftstellerinnen unter Anderem um darauf aufmerksam zu machen wie weibliche Schriftsteller anders behandelt werden.
Außerdem ist es in unserer Gesellschaft erwähnenswert dass ein paar Kilo mehr bei Frauen normal sind, auch wenn die Bilder von Frauen in der Werbung und im Showbiz das nicht darstellen. Vor allem Bekleidungsmodels sind sehr dünn und die sogenannten Plussizemodels die dann gezeigt wurden sahen aus wie normale Frauen aussehen.
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»wie sehr die gesellschaftliche Zweiteilung von arm und reich eben auch eine Zweiteilung von schwarz und weiß ist, von dick und dünn, von desillusioniert und motiviert.« »Die Pille wird zum großen Gleichmacher, der zumindest äußerlich die Armen nicht mehr von den Reichen unterscheidbar macht, die Entschlossenen von den Willensschwachen.«
Viele arme Menschen leben ungesünder und sterben früher weil sie mehr Stress und nicht die Zeit und das Geld haben für Fitnesskurse und Kochen. Ernährungsberatung und Sportverein kosten Geld und man benötigt ein Auto um einfach dahin zu kommen. Dicker weil willensschwächer und unmotivierter gehe ich nicht mit.
Ich teile viele deiner Gedanken, aber eine Nuance sehe ich anders, und diese Nuance verschiebt vielleicht die ganze Perspektive.
Du beschreibst (oder eher: ich interpretiere dich so), dass jetzt auch willensschwache Menschen ohne Probleme abnehmen können. Ich sehe diese Willensschwäche aber als Krankheitssymptom von morbid adipösen Menschen. Anders ausgedrückt: Wenn wir eine Pille hätten, die Alkoholikern jede Lust auf Schnaps nimmt – würden wir dann eine Debatte darüber führen, dass jetzt auch willensschwache Menschen trocken werden können?
Du beschreibst/verlinkst erste Studien, die zeigen, dass der Effekt nicht immer nachhaltig ist. Das ist aber ein bisschen eine Milchmädchenrechnung, weil die Vergleichsgruppe fehlt. Leute, die auf "natürliche Weise" dünn geworden sind, mussten bereits ihren Lebensstil anpassen. Sonst wären sie ja nicht dünn geworden – d.h. die Rückfallquote ist intrinsisch niedriger. Aber für die Ozempicer haben diesen Schritt noch vor sich – haben es aber jetzt deutlich leichter, mit 50kg weniger Speck auf den Rippen. Man müsste also eigentlich vergleichen "Dicke, die dick bleiben + Dünngewordene, die wieder dick werden" vs "Ozempicer, die wieder dick werden".
Ganz ab von der philosopischen Frage: Ich bin froh über jeden Patienten in unserem Krankenhaus, den wir mit zwei Pflegern umbetten können, statt mit vieren. Aber das schriebst du ja selbst bereits.
Also.. was ich vielleicht nicht klar genug ausgedrückt habe: ich denke, Ozempic muss der erste Schritt der Reise sein. Dass man sich das Zeug Hunger-Games-mäßig rein wirft.. Dann sehen die Leute am Ende aus wie die Hauptdarsteller von Wicked. Denen wird ja nachgesagt, dass sie sich ihre Magersucht mit Ozempic ermöglichen. Gruselig, die beiden..
Ich halte den Vergleich für irreführend – man kann nicht "ein bisschen Alkoholiker" sein, aber durchaus ein bisschen zu dick. Ich würde auch nicht so weit gehen zu behaupten, dass "willensschwache Menschen nun ohne Probleme abnehmen" können – das wäre anmaßend und simplifizierend zugleich. Was aber stimmt: Die Spritze birgt das Problem, dass sie Leute nicht trainiert, ihr Gewicht selber zu kontrollieren. Das erhöht die Gefahr, entweder wieder zuzunehmen – oder ewig an der Spritze zu hängen.
Dann habe ich den Vergleich scheinbar nicht ausreichend motiviert. Ich beziehe/bezog mich ausschließlich auf morbid-adipöse Leute (also nicht "ein bisschen zu dick"), die ähnlich zu einem Alkoholiker psychisch und physisch nicht in der Lage sind, ihrem Suchtmittel zu widerstehen. Die haben oft gar keine andere Möglichkeit.
Dass die Menschen, die auf Ozempic ansprechen (im Sinne von: es hat die appetitmindernde Wirkung), jetzt ohne Probleme abnehmen können, halte ich nicht für eine Simplifizierung. Der Hunger ist einfach weg. Warum sollten die weiter futtern?
Es muss die Leute auch gar nicht trainieren, ihr Gewicht zu kontrollieren (siehe mein Nachtrag oben). Aber der erste Schritt ist es, dass sich der Körper wieder daran gewöhnt, nicht ständig einen gefüllten Magen zu haben, ohne dass es Entzugserscheinungen gibt. Wenn man Ozempic absetzt, sollte der Körper wieder daran gewöhnt sein, nicht ständig Hunger zu haben. Nicht alle 30 Minuten Nachschub zu kriegen. Nicht ständig über essen nachzudenken.
Überprüf das mal bei dir selber: Könntest/konntest du nach deinen Fastentagen problemlos ein 2000kcal Mitagessen konsumieren? Also ohne, dass du dich danach akut zu den Katzen aufs Sofa legen wolltest?
Bei mir brauche ich das nicht überprüfen, weil ich eben nicht auf pharmazeutische Hilfsmittel zurück greife. In der Tat frühstücke ich schon nach den Fastentagen (wenn der Hunger am größten sein sollte) deutlich weniger als früher. Ich habe aber den Verdacht, dass sich das auch sehr schnell wieder "einrenken" würde, wenn ich nicht aufpassen. Die Nutzer von Ozempic sind aber chemisch neu getaktet und darum halte ich es absolut für nachvollziehbar, dass ohne die Medikamente das alte Essverhalten schnell wieder einsetzt.
Darüber hinaus scheine ich einige deiner Argumente schlicht nicht zu verstehen.
Hä? Ich rede doch von deiner Erfahrung damit, einen leeren Magen zu haben. Ich habe dich nicht dazu aufgefordert, Drogen zu nehmen. Also echt mal, Torsten..
Und ich habe das auch nicht unterstellt. Entweder hörst du nicht zu oder du drückst dich nicht klar aus.
"Bei mir brauche ich das nicht überprüfen, weil ich eben nicht auf pharmazeutische Hilfsmittel zurück greife."
Dann verstehe ich diesen Satz nicht.
"Wenn man Ozempic absetzt, sollte der Körper wieder daran gewöhnt sein, nicht ständig Hunger zu haben. (…) Überprüf das mal bei dir selber"
Geht nicht, weil ich kein Ozempic nehme. Meine Experience ist eine gänzlich andere.
Na, da würde ich dir abermals widersprechen. Die Erfahrung, dass der Magen sich an den Zustand "nicht immer voll gewöhnt", sollte bei Ozempicern die gleiche sein wie bei dir. Was du schilderst, deckt sich aber eben mit dem, was ich bei unseren Patienten beobachte (und auch an mir selbst), und damit können wir jetzt in Frieden auseinander gehen. Can’t rest when someone’s wrong on the internet..!
Natürlich kann man diskutieren, wie nachhaltig dieses "an Magen leer gewöhnt" ist, und hier wurde ja auch schon über Fälle diskutiert, die sofort wieder in alte Muster verfallen sind. Aber das Problem hat es ja auch bei konventionellen Diäten, wo das gute Verhalten aufgegeben wird, sobald das Etappenziel erreicht ist. Ich sehe Ozempic daher als Chance, Sucht-Essern überhaupt die Möglichkeit zu geben, in eine Situation zu kommen, in der sie dann immer noch gern scheitern können.
(edit: ich hoffe, du nimmst den letzten Satz im ersten Absatz mit einem Zwinkern. Du wirktest etwas angespannt, aber vielleicht brauch ich auch einfach was zu essen..)
"Die Erfahrung, dass der Magen sich an den Zustand "nicht immer voll gewöhnt", sollte bei Ozempicern die gleiche sein wie bei dir." – für diese Aussage hast du nicht mal eine theoretische Grundlage.
Das ist nicht richtig. Wir haben jahrzehntelange klinische Erfahrung mit Appetitzüglern, die das, was ich beschreibe, bestätigt. Davon ab: der hohe Wirkgrad von Ozempic basiert ja gerade darauf, das Magengefühl zu verändern.
Du kannst es nicht verstehen oder willst es nicht verstehen. Lassen wir es gut sein.
Im Moment ist es doch so man muss sich das Mittel erst mal leisten können!
Den soweit ich weiß wird es zumindest von den Gesetzlichen Krankenkassen nicht bezahlt bei den Privaten gibt es anscheinend einige die Zahlen oder sich beteiligen! Wieder so ein Quatsch von den Gesetzlichen Kassen den der Gesundheitliche Effekt wenn stark Übergewichtige Menschen abnehmen dürfte größer und günstiger sein als die ganzen Folgekosten von krankhaften Übergewicht (Gelenke,Bluthochdruck,Diabetes,etc).
Und nicht so ein Risiko wie eine Magenverkleinerung.
Klar Sport und richtige Ernährung spielt eine wichtige Rolle aber es gibt Menschen die durch Erkrankungen oder Unfall nicht mehr so mobil sind!
Für Die ist es vermutlich toll den soweit ich es verstehe ist es ja ein Appetitzügler und da dürfte es einfacher sein nur mit 800-1200 Kalorien am Tag zu leben!
Zuerst einmal ist das Mittel je nach Dosierung gar nicht mehr so teuer – DAS macht die Grenze zwischen arm und reich nicht aus. Allerdings halte ich es für naiv, "Menschen mit Erkrankung oder Unfall" als Argument heran zu ziehen, denn die machen einen extrem geringen Anteil der Nutzer aus. Die meisten Menschen sind einfach zu dick – letztlich meistens selbstverschuldet.
Das ist richtig was Du schreibst!
Daher sehe ich auch für Menschen ohne Erkrankung oder Unfall bzw eingeschränkte Mobilität keine Notwendigkeit dieses Mittel zu nehmen! Gut es geht vielleicht schneller abzunehmen.Soweit ich gelesen habe sind die Kosten für einer richtigen Dosierung bei 400 – 600 Euro im Monat ! ? Oder ist das jetzt billiger? Gruß
Niemand spricht von einer "Notwendigkeit", diese Mittel zu nehmen. Die Zivilisation ist Jahrtausende ohne ausgekommen. Die Zivilisation ist aber auch Jahrtausende ohne Strom und Coca Cola ausgekommen. Es steht jedem zu, sich den unbestreitbar mühsamen Gewichtsverlust zu vereinfachen. Was die Preise angeht – die sind schon deutlich gesunken, wie mir perplexity und gemini übereinstimmend bestätigen:
"In Deutschland belaufen sich die monatlichen Kosten je nach Wirkstoff, Dosierung und Anbieter auf folgende Beträge: Ozempic (Semaglutid, niedrigdosiert): etwa 80 bis 245 Euro pro Monat. Wegovy (Semaglutid, höher dosiert): etwa 170 bis 300 Euro pro Monat. Mounjaro (Tirzepatid, hochdosiert): bis zu 500 Euro pro Monat."
Ich würde auch noch einen anderen Gedanken einwerfen:
Ob sich die Auswirkungen auf das Gesundheitssystem wirklich so zeigen werden, ist nicht so sicher wie vermutet. Nur weil eine Person weniger Ungesundes isst, bleibt es trotzdem ungesund. Wenn 75% der Kalorienaufnahme aus Zucker und Fett bestehehen, die Gesamtkalorienaufnahme aber unter dem täglichen Kalorienlevel bleibt, nimmt man zwar ab und hat einen idealen BMI, gesund ist der Körper deswegen aber noch lange nicht. Vermutlich gesünder als mit hohem BMI (gerade was Belastung der Gelenke und Knochen angeht), aber wieviel, das weiß keiner.
Das sage ich, nachdem meine Frau mittlerweile 50kg abgenommen hat, erst 30kg mit Hilfe der Spritze, den Rest seit einem Jahr ohne Spritze, aber mit viel Sport, das glücklicherweise auch auf mich abfärbt (mittlerweile joggt sie wöchentlich mehrere 10km einfach locker am Laufband herunter). Mittlerweile ist sie quasi bei ihrem Idealgewicht angelangt. Es geht auch so, aber ich bleibe skeptisch.
Erstmal: Gratulation an die Frau! Das verdient Respekt. Darüber hinaus würde ich dein Argument aber SO nicht stehen lassen. In der Tat – und das hatte ich angedeutet – muss man zwischen "schlank" und "sportlich" unterscheiden, wobei ich "schlank" schon für positiv besetzt halte. Es geht auch "dünn" und "sportlich" als nicht notwendigerweise deckungsgleiche Attribute. Das ist selbstverständlich. Aber: 75 Prozent leere Kalorien und Zucker mögen nie gesund sein, sind aber definitiv gesünder, wenn sie sich insgesamt nur zu 1800 Kalorien statt 3000 Kalorien am Tag addieren. Und genau da setzen die Medikamente ja an.
Dennoch würde ich jedem raten, die Spritze mit einem gesünderen Lebenswandel zu kombinieren, gerade weil (zumindest bei mir) der Grundgedanke ist, irgendwann auf unterstützende Maßnahmen verzichten zu können.
Exakt das wäre mein Kommentar gewesen. Danke.
Mal wieder ein sehr großartiger, spannender und zum Nachdenken anregender Artikel. Danke dafür.
Ich selbst bin schon immer einer der eher untergewichtigen Menschen gewesen. Nie wirklich einen gesunden Lebenstil und schon gar keine gesunde Ernährung. Hingegen immerhin lamge sportlich.
Aus gesundheitlichen Gründen ist mit Sport leider seit einigen Jahren nicht mehr möglich, auch wenn ich es als allererstes beginnen werde, sobald ich hoffentlich vielleicht irgendwann wieder kann (Die Ärzte sollten das bereits mehrfach regeln und haben jedes Mal das Gegenteil erreicht… ich schweife ab). Mein nun doch erreichtes Mittelalter sowie meine eher ungesunden Essgewohnheiten zeigen nun erstmals Wirkung und ich hasse das Bäuchlein jetzt schon. Das fängt schon mal damit an, dass mein Kleiderschrank in absehbarer Zeit einen komplett Austausch bekommen muss – habe ich den schlimmen Verdacht.
Dennoch, vielleicht zwingt mich genau das auch endlich, meinen Schweinehund beim meinem Essen zu besiegen. Ich weiß es nicht. Dennoch kann ich auf einmal, der der bisher alle Diätenartikel überblättert hat, die Gedanken daran nachvollziehen – in jegliche Richtungen. Ich selbst bin noch nicht so lange in dieser Denke, stehe ich (leider) noch oder erst am Beginn. Ich kann nur sagen: Vielen Dank für den Artikel!
Schwieriges Thema. Ich gehöre ja auch zur Fraktion der Leute, die nur unter extrem aufwändigen Bedingungen ihr Gewicht halten können und müsste auch dringend mal wieder abnehmen. Aber wenn ich mir dafür bis an mein Lebensende Spritzen setzen müsste, würde ich das nicht machen und dafür lieber Einschränkungen bei der Ernährung hinnehmen. Mit Tabletten sähe das vielleicht anders aus, aber da neige ich dazu, die regelmäßige Einnahme zu verschludern.
Generell stehe ich dem Thema Abnehmspritze tendenziell eher ablehnend gegenüber, solange man auch anders sein Gewicht halten kann, da die Nebenwirkungen einfach noch nicht gut genug erforscht sind. Bei Leuten mit starker Adipositas verstehe ich aber, dass sie sich für die Spritze entscheiden, da alle Alternativen – Diäten, Sport, Magenband etc. – schwierig und unzuverlässig sind.
Die Body Positivity-Bewegung war wie so viele andere Bewegungen auch am Anfang eine gute Sache, wurde mit der Zeit zu ihrer eigenen Karikatur, auch dank der Verlogenheit vieler Prominenter, die den Leuten Wasser predigten, aber bei der ersten Gelegenheit dann Wein tranken. Ich habe auch in meinem persönlichen Umfeld nie jemanden darüber sprechen hören, sondern das immer nur aus dem Netz mitbekommen.
Ob die Spritzen langfristig eine wie von dir skizzierte Wirkung auf die Gesellschaft haben werden, bleibt abzuwarten, aber ich kann mir das schon gut vorstellen. Allein der Druck, der durch Krankenkassen inzwischen auf die Bürger ausgeübt wird, sich ja so zu verhalten, dass es das System möglichst wenig belastet (inkl. Überwachung durch Wearables, gerne als Bonus verkauft), weist ja schon darauf hin, dass Figuren außerhalb der gewünschten Norm irgendwann nicht mehr akzeptiert werden und diese Leute dann durch höhere Beiträge gegängelt werden könnten. Von Social Media und dem persönlichen Umfeld ganz zu schweigen
Nächstes Beispiel: Amy Schumer.
Ich finde schlimm, dass man viele dieser Leute (z.B. Frau Schumer und Adele), die vorher nicht fett, sondern halt etwas gepolsterter waren, jetzt kaum noch erkennt.
Ich finde auch nicht, dass Adele oder Meghan Trainor gewonnen haben.
Mary Wiseman, die übrigens wahrlich nicht die erste übergewichtige Person in "Star Trek" war, sieht jetzt übrigens so aus, wie das Red-Carpet-Video zu "Starfleet Academy" ab der 26. Minute zeigt. So wie sie jetzt aussieht, hat sie wohl auch zu manchem Mittel gegriffen.
https://www.youtube.com/live/f0eZMZ8in-k?si=uK4b7IfrV-832uia
Man brauchte wahrlich keine prophetischen Kräfte, um das vorherzusagen.