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Sep. 2025

Kino Kritik: THE LONG WALK – TODESMARSCH

Themen: Film, TV & Presse, Summer of SciFi |

USA 2025
Regie: Francis Lawrence
Darsteller: Cooper Hoffman, David Jonsson, Mark Hamill, Judy Greer, Garrett Wareing, Charlie Plummer, Ben Wang, Roman Griffin Davis, u.a.

Offizielle Synopsis: Ein Wettkampf, eine Gruppe junger Männer, ein Sieger – THE LONG WALK erzählt die bedrohlich-utopische Geschichte einer Welt, in der ein tyrannischer Polizeistaat die Kontrolle übernommen hat und es nur eine Möglichkeit zum Aufstieg aus der Armut gibt: Den jährlich stattfindenden „Long Walk“. Der Gewinner erhält lebenslang alles, was er sich wünscht. Alle anderen bezahlen mit ihrem Leben.

Kritik: Ich habe auf diesen Film seit 1987 gewartet. Damals habe ich den von Stephen King unter dem Richard Bachmann-Pseudonym erstmals auf deutsch erschienen Roman gelesen – wie im Fieber, in einer Nacht. Danach ging das Taschenbuch im Freundeskreis rum. Die Reaktionen waren immer dieselben: Begeisterung, Entgeisterung, der Kauf bequemer Schuhe.

Ich habe mich vor diesem Film seit 1987 gefürchtet. Weil eine Adaption des Buches für die große Leinwand zwangsläufig zum Scheitern verurteilt sein musste. Es ist eine Geschichte, die sich den Erzählmechanismen Hollywoods verweigert.

Es gibt keine 3 Akt-Struktur, keine B-Plots, keinen Love Interest, keine direkte Konfrontation von Protagonist und Antagonist. Nur einhundert Jungs, die so lange marschieren, bis keiner übrig ist. Hintergründe, Zusammenhänge, Konflikte – all das wird in mühsamen Dialogen erzählt, vieles ist aus zweiter Hand. Die Dystopie dieser Welt bleibt vage, teilweise unverständlich. On top: Wer auch nur zwei Murmeln in der Birne hat, weiß von der ersten Seite an, wie der Roman ausgeht. Es tut ihm keinen Abbruch, aber so funktioniert Kino nicht.

Man kann jeden einzelnen dieser Punkte hinbiegen – aber nicht, ohne den Kern und den Reiz des Buches zu zerstören. Vielleicht ist auch das der Grund, warum es über 40 Jahre bis zu einer Umsetzung gedauert hat.

Als ich hörte, dass Francis Lawrence die Regie führen würde, war ich wie vor den Kopf gestoßen. Ja, sein I AM LEGEND ist ein unterhaltsamer Blockbuster. Aber der Mann steht wie kaum ein zweiter Regisseur für aufwändige Spektakel. Er hat Werbekampagnen für Dior und Tiffany gedreht, Musikvideos für Britney Spears und Jennifer Lopez. Als Hausregisseur hat er fast die komplette HUNGER GAMES-Saga verfilmt – genau genommen eine Variation von der TODESMARSCH ist, die alles in die Laufzeit stopft, was bei Stephen King wohlweislich vermieden wird.

Der Mann dreht Gefälligkeitskino streng nach Standard. Das kann, das darf TODESMARSCH nicht sein.

Ich hatte noch weitere Bedenken. Obwohl TODESMARSCH ein Kind seiner Zeit ist, lässt er sich inhaltlich sicher updaten. Aber der Zeitgeist selbst hat sich verändert. In den 80ern war Stephen King der König des Horrors, jede Verfilmung war ein Event, selbst wenn es beim Budget nicht für einen Blockbuster reichte:

  • Carrie
  • Shining
  • Christine
  • Cujo
  • Firestarter
  • Running Man
  • Dead Zone
  • Silver Bullet
  • Pet Sematary
  • Stand by me
  • Misery

Heute ist Kings Marktwert deutlich gesunken, beschädigt nicht nur von einer endlosen Anzahl an Remakes und Fortsetzungen, sondern auch von halbherzigen Adaptionen wie DOLAN’S CADILLAC, CELL und DARK TOWER.

Hat man den richtigen Moment, TODESMARSCH zu verfilmen, schon verpasst?

Umso erleichterter bin ich, an dieser Stelle Entwarnung geben zu können.

THE LONG WALK – TODESMARSCH eine vorlagentreue und immer noch zutiefst schockierende Verfilmung, die bewusst jeden Schnickschnack meidet, sei es bei den Effekten, dem Setting, oder dem Casting. Der Film ist exakt so kompakt, wie er sein muss, um seine Kraft voll zu entfalten.

Man hat Details angepasst, und ich kann sie alle absegnen: Das Mindestalter der Läufer ist nun 18 und es treten nur 50 Jungs an, um sich ein besseres Leben zu erkämpfen. Der Cast ist ein bisschen diverser und einige der Eigenschaften und Backstorys wurden ein bisschen hin und her geschoben. Man muss schon sehr pedantisch sein, um sich aufzuregen, dass "Hank Olsen" nun ein Asiate ist.

Wer den Roman kennt, findet sich augenblicklich wieder in die Figuren ein, in ihre Verzweiflung. Aber die exakten Abläufe haben sich teilweise geändert und so wird man nicht stumm das Schicksal der Läufer vorhersagen können.

Lawrence bleibt hautnah dran, lässt uns den Schmerz spüren, und drängt dabei wie der Roman die Dystopie weitgehend in den Hintergrund. Wir erfahren nicht mal, in welchem Jahr der Film spielt. Gut möglich, dass es die 80er sind – oder die Gegenwart. Für die blutenden Füße auf dem Asphalt macht es keinen Unterschied.

Gerade weil der Film so stoisch von A nach B marschiert (pun intended), hat man ausreichend Zeit, sich mit der Frage zu beschäftigen, was TODESMARSCH eigentlich erzählen will bzw. was sein Thema ist. Es bieten sich unendlich viele Interpretationen an, alle gleichermaßen valide und unbewiesen:

  • Ist es eine Art düstere Kehrseite von STAND BY ME über eine Gruppe von Freunden auf einem Marsch mit ungewissem Ausgang?
  • Handelt der Film von einem Platoon an Soldaten in einem anonymen Krieg, der sie verheizen wird?
  • Ist es eine Allegorie auf die Freundschaft unter Jungs generell, die unter Anstrengungen zerbrechen oder wachsen kann?

Ich will gar keine Antworten auf diese Fragen, weder von King noch sonst wem.

Ist THE LONG WALK perfekt? Natürlich nicht. Der Film kann den Schmerz des Laufes, die endlosen Stunden auf dem Asphalt niemals so transportieren, wie die 315 Seiten des Heyne-Romans es konnten. Die Bilder, die wir sehen, können nie so grausam sein wie die Bilder, die wir uns selbst davon gemacht haben. Die 108 Minuten Laufzeit sind angenehm straff, aber der Roman lebte ja auch davon, dass wir uns über endlose Meilen mit den Protagonisten quälten.

Aber alles egal. Das hier ist ein Knaller. Besser wird’s nicht.

THE LONG WALK – TODESMARSCH ist der größte "kleine" Film des Sommers, ein perfektes Double Feature mit CIVIL WAR, und passt die Vorlage exakt nur soweit an, wie es nötig ist, um auf der Leinwand zu funktionieren.

Jungs, das hier ist unser HUNGER GAMES.

Fazit: Ein hartes, unbarmherziges Drama, das den Roman bestmöglich umsetzt, auch wenn es ihn in seiner Intensität natürlich nicht erreichen kann.

P.S.: Es wird eine Spoilerzone geben, wenn ich vom Fantasy Filmfest in Berlin zurück bin – bis dahin also KEINE Diskussion über das Ende!

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heino
heino
2. September, 2025 20:12

Lange her, dass ich das Buch gelesen habe, aber es zählt bis heute für mich zu Kings besten Werken. Umso mehr Zweifel hatte ich, dass ausgerechnet Lawrence das gut machen würde, denn zumindest der erste Hunger Games (die anderen habe ich nicht gesehen) ist moralisch verlogener Dreck. Aber den hier werde ich mir schon alleine deswegen ansehen, weil es mich freut, dass Mark Hamill doch noch eine späte Karriere machen konnte

Christian Siegel
2. September, 2025 20:26
Reply to  heino

Der erste Hunger Games war noch nicht von Lawrence; der hat erst ab dem 2. übernommen.

Bärbel
Bärbel
3. September, 2025 14:58
Reply to  heino

was meinst du genau mit 'moralisch verlogener dreck'?

Andy Simon
Andy Simon
12. September, 2025 16:06
Reply to  Bärbel

Vor langer langer Zeit schrieb genau dazu Wortvogel Torsten: https://wortvogel.de/2012/03/kino-kritik-hunger-games-die-tribute-von-panem/

Marcus
Marcus
21. September, 2025 23:20
Reply to  heino

Hunger Games wurde auch erst mit dem letzten Teil so richtig gut. Da blieb mir im Kino echt die Spucke weg, als der eine Wendung nach der anderen raushaute, die ich nur deshalb nicht habe kommen sehen, weil ich mir sicher war, dass so eine Teenie-Bubblegum-Dystopie dafür doch unmöglich die Eier haben könnte. Tja, falsch gedacht.

Last edited 2 Monate zuvor by Marcus
jimmy1138
jimmy1138
3. September, 2025 10:49

Gemeinhin heißt es ja immer, daß ein Film nie so gut sein kann wie das Buch, aber gerade Stephen King dominiert ja beinahe die Listen von Büchern, wo die Filme besser waren.
Und interessant finde ich auch, daß mit einer offenbar werkgetreueren Verfilmung von "The Running Man" heuer ein zweite Stephen King Film rauskommt, der eine sehr ähnliche Prämisse hat. Zufall oder ein Zeichen der Zeiten?

Christian Siegel
12. September, 2025 12:16

So, gestern gesehen. Mehr dann in der Spoiler-Zone, aber ich kann deiner Kritik nur voll und ganz zustimmen. Mich hat der, als großer "Fan" der Vorlage, auch in der Filmadaption wieder gleichermaßen fasziniert wie bedrückt. Schon allein die Ausgangsidee ("Todesmarsch" ist ein "high concept"-thriller, lange bevor der Begriff salonfähig wurde) ist beklemmend. Ich kann verstehen, wenn einigen die Dystopie – und die Motivation zur Teilnahme – zu vage sind, für mich macht gerade eben dies die Erzählung aber nur umso erschreckender (und tatsächlich bietet der Film diesbezüglich ja immerhin ein bisschen mehr, da er deutlich macht, dass in dieser dystopischen Welt der Marsch quasi die einzige Möglichkeit für die 08/15-Bevölkerung darstellt, aus Armut und Tristesse zu entkommen). Ich habe gestern parallel mit dem Lesen begonnen, und war erstaunt, wie nahe man sich in vielen Belangen an der Vorlage bewegt, und dabei auch einzelne Momente und/oder Dialoge übernimmt.

Zugegeben: Man merkt, dass das eher eine billige Produktion war, und was Inszenierung und Musik betrifft (in einzelnen Momenten super und die Emotion der Szene verstärkend, in anderen entweder unauffällig oder fast schon unpassend) wäre sicher noch mehr drin gewesen (ich wünschte immer noch, den hätte Frank Darabont vor rund 15-20 Jahren – ev. im Fahrwasser von "The Mist" – gemacht). Insgesamt hat mich der Film aber, so wie der Roman, voll abgeholt, und bis zum letzten Schritt nicht losgelassen.

Marcus
Marcus
21. September, 2025 23:22

Alles richtig, bis auf den Namen von Kings Pseudonym. Da ist bei dir ein "n" zuviel drin. 😉