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Sep. 2025

Hyperland Redux (28): ESWC in Paris: Hochleistungssport mit Fingerspitzengefühl

Themen: Film, TV & Presse, Hyperland |

Originaltext Oktober 2013:

Crashs, Verletzungen, Stürze – spektakulärer und gleichzeitig folgenloser als beim Electronic Sports World Cup in Paris kann man Sport nicht erleben. Oder eSport, wie es die Beteiligten nennen. Was als harmloser Gamer-Wettstreit begonnen hat, ist zu einem globalen Geschäft geworden, in dem sich Millionen verdienen lassen – und auch die Deutschen kräftig mitmischen.

Die Geschichte des „eSports“ ist ein Spiegel der technischen Entwicklung im Bereich Videospiele. Bis in die 90er Jahre waren es die Konsolen-Hersteller wie Nintendo, die zu Weltmeisterschaften luden, Preise auslobten – und in Hollywood sogar Spielfilme zur Promotion ihrer Veranstaltungen produzieren ließen. Dabei wurde gegeneinander gespielt, aber an der gleichen Konsole. Die Spielerzahl war traditionell durch die Anzahl der Gamepad-Anschlüsse begrenzt.

Mit LAN-Anschlüssen und dem Internet nahm die Dominanz der Hardware ab – was zählte, war das Spiel. Zu Hunderten schleppten Gamer ihre koffergroßen PCs in Mehrzweckhallen zu LAN-Partys, um in größeren Gruppen verkabelt gegeneinander anzutreten. Vom Ruch der Raubkopierer-Treffen befreit, begannen auch Spielehersteller und Sponsoren sich Ende der 90er für die Szene zu interessieren, es wurden Ligen wie die Electronic Sports League gegründet und semi-feste Teams, die so genannten „Clans“.

Vom Heimdaddler zum Profispieler

Die Bedeutung der reinen LAN-Partys hat in den letzten zehn Jahren stark abgenommen, denn das Angebot von Breitbandanschlüssen erlaubt den Wettbewerb über das Netz, eine Verkabelung vor Ort wird damit unnötig. Konsequenterweise nimmt auch die Zahl der Spiele, die sich über LAN spielen lassen, weiter ab. Aber nicht das Interesse der Gamer am Kräftemessen – allein die Electronic Sports League zählt mittlerweile über 3 Millionen Mitglieder in über 700.000 Teams.

Mit wettbewerbsfreundlichen Spielen wie „Counter-Strike“, „Trackmania“ und „Warcraft III“ professionalisierte sich das Geschäft in den letzten Jahren. Weltweit leben mittlerweile tausende Profispieler nur noch von Preisgeldern und Werbeeinnahmen. Damit unterscheiden sie sich kaum von den Fussballspielern und Rennfahrern, denen sie auf den großen Bildschirmen nacheifern. Gespielt wird in großen Arenen, Reisekosten werden zumeist vom Veranstalter übernommen. Die Regeln sind streng, schummeln ist praktisch unmöglich.

Eine besondere Dominanz haben sich dabei die besonders technikaffinen Südkoreaner erkämpft – sie stellen knapp 11 Millionen Euro erspielten Preisgeldern die Topverdiener der Branche dar und sind neben den Schweden aus keiner Chartliste weg zu denken. Aber auch die Deutschen halten gut mit, Spieler wie Sven "S-Butcher" Wehmeier und Christian "GitzZz" Hoeck konnten in den letzten 15 Jahren immer wieder Goldmedaillen erringen. Benjamin „ZyZ“ Bohrmann erkämpfte sich bei einem „Painkiller“-Match über 100.000 Euro.

Player in Paris

Der ESWC nimmt eine Sonderstellung unter den großen eSports-Wettbewerben ein, denn er ist seit 2003 etabliert, bringt bis zu 200.000 Zuschauer in die Hallen und hat in den letzten zehn Jahren mehr als 2 Millionen Euro an Preisgeldern ausgeschüttet. Die Deutschen standen bis 2010 (nach Frankreich, den USA, Südkorea und Schweden) auf Platz 5 des Medaillenspiegels. Was als kleiner LAN-Wettbewerb begonnen hat, ist mittlerweile ein Event, zu dem sich praktisch alle großen TV-Sender der Welt immer wieder zuschalten und von dem DailyMotion live streamt.

Mit der Unterstützung der Branche kam allerdings auch die Abhängigkeit von der Branche. So ging der ESWC 2009 spektakulär pleite, nachdem Grafikkarten-Hersteller Nvidia das Sponsoring kappte. Angesichts der Weltwirtschaftskrise sah man Gamer-Olympiaden nicht mehr als Kerngeschäft an. Die Rettung kam aus der Heimat der französischen Veranstalter: Peugeot ist mittlerweile der Hauptsponsor des ESWC.

Fans der Branche sind gespannt, wie sich die Deutschen dieses Jahr schlagen. Die bisher kurioseste Würdigung dürfte den heimischen Champions allerdings versagt bleiben: rechtzeitig zum ESWC gibt es bei einer bekannten Burgerkette den McNIP – der Name steht für „Ninjas in Pyjamas“, einen in Schweden populären Gamer-Clan.

NACHTRAG 2025: Profi-Gaming ist weiterhin ein Millionengeschäft – und spielt sich weiterhin weitgehend außerhalb der Öffentlichkeit ab. Der ESWC wurde mehrfach verkauft und scheint seit 2018 zu ruhen.



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