Hyperland Redux (25): Tag der Pressefreiheit: kein Grund zum Feiern
Themen: Film, TV & Presse, Hyperland |Originaltext Mai 2013:
Journalisten leben gefährlich: sie werden bedrängt, verprügelt, entführt, angeschossen und ermordet. Berichtet jemand aus einem Krisengebiet und begibt sich freiwillig zwischen die Fronten, kann man bedauernd sagen: Berufsrisiko. Aber wie der Bericht der „Reporter ohne Grenzen“ jedes Jahr aufs Neue aufzeigt, ist die Pressefreiheit nicht nur in Syrien bedroht, in Darfur oder im Kosovo.
Seit 1994 wird am 3.Mai der „Internationale Tag der Pressefreiheit“ begangen. Die NGO „Reporter ohne Grenzen“ veröffentlicht an diesem Tag ihren Jahresbericht – und der wird auch heuer kein Grund zur Entwarnung sein. Das Ausmaß der Probleme in verschiedenen Ländern ist dabei auch ein guter Indikator für den Entwicklungsstand der jeweiligen Zivilgesellschaft.
Deutschland spielt in der Oberliga
Deutschland hält sich gut. Unter den fast 180 untersuchten Staaten kam die Bundesrepublik nur einmal (2006) nicht unter die „Top 20“ im so genannten „Press Freedom Index“ (PFI) – keine andere Industrienation von weltpolitischem Gewicht steht besser da. Bei uns gilt es als Skandal, wenn ein Richter die Durchsuchung einer Redaktion anordnet oder die Polizei Journalisten illegal abhört.

Es ist auch keine Überraschung, dass weitgehend abgeschottete Diktaturen wie der Iran (PFI: 174), Syrien (PFI: 176) oder Saudi-Arabien (PFI: 163) keine freie Presse und kein freies Internet dulden. Befindet sich die Macht über die Medien in zentraler Hand, können die Machthaber den Informationsstrom nach Belieben steuern – oder versiegen lassen.
Demokratie ist nicht gleich Freiheit
Problematischer sind die Länder, in denen demokratisch gewählt wird und Gesetze eigentlich den Schutz der Presse und der Pressevertreter garantieren sollen. Hier kommt es immer häufiger zu Fällen, in denen gewählte Regierungen unliebsame Journalisten nicht selbst mundtot machen, aber deren Einschüchterung und Ermordung billigend in Kauf nehmen und bestenfalls halbherzig verfolgen. So listet Wikipedia alleine in Russland (PFI: 148) 100 ermordete Journalisten für die ersten Amtszeiten von Wladimir Putin. Der mangelnde Rückhalt seitens der Justiz gilt als zuverlässiger Maulkorb.
Noch dramatischer die Situation in Mexiko (PFI 153), wo ebenfalls mehr als 100 Journalisten dem hoffnungslosen „Drogenkrieg“ zum Opfer gefallen sind. Weil immer weniger Reporter bereit sind, im Kampf gegen Korruption und Schmuggel ihr Leben zu lassen, greift vielerorts eine bedenkliche Form von Selbstzensur: über Morde der Narco-Kartells wird oft gar nicht mehr berichtet.
Bürger-Kriegsberichterstatter statt Leser-Reporter
Dem Rückzug der professionellen, bezahlten Journalisten steht allerdings der Aufstieg einer anonymen Masse an oft privaten „Krisen-Dokumentaristen“ gegenüber, die über Twitter, Instagram und Blogs aus dem Geschehen heraus informieren. Schnell, ungefiltert und an jeder Zensurbehörde vorbei können Missstände dokumentiert werden, bevor die Öffentlichkeit ein offiziell geschöntes Bild präsentiert bekommt. Ist die Kamera zerschlagen, ist der Upload meist schon abgeschlossen.
Ein bemerkenswertes Beispiel für diese mediale Form von zivilem Widerstand gegen das Organisierte Verbrechen ist „Blog del Narco“. Hier wird die eskalierende Gewalt von allen Seiten im Drogenkrieg Mexikos schonungslos angeprangert. Die anonyme Betreiberin gab Anfang April erstmals ein (telefonisches) Interview. Dem britischen „Guardian“ und dem „Texas Observer“ erklärte sie, dass sie froh sei, die Brutalitäten des Jahres 2010 jetzt in einem Buch zusammen gefasst zu haben: „Ich hatte die ganze Zeit Angst, man würde mich umbringen, bevor ich fertig bin.“
NACHTRAG 2025: Das Blog del Narco gibt es nicht mehr.
Wäre man zynisch, müsste man konstatieren, dass wir 2013 keine Ahnung hatten, wie gut es uns und der Pressefreiheit geht. Seither: Fake News, Lügenpresse-Gefasel, ein US-Präsident im Krieg mit der Meinungsfreiheit, massive Einschränkungen in Ungarn, der Türkei, etc. Wir waren doch schon so viel weiter…
Deutschland steht beim PFI aktuell auf Rang 11 – mit Großbritannien folgt die zweite Großmacht erst auf 20. Spitzenreiter aktuell: Norwegen. Schlusslichter: Iran, Syrien, China, Nordkorea, und Eritrea. Wenig überraschend: auch Russland wieder unter den letzten 10, um mehr als 20 Plätze abgerutscht.
Sehr interessant wie du Russland noch 2013 unter den demokratischen Ländern vermutest hat.Kein Vorwurf an dich.Ich hätte dem damals auch zugestimmt.Ich frage mich immer wieder warum man damals nicht klarsichtiger und realistischer das Putin-Regime betrachtet hat.
Haben wir uns in den Obama-Merkel Jahren narkotisieren lassen?
Ich halte diese Aussage auch heute noch für vollumfänglich korrekt:
"Problematischer sind die Länder, in denen demokratisch gewählt wird und Gesetze eigentlich den Schutz der Presse und der Pressevertreter garantieren sollen. Hier kommt es immer häufiger zu Fällen, in denen gewählte Regierungen unliebsame Journalisten nicht selbst mundtot machen, aber deren Einschüchterung und Ermordung billigend in Kauf nehmen und bestenfalls halbherzig verfolgen. So listet Wikipedia alleine in Russland (PFI: 148) 100 ermordete Journalisten für die ersten Amtszeiten von Wladimir Putin. Der mangelnde Rückhalt seitens der Justiz gilt als zuverlässiger Maulkorb."