05
Sep. 2025

Fantasy Filmfest 2025 (3): DOG OF GOD

Themen: Fantasy Filmf. 25, FFF: grün, Film, TV & Presse |

Lettland, USA 2025
Regie: Lauris Abele, Raitis Abele
Sprecher:/Sprecher Jurgis Spulenieks, Kristians Karelins, Einars Repse, Agate Krista, Regnars Vaivars, Armands Bergis, Neze, Tiss, u.a.

Offizielle Synopsis: Der ständig zornige Priester Buckholz legitimiert seine moralisierende Führung durch den Besitz eines Strohhalms aus der Geburtskrippe Jesu. Doch das Relikt verschwindet und nur die ruchlose Wirtin der lasterhaften Ortstaverne kann die Diebin sein! Sie ist schließlich eine Hexe, die mit Satan im Bunde steckt. Beweise lassen sich (er)finden. In diese aufgehetzte Stimmung tritt der alte Werwolf Thies, der ganz besondere Reliquien bei sich trägt: die Testikel des Teufels! Und die haben aphrodisierende Wirkung.

Kritik: Ich bin froh, dass die Inhaltsangabe mir die Sache mit dem Werwolf erklärt – aus dem Film konnte ich das nicht rauslesen.

Die Animationsfilme, die auf dem FFF laufen, sind meist Low Budget-Projekte und Herzensangelegenheiten. Das kann funktionieren, aber auch in die Hose gehen. Bei DOG OF GOD war ich skeptisch, weil Streifen noch dazu aus Lettland kommt, das nicht gerade für seine boomende Animationsindustrie bekannt ist.

Erfreulicherweise kann ich Entwarnung geben, da das Werk der Abele-Brüder sowohl inhaltlich als auch technisch auf überraschend hohem Niveau spielt.

Wenn ich das richtig einordne, dürfte DOG OF GOD mit einer Art CAR (computer aided rotoscoping) entstanden sein, also der Nachzeichnung von Realaufnahmen wie seinerzeit in der ersten HERR DER RINGE-Verfilmung. Die Figuren bewegen sich sehr natürlich und flüssig, auch die Hintergründe und Proportionen wirken authentisch. Teilweise fragt man sich, warum die Macher sich die Mühe über den Zwischenschritt Animation überhaupt gemacht haben – die realen Vorlagen dürften schon sehr nahe an einem überzeugenden Film gewesen sein.

Inhaltlich werden zwar keine Bäume ausgerissen, aber Arthur Millers Theaterstück HEXENJAGD ist auch in dieser Variation unkaputtbar – die junge Frau, die mit ihrem fortschrittlichen Wissen hilft, wird gerade dadurch zur Verdachtsperson und zum Sündenbock für jedes reale und eingebildete Problem. Hexe! Hexe! Hexe!

Die Abele-Brüder füllen diesen bekannten Rahmen mit einer ganzen Sackladung faszinierender bis grotesker Miniaturen, denn Lettland war zu dieser Zeit noch im düsteren Mittelalter gefangen. Es herrscht ein ständige Tauziehen zwischen Adel, Klerus und Bürgerschaft, der Baron ist impotent, der Priester pervers, und einäugige Soldaten sprechen deutsch, was vom 13. bis zum 17. Jahrhundert nicht ungewöhnlich war. Es wird gevögelt, gesoffen, masturbiert, gefressen – alles mit pubertärer Freude "on camera" und sehr detailliert.

Ich hatte meinen Spaß, gerade weil es selten genug Filme gibt, die gewisse Grenzüberschreitungen nicht durchschaubar wegen des vermarktbaren "shock value" präsentieren, sondern einfach "because we thought it would be fun". Man kann DOG OF GOD schlicht nicht böse sein.

Die Verwendung genuin lettischer Folklore wirkt mir allerdings auf die übliche Hexenprozess-Geschichte aufgesetzt – der "Werwolf" hat keine wirkliche Funktion. Man hätte sich vielleicht auch stärker auf einen Protagonisten konzentrieren sollen, statt im Stile eines Sittenbildes immer wieder neue Figuren zu begleiten.

Und ja, Animation ist keine Filmgattung für epische Laufzeiten – weniger wäre vermutlich mehr gewesen.

Aber das sind Niggeligkeiten. Wer sich gut unterhalten und so ziemlich alle Todsünden in einem Film illustriert sehen möchte, der ist hier richtig.

Fazit: Ein mit präzisem Auge für Komposition und Atmosphäre rotoskopierter Animationsfilm, der inhaltlich kein Neuland betritt, mit schierer Chuzpe aber so ziemlich allen Tabus eine Nase dreht. Wäre etwas fokussierter und 10 Minuten kürzer ein 8er gewesen. 7 von 10 Punkten.

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2 Kommentare
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Sergej
Sergej
5. September, 2025 11:45

Bei Rotoscoping fällt mir das ein:
https://www.youtube.com/watch?v=djV11Xbc914

Müsste das erste Musikvideo gewesen sein, was ich bewusst gesehen habe.
Hat jetzt nichts mit diesem Film zu tun, aber wenn ich das Lied nicht mehr aus dem Ohr bekomme, soll es euch nicht besser gehen.

Last edited 5 Monate zuvor by Sergej
Matts
Matts
11. September, 2025 16:29

Möglicherweise der Film mit den meisten errigierten Penissen, den ich bisher gesehen habe!
Ich freue mich definitiv, wenn auch aus Ländern, die seltener vertreten sind, gute Beiträge kommen. Und DOG OF GOD hat Lettland definitiv keine Schande gemacht.
Dieser Film funktioniert wirklich vor allem über die Vibes (wozu Bilder und Musik einen (dis)harmonischen Beitrag leisten) – die Story ist fast schon nonexistent. Oder zumindest wird sehr vieles nicht erklärt. Manche werden sich daran vielleicht stören, aber mir es die Freude nicht verleidet.