Fantasy Filmfest 2025 (23): WELCOME HOME BABY
Themen: Fantasy Filmf. 25, FFF: grün, Film, TV & Presse |Regie: Andreas Prochaska
Darsteller: Julia Franz Richter, Reinout Scholten van Aschat, Gerti Drassl, Maria Hofstätter, Erika Mottl, Linde Prelog, Inge Maux, Gerhard Liebmann u.a.
Offizielle Synopsis: Eigentlich wollte die Berliner Notärztin Judith nur kurz in das Provinzkaff in Niederösterreich zurückkehren, um das geerbte Elternhaus zu verkaufen. Eine Bindung zu dem Ort hat sie nicht, denn Vater und Mutter haben sie als Kind zur Adoption freigegeben. Doch die verschworene, sich äußerst sonderbar verhaltende Dorfgemeinschaft zeigt ein fast obsessives Interesse an der Berlinerin und setzt alles daran, Judith und ihren Mann dort zu halten. Heimgesucht von albtraumhaften Erinnerungsfetzen aus ihrer Vergangenheit, beginnt die junge Frau dem Geheimnis der Gemeinde immer näherzukommen.
Kritik: Der Prochaska ist nicht nur einer der guten, sondern auch massiv unterschätzten Regisseure Österreichs. In einem anderen Umfeld wäre der längst ein Star und würde die ganz großen Epen inszenieren. Sein DAS FINSTERE TAL war ein herausragender Alpen-Western mit spektakulären Bildern:
Für seinen neusten Kinofilm hat Prochaska lange nach seinem Thema gesucht – und es während Corona mit der Frage "wie sehr sind wir an unsere Blutlinie gebunden?" gefunden. Weil er damit nicht wirklich weiter kam, hat er sich zwei Drehbuchautoren als kreative Booster hinzu geholt.
Vielleicht liegt es daran.
Keine Frage: WELCOME HOME BABY ist ein echter Grusler in einer Zeit, die das gruseln verlernt hat, die Filme nur mit Horror oder Thrill oder Psycho füllt. Er findet im scheinbar Alltäglichen das Unheimliche, arbeitet mit liminal spaces und für die Protagonistin verwirrenden Zeitsprüngen. Wer meinen Beitrag zum "female horror" gelesen hat, wird viele der dort definierten Eckpunkte hier wiederfinden.
"Meisterhaft" ist ein Attribut, das ich wirklich selten in dem Mund nehme, aber auf Prochaskas Arbeit und die Leistungen seiner Schauspieler trifft es zu. Inszenatorisch spielt WELCOME HOME BABY in einer ganz eigenen Liga. Er deutet an, er lässt aus, ohne dabei unvollständig oder verwirrend zu wirken.
Das macht es umso schmerzhafter, dass jeder Zuschauer mit einer Grundbildung in Sachen Horrorfilm augenblicklich die Vorbilder und damit eben auch die Stoßrichtung des Film identifizieren kann. Im Saal wurde von ROSEMARY’S BABY meets MIDSOMMAR gesprochen, ich würde auch ROSEMARY’S BABY meets DER FLUCH gelten lassen.
Man ahnt, was kommt – und es kommt.
Das nimmt WELCOME HOME BABY spürbar den Impact, auch weil man die gesamte Laufzeit hofft, Prochaska würde das noch drehen, würde der abgestandenen Idee einen frischen Twist geben. Er tut es nicht.
Es kommt selten genug vor, dass ich von einem Film zum Nachspann gleichermaßen begeistert und enttäuscht bin. Das war hier der Fall.
P.S.: Großartige Musikauswahl, u.a. das hier:
BILD DES TAGES
Der Berliner kritzelt und klebt gerne:
Hier bin ich über Deine Bewertung nach dem vorherigen Text doch sehr verwundert. Wenn der Film wirklich so vorhersehbar und überraschungsarm ist, wie erwähnt, kann er inszenatorisch noch so stark sein : Er würde von mir maximal 7 Punkte bekommen.
Die Punktewertung ist nicht immer direkt aus den Details der Kritik zu ziehen.
Für "Das finstere Tal" hat Prochaska den ebenfalls sehr eindrucksvollen, gleichnamigen Roman von Thomas Willmann verfilmt. Wie ich bei Wikipedia lese, hat er in der Zwischenzeit viel für das Fernsehen gearbeitet und das ist jetzt offenbar seine späte Rückkehr auf die Kinoleinwand. Wenn dieser Film hier offenbar auch wieder so gut ist, ist es echt schade, dass er nicht mehr für das Kino macht.
Ich war auch sehr gut unterhalten. Atmosphärisch dicht und großartig gespielt!
Ich schätze, ich war nach NIGHTMARE BUGS auch wieder froh, einen Film mit nachvollziehbarer Handlung zu haben, ohne das alles zu Tode erklärt wird.
Obwohl man meinen sollte, dass ich als "Ösi" schon allein aus patriotistischen Gründen geneigt wäre, den mindestens so sehr zu mögen wie du, muss ich sagen, dass ich ihn zwar insgesamt schon ziemlich gut fand, aber eher auf 7 statt 9 von 10 möglichen Punkten sehe. Ich fand vor allem das erste Drittel fantastisch; nicht zuletzt in der Art und Weise, wie er die insbesondere am Land dominierende österreichische Höflichkeit als das entlarvt, was sie ist: Aufgesetzt und falsch. Auch die in einem vermeintlich freundlichen Kommentar verpackten Sticheleien (auch das können wir ausgezeichnet) bringt er perfekt zur Geltung. Darstellerisch war der durch die Bank super. Die Kameraarbeit – insbesondere von den Bildern und den -fahrten her – auch fantastisch. Und insbesondere den Schnitt fand ich famos. In meinen Augen hat er aber deutlich stärker aufgehört, als er begonnen hat. Mir blieb hier auch vieles zu vage; darunter auch einige Fragen, wo ich unterstelle, dass die nur deshalb nicht beantwortet wurden, weil die Macher selbst keine vernünftige Antwort darauf hätten geben können. "Das finstere Tal" und die beiden "In drei Tagen bist du tot"-Filme würde ich da definitiv nochmal drüber einordnen. Trotzdem cool, dass Prochaska zurück (im Kino) ist; hoffentlich müssen wir nicht wieder mehr als zehn Jahre auf seinen nächsten Film warten.
Jein. Prochaska hat in der Videobotschaft erklärt, dass es ihnen wichtig war, nicht alles zu erklären, sondern nur ein Gefühl zu erzeugen, dass es stimmig sein könnte. Das fand ich legitim. Mein Problem war letztlich nur die Offensichtlichkeit der "Pointe".