Fantasy Filmfest 2025 (17): ANGEL’S EGG
Themen: Fantasy Filmf. 25, Film, TV & Presse |
Regie: Mamoru Oshii
Sprecher: Mako Hyôdô, Jinpachi Nezu, Keiichi Noda
Offizielle Synopsis: Ein kleines Mädchen lebt in einer verfallenen Zukunftswelt. Mit wehenden weißen Haaren, bleichem Teint und traurigem Blick bewegt sie sich durch die verlassenen Straßen. Unter ihrem Kleid bewahrt sie ein kopfgroßes Ei. Was darin heranwächst, ist ihr Geheimnis. Und das verrät sie nicht einmal dem jungen Wanderer, dem einzigen Menschen, der ihr immer wieder begegnet.
Kritik: Wie unschwer zu erkennen ist, handelt es sich bei ANGEL’S EGG um einen älteren Film, der – ähnlich wie MERMAID LEGEND im vergangenen Jahr – einen neuen Release (von KSM) bekommt und deshalb in einer schön rekonstruierten Fassung zur Verfügung steht.
Der Background ist etwas kompliziert: Regisseur Mamoru Oshii ist primär für die späteren Anime-Hits GHOST IN THE SHELL und PATLABOR bekannt, aber auch für die japanisch-polnische Ko-Produktion AVALON, die auf dem Fantasy Filmfest 2002 lief. Hierzulande kennt man ihn u.a. durch die Kinderserie NILS HOLGERSSON, die 1982 in der ARD ausgestrahlt wurde.
ANGEL’S EGG hingegen wurde in der nun vorliegenden Form außerhalb Asiens kaum veröffentlicht – stattdessen produzierten ein paar Amerikaner Realfilmszenen und kombinierten diese mit Teilen von Oshiis Anime zu einem gänzlichen neuen Film, der 1989 auf Video als AFTER RABBIT erschien. Ein perverses frankenstein’sches Monster von einem Film, das ich damals auf VHS gesehen und zutiefst verachtet habe.
Andererseits ist durchaus verständlich, dass ANGEL’S EGG in der ursprünglichen Fassung keinen Siegeszug um die Welt antreten konnte. Er ist weniger ein handlungsgetriebener Film als eine visuelle und aurale Erfahrung, eine Aneinanderreihung prächtiger, schockierender, beunruhigender Bilder mit orchestralem Soundtrack. Viele religiöse Anspielungen werden gemacht, ohne auf irgend etwas hinaus zu laufen. Es gibt keinen Quest, keine Motivation, keine Beziehungen. Es gibt das Mädchen, den Wanderer – und das Ei.
Es gibt Menschen, denen ist das genug, weil sie sich an Bildern und Musik besaufen können, bis nicht mehr die Handlung, sondern der Rausch sie durch die Laufzeit trägt. Ich bin keiner von denen. So schön es anzusehen ist und so sehr es sich im Kino genießen lässt – ANGEL’S EGG wird je nach persönlicher Schmerzgrenze nach 10, 20, oder 30 Minuten eine Geduldsprobe und ist sogar mit knappen 65 Minuten (ohne Credits) eine Herausforderung für das Sitzfleisch.
Immer, wenn hypnotische Bilder und faszinierende Kompositionen ködern, hofft man auf irgendwas, das nun passiert, irgendwas, das eine Handlung in Gang bringt. So viele Andeutungen, so viele Ansätze – und doch: nichts.
Fazit: Ein surrealer Anime von poetischer Schönheit und wuchtigem Soundtrack, der als meditatives Non-Kino eher Leute anspricht, die bekifft Konzeptalben der 70er hören und dabei versuchen, Cover alter Schwermetall-Comics zu entschlüsseln. Somit nicht bewertbar, egal ob mit Punkten oder einer Ampel.
BILD DES TAGES
In Berlin wird immer demonstriert – wenn nicht für etwas, dann gegeneinander:
Das Erstlingswerk von Mamoru Oshii! Das ist etwas, das ich mir als gestandener Anime-Fan auf keinen Fall entgehen lassen konnte!
Hier zeigt der Mann bereits, was sich durch alle späteren Filme ziehen sollte: Die Bilder haben Priorität, die Story ist zweitrangig. Genau genommen treibt er das hier sogar auf die Spitze. Ich nehme es gerne mit als Erinnerung daran, was passionierte Zeichner von den Zeiten von CGI alles leisten konnten.
Aber ich würde ihn mir wohl nicht nochmal ansehen.