Warum sind Musicals so scheiße?! Eine uncharmante Neubewertung
Themen: Neues |Der Titel dieses Beitrags ist natürlich reine Provokation – wer mich kennt, der weiß, dass ich Musicals liebe. Ich bin mit Fred Astaire und Gene Kelly aufgewachsen. Ich habe den Village People-Film CAN’T STOP THE MUSIC ebenso überlebt wie XANADU und THE APPLE. Mein erster Besuch in London Ende der 80er führte mich in eine Performance von SUNSET BOULEVARD mit Patti LuPone. RENT? Check. GREAT BRITISH BAKE OFF – THE MUSICAL? Check.
Das ändert aber nichts daran, dass es "rewatches" der großen Musical-Blockbuster sind, die mich zu einer Neubewertung zwingen. Es scheint, dass gerade Musicals nicht nur auf Story und Charakterentwicklung pfeifen, sondern diese aktiv vom Platz verweisen. Man suhlt sich in der eigenen Doofheit.
An diesem Wochenende ist es wieder einmal passiert und ich nutze die Gelegenheit für einen Rundumschlag.
GREASE – SCHMIERE
Fangen wir mit GREASE an, einem Musical, das ich vor ein paar Jahren an einem Strand auf Ibiza auf den Wunsch der LvA wieder gesehen habe:
Meinung 1985? Ein bisschen albern, aber mit viel Schmiss erzählt und mit Olivia Newton-John eine Herzensbrecherin für brave Jungs in der Hauptrolle. Aber Alter, der Travolta kann wirklich gar nicht singen.
Meinung 2025? Unerträglicher Quatsch mit einem Soundtrack, der bis auf die extra für den Film zugekauften Songs total nach hinten losgeht. Mit Olivia Newton-John eine Herzensbrecherin für brave Jungs in der Hauptrolle. Aber Alter, der Travolta kann wirklich gar nicht singen.
Die Darsteller waren in den 20ern, sahen aber aus wie in den 30ern – und spielen die vermutlich unglaubwürdigsten Teenager diesseits von Pornos und Slasherfilmen. Stockard Channing war sogar schon 33. Schaut euch einfach mal das Vorschaubild vom Trailer an – sahen so 18jährigen Schülerinnen außerhalb der SCHULMÄDCHEN-REPORTs aus?!
Aber das hätte ich alles noch durchgewunken, wenn die Story nicht so cringe wäre. Danny hat sich im Urlaub in Sandy verknallt – warum sie aus der Ferienliebe keine Fernbeziehung gemacht haben, bleibt nebulös. Dann taucht Sandy an Dannys Schule auf, denn ihre Familie ist von irgendwoher genau hierher gezogen, was Sandy ja eigentlich schon im Urlaub gewusst haben musste ("hey geil, wir ziehen demnächst in euren Ort, dann gehen wir in die gleiche Schule!"). Was genau Danny und Sandy davon abhält, die Beziehung wieder aufzunehmen? Sie ist zu brav. Die Moral des ganzen Musicals: Mädels müssen wie Schlampen auftreten, um ganze Kerle zu verdienen (als ob dieser Danny ein "ganzer Kerl" wäre).
Die Nebenfiguren sind miserabel entwickelt, der ganze Plot um Rizzos Schwangerschaft würde zehnmal mehr Sinn ergeben, wenn Kenickie der Verantwortliche wäre. Aber nein, darauf scheint niemand zu kommen.
Hinzu kommt, dass der Film auch noch extrem holperig inszeniert ist und die Kulissen nie nach mehr als Kulissen aussehen. Man muss schon schwer von der Musik begeistert und/oder in Olivia verknallt sein, um das durchzustehen.
DIRTY DANCING
Die LvA (und eine ehemalige Tanzpartnerin) wird mich schlagen, aber – der geht auch gar nicht mehr. Und genau genommen ging er schon damals nicht. Und damit meine ich nicht, dass DIRTY DANCING als klassischer "chick flick" ordentlichen Jungs eher gepflegtes Gähnen abringt als groovende Begeisterung.
Genau genommen ist das natürlich kein Musical, sondern ein Musikfilm (weil die Figuren im Film nicht singen), aber sei’s drum.
Meinung 1990? Eine federleichte Romanze vor einem gut in Szene gesetzten historischen Background (vorwiegend jüdisch besuchte Urlaubsorte – siehe auch MISS MAISEL), vorangetrieben von charismatischen Stars und einem großartigen 80er Jahre-Soundtrack. The time of my life, indeed. Ein BRAVO-Blockbuster.
Meinung 2025? Ein bestenfalls mit dem Holzhammer inszeniertes Kitschstück, dessen Verve die komplett absurde Story nicht auffangen kann, die einen immer wieder aus dem Geschehen reißt, wenn man vergessen hat, das Hirn abzuschalten.
Man darf wirklich nicht versuchen, Logik oder plausible Emotionen bei DIRTY DANCING zu finden. Wozu genau dieser Tanzwettbewerb dient, auf den alles hinausläuft? Wieso Johnny angesichts eines Freundeskreises aus Profitänzern ausgerechnet Baby als Partnerin braucht? Nichts macht auch nur einen Furz Sinn.
Hinzu kommen die ganzen moralischen Fragen. Vielleicht ist es eine Frage des Alters, aber ich kann Papa Houseman verstehen, dass er seine siebzehnjährige Tochter "Baby" nicht mit einem umher reisenden Tanzlehrer pimpern sehen will. Und sein Segen am Schluss macht das nicht besser. Hier wird die "das ist halt wahre Liebe!"-Nummer weit über ihre Erträglichkeit strapaziert.
MAMMA MIA!
Das ist das Musical, um das es eigentlich heute geht. Abba sind sakrosankt, keine Frage. Ich habe die Show in London zweimal gesehen, am Ende stand das Publikum auf den Stühlen und hat mitgesungen. Von vorne bis hinten Klassiker. Der Film hat mir und meiner damaligen Freundin super gefallen, wir haben ihn sogar ihren Eltern auf DVD zu Weihnachten geschenkt.
Meinung 2010? Ein perfektes Sommer-Musical mit viel Herz, und großartiger Musik. Aber Alter, der Brosnan kann ja wirklich gar nicht singen. Der hat die Lizenz zum Tröten. 007, bleib bei deinen Leisten.
Meinung 2025? Ein empörend schlecht inszenierter Film, der mehr von Szene zu Szene stolpert, als eine Geschichte zu erzählen. Die Integration der Songs wirkt noch brüchiger als bei der Bühnenfassung und eine unsägliche Menge der Laufzeit wird an feminines Gekreische und Gekicher verschwendet, das massiv nervt und den Film für Männer fast unerträglich macht. Die Frauen werden hier durch die Bank derart verkitscht und herzgesteuert dargestellt, dass die EMMA-Redaktion dagegen protestieren müsste. Das hat Liebesroman-Niveau.
MAMMA MIA! ist ein durch und durch verlogener und völlig unlogischer Film, der ständig von Sex redet, ihn aber verschämt offscreen hält (dot…dot…dot…). Er feiert, dass Donna in ihrer Jugend offensichtlich begeistert rumgebumst hat und offensichtlich nie eine Notwendigkeit sah, den Vater ihrer Tochter zu ermitteln und zu informieren. Die Chronologie wird zeigen, dass Donna dabei nicht nur mangels Verhütung eine ungewollte Schwangerschaft in Kauf nahm, sondern auch AIDS für sich und ihre Partner.
Tochter Sophie bindet den Wunsch nach Ehe unglaubwürdig an den Wunsch, auf der Insel zu bleiben – als sie sich mit ihrem Verlobten zu einer Weltreise entschließt, wird die Hochzeit gleich wieder abgesagt.
Auch hier sind die Nebenfiguren miserabel konstruiert: die "Romanze" von Bill und Rosie wird an keiner Stelle vorgearbeitet und ist im Ergebnis unfassbar cringe. Auch die Erkenntnis, dass Harry homosexuell ist, wird zum Finale aus dem Hut gezaubert, damit die Figur irgendeinen Abschluss bekommt. In keiner TV-Serie käme man mit so einer Magermilch-Charakterisierung durch.
Technisch ist das wirklich finster – reale Aufnahmen aus Griechenland wechseln sich mit Studiobauten des Hotels in Pinewood/London ab, was so auffällig ist wie ein 15 Meter großer Goldfisch auf der Autobahn. Es wird nicht mal der Versuch gemacht, einen visuell einheitlichen Look hinzubekommen. Den Begriff "Märchenwirklichkeit" lasse ich dafür nicht gelten, denn gerade angesichts der Bühnenherkunft des Musicals wäre eine naturalistische Präsentation ein ideales Unterscheidungsmerkmal gewesen.
Ich hadere weiter mit der Besetzung. Pierce Brosnan ist nur wegen Starpower und Charisma dabei, Donna wäre mit Cybill Shepherd auch stimmlich überzeugender gecastet gewesen (Cybill and Maryann – back together!), und so sehr ich Julie Walters mag – das alternde Showgirl nehme ich ihr nicht ab. Amanda Seyfried hingegen war die wirkliche Entdeckung des Films und überstrahlt fast alles. Interessant aber, dass mir erst diesmal aufgefallen ist, dass Sophies Verlobter Sky von einem jungen Dominic Cooper (CAPTAIN AMERICA, PREACHER) gespielt wird!
Den Nagel wirklich drauf macht allerdings die fiktionale Timeline, die in einem Maße "leck mich doch!" brüllt, dass man sich nur am Kopf kratzen kann.
Also: Die Affäre von Donna und Bill fiel explizit in "die Zeit der Flower Power". Das wären die späten 60er gewesen. Die Affäre von Donna und Harry wird durch den Verkauf seines Johnny Rotten-T-Shirts festgenagelt, kann also nicht vor 1977 stattgefunden haben. Bei Donna und Sam legt der Film sich nicht fest, die alten Fotos (Mode und Schnäuzer) lassen allerdings die frühen 70er vermuten.
Blöd nur, dass alle drei Affäre in EINEM Sommer stattgefunden haben sollen – weshalb Donna ja nicht weiß, wer Sophies Vater ist. Geht man davon aus, dass MAMMA MIA! in der Gegenwart von 2008 spielt, dann wurde Sophie 1988 geboren. Nix Flower Power, nix Punk – rickrolled!
Es fasziniert mich, dass es allen Beteiligten anscheinend komplett egal war, dass hier nix zu nix passt. Köpfe müssten rollen.
Es lässt sich allerdings nicht bestreiten, dass MAMMA MIA! dank der unkaputtbaren Musik immer noch für einen prima Abend im Open Air-Kino im Olympiapark München gut ist – und genau da habe ich ihn auch gesehen:
Bei dem Film kam es auch zu merkwürdigen Ansätzen des Mandela-Effekts: Sowohl die LvA als auch ich hätten Stein und Bein geschworen, dass Brosnan in der ursprünglichen Version des Kinofilms (glücklicherweise) erheblich weniger Songs singt und dass die Romanze von Bill und Rosie deutlich früher angedeutet wird. Aber ein Blick ins Internet hat uns belehrt: das war schon immer so (schlecht), wie wir es am Wochenende gesehen haben. Meine einzige Erklärung: Wir haben Erinnerungen an das Londoner Musical und den Film vermischt.
Sind die von mir aufgezeigten, immer ähnlichen Schwächen konzeptimmanent? Mag sein. Musicals sind per Definition eine Aneinanderreihung von Songs, denen sich alles unterwerfen muss. Bei Kino-Adaptionen kommt hinzu, dass wegen der Starpower nicht immer der die Rolle bekommt, der am besten singen kann. Die Restriktionen der Bühnen-Inszenierung werden oft genug nicht ausreichend aufgehoben und die Settings wirken weiterhin beschränkt und erzwungen.
Das Hauptproblem scheinen mir nach den Drehbüchern allerdings die Regisseure zu sein. Schauen wir uns die drei Fälle mal an:
- Randall Kleiser (GREASE) hat nach dem Musical eine bestenfalls mäßige Karriere hingelegt und sein bekanntester Film ist die mitterweile schwer zu rechtfertigende Teenager-Sex-Kitsch-Romanze DIE BLAUE LAGUNE
- Emile Ardolino (DIRTY DANCING) war ein Regisseur mit Tanz- und Theater-Background, was dem Musical gut tut, ihn aber nicht als Experten für Drama oder Comedy ausweist. Was aus ihm geworden wäre, lässt sich nicht sagen, da er mit gerade mal 50 an AIDS verstorben ist
- Phyllida Lloyd (MAMMA MIA!) kommt vom Theater und das merkt man dem Film auch an. Sicher auch dank Meryl Streep war ihr einziger weiterer "großer" Kinofilm THE IRON LADY, ein Biopic über Margaret Thatcher.
Ich will keinem dieser Regisseure ihr Talent absprechen, glaube aber, dass gerade vom Kino geprägte Non-Musical-Regisseure hier geholfen hätten, die größten Defizite in Sachen Story und Inszenierung auszubügeln.
Aber was weiß ich schon? Vielleicht bin ich auch nur ein alter Mann, der im Herbst nicht mehr genießen kann, was ihn im Frühling verzückt hat. Kann sein!
P.S.: Leckeres Giveaway im Olympiapark-Kino:
Gut analysiert … ich sage schon seit immer eigentlich, dass das einzige gelungene Musical im Film "Das Dschungelbuch" von 1967 ist: die Songs sind durch die Bank gut, mitsingbar und bremsen nicht die Handlung aus. Leider hat Disney das nie vorher und nachher wieder so gut hingekriegt.
Da kontere ich mit "Little Shop of Horrors".
True.
Wenn wir schon bei Disney sind. Was ist mit "Mary Poppins"?
Gibt es vom unsäglichen Mamma Mia nicht sogar noch einen zweiten Teil?
Abseits von den Disney-Klassikern und Dr. Horribles Sing-a-long Blog kann man mich mit dem Genre aber eh jagen.
Obwohl ich immer noch überlege, dem
Evil Dead – Musical nächstes Jahr eine Chance zu geben…
Ich bin ja großer (Bühnen-)Musical-Fan, aber bei den dreien kann ich Dir uneingeschränkt zustimmen.
Grease hat allerdings eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Musikalisch war es nie richtig top, aber die ursprüngliche Bühnenversion in Chicago war deutlich wilder, vulgärer und böser als der Film: Abrechnung mit und Parodie auf die damals aufkommende 50er-Jahre-Nostalgie. Das wurde z.T. schon glattgebügelt, als es von kleinen Off-Bühnen zum Broadway ging, und spätestens mit der Filmfassung wurde das Musical dann genau zu dem Kitsch, den es ursprünglich aufs Korn genommen hatte.
Dirty Dancing lass’ ich mal aus dem Grund außen vor, den Du schon genannt hast: ist ja letztlich kein Musical.
Und Mamma Mia leidet an dem typischen Jukebox-Musical-Syndrom: Man hat einen Haufen existierender Songs inklusive Text, um die herum dann eine mehr oder weniger hanebüchene Handlung gestrickt wird, die dazu dient, die Lieder irgendwie zu rechtfertigen. Schlimmstes Beispiel ist das Queen-Musical "We Will Rock You", bei dem man beim Zuschauen fühlt, wie sich die eigenen Gehirnzellen verabschieden.
Der einzige Song in den beiden Mamma Mia-Filmen, der für mich dramaturgisch funktioniert, ist "I’ve Been Waiting For You" in Teil 2, und das ist bezeichnenderweise die einzige Nummer, bei der ein neuer, zur Handlung passender, Text geschrieben wurde.
Ich bin generell aber kein Fan von Film-Musicals. Selbst gute Vorlagen werden meist ziemlich verhunzt. Da gucke ich lieber professionelle Mitschnitte von Live-Inszenierungen; insbesondere mit den Original-Casts, denen die Rollen auf den Leib geschrieben wurden. Sehr gut sind etwa die Broadway-Versionen von "Into The Woods" oder "Sweeney Todd" (beide Stephen Sondheim, die Disney-Filmfassungen sind jeweils nicht empfehlenswert) oder "Pippin" (Stephen Schwartz).
Die profitieren dann natürlich auch davon, dass Theater von Haus aus artifizieller ist und man mit einer anderen Erwartungshaltung an den Stoff herangeht als bei einem Film.
Ich stehe Musicals immer offen aber kritisch gegenüber. Mich haben Musicals (Theater oder Film gleichermaßen) stets nur dann mitgenommen, wenn die Songs für das Gezeigte geschrieben wurden. Wenn es die Songs gab und drumherum eine Handlung gestrickt wurde, dann ging das eigentlich in allen mir bekannten Fällen schief. ABBA, Queen, Udo Jürgens, …. Eine Ausnahme habe ich neulich kennengelernt, auch wenn nicht explizit als Musical angelegt, aber schon sehr nah heran kommt – und es passt nur bedingt, weil die Handlung nicht um die Songs gestrickt wurde, sondern diese in eine bestehende Geschichte integriert wurde: https://blog.s-man42.de/2025/07/07/leben-ist-toedlich-die-raeuber/
Als eine tolle Film-Umsetzung eines Musicals empfinde ich im Übrigen Das Phantom der Oper von 2004. Das Musical Tanz der Vampire liebe ich, auch wenn es eine Filmadaption ist. Aber auch hier wurden die Songs (mehr oder weniger) letztlich für die Bühne und nicht vorher schon für die Leinwand geschrieben (ja, ich weiß, dass sehr viele Melodien bis ganze Songs bereits früher existierten, aber sie wurden dann textlich angepasst oder komplett neu arrangiert, damit es passt).
Bei den Disney-Musicals bin ich auch kritischer. Viele Disneyfilme taugen als "Musical" sehr gut, und aus meiner Sicht nicht nur Das Dschungelbuch. Aber die Bühnenadaptionen sind im besten Fall eher mäßig.
Fakt ist: Einfach Songs einer Band nehmen und dann irgendwie versuchen, eine Handlung draus zu stricken funktioniert für mich nie.
Ok, verzeiht die konfusen, ungeordneten Gedanken, der Film geht gleich los 😀
Genau. Das sind die sogenannten "Jukebox Musicals", und die sind fast immer eine Zumutung.
In Sachen Disney: Die großen Anmationsfilme seit der sogen. Disney Renaissance (d.h. ab Arielle) hatten i.d.R. erfahrene Broadway-Komponisten und -Teter an Bord und folgen an vielen Stellen ganz klassischer Musical-Dramaturgie. (Die dann ja etwa bei Frozen auch bewusst unterwandert wird, wenn
Ich hab mir noch keine der Bühnenfassungen der Disney-Filme angetan, aber sie sollen wohl von sehr unterschiedlicher Qualität sein. Die besten Kritiken hat m.W. The Lion King bekommen, das sich wohl auch optisch am meisten vom Film emanzipiert und den Stoff fürs Theater aufbereitet, statt einfach nur mit Kostümen den Look des Films zu imitieren.
Die Produktion ist mega-erfolgreich und auch das Meisterstück der Regisseurin Julie Taymor, die andererseits auch für die katastrophale Spider-Man-Adaption "Turn Off The Dark" sowie das grausam verkitschte Beatles-Jukebox-Filmmusical "Across The Universe" verantwortlich war. (Letzteres ist die Art von Film, in dem Figuren "Lucy" oder "Sadie" heißen, damit es einen Grund gibt, irgendwo "Lucy in the Sky with Diamonds" und "Sexy Sadie" als Lieder einzubauen.)
Als bekennender LionKing-Filmfanatiker kann ich sagen: Ja, das Musical ist ganz ok aus den von dir genannten Gründen. Man muss dann wissen, was man will: Das Musical ist deutlich erwachsener, inhaltlich dramatischer und der Witz des Films fehlt. Das ist für mich in Ordnung, aber eben nicht mehr. Die restlichen Musicals laufen für mich tatsächlich unter "zu vernachlässigen", vor allem Aladdin ist wirklich sehr gruselig trotz guter Vorlage.
Danke für den "Mamma Mia!"-Verriss! Der Film hat mich damals, als ich ihn gesehen habe so unfassbar und unverhältnismäßig wütend gemacht, dass ich mich bis heute nicht davon erholt habe.
Die Macher des Musicals haben ja die hübsche Legende, bemerkt zu haben, dass diverse ABBA-Songs in der richtigen Reihenfolge eine fortlaufende Geschichte erzählen. Das fand ich toll und charmant … und dann sehe ich den Film, wo es eben absolut NICHT klappt, Songs und Handlung sauber zu verbinden. Da fühlte ich mich persönlich reingelegt, daher seitdem mein Hass.
Musicals an sich mag ich auch, aber eher aus der düsteren Ecke. "Heathers" dürfte mein Liebling sein und ich wage zu behaupten, dass das dem Film erzählerisch sogar weit überlegen ist. Wünschen würde ich mir, dass sie das dann auch nochmal verfilmen würden, aber ich habe den starken Verdacht, dass es daneben ginge.
Als Fan der großen Musicals der 80er und 90er würde mich dann doch ein weiterer Blog mit deiner Meinung zu den Verfilmungen von Phantom der Oper (2004), Les Misérables (2012) und Cats interessieren. Gerade weil dies keine Musikfilme bzw. Jukeboxmusicals sind. Als Klassiker und als Film bekannter als die Bühnenversion werfe ich auch noch die Rocky Horror Picture Show als so gut wie sakrosankte Umsetzung in die Runde.
Zur 2019er-Fassung von Cats gibt es diese sehenswerte Analyse, die sich trotz des Titels nicht nur auf die Musik bezieht: https://youtube.com/watch?v=i3aK-EK5V2k (Leider mussten viele Hörbeispiele aus Copyrightgründen entfernt werden, aber das Video funktioniert zum Glück trotzdem noch.)
Rocky Horror ist tatsächlich grandios. Schade finde ich nur, dass sich praktisch alle darauffolgenden Bühnen-Produktionen sehr stark am Film orientieren. Ursprünglich war das Stück anarchisch und spontan, jetzt verkommt es oft zur ritualisierten Imitation der Filmfassung.
Was natürlich auch daran liegt, dass der Film so gut gelungen ist.
Kleiser hat u.a. noch DER FLUG DES NAVIGATORS gedreht, der heute doch so einigen Kultstatus innehat (besonders in den USA). Der Mann hätte durchaus eine größere Karriere haben können, wenn (ja, wenn das Wörtchen wenn nicht wäre) der Mann nicht offen schwul und AIDS-Aktivist gewesen wäre. Was halt in den 80ern beides für Mainstream-Hollywood um einiges schwerer zu schlucken war, als es heute der Fall wäre. Auf sein Konto geht auch mein – neben Christopher Ashleys JEFFREY – mehr oder weniger "Lieblingsfilm" zu dem Thema – IT’S MY PARTY.
Ardolino hätte wahrscheinlich eine gute Karriere als Journeyman-Regisseur á la Chris Columbus gehabt. Ich habe erst letztens nochmal CHANCES ARE (aka EIN HIMMLISCHER LIEBHABER, was für ein Scheisstitel) mit Robert Downey jr und Cybill Shepard gesehen. Handwerklich korrekt, das Gefühl für die richtigen Story-Beats, aber halt nichts weltbewegendes.
Zu den Filmen:
GREASE – als Musical selbst immer noch über alle Zweifel erhaben. Die Live-Version von FOX vor ein paar Jahren (als sie auch u.a. RENT live brachten) war klasse, auch wenn die Besetzung mit Vanessa Hudgens, Julianne Hough und Keke Palmer mit Mitte/Ende 20 auch schon wieder ein wenig zu alt war. Aber die sahen immer noch um Jahrzehnte jünger aus als die damals ähnlich alten Stockard Channing und Michael Tucci. Der Film hingegen… vor ein paar Jahren nochmal die Original-Synchro auf 35mm gesehen, und so sehr der Film immer noch Spaß macht – er ist schon eeeeeextrem cringeworthy…
DIRTY DANCING – Heute wie damals ein ziemlich zwiegespaltenes Vergnügen. Unterhaltsam – ja. Soundtrack – perfekt Aber auch extrem spiessig. Klar, der Film spielt in den frühen 60ern, aber das Teil ist halt aus den 80ern, weshalb er mir doch ein wenig zu moralinsauer und altbacken rüberkommt. Und – was mir als Teenager nie aufgefallen war – man merkt in vielen Szenen, dass sich Patrick Swayze und Jennifer Grey niiiicht so wirklich leiden konnten…
MAMMA MIA! – Dreck. Einfach nur Dreck. War Dreck, ist Dreck. Das cineastische Äquivalent einer Bachelorette-Abschiedsparty. Man kann den Prosecco und das zu dick aufgetragene Parfüm aus’m Douglas umme Ecke förmlich riechen (und schmecken. *Würg*). ABBA – immer noch Ohrwurm. Der Film? Getrocknete Krümmelkacke aus dem Schamanendiscount. Für das Sequel haben alle Beteiligten wässrigen Durchfall verdient.
Ich bin, vor allem was DIRTY DANCING betrifft, deiner Meinung. Allerdings: Non-Musical-Regisseure für Musicals sind bestimmt nicht empfehlenswert. Letztlich bleiben die Gesangs/Tanznummern ja im Gedächtnis. Ich möchte nicht wissen was Non-Musical-Regisseure aus diesen beiden Stücken gemacht hätten:
https://youtu.be/pyMU8O2B2Vs?si=Q8fUz-2A_DJC4av9
https://youtu.be/DSSlWfOCgLw?si=P7UdCfB-9Cd-omVb
Debbie Reynolds bzw Suzanne Charny bedurften der Unerbittlichkeit eines perfektionistischen Regisseurs/Choreographen um dieses zu leisten.
Das Ergebnis sind Aufnahmen für die Ewigkeit.
Naja, ich sehe da kein wirkliches Problem drin, dafür gibt es ja Choreografen. Ist bei Actionfilmen ja inzwischen genauso, kaum einer kommt noch ohne Action-Coordinator aus.
John McPhail hatte ja auch keine Ahnung von Musicals, hat aber mit ANNA AND THE APOCALYPSE für ein paar Euro Fünfzig einen großartigen Film abgeliefert. Die Choreos (und das Singtraining der größtenteils Erstlingscast) gingen alle auf das Konto von Sara Swire (die auch eine der Hauptrollen spielt).
https://www.youtube.com/watch?v=0xAk8h4z4lA
Bin schon ein bisschen überrascht, dass Musicals wie "Les Misérables", "Elisabeth", "Miss Saigon" oder "Mozart!" nicht mal erwähnt werden. Erwartet man unter dem Begriff "Musical" inzwischen tatsächlich eher Schlager als Unterhaltung? 😐
Ich kann natürlich nicht für den Hausherrn sprechen, aber ich hab den Artikel als subjektive, mehr oder weniger zufällige Auswahl von Werken verstanden, die der Wortvogel von früher kannte, und die er jetzt mal einer persönlichen Neubewertung unterzogen hat.
Generell ist das Musical-Genre ja sehr breit gefächert, von Vaudeville-inspirierten Nummernrevuen (z.B. Anything Goes) bis hin zu relativ verkopften, intellektuellen Stoffen (z.B. Sunday in the Park with George) oder Werken, die die Geschichte des Genres aufnehmen und dekonstruieren (etwa Pippin oder Chicago).
Im deutschen Sprachraum hat sich neben den Jukebox-Musicals allerdings vor allem das Mega-Musical Lloyd-Webberscher-Prägung durchgesetzt: Musical als großes Event mit vielen Schauwerten und ohrwurmiger Musik, das dann über Jahre hinweg als Ziel von Busladungen von Touristen etabliert werden kann. (Stadt- und Landesbühnen bieten da häufig spannenderes, aber das kriegt man meist nur mit, wenn man im entsprechenden Einzugsbereich wohnt.)
Danke. Exzellent zusammengefasst.