31
Aug. 2025

Talking Tallinn

Themen: Neues |

Ich hatte es angekündigt – ein Teil unserer Finnland-Reise steht noch aus. Weil es genau genommen nicht um Finnland geht, sondern um Estland. Es lässt sich kaum bestreiten, dass ein Tagesausflug in die estnische Hauptstadt zu den Highlights gehört, die man unter "must see" vermerken sollte.

Das gestaltet sich günstiger und zugleich luxuriöser, als man sich vorstellen kann (auch, weil die Fähre täglich von tausenden Pendlern genutzt wird).

Das Terminal auf finnischer Seite ist schon mal wieder ein architektonischer Traum, in dem sich die Wartezeit entspannt verbringen lässt.

Das Ticket (zweimal gut zwei Stunden muss man für die Überfahrt einrechnen) kostet ca. 40 Euro, was hier schon einem Schnäppchen entspricht. Es wird übrigens wieder alles bargeldlos und elektronisch abgerechnet.

Das Schiff ist ein Koloss und erinnert äußerlich eher an ein Kreuzfahrtschiff als an die Fähren, die man vom Ärmelkanal oder dem Mittelmeer kennt. Es gibt mehrere Restaurants verschiedener Anspruchslevels, eine eigenes Kaufhaus, einen großen Kinderbereich, Ruheräume, VIP-Bereiche, und viele sehr bequeme Sitze, wenn man einfach die Beine hochlegen möchte.

In einer Mini-Spielhalle stehen ein paar der neueren Automaten zum Zeitvertreib:

Auf dem Aussichtsdeck kann man (so man keine Angst hat) durch Glasböden direkt auf das gurgelnde Wasser der Ostsee schauen:

Ich bin selten so komfortabel gereist und wir waren demnach frisch und neugierig, als wir im ebenfalls sehr mondänen Terminal in Tallinn ankamen.

Wenn man die Fähren richtig taktet, hat man ausreichende 6 Stunden in Tallinn.

Estland ist eine sehr moderne, vor allem aber liberale Gesellschaft (zweiter Platz nach Norwegen bei der Pressefreiheit). Das merkt man zuerst daran, dass man förmlich mit Werbung für Online-Casinos bombardiert wird. Multimedia-Wände, Plakate, Aufkleber, Flyer – Spiel, Spiel, Spiel!

Das hier hätte dem Doc gefallen:

Same procedure as every year: Wir bestiegen erstmal einen Big Bus für eine Stadtrundfahrt. So kamen wir schnell am Maritim-Museum vorbei, das in einem alten ausgemusterten Gefängnis untergebracht ist:

Auch hier wieder: modernes Wohnen für wohlhabende Bürger.

Dominiert wird das Stadtbild allerdings – anders als Helsinki – von vielen kommunistischen Zweckbauten aus der Sowjet-Ära, gerne mal brutalistisch …

… die auch heute noch als begehrter Wohnraum gelten:

Das ist so vollends anders als die Großstadtarchitektur im Westen:

Direkt daneben: futuristische Hochhäuser, die vom dramatischen estnischen Aufstieg seit den 90er Jahren künden.

Wer genau hinguckt, findet aber auch noch Zeugnisse der baltischen Tradition, die nicht zwischen Kommunismus und Kapitalismus zerrieben wurden:

Tallinn ist auch deswegen so interessant, weil die Stadt komplett anders als Helsinki strukturiert gewachsen ist. Helsinki ist eine Hafen- und Handelsstadt, primär offen zum Wasser hin, weitgehend im 19. Jahrhundert groß geworden.

Tallinn in eine mittelalterliche Stadt mit ebensolcher Altstadt, gruppiert um einen Hügel, umgeben von einer Stadtmauer. Das optische Zentrum ist dabei die Alexander-Newski-Kathedrale:

Innerhalb der Stadtmauern fühlt man sich wie aus der Zeit gefallen, alles ist aufwändig erhalten oder rekonstruiert, aber auch ein wenig erstarrt:

Man hat einen schönen Blick über die Stadt und wieder passt der Begriff malerisch. Wir hatten natürlich auch wieder Glück mit dem Wetter.

Bei diesem Szenario dachte ich gleich "da hätte JOHN SINCLAIR-Autor Rellergerd sofort einen Roman draus gezimmert". Irgendwas mit "Blutmönchen" vermutlich.

In vielen der alten Gemäuer gibt es auch schöne Cafés, wenn man den Füßen Entspannung gönnen will. Tallinn ist etwas günstiger als Helsinki, aber nicht viel.

Hübsche Idee beim Buchladen: die Blumenkästen sind mit Buchrücken meist deutscher Herkunft verkleidet. Da es sich um einen englischen Buchladen handelte, vermute ich, dass man dafür deutsche Bücherschränke geplündert hat.

Manchmal ist die Architektur, das verwendete Material, oder auch nur die Farbe seltsam fremd und man ahnt, dass das hier nicht Skandinavien ist.

Manch mittelalterliche Gasse wirkt noch so grob gehauen, als wolle man demnächst für Netflix eine Miniserie drehen:

Natürlich zieht der Wirtschaftsboom auch Protz und Marketing an:

Alte Bausubstanz mit Renovierungsbedarf findet man hingegen sehr selten:

Insgesamt ist Tallinn sehr hübsch, aber ich finde, mit einem Tagesausflug wird man der Sache schon ausreichend gerecht.

Kunst gibt es natürlich auch und manchmal ist ohne Kontext gar nicht so leicht zu erkennen, ob es kommunistische Heldenverehrung oder eine kritische Kommentierung derselben sein soll.

Ich kann nicht bestreiten, dass mich der sowjetische Baustil fasziniert:

Kommen wir zur Kehrseite der Medaille: Auch die baltischen Staaten haben – wie Skandinavien – ein massives Alkoholproblem:

Ich hatte erwähnt, dass man im Stadtmuseum Helsinki einiges dazu findet. Jahrzehntelang hat Finnland versucht, mit einer harten Prohibition dagegen vorzugehen – was zu illegaler Schwarzbrennerei und unkontrolliertem Konsum führte. In den 70ern richtete man Bierhäuser unter staatlicher Aufsicht ein, um die Bürger auf "weiche Drogen" umzuleiten. Hat nur so mittel geklappt.

Die Folgen sind auch heute noch spürbar, besonders bei der Rückfahrt mit der Fähre. Da Alkohol in Estland erheblich billiger ist als in Finnland und wohl auch eingeführt werden darf, lohnt sich der kurze Abstecher für viele Finnen, um ganze Sackkarren mit Paletten von Alkoholika einzuschippern. Die ziehen dann gerne mal 50 bis 80 Kilogramm zum Eigenkonsum hinter sich her.

Probe gesoffen wird auch schon vor der Rückfahrt: Wir haben Menschen gesehen, die in der Schlange zur Fähre nicht mehr stehen konnten und auf dem Schiff auf den Restaurant-Tischen eingeschlafen sind. Es ist ein Exzess, den ich hier in München bestenfalls vom Oktoberfest kenne.

Aber das sind Ausnahmen, die den Gesamteindruck nur minimal schmälern.

Als Fazit würde ich Tallinn vielleicht nicht als spannend, aber auf jeden Fall als interessant bezeichnen, wenn man zu der Sorte Menschen gehört, die gerne durch ihnen unbekannte Orte mit hoher geschichtlicher Dichte spaziert. Da sich der Trip auch noch an einem Tag und mit begrenztem finanziellen Aufwand realisieren lässt, hat eigentlich kein Helsinki-Reisender eine Entschuldigung.

Tradition und Moderne, wie man so schön sagt:



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4 Kommentare
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Nummer Neun
31. August, 2025 11:39

Der Ausflug nach Tallinn gehörte auch zu meinen Highlights meines Helsinki-Urlaubs vor 12 Jahren. Wir mochten die Altstadt damals sehr, auch wenn die von Tagestouristen von den großen Kreuzfahrten recht überlaufen war.

Die Zeiten ändern sich: Das zweite Highlight war der Ausflug nach St. Petersburg. Die Fähren fuhren dafür über Nacht von Helsinki aus dorthin und in der nächsten Nacht wieder zurück. So hatte man einen ganzen Tag in St. Petersburg und man brauchte als Tagestourist damals kein Visum. Vor Ort hatten wir eine private Tour gebucht und haben so sehr stressfrei den Katharinenpalast und die Eremitage sehen können. Zu schade, dass das auf absehbare Zeit nicht mehr möglich sein wird.

Chris
Chris
31. August, 2025 15:34
Reply to  Torsten Dewi

Zum Glück zerstörte 007 ja eher Kulissen auf dem Gelände der ehemaligen Rolls-Royce-Flugzeugmotorenfabrik in Hertfordshire 😉

Andy Simon
Andy Simon
31. August, 2025 14:33

Schöner Einblick, und ich denke auch, dass man Tallinn für einen ersten Blick durchaus in 6h überblicken kann. Tallinn ist aber nicht Estland; auf dem Land bzw. in den anderen Städten findet sich neben der etwas weniger hauptstädtischen Anmutung auch einiges mehr von den ca. 800 Jahren, die die Deutschen hier Regierung und Oberschicht gestellt hatten. Kann man kontrovers diskutieren, ist aber in jedem Fall interessant, dem nachzuspüren.