Hyperland Redux (24): Smarter als Smart-TV: Der eigene Fernseher als Multimedia-Zentrale
Themen: Film, TV & Presse, Hyperland |Originaltext Januar 2013:
Es ist der Trend, den die Elektronikriesen verpennt haben – und die Nische, in die nun kleine Hersteller stoßen: Mini-PCs von der Größe eines fettleibigen USB-Sticks, die jeden halbwegs aktuellen Fernseher für wenig Geld individuell aufrüsten. Surfen, Musik hören, spielen, chatten – sogar Videotelefonie per Skype ist kein Problem.
Gerade mal 60 Euro kostet der „blinde“ Mini-PC auf Android-Basis ohne Tastatur und Bildschirm. Für unter 90 Euro gibt es Kombi-Pakete mit Funktastatur und Trackpad zur Steuerung vom Sessel aus. 1,6Ghz aus dem Dual Core-Prozessor, 8Gb Speicher, Bluetooth und USB – alles an Bord im Format einer Packung Kaugummi.
Die Installation ist kinderleicht. Einzige Voraussetzung: Der Fernseher braucht mindestens einen HDMI-Anschluss, über den der Stick Verbindung aufnehmen kann. Einstöpseln, WLAN-Passwort eingeben – schon ist der TV eine Surfmaschine. Wer jemals ein Handy oder Tablet mit dem Android-Betriebssystem besessen hat, wird sich bei den Menüs auf dem Bildschirm sofort heimisch fühlen.
Den Android-Stick am TV als reinen Web-Zugang zu benutzen, wäre allerdings eine Verschwendung der vielen weiteren Möglichkeiten, die mit dem preiswerten Gerät ins Haus kommen. Sowohl Hardware als auch das Betriebssystem basieren auf offenen Standards und kommen mit einer Vielzahl von Erweiterungen zurecht.
So ist es problemlos möglich, an einen der USB-Ports des Sticks eine Festplatte anzuschließen, die Fotos, Filme und Musik auf den Fernseher streamt. 320 externe Gigabyte gibt es so klein und unauffällig, dass sie sich noch hinter dem Fernseher auf der Wandhalterung platzieren lassen. Wer es noch komfortabler möchte, kann auf seinem Stick die beliebte Media-Center Software XMBC installieren und das eigene Android-Handy per App zur Fernbedienung dafür degradieren.
Wer nicht über das WLAN ins Netz gehen will, gönnt seinem Stick einen Ethernet-Adapter für nicht mal 15 Euro. Ein einfacher USB-Hub für 8 Euro erlaubt es, noch mehr externe Hardware anzuschließen.

„Angy Birds“ oder „Lost City“ auf dem großem Fernseher spielen? Kein Problem, die Sticks werden von Google Play erkannt, gewünschte Apps können einfach herunter geladen werden. Gelegenheitsspieler ersparen sich damit den Kauf einer eigenen Konsole. Nicht spielbar sind lediglich die Games, die zur Steuerung den (nicht vorhandenen) Bewegungssensor abfragen oder die nur im Hochformat spielbar sind.
Seine wirklichen Stärken spielt der Stick allerdings erst dann aus, wenn man ihm für gerade mal 15 Euro eine brauchbare Webcam mit Mikrofon gönnt. Die wird auf oder neben dem Fernseher platziert. Schon ist die Videotelefonie nur noch eine Skype-Installation entfernt. Seinen Gesprächspartner sieht man in voller Lebensgröße auf dem Bildschirm, während man entspannt auf dem Sofa sitzt und plaudert. Handy, Headset, Notebook? Unnötig.
Die Vorteile eines Android-Sticks gegenüber einem hochgerüsteten Smart-TV sind vielfältig: man schafft nur die Hardware an, die man wirklich braucht. Was veraltet ist, kann mit wenigen Handgriffen ausgetauscht werden. Bei vielen Sticks ist auch das Update des Betriebssystems nicht schwierig – so bleibt man immer auf dem neusten Stand. Es gibt kaum ein Dateiformat, das dieses Setup nicht klaglos abspielt. Damit ist es relativ geschlossenen Systemen wie Apple TV weit überlegen.
Vor allem aber: man braucht keinen neuen Fernseher kaufen, nur um in den Genuss eines teuren Smart-TV zu kommen.
NACHTRAG 2025: Die Idee für den Beitrag kam mir, weil mein Bruder einen Stick verwendet hat und wir darüber 2013 Skype-Videotelefonate geführt haben.
Skype ist Geschichte, XMBC heißt Kodi.
Die Sticks sind immer noch beliebt, längst kleiner, schneller und vielseitiger als 2013. Die Big Player sind aufgewacht, Google Chromecast und Amazon Fire TV dominieren den Markt für wenig Geld. Dabei geht es den Anbietern weniger darum, dem User das Internet auf dem Fernseher zugänglich zu machen, sondern jeden Fernseher zum Empfänger von kostenpflichtigen Streamingdiensten wie Netflix, Amazon und Disney+ aufzurüsten.
In unserem Haushalt versieht seit Jahren ein Chromecast verlässlich seinen Dienst, wenngleich mittlerweile am 15 Jahre alten Fernseher im Schlafzimmer. Ich bevorzuge das offene System gegenüber dem restriktiven Fire-Stick. Meine These, dass ein Upgrade über Stick einem integrierten Multimedia-System überlegen ist, bei dem Hard- und Software untrennbar verbunden sind, ist immer noch valide. Ginge es nach mir, sollten TV-Hersteller nur noch "dumb TV" herstellen und mit Sticks bundeln, die der Käufer frei wählen kann. Autos übrigens auch.
Interessant ist zudem der Gedanke, dass 4k-Fernseher natürlich einen besseren Monitor-Ersatz bieten können als frühere Geräte mit geringerer Auflösung.
Anekdotisch zum Thema Auto in dem Zusammenhang: Als wir vor einigen Monaten den neuen Audi abgeholt haben, hat die sehr freundliche Mitarbeiterin bei der Erklärung der Funktionen das Audi-Navi mit "Ich erklärs Ihnen gerne, aber sie nutzen es doch eh nicht, oder?" übergangen.
Hier sehe ich auch enormes Einsparpotential bei den Herstellern. Es nutzt ja ohnehin jeder nur noch Android Auto (oder das Apple-Äquivalent).
Ganz genau. Bei unserem BMW ist das Kartenmaterial brutal veraltet und ein Update wäre unverschämt teuer. Staus zeigt nur Google Maps zuverlässig an, die Störungsmeldungen im Navi hängen immer hinterher. Und vor einem Jahr habe ich festgestellt, dass der BMW am Lenkrad einen Schalter für eine "Sprachsteuerung" hat, über die man sich nicht mal mehr lustig machen kann.
Einen dumbTV habe ich tatsächlich neulich gesucht, aber erfolglos.
Man landet dann bei Bildschirmen, die dafür gebaut sind 24/7 irgendwo Werbung laufen zu lassen oder Präsentationen anzuzeigen.
Das ist dann schon wieder unverschämt teuer.
Und warum nicht einfach einen PC-Monitor? Mehr als einen HDMI-Anschluss braucht man doch nicht? Nutze selber nur einen Beamer + AppleTV-Box. Über die Apps kann ich praktisch alle Fernsehsender sehen, wenn ich wollte, die Inhalte vom PC werden mit der VLC-App übers Heimnetzwerk abgespielt. Audio kommt über den Verstärker, aber jede Soundbar sollte es ja auch tun.
Klar, da findet jeder seine eigene Lösung.
Einen 55Zoll Monitor?
Das Problem mit vollintegrierten Smart-TVs (wie auch von allen geschlossenen Systemen) ist ja schon, dass diese Geräte unkontrolliert Dinge tun (können), die nicht im Sinne des Käufers sind.
https://hifi.de/news/diese-daten-sammelt-dein-smart-tv-neuer-bericht-spricht-von-datenschutz-albtraum-208213
Meine persönliche Erfahrung war, als ich mein Gerät einmal probehalber ans Ethernet geklemmt habe, zog es als erstes ein Software-Update, das anscheinend nichts anderes tat, als dem Hauptmenü eine große Werbefläche hinzuzufügen, natürlich auf Kosten von Übersicht und Bedienbarkeit.
Unser neuer chinesischer Fernseher hat ein Mikro eingebaut – das kann man aber per Schalter am Gerät deaktivieren. Melde er auch, wenn man ihn anschaltet. Trotzdem blinken zwei Lichter am Gerät sehr unregelmäßig, was mich ein wenig skeptisch macht. Woher soll ich wissen, ob das Gerät die Wahrheit sagt?
Exakt das ist der Punkt!