Hyperland Redux (23): Megatrend iBeacon? Über Kaufreiz und Kundenkontrolle
Themen: Film, TV & Presse, Hyperland |Originaltext April 2014:
Mit "iBeacon" hat Apple Ende 2013 fast unbemerkt eine Technik eingeführt, die unser gesamtes mobiles Leben nachhaltig beeinflussen könnte. Dank iBeacon lassen sich iPhone & Co in geschlossenen Räumen (etwa in Kaufhäusern oder Museen) problemlos orten und mit Nachrichten und Hinweisen beschicken. Digitale und analoge Welt wachsen wieder ein Stück zusammen.
Die Technik ist vergleichsweise simpel: iBeacons sind kleine Funkboxen, die per Bluetooth herannahende Smartphones und Tablets von Usern erkennen und diese kontaktieren. Dank einer Reichweite von locker 30 Metern und minimalem Stromverbrauch ist iBeacon den bisher favorisierten NFC-Systemen deutlich überlegen. Mehrere iBeacons können die Position des Besuchers sogar exakt bestimmen und ihm standortgenaue Informationen schicken.
Das klingt im ersten Augenblick praktisch, aber wenig spektakulär – ein in der Reichweite begrenzter Push-Service für womöglich unerwünschte Informationen? Wo liegt da der Reiz für den User und der Nutzen für den Anbieter? Tatsächlich ist iBeacon eine Schnittstelle zwischen virtueller und realer Sphäre, die die Welt um uns herum in ein Internet der Dinge verwandeln könnte. Alles wird kontextualisiert, die Umgebung wird personalisiert, Angebote in Echtzeit auf die Anwesenden zugeschnittenen. Die Möglichkeiten dieser Verzahnung sind so vielfältig, dass diverse deutsche Startups auf iBeacon als nächsten Megatrend setzen.
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Schon erste Probeinstallation beweisen, dass iBeacons weit mehr können als den Shopper auf herunter gesetzte Jeans hinzuweisen. Im Rubenshaus in Amsterdam stellt die Technologie den Besuchern nicht nur Informationen zu den Kunstwerken zur Verfügung, sondern lädt mit Minispielen und historischen Darstellungen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Maler ein. Die Vereinten Nationen nutzen die Sweeper-App, um Nutzer unerwartet auf iBeacons-“Landminen“ treten zu lassen und so auf die Probleme in Krisenherden aufmerksam zu machen. In Schulen prüfen iBeacons exakt und diskret, ob alle Schüler anwesend sind.
Dass Apple für iBeacon große globale Pläne hat, sieht man schon daran, dass die Ingenieure aus Cupertino zwar auf einen proprietären Standard setzen, diesen aber auch außerhalb der eigenen Biosphäre anbieten – mit Android-Smartphones funktioniert das System genau so gut wie mit dem iPad. An OS-Schranken sollen die iBeacons nicht scheitern und die Konkurrenz soll keine Chance bekommen, Apples Zögern für eigene Konzepte zu nutzen.
Es zeigen sich aber auch schon erste Probleme, die dem Boom ein Ende machen könnte, bevor er beginnt. Ähnlich wie bei Streaming-Angeboten und Fitness-Trackern setzt jeder Anbieter auf die Basistechnologie eigene Apps auf, zwingt den User zur Installation immer neuer Programme, die verschiedene Aspekte des iBeacon-Erlebnisses bedienen. Das könnte zu einer Zerfaserung des Marktes führen, an dessen Ende Apple das Gegenteil von dem erreicht, was mit der Freigabe der Schnittstellen geplant war: iBeacon würde auf verschiedenen Plattformen deutlich weniger Präsenz erreichen als mit dem Prestige des „apple only“-Ansatzes.
Es bleibt auch abzuwarten, ob die Konsumenten die Begeisterung der Tech-Vordenker teilen und sich auf dem Spaziergang permanent mit „Top-Angeboten“ bombardieren lassen wollen. In manchen Werbevideos, die Begeisterung wecken sollen, wirkt der Kunde eher wie ein Hund, der mit einem Keks in den Laden gelockt wird. Das erinnert dann schon fatal an das orwellsche Shopping-Erlebnis von Tom Cruise in dem Science Fiction-Film „Minorty Report“, der die Technik vor 12 Jahren schon erstaunlich präzise vorhersagte.
NACHTRAG 2025: Wie ich damals vermutet habe, sind die Beacons bestenfalls Nischenprodukte geblieben. In der Wikipedia bin ich allerdings auf einen bezaubernden Absatz dazu gestoßen:
"In Deutschland ist seit April 2016 in der Stadt Bielefeld, Stadtteil Gadderbaum, ein Beacon Netzwerk in Betrieb, das von den dort ansässigen Stiftungen Bethel betrieben wird. Mit einer App können Besucher, sowie die mehrheitlich behinderten Bewohner, Informationen zu den historischen Gebäuden und sozialen und medizinischen Einrichtungen erhalten."
Bielefeld wird von mehrheitlich behinderten Bewohnern bewohnt?!
Aber nicht doch – Bethel ist eine Einrichtung der evang. Kirche, die in einem kleinen Bereich Bielefelds liegt, eingebettet mitten im Teutoburger Wald, in dem Menschen mit und ohne Behinderung Arbeiten und zum Teil auch Leben. Ansonsten werden die Menschen in Bielefeld behindert – also von Baustellen, Verwaltung und Politik… ;-)))