Hyperland Redux (22): Vorwahl +8816: Das wirklich weltweite Netz
Themen: Film, TV & Presse, Hyperland |Originaltext Februar 2014:
Mit viel Wirbel und noch mehr Geld ging nach rund zehnjähriger Vorbereitung 1998 das weltweite Satelliten-Netzwerk "Iridium" an den Start. Was die digitale Kommunikation revolutionieren sollte, musste 2000 bereits wieder Konkurs anmelden. Doch die Satelliten haben den ökonomischen Absturz überlebt – und funken weiter unverdrossen. Quasi mit Verspätung ist das System nach dem Fehlstart doch noch ein Erfolg geworden. Nun wird eine neue Phase eingeleitet: Nach der globalen, unabhängigen Telefonie folgt das globale, unabhängige Internet.
Es ist ein Alptraum für Drehbuchautoren des 21. Jahrhunderts: Das Handy macht es fast unmöglich, Charaktere zu isolieren, ihnen den Kontakt zu Außenwelt zu kappen. Hollywood erfindet immer neue, teils abstruse Ausreden, um Filmfiguren den rettenden Anruf zu vermiesen. Nur der mäßig erfolgreiche Dschungelhorrorstreifen „Anacondas“ (2004) stellt das Klischee auf den Kopf: Seine Helden verunglücken am Amazonas, weit jenseits aller Handymasten. Kein Problem: Einer der von Geschäftsreisen gestählten Manager zieht lässig sein Iridium-Telefon raus und ruft über Satellit die Zentrale in New York an. Ich bin kein Star – holt mich trotzdem hier raus.
Die Szene ist eine perfekte Werbung für das neue Geschäftsmodell von Iridium, dem Satelliten-gestützten Kommunikationssystem, das 1998 angetreten war, die Telefonie über Masten und Leitungen abzulösen. 4 Milliarden Euro, 66 Satelliten und 2 Jahre später war die Firma pleite und das Konzept gescheitert. Die künstlichen Erdtrabanten, die unseren Planeten mit einer fast lückenlosen Empfangbarkeit versorgten, sollten beim Rücksturz in der Atmosphäre verglühen. Dass zum 1.1.2001 eine neu gegründete Firma unter der Leitung von Boeing die Satelliten übernahm, sahen wenige Branchen-Auguren als ernst gemeinten Reboot, eher als Resteverwertung von Kommunikations-Hightech.

Weit gefehlt. Nach mehr als zehn Jahren ist das Iridium-Netzwerk heute ein System, das für Expeditionen und Reisenden in unwirtlichen Gegenden lebensnotwendig ist. Denn mit Iridium hat man auch auf dem Mount Everest, in der Antarktis, der Wüste Gobi oder auf hoher See Empfang. Reedereien und das Militär verlassen sich ebenso auf die Handys mit der typisch knubbeligen Antenne wie Expeditionen und Polarstationen. In diesem Segment hat Iridium neben Konkurrent Globalstar ein weitgehendes Monopol, buhlt nicht mit Minutenpreisen im Centbereich um den Massenmarkt.
Der nächste Schritt ist logisch, aber nicht weniger faszinierend: Iridium hat angekündigt, das Internet mit einer kleinen Box tragbar und unabhängig zu machen. Primäre Funktion: Der Empfang von Emails. Über einen Zugriff auf das WWW per Browser wird bereits nachgedacht. Dafür ist die Bandbreite der Satelliten allerdings aktuell nicht ausgelegt – die Datenübertragungsleistung erinnert an klobige Modems Mitte der 90er. Doch die Probleme sind lösbar und das Ziel ist klar: Internet überall. Always online everywhere.
Für den Privatkunden mag das Iridium-Internet so wenig attraktiv sein wie die Iridium-Telefonie. Dafür sind die Geschwindigkeiten zu langsam und die Preise zu hoch. Nicht unterschätzen darf man allerdings, neben der Bedeutung für Militär und Forschung, die politische Dimension: Mit einem Satelliten-Hotspot lassen sich praktisch alle Zensurversuche und Internet-Sperren umgehen. Selbst wenn eine Diktatur die komplette Netz-Infrastruktur abschaltet, bleibt dank Iridium ein digitaler Kommunikationskanal in die freie Welt offen.
NACHTRAG 2025: Iridium existiert noch erfolgreich laut Wikipedia: "Iridium verfügte im April 2018 über eine Million zahlende Abonnenten.[4] Mehr als 50 % aller Iridium-Abos sind für M2M-Datenübertragungs-Anwendungen (SBD), weniger als 50 % für Sprachtelefonie und den weltweiten Internetzugang.[5] Größter Einzelkunde mit rund 10 % Teilnehmeranteil ist das Militär, allen voran das US-amerikanische Verteidigungsministerium. Weitere Nutzer sind Reedereien, Fluglinien, Wissenschaftler oder Unternehmen aus der Bodenschatzförderung."
Den Markt aufgemischt hat allerdings Elon Musk mit Starlink, einem Satelliten-Netzwerk, das mehr Hardware braucht, aber dafür alltagstauglichen Internetzugang überall auf der Welt verspricht – und damit im Zweifelsfall auch in Regionen, die das Internet auf breiter Front zensieren oder verbieten.
… nur dass es sich Musk mit niemandem vermiesen will. Daher: kein Starlink in China. Sämtliche anderen Problemländer sind ebenfalls auf der "noch nicht"- oder "gar nicht"-Liste, obwohl das inzwischen technisch kein Problem wäre (in der Anfangszeit war die Reichweite auf 200km begrenzt, weil der Satellit eine Bodenstation im Blick haben musste; inzwischen gibt es aber Laserverbindungen zwischen den Satelliten).