Hyperland Redux (21): Warum TV-Serien keine TV-Sender mehr brauchen
Themen: Film, TV & Presse, Hyperland |Originaltext März 2013:
Ein Format emanzipiert sich von seinem Medium: Wo 50 Jahre lang Fernsehproduzenten ihre Fernsehserien für Fernsehsender produzierten, mischen nun alte und neue Player den Markt auf. Sie experimentieren mit Formaten, Vertriebswegen – und investieren Millionen.
Eine Idee aus Web-Steinzeit
Die Idee, das Internet als direkten Vertriebsweg für neue Programme zu nutzen und so das "alte Medium Fernsehen" zu umgehen, ist wahrlich nicht neu. In den 90er Jahren finanzierte eine englische Firma die Vampirserie "New Blood" über Product Placement von Mode und Musik. Die 1994 gefloppte Trickserie "The Critic" erlebte ihre Wiederauferstehung 2000 im Web mit neuen, wenn auch kürzeren Folgen. Und Moderator Bill Maher bekam bei Amazon eine eigene Talkshow namens "Fishbowl". Besonders erfolgreich war keines der Formate, aber sie galten auch mehr als "proof of concept": Produktionen außerhalb der etablierten Strukturen sind möglich.
Seither hat sich einiges geändert. Als besonders zäh erweist sich "The Guild": die Comedyserie über online-süchtige Spiele-Nerds hat es in fünf Jahren schon auf 70 Episoden gebracht. Anfangs privat und über Spenden finanziert, sprang irgendwann Microsoft als Sponsor ein – und wieder ab. Seither ist "The Guild" Kern und Prunkstück des YouTube-Senders "Geek & Sundry", der sich auf preiswerte Comedy-Kurzserien spezialisiert hat.
YouTube präsentiert Häppchen-Action
Überhaupt YouTube: das zu Google gehörende Videoportal dient vielen neuen Anbietern als idealer Vertriebsweg, weil es die Infrastruktur und die Zuschauer gleich mitbringt. Davon profitieren Produzenten wie Machinima, die eine ganze Reihe eigener Sender über YouTube betreiben. Im letzten Jahr konnte Machinima gleich zwei Coups landen: mit "Mortal Kombat: Legacy" zeigte man die in Mini-Episoden aufgeteilte neuste Verfilmung der Prügelspielserie und mit "Halo 4: Forward unto Dawn" eine Webserie zu Microsofts Mega-Game. 10 Millionen Dollar investierte der Softwaregigant aus Redmond angeblich für die spielfilmlange, aber in fünf 15minütige Episoden aufgeteilte Story.
Dass die Internet-User ihre Serien lieber in kleineren Häppchen schauen als der durchschnittliche Fernsehzuschauer, wurde auch bei "Galactica: Blood & Chrome" deutlich. Der Pilotfilm für eine TV-Serie wurde vom Sender Syfy abgelehnt, dann aber als Premiere bei Machinima ausgewertet – zerschnitten wie "Halo 4".

Ein anderer "big player" im Videogeschäft ist Hulu (in Deutschland nicht verfügbar). Dort können US-Zuschauer nicht nur die Serien vom Vorabend bequem anschauen, sondern auch komplette Staffeln von Serienklassikern oder Filmtrailer. Doch Hulu will mehr: mit "The Awesomes" produziert man seine erste eigene Trickserie und "The Wrong Mans" soll auf dem Gebiet der Comedy punkten. Finanziert werden solche Projekte durch kostenpflichtige Hulu+-Abos.
Augenscheinlich rechnet sich die Vermarktung über Abos und Werbeeinblendungen auch außerhalb traditioneller Fernsehprogramme.
Vom Versender zum Sender – TV Amazon?
Da will auch Amazon nicht zurück stehen: um mehr Kunden für den Amazon Prime-Service zu ködern, produziert der Versandhändler u.a. „Alpha House“ mit John Goodman. Dutzende weiterer Piloten und Serien sind in Entwicklung. Es zahlt sich aus, dass Amazon Milliarden auf dem Konto hat und selbst bei einem Totalflop aller Produktionen nicht in Existenznot geraten wird.
Besonderen Mut bewies kürzlich Netflix, einer der erfolgreichsten Anbieter von Streaming-Angeboten in den USA. Für zahlende Abonnenten produzierte man die aufwändige 13teilige Serie "House of Cards" mit Kevin Spacey. Statt die Zuschauer über drei Monate lang von Woche zu Woche zu vertrösten, stellte Netlfix gleich alle Folgen auf einen Schlag online. Hierzulande, wo Netflix nicht zu empfangen ist, schaffte „House of Cards“ den Sprung ins „reguläre“ Fernsehen zu Sky.
Deutschland hinkt noch hinterher
In Deutschland sind die Produktionsfirmen noch weitgehend zu sehr vom Fernsehen abhängig, um auf breiter Front und mit ausreichend Budget für das Internet zu produzieren. Zumindest Endemol stellt sich allerdings schon darauf ein, dass sich die Kräfteverhältnisse verschieben könnten. Regisseure und Autoren müssen sich darauf einstellen, dass künftig immer mehr Erfahrung mit „digital content“ erwartet wird.
Auch wenn manche Auguren das Ende der traditionellen, linearen Fernsehformate eingeläutet sehen – so weit ist es noch lange nicht. Die Werbemilliarden fließen weiterhin größtenteils in die TV-Sender und auch auf YouTube ist ein sehr analoger Anbieter Klick-König: die „Sesamstraße“ hat gerade als erster nicht profit-orientierter Kanal mehr als 1 Milliarde Abrufe geschafft.
NACHTRAG 2025: Wow – times HAVE. changed!
Das Machinima-Experiment von YouTube wurde 2019 abrupt beendet. Die schöne neue Serienwelt ist dennoch schneller und mächtiger über uns gekommen als erwartet – besonders Netflix und Disney+ haben sich neben Amazon aggressiv als neue Content-Kings etabliert, produzieren nicht nur Serien und Spielfilme, sondern kaufen auch massiv auf Filmmärkten und bei Festivals Premieren ein.
Auch die Deutschen ziehen mit, entweder für Amazon/Netflix oder für die Öffentlich-Rechtlichen, die ihre Mediatheken und Digitalkanäle als Spielplätze für neue Talente und Formate entdeckt haben.
Die klassischen Formatvorgaben von Serie und Spielfilm (30 Minuten, 45 Minuten, 90 Minuten) sind weitgehend intakt geblieben, fluktuieren aber. Die größten Änderungen hat es inhaltlich und bei der Auswertung gegeben: Miniserien mit horizontaler Erzählweise sind wieder so angesagt wie zuletzt in den späten 70ern und ganze Staffeln werden komplett am selben Tag veröffentlicht.