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Aug. 2025

Hyperland Redux (19): Die aufgedrängte Kostenloskultur

Themen: Film, TV & Presse, Hyperland |

Originaltext von Mai 2014:

Fragt man die kommerziellen Anbieter, ist der Geburtsfehler des Internet die als selbstverständlich angesehene "Kostenloskultur". Falsch, sagt unser Autor: Die Kunden würden ja gern bezahlen – aber sie können es nicht. Es wurde ihnen 20 Jahre lang abtrainiert. Ein kleiner Essay über eine Welt, in der einen die Verkäufer daran hindern, ihnen etwas abzukaufen.

Freie Fahrt für freie Bürger!

Stellen Sie sich mal vor, Sie ziehen in eine neue Stadt. Hier stehen überall Taxis und Busse, die sie zu den tollsten Sehenswürdigkeiten fahren. Sie fragen nach dem Fahrpreis, aber man winkt freundlich lächelnd ab: „Alles umsonst!“. Ungewohnt zuerst, verwirrend auch, aber sie gewöhnen sich schnell an den kostenlosen Service, der ein eigenes Auto unnötig macht. Ganz prima. Bis Sie nach zehn Jahren in der Zeitung immer wieder von Taxiunternehmen und Reiseveranstaltern lesen, die über Leute wie Sie wettern und Ihre parasitäre Kostenlosmobilität, die lautstark verlangen, dass man Sie nun (endlich!) zur Kasse bitten müsse für all die Dienstleistungen, die Sie seit Jahren frecherweise umsonst in Anspruch nehmen. Immer mehr Taxis tragen nun Aufkleber „Nur für zahlende Kunden!“ – daneben ein Gesicht von Ihnen in einem Kreis, durchgestrichen mit einem hässlichen roten Balken.

Unvorstellbar? Auch wenn der Vergleich ein wenig windschief ist und hinkt wie Schweinsteiger nach einer Blutgrätsche: Im Internet ist es ungefähr so gelaufen. Als das Medium neu war, der (gedruckte) SPIEGEL das Wort „Internet“ noch in Anführungszeichen setzte und die „Datenautobahn“ ein beliebtes Sprachbild war, galt der Ausflug in den „Cyberspace“ als Kuriosität, als drolliger Bonus für Nachrichtenangebote kommerzieller und privater Natur. Zeitschriften, TV-Sender, Behörden fanden es angesagt, „jetzt auch online!“ zu sein. Die Inhalte waren praktisch ausschließlich Zweitverwertungen, Kurzfassungen, Appetitanreger.

Aber das Internet wuchs. Mit unvorstellbarer Geschwindigkeit. Immer stärker wurde der Sog, der Bedarf, der Anspruch – Leser wollten keine Häppchen, sondern ganze Mahlzeiten, der Besuch des World Wide Web wurde nicht Ergänzung, sondern Ersatz des Konsums anderer Medien. Und die Frage, wer das alles bezahlt, wenn am Ende doch keiner zahlen muss, war in den internet-besoffenen 90ern immer nur ein Problem der näheren Zukunft, nie der Gegenwart. Bis die Blase platzte. Seither wissen die Anbieter wenigstens, dass Geld nicht vom Himmel fällt. Und wundern sich, dass der Nutzer, der bisher mit kostenfreien Angeboten zugeschüttet wurde, nicht begeistert die Kehrtwende zu Paywalls und Online-Abos vollziehen mag.

Das primäre Problem: Es gibt keine einheitliche Währung im Netz, keine Preisschilder, keine überall gleichen Kassen. Selbst, wenn ein Anbieter die bequeme Bezahlung von Inhalten per PayPal anbietet, muss der Nutzer dort ein Konto haben und sich durch eine immer wiederkehrende Authentifizierung klicken. Einfacher sind Online-Abos – aber wer will schon einen Monat lang zahlen, um zehn Minuten lesen zu dürfen? Google Wallet, Amazon Coins, Bitcoins – jeder kocht sein eigenes Süppchen.

Dabei wäre die Lösung so einfach – besonders, weil eines der Vorgängersysteme des Internets prima vorgemacht hat, wie es gehen kann: Bei BTX gab es seit 1980 oben in der rechten Ecke einen kleinen Zähler mit den angefallenen Kosten. Wollte man eine kostenpflichtige Seite ansurfen, wurde der vom Anbieter dafür verlangte Preis transparent angezeigt – „ja oder nein?“ war die einzige Entscheidung, die man als Leser treffen musste.

Von 1 Pfennig bis 9,99 DM konnte ein kommerzieller Anbieter den Seitenpreis festlegen, was für die Regionalzeitung genau soviel Spielraum ließ wie für den Anbieter „spezieller“ Dienste. Abgerechnet wurde monatlich mit der Telefonrechnung. Bei der heute ungleich größeren Nutzerzahl (statt in Zehntausenden wird in Milliarden gezählt) wäre es damit kein Problem, auch im 0,01-Cent-Bereich und trotzdem wirtschaftlich zu arbeiten.

Das Problem: Das Internet ist strukturell nicht darauf ausgelegt, dem User zu folgen, ihm sämtliche Abrufe und Einkäufe zuordnen zu können, egal an welchem Computer er sitzt, welchen Browser er benutzt, welches Login er verwendet. Es würde eine völlig neue, dem Nutzer permanent folgende Infrastruktur brauchen, um ein dem BTX vergleichbares Micropayment-System zu installieren. Man müsste die Architektur der in die Jahre gekommenen Datenautobahn neu denken – und dagegen (oder dafür?) spräche die totale Aufgabe der Anonymität.

Um zum Vergleich vom Anfang zurück zu kommen: Klar müssen Sie sich nicht gefallen lassen, dass kostenlose Taxis plötzlich Geld kosten und im Bus nach der Fahrkarte gefragt wird. Niemand zwingt Sie, diesen Service in Anspruch zu nehmen. Dumm nur, wenn Sie wegen der Kostenlosangebote schon vor Jahren Ihr eigenes Auto verkauft haben und die Stadt vor Jahren alle öffentlichen Parkhäuser eingerissen und durch Parks ersetzt hat. Ein goldenes Zeitalter für (digitale) Fußgänger…

NACHTRAG 2025: In den letzten Jahren haben sich die Verlage und großen Webportale mit unterschiedlichen Methoden an der Monetarisierung versucht – so bieten z.B. SPIEGEL+ und BILD+ für Geld exklusiven Content, während andere Online-Medien nur eine bestimmte Anzahl an Artikeln kostenlos freigeben, bevor die Paywall hochschießt. Ein genereller Trend ist der Zwang zur Deaktivierung des Adblockers.



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Martzell
13. August, 2025 19:02

Flattr und andere Social Payment Möglichkeiten sind leider gescheitert. Schade, eine gute Idee, sein persönliches Budget auf mehrere Websites aufteilen zu können. Aktuell will jedes Nachrichtenportal dass man um die 10 Euro monatlich zahlt.

Andreas
Andreas
15. August, 2025 16:25

Ich hatte bisher bei einigen Zeitschriften immer kurfristige Abos die ich nach kurzer Zeit gekündigt habe, das es sich nicht gelohnt hat und man meist erheblich mehr als bei der gedruckten Ausgabe mit der Zeit ausgegeben hat. Ich würde gerne einfach für einzelne Artikel zahlen die mich interessieren oder auch eine ganze Ausgabe, aber ich sehe es nicht ein mehr zu zahlen als bei der Printausgabe die (nach meinem Verständniss) wesentlich teurer produziert werden muss und Müll verursacht.

S-Man
S-Man
15. August, 2025 22:37
Reply to  Andreas

Mein Reden. Das ganze Abo-Mist-Modell ist immer doof. Ich würde auch bspw. bei DAZN 5€ für ein bestimmtes Spiel abdrücken, aber ich sehe nicht ein, gleich ein Monatsabo abzuschließen.

Zathras
Zathras
16. August, 2025 00:25
Reply to  S-Man

Ich bin gerade bei Fußball auch kein Fan von Abos, insbesondere nicht zu den aktuellen Preisen. Dafür würde ich es zuwenig nutzen.

Falls es bei Dir um Fußball geht: Man kann sich tatsächlich einzelne Spiele legal „kaufen“. Ich habe das schon öfters bei OneFootball gemacht, zweite Bundesliga in der zugehörigen App fürs iPad (für Android gibt es auch eine). Vielleicht geht’s auch über den Browser am PC, hab ich nie versucht. Ich habe da bisher allerdings nur Spiele geschaut, die im TV bei Sky liefen. Wie es mit DAZN-Spielen aussieht, weiß ich nicht. Gut möglich, dass es die nicht gibt.

S-Man
S-Man
16. August, 2025 09:43
Reply to  Zathras

Danke für den Hinweis, tatsächlich war es nur ein Beispiel, aber bspw auch NBA oder dergleichen. Es findet sich manchmal auch ne Lösung, aber es ist halt manchmal suboptimal und verstehen kann ich es nicht, dass das nicht Standard ist. Egal ob Artikel, Spiel oder wasauchimmer.

Zathras
Zathras
16. August, 2025 00:30
Reply to  Andreas

Eine Digitalausgabe, die teurer ist als die Printfassung, ist mir bisher noch nicht untergekommen. Mitunter gleicher Preis, was ich auch schon nicht wirklich nachvollziehbar finde. Wo kostet digital sogar mehr?