Hyperland Redux (18): Der Mythos der nachgebauten Wirklichkeit
Themen: Film, TV & Presse, Hyperland |Originaltext Mai 2014:
Immer genauer wird die Welt kartographiert: Google Maps geht bis an die Haustür, Project Tango möchte sogar eintreten. Die Bilder werden feiner, die weißen Stellen auf den Karten verschwinden zusehends. Kommt irgendwann die virtuelle Echtzeit-Erfassung – und kann jemand das ernsthaft wollen?
Vom Schulatlas zu Streetview
In den 90er Jahren begann das Siechtum des klassischen Schulatlas – auf 12 CDs konnte man damals erstmals Satellitendaten kaufen, die eine präzisere Ansicht der Welt anhand von tatsächlichen Bildern aus dem All ermöglichten. Google Maps war der nächste logische Schritt. Dem digitalen Globus ist es egal, ob er einen Kontinent zeigt oder eine Straßenkreuzung. Statt mit dem Finger auf der Landkarte fliegt man die Reiseroute nun dreidimensional mit dem Helikopter ab. Die Darstellungen sind so detailliert, dass man bei Restaurants die Öffnungszeiten an der Tür ablesen kann.
Die Vermessung der Welt ist damit lange nicht am Ende: Mit Project Tango möchte der Suchmaschinen-Gigant auch die Innenräume erfassen, vom Stuhl bis zum Waschbecken. Weil kaum zu erwarten ist, dass die Menschen Google-Mitarbeiter in ihre Schlafzimmer lassen, wird der User selbst zum Lieferanten: Neue Smartphones sollen die 3D-Erfassung als cooles Feature anbieten. Die Nutzer scannen ihre Wohnungen, können sie einfach als eigene Level in neue Computerspiele einspeisen – und Google greift die Daten ab, um eine noch perfektere Abbildung der Welt zu bekommen.
Reale und virtuelle Welt überlappen sich
Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen der realen Welt und ihrer virtuellen Abbildung immer mehr: Im neuen Spielehit „Watch dogs“ wurde Chicago so perfekt nachgebaut, dass sich einzelne Straßenzüge kaum von der Wirklichkeit unterscheiden. Und in deutschen Fahrschulen fährt man bald nicht mehr auf echtem Asphalt, sondern im Simulator.

Doch selbst wenn man in Google Earth die Schlagzeilen am Kiosk lesen kann – es ist nicht die reale Welt. Es ist nur eine aus Millionen Datensätzen gespeiste grobe Abbildung davon. Manche Informationen sind neueren Datums, viele schon einige Jahre als. Ein gigantischer Flickenteppich, den aufwändige Algorithmen nur immer perfekter und nahtloser aussehen lassen.
Immer wieder ist von Usern die Frage zu hören, wann aus den „aktuelleren Daten“ konsequent „aktuelle Daten“ werden, also die Darstellung der Welt in Echtzeit. Es klingt wie ein letzter, erwartbarer, letztlich unaufhaltsamer Schritt. Was wir in Google Earth sehen, ist dann nicht mehr, was mal war – sondern was ist. In diesem Augenblick.
Eine gefährliche Utopie
Es klingt reizvoll – wäre tatsächlich aber so schwer realisierbar und erträglich wie jede totale Überwachung, die eine Diktatur sich nur wünschen könnte. Denn die unvorstellbaren Mengen an Daten, die zur Darstellung der Welt benötigt werden, müssen momentan nur einmal generiert werden. Dann bleiben sie bis zur nächsten Aktualisierung statisch. Eine Echtzeit-Abbildung würde erfordern, dass die Datensätze in ihrer Gänze in jeder Sekunde aktualisiert werden, immer und immer wieder. Tag und Nacht, Regen und Sonnenschein, Sommer und Winter. Das zu leisten würde sowohl die Hardware (in Form von Satelliten und Kameras) überfordern als auch das globale Netz.
Der Wechsel von statischer zu dynamischer Darstellung würde zudem sieben Milliarden Erdenbürger zu virtuellen Charakteren machen, deren Leben sich rund um die Uhr perfekt erfassen und dokumentieren lässt. Es wäre der ultimative Polizeistaat, der niemanden mehr beobachtet, weil sowieso alles beobachtet wird. Die Weltgeschichte könnte anhand der Datensätze vor- und zurückgespult werden.
Mag sein, dass es eines Tages möglich sein wird, die Welt in Echtzeit zu erfassen. Dann wird es höchste Zeit, auf breiter gesellschaftlicher Basis über die Konsequenzen zu diskutieren. Im Moment ist das, was Google Maps zeigt, der Realität ungefähr so nah wie Second Life und Minecraft – oder eben der alte Schulatlas. Und es gibt keinen Grund, das zu bedauern.
NACHTRAG 2025: Bei Google Earth gibt es immer wieder verspielt wirkende Content-Experimente, aber generell hat sich in den letzten Jahren wenig getan. Project Tango ist wurde 2018 eingestellt. Ich erwarte aber größere Wellen, wenn die KI beginnt, die "Weltdaten" zu analysieren.
Innenräume erfassen ist vielleicht interessant in öffentlichen Gebäuden, Museen oder Einkaufszentren, aber sonst eher bedenklich.
Macht Indien nicht mit? Oder warum sind nur 7 Mrd? 😉
Die ersten drei Worte des Textes nochmal lesen und verstehen.