04
Aug. 2025

Hyperland Redux (16): Champions League: Gemeinsam am neuen Wasserspender

Themen: Film, TV & Presse, Hyperland |

DISCLAIMER: Ein Kuriosum – 2013 habe ich bis zur Einstellung des Formats viele kleinere Beiträge für das ZDF-Blog HYPERLAND geschrieben. Weil die Inhalte leider vom ZDF einfach offline genommen wurden, entschloss ich mich 2017, die Texte in ihrer ungekürzten Originalfassung nochmal hier zu publizieren. Warum ich damit bei Text 15 aufgehört habe, erschließt sich mir nicht mehr – vermutlich brauchte ich irgendwann eine Pause und habe es dann versäumt, die Reihe wieder aufzunehmen. Heute Nacht sind mir die Entwürfe dafür in meinem Blog-Backend eher zufällig wieder begegnet.

Ab heute deshalb: eine 2025-Retrospektive meiner 2017er-Betrachtungen zu meinen 2013er-Texten. Nur dort aktualisiert, wo dringend geboten, aber dafür mit KI-Illustrationen.

Originaltext Mai 2013:

Immer mehr Programme, immer mehr Kanäle, immer mehr Events. Medienwissenschaftler waren sicher, dass die Aufsplitterung des TV-Konsums das Ende des "gemeinschaftlichen Erlebnisses Fernsehen" bedeuten würde. Ein Irrtum.

Lilly ist 17 und begeisterter Bayern München-Fan. Das Finale der Champions League in in Wembley schaut sie in einem Schwabinger Hinterhof bei einem Grillfest auf der Großleinwand. Ihre besten Freundinnen sind dabei. Trotzdem: wann immer der BVB eine Torchance hat, wann immer Bayern kontert – Lilly schaut auf ihr Handy mit dem unablässig aktualisierenden Messaging-Programm WhatsApp: „Ich muss doch sehen, was meine anderen Freundinnen dazu sagen."

Pflichtprogramm

„Watercooler Moments“ – so nannte man in den USA früher die Sendungen und Ereignisse im Fernsehen, über die man am nächsten Tag in der Firma sprach, meist in einer kurzen Pause am Wasserspender. Wer schoss auf J.R. Ewing? Die letzte Folge von „MASH“. Die Pressekonferenz von Richard Nixon. Praktisch jeder hatte es gesehen, praktisch jeder hatte eine Meinung. Auch in Deutschland konnte man z.B. im Januar 1962 davon ausgehen, dass jeder Sitznachbar in der Straßenbahn „Das Halstuch“ gesehen hatte – die Einschaltquote lag bei 89 Prozent.

Schon den späten 90ern wurden die These laut, dass in Zeiten von Dutzenden Fernsehprogrammen, dem Internet und vielen anderen Formen von medialer Aufbereitung der „watercooler moment“ ausgedient habe. Mit der Auffächerung der Angebote gäbe es immer weniger Events, auf die sich eine große Masse Zuschauer einigen können. Lange Zeit sah es auch so aus.

Mittlerweile formt sich allerdings eine neue Form von „social events“ heraus, die das TV-Programm als Basis für multimediale, oft auch virtuelle Gemeinschaften nutzt. Dabei wird nicht hinterher über das Gesehene diskutiert, sondern mittendrin – per App, mit Fotos, über soziale Netzwerke. Eurovision, Oscars, Tatort: man schaut nicht nur zu, man kommentiert ad hoc für den Rest der Welt.

Gestern Nacht war das Finale der Champions League in Wembley dran.

TV-Event mit Millionen privaten Momentaufnahmen

Dabei zählt weniger die Frage „WAS siehst du?“, sondern „WIE siehst du?“. Moni postet ein Foto vom Fernseher aus einem Lokal in Seoul – dort ist es bereits 3 Uhr morgens. Thomas ist beruflich in LA, er postet das Bild eines Fernsehers im Hotel – er schaut das Spiel zum Mittagessen. Die deutsche Nationalelf ist ein wenig näher dran: In Florida ist Nachmittag.

Twitter, Facebook, Live-Blooging – Champions League auf allen Kanälen. Viele Fans haben ihre Facebook-Fotos mit dem jeweiligen Vereinslogo ausgetauscht. 117.000 Tweets gibt es gegen Ende der zweiten Halbzeit – pro Minute. Selbst die Hashtags werden zum Wettbewerb, den die Bayern gewinnen: 2,9 Millionen mal #fcbayern gegen 2,3 Millionen mal #bvb. Franz Beckenbauer tweeted: „I am very happy about the victory of @FCBayern in yesterdays #uclfinal“.

Es ist eine neue Form des „watercooler moments“: alle haben eine Meinung – müssen aber nicht mehr auf die Kollegen am nächsten Morgen warten, um sie zu teilen.

Trotzdem kann die virtuelle Gemeinschaft die reale nicht vollständig ersetzen. Allein 45.000 Fans sehen das Spiel lieber zusammen in der Allianz Arena, statt vor dem heimischen Fernseher zu hocken und zu twittern. Der Sieg der Bayern wird ebenso gemeinsam gefeiert: in einer langen Nacht auf der Leopoldstraße.

Auch Lilly macht sich auf, kaum dass die Bayern den Pott in den Händen halten: „Ich bin zu einer After-Party eingeladen. Meine Freundinnen sind auch da. Ich twitter ein Foto!“

NACHTRAG 2025: Ob Präsidentenwahl oder Tatort – die Teilnahme am Programm über soziale Netzwerke hat seither noch zugenommen. Dabei eint allerdings meistens der Event, nicht der Kanal, über den er rezipiert wird.



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