22
Aug. 2025

Filmverbrechen-Fotostory (1): KAMIKAZE 1989 oder: Deutschtopia

Themen: Film, TV & Presse, Fotostory, Neues |

Brace yourself!

Ich dachte, das hier würde eine relative geradlinige Geschichte werden, die ich in zwei Etappen durchboxen kann. Aber es passiert, was immer passiert, wenn ich recherchiere – Zusammenhänge wurden klar, Fragezeichen tauchten auf, Nebenstränge drängten sich in Vordergrund.

Ich gestehe vorab: KAMIKAZE 1989 ist ein großer Verhau, dem ich nur mangelhaft gerecht werden kann – weil das verlangen würde, in den ganzen Sumpf der Abhängigkeiten, Nepotismen, Seilschaften und "Freundschaftsdienste" der deutschen Film/TV-Kultur der letzten 60 Jahre hinabzusteigen. Das ist nicht stemmbar und zudem hochriskant. Ich werde aber an geeigneten Stellen auf Auffälligkeiten hinweisen.

Außerdem werde ich das, was KAMIKAZE 1989 an nackten Tatsachen unter die Leute bringt, in einem abschließenden eigenen Kapitel behandeln, denn wir reden hier nicht nur von einer banalen Zurschaustellung blanker Brüste, sondern von einer ganzen Karriere, die auffällig an Personen und Projekte gekoppelt ist.

Die Fotostory ist ein "Ableger" meiner kürzlichen Ausführungen zur deutschen SF-der 70er und 80er und der Tatsache, dass Bastian Pastewka im Podcast KEIN MUCKS! die aktuelle Staffel mit einer Adaption von Per Wahlöös Roman MORD IM 31. STOCKWERK beendet hat, auf dem Wolf Gremms Film basiert.

Wolf Gremm. Da ist dieser Name. Ein Regisseur, dem ich eine instinktive Ablehnung entgegen bringe, weil er sowohl als Vertreter des Neuen Deutschen Films als auch des Seicht-Fernsehens nie irgendeinen Stil, eine Richtung, oder eine Stimme entwickelte. Wie so viele wütende Jungfilmer hat er jeden Anspruch aufgegeben, als mit trivialen TV-Stoffen schneller und leichter Geld zu machen war. Die Ehe mit einer der erfolgreichsten deutschen Produzentinnen garantierte stete Beschäftigung auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern und gerne an exotischen Orten.

Gremm war nach meiner Einschätzung immer bestenfalls so gut wie die Drehbücher, die andere Leute ihm geschrieben haben – und oft genug hat er die auch noch auf sein Niveau herunter gefilmt. Sorry not sorry.

Aber der Mann ist tot und ich mag nicht zu harsch urteilen, darum überlasse ich den sarkastischen Kommentar zu Gremm dem ebenfalls toten Harald Juhnke:

"Schon im Theater war ich für die Liebhaberrollen ganz ungeeignet, und für einen Kino-Lover sah ich nicht gut genug aus. Das mußten ja immer hübsche Jungens sein. Und ick durfte dann nur det heitere, komische Element sein, das immer über irgendwelche Tannen, Tassen und Teller stolpert. Mit diesem Talmi habe ich Schluß gemacht und mir nur noch einen bösen Rückfall erlaubt. Das war 1984 der Schwachsinnsfilm »Sigi, der Straßenfeger« von Wolf Gremm. In der Branche werden schlechte Filme bekanntlich in Gremm gemessen."

Ich rechne es dem interviewenden SPIEGEL hoch an, dass man gegenhielt:

"Dann sind Sie aber auch ein mehrfacher Gremmy-Preisträger, mit so zündenden Kinowerken wie »Drei Mädchen spinnen« oder »Der Glockengießer von Tirol«."

Aus diesen Gründen war KAMIKAZE 1989 (auch als KAMIKAZE ’89 bekannt) der so ziemlich einzige Gremm-Film, der mich je nennenswert interessiert hat. Es ist Science Fiction, die Romanvorlage ist eine spannende Dystopie über eine von den Medien erzwungene Fake-Utopie, und mit Rainer Werner Fassbinder hat Gremm 1982 einen echten Casting-Coup gelandet. Der legendäre deutsche Regisseur tat Gremm zudem den Gefallen, vor der Premiere zu sterben (nach der Sichtung des Rohschnitts?), was die Publicity für KAMIKAZE 1989 noch mal ankochte.

Und ja, das war jetzt sehr zynisch von mir. Aber ich habe KAMIKAZE 1989 mittlerweile viermal gesehen und muss Traumata verarbeiten. Irgendwie.

Man darf durchaus die Frage stellen, inwieweit KAMIKAZE 1989 überhaupt ein Wolf Gremm-Film ist. Schon dieses kleine "Making of" illustriert die Unterwürfigkeit Gremms, seine Huldigung der "Legende" Fassbinder:

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Fassbinder hat viele Freunde im Film untergebracht, darunter seinen Stamm-Kameramann Xaver Schwarzenberger und Juliane Lorenz, seine Cutterin, Chefin der Fassbinder-Stiftung, und angebliche Ehefrau. Dank WELT AM DRAHT hatte er mehr Erfahrung mit gesellschaftskritischer Science Fiction als Gremm. Schon bei den wenigen "behind the scenes"-Szenen wird klar: Fassbinder lässt sich nicht reinreden, und Gremm redet auch nicht rein.

Ist das hier womöglich ein inoffizieller Fassbinder und Gremm nur Stiefvater?

Aber das sind bestenfalls Vermutungen, schlimmstenfalls Unterstellungen. Der Film muss für sich sprechen und darum steigen wir jetzt mal ein.

Das eröffnende Motiv macht klar – es geht um Crime, von der stylischen Sorte:

Eine Pistole mit Leopardenfell am Griff. Kein Bezug zum Roman, aber wir werden noch sehen, dass das kein Zufall ist…

Luftaufnahmen von Brackwasser und Industriegebieten – gedreht wurde übrigens zu großen Teilen in Berlin und in Düsseldorf (ich werde darauf hinweisen):

Zu diesen "schönen" Bildern wird uns von einer Sprecherin aus dem Off erklärt, wie wir uns die Welt von KAMIKAZE 1989 vorstellen müssen:

1989. Die Bundesrepublik Deutschland ist das reichste Land der Erde. Recht und Ordnung sind fester Bestandteil einer bis ins Detail funktionierenden Gesellschaft.

Die deutsche Industrie hat alle Probleme gelöst. Alles ist grün. Es gibt keine Energieprobleme mehr, keine Umweltverschmutzung, keine Inflation und Arbeitslosigkeit. Die chemische Industrie hat die Lösung der süßen Träume gefunden. Es gibt keine schädlichen Drogen mehr.

Alle Unterhaltungen und alle Informationen im Fernsehen und der Presse werden durch einen einzigen Konzern gestaltet und verbreitet. Den Präsidenten des Konzerns nennen sie den „Blauen Panther“. Er hat nur einen Gegner: Krysmopompas.

Nun gut, mit über 40 Jahren Abstand würde ich monieren, dass man all das, was hier erzählt wird, auch hätte zeigen können. Eine einzige Autofahrt mit geschickt gewählten Motiven hätte das Traumland Deutschland 1989 illustrieren können. Show, don’t tell. Ich halte dem Film aber zugute, dass man damals vielleicht das Budget für die große Vision nicht hatte.

Hinzu kommt, dass ich den Widerspruch von Text und Bilder gerne clever finden würde, aber unterstellen muss, dass er nicht clever gemeint war, denn Gremm wird in der Folge keine Anstalten machen, den PR-Sprech der Einleitung aufzulösen (es wird geraucht, gesoffen, die Welt ist dreckig, es gibt Armut, etc.).

Das ist vielleicht auch schon ein Grundproblem: KAMIKAZE 1989 spielt nur sieben Jahre nach seiner Entstehung und atmet visuell sehr den Geist der grauen 70er. Trotzdem sollen wir glauben, dass sich in diesen sieben Jahren die Welt von Grund auf geändert hat und die gesamten sozialen Strukturen zusammengebrochen sind. Hier geht eine Schere auf zwischen dem Vertrauten, das wir sehen, und dem Neuen, das nur behauptet wird.

Sorry, ich muss kichern:

Boy Gobert ist eine Theaterlegende und noch dazu ein bekannter Boulevard-Schauspieler der Nachkriegszeit, ich weiß. Aber sein Sesamstraßen-Name macht mich pubertär albern und ich kann nicht anders.

Hierüber wird noch zu reden sein:

Die ersten Charaktere, die wir sehen, sind ein Helikopterpilot und MK1 Anton, der Kollege und Assistent von Polizeileutnant Jansen, gespielt von Fassbinder.

Ich möchte besonders auf das "Outfit" des "Piloten" hinweisen:

Ich bin durchgehend unsicher, ob sich Gremm aus Budgetgründen oder aus schierer Wurstigkeit jedem tatsächlich durchdachten Production Design verweigert hat. Die Polizei trägt in diesem Film billige Maler-Overalls aus dem Baumarkt und alberne Käppis. Das erinnert an ATOMIC EDEN.

Außerdem wird Robert Katz als Co-Autor genannt, dessen eklektischen Wikipedia-Eintrag ich euch ans Herz lege. Wenn ich seine Filmographie richtig interpretiere, war er weniger Drehbuchautor und mehr Berater in Sachen politische Verwicklungen. Wie viel er konkret zu KAMIKAZE 1989 beigetragen hat, kann ich an dieser Stelle nicht eruieren.

Das hier ist Düsseldorf – rechts außerhalb des Bildes steht der 1981 frisch erbaute Fernsehturm, der neue Landtag ist noch im Bau. In einem der Hochhäuser am Rheinufer sitzt mein Vater für Mannesmann als Buchhalter – winkt ihm zu:

Oha. OHA!

MK1 Anton versucht dringlich, den Polizeileutnant Jansen zu erreichen, aber dieser ist damit beschäftigt, in der Polizei-Disco Squash zu spielen:

Das ist kein Sarkasmus meinerseits – der spielt wirklich in der Polizei-Disco Squash. Weil zumindest in Gremms Adaption die Polizei Discos betreibt, in denen man Squash spielen kann (und einiges mehr).

Die mehr als legitime Frage, wohin der Ball fliegt, wenn Jansen mal daneben schlägt, unterläuft der Film mit der sehr offensichtlichen Tatsache, dass Fassbinder sowieso ins Leere drischt und man die Ballgeräusche später dazu gemischt hat.

Nun wird die Vorlage genannt:

Ich hätte MORD IM 31. STOCK für einen spannenderen Titel gehalten, aber Gremm wollte es augenscheinlich so knallig wie das Outfit von Fassbinder. Warum KAMIKAZE 1989? Das wird im Film nicht aufgelöst, aber der CINEMA entnehme ich Folgendes (vermutlich aus dem Presseheft):

Jansen geht bei der Ausübung seines Berufs über Leichen. Er ist ein unsymphatischer Einzelkämpfer, der aber auch seinen eigenen Tod nicht fürchtet, eben ein Kamikaze-Typ.

Kann man so sehen, kann man aber auch albern überdreht finden. Es zeigt, dass es Gremm weniger um die Story und mehr um die Figur Jansen/Fassbinder geht (tatsächlich wollten die beiden angeblich auch die anderen Jansen-Romane von Wahlöö verfilmen).

Warum MK1 Anton seinen Vorgesetzten so dringend sprechen will? Weil was anliegt, wie der sieche Polizeipräsident auf einem schrabbeligen Monitor bellt:

Ach, Arnold Marquis… "Übrigens, ich heiße Max. Ich kümmere mich um die beiden. Und das ist gar nicht so einfach.."

Der Polizeichef ist wütend, weil Jansen unauffindbar ist:

"Der ist immer in der Polizei-Disco, wenn ich ihn brauche!"

Was das Problem ja lösen sollte, aber was weiß ich schon?

MK1 Anton lässt sich absetzen und wir sehen, dass die Produktion sich immerhin einen Helikopter leisten konnte:

Die "Polizei-Disco" (wir werden sie noch mehrfach sehen): Alter Falter. Wie Klein-Fritzchen sich anno 1981 DIE ZUKUNFT!!! vorstellte. Typen in schrägen Outfits und mit knalligem Makeup, Neon und Graffiti, Plastik und Rollschuhe.

Ich verrate euch jetzt mal, wie eine Disco 1981 wirklich aussah: Typen in schrägen Outfits und mit knalligem Makeup, Neon und Graffiti, Plastik und Rollschuhe.

Es bestätigt erneut, dass es heimischen Ausstattern unmöglich scheint, auch nur drei Jahre in die Zukunft zu denken. Die Zukunft ist bei denen immer die Gegenwart. Nur "schriller". Siehe TIME TROOPERS.

Wie jeder harte Bulle macht Jansen seinen Assistenten erstmal runter und hat voll keinen Bock auf irgendwelche Notfälle:

Schön für ihn – in der Romanvorlage ist Jansen deutlich pflichtbewusster und besser ist das: Der Megakonzern, der komplett in einem Megawolkenkratzer untergebracht ist, hat eine Bombendrohung erhalten, und die Deadline droht in weniger als einer Stunde. Da ist Jansens Schluffigkeit wahrlich nicht angebracht.

Die Teile von KAMIKAZE 1989, die in Düsseldorf gedreht wurden (Straßen, der Konzern, die psychiatrische Abteilung) lassen sich leicht identifizieren und werden natürlich geographisch zusammen gezwungen. So fährt Jansen hier von der Berliner Allee am Tausendfüßler vorbei in Richtung Flughafen…

… landet aber vor dem LVA-Gebäude, das sich in Gegenrichtung befindet:

In der Tat hat man sich hier eine gute Verbildlichung des Megakonzerns gefunden. Das Gebäude ist imposant und man glaubt leicht, dass es (wie in Wahlöös Roman) als Leuchtturm der Stadt von überall zu sehen ist.

Im Fahrstuhl ist ein Fernseher installiert, auf dem der "3. jährliche Lachwettbewerb" läuft. Einfach Leute, die hysterisch lachen. Wer am längsten durchhält, hat gewonnen. DER TODESMARSCH, nur mit lachen statt laufen.

Danach bekommen wir noch Barbara zu sehen, die beliebteste TV-Moderatorin dieser Dystopie mit einer unsäglichen Singsang-Sprache.

Entschuldigt, wenn ich schon so früh das ganz große Fass aufmache, aber diese Szenen zeigen bereits, dass Gremm kein Interesse hat, sich dem Thema des Romans anzunehmen – oder dass er ihn nicht verstanden hat. Er will einen schundigen futuristischen Krimi abliefern, mehr nicht.

In Wahlöös Roman hat der Verlag (noch kein TV-Sender) sämtliche Publikationen des Landes unter sich. Für alle Zielgruppen zugeschnittene, gefällig und unterhaltsam produzierte Zeitungen und Zeitschriften versichern den Bürgern, dass es keinen Grund zur Sorge gibt. Die total gleichgeschaltete Presse ist das "Opium für das Volk", das sowieso nicht beunruhigt werden will. Aus dieser Situation ergeben sich auch das Drama und das Dilemma der Geschichte.

Bei Gremm ist die Allmacht des Konzerns nicht erkennbar, ihre Macht nicht spürbar. Ein, zwei Dialogzeilen behaupten, was wir nicht sehen. An keiner Stelle erleben wir einen Druck auf die Bewohner, sich der Presse und dem Fernsehen zu beugen. Es gibt keinen "sanften Zwang" wie in der großartigen BLACK MIRROR-Episode "Fifteen Million Merits".

Ebenso auffällig ist Gremms Phantasielosigkeit in Sachen "Fernsehen der Zukunft" – er glaubt allen Ernstes, dass der Schlüssel zu 100 Prozent Einschaltquote ein 24/7-Programm ist, in dem Menschen hysterisch lachen. Das ist… billig. Und doof.

Eines der wenigen wirklich futuristischen Elemente, das mir noch dazu gefallen hat, ist Jansens Ausrüstung – ein in den Holster gesteckter Apparat, der aufzeichnet, wiedergibt, speichert, etc. Dazu gehört eine Kamera in einem als Auge gestalteten Ring – das erspart dem Polizeileutnant mühsame Schreibarbeit:

Aus dem Aufzug des Konzerns tretend rumpelt Jansen mit der üppigen und sichtlich überforderten Elena Farr zusammen:

Elena Farr und ihr ganzes Drumherum wird im abschließenden Beitrag genauer behandelt. Hier so viel: Sie ist sehr offensichtlich als "love interest" für Jansen angelegt, bzw. als "lust interest". Im Roman und im Hörspiel ist die Rolle deutlich kleiner und es wird bestenfalls angedeutet, dass die namenlose "art directorin" für ihn von mehr als beruflichem Interesse sein könnte.

Wir sehen auch erstmals Jansens Polizeimarke und einen weiteren Grund, den Production Designer zu schelten – wer hat DAS denn abgenommen?!

Jensen trifft auf die Personalchefin, eine Rolle, die es so im Roman nicht gibt und die nicht überraschend mit einer alten Freundin und Hauptdarstellerin von Fassbinder besetzt wurde – Brigitte Mira:

Ja, in dieser Zukunft hat der Vizepräsident des größten Medienkonzerns der BRD ein Superman-Telefon (mit Schnur!) auf dem Schreibtisch stehen:

Ebenfalls anwesend: der schnöselige Neffe des Konzernchefs.

Worum genau es geht? Nun, ein Erpresser hat ganz klassisch mit Buchstaben aus der Zeitung eine Bombendrohung an den Konzern geschickt. Es wird von einem Mord gefaselt, der gesühnt werden muss.

Schockmoment, als der Vizepräsident vom Stuhl aufsteht:

What the hell?! Musste Jörg Holm Windeln tragen? Drei Unterhosen übereinander, weil es kalt war? Und konnte Gremm da nicht einfach drum herum drehen?

Man achte hier und generell darauf, was sich die Kostümbildnerinnen (es waren derer zwei) unter "futuristischer Mode" vorgestellt haben.

Die Personalchefin zeigt Jansen vom Fenster aus das konzerneigene "psychiatrische Zentrum", was aus gleich zwei Gründen ziemlich lustig ist:

  1. Es handelt sich hierbei um das Düsseldorfer Schauspielhaus
  2. Die Gebäude sind Luftlinie 1,2 Kilometer voneinander entfernt

Neben dem Schauspielhaus befindet sich übrigens das Dreischeibenhaus, das als Konzernzentrale ebenfalls gut geeignet gewesen wäre und der Produktion sicher viel Fahrerei erspart hätte.

Der Neffe gibt seinem herein schlendernden Onkel ein krude zusammen geschustertes "Comic" mit obszönen Darstellungen:

Sehr holperig fragt der Chef, wer Krysmopompas sei – obwohl er das laut Story längst wissen müsste. Die Antwort des Neffen ("Dein Feind, Onkel") hilft weder ihm noch uns. Und das wird sich auch nicht ändern.

Es werden auch ein paar "ProKos" erwähnt, wohl anarchistische Rebellen gegen "das System", die im Roman/Hörspiel meiner Erinnerung nach nicht auftauchen.

In einer elend langen Einstellung, in der die Kamera alle Beteiligten viermal umrundet, während Fassbinder in Gegenrichtung im Kreis läuft, beweist Kameramann Schwarzenberger seine Kunst – mit dem damaligem Equipment muss das sehr schwer gewesen sein. Der Zuschauer dankt mit Kopfschmerz.

Der Konzernchef ist weder wegen der Underground-Propaganda noch der Bombendrohung nennenswert besorgt, beugt sich aber der Forderung nach einer sofortigen Evakuierung der 4100 Angestellten:

Damit klar wird, dass es hier um einen Kriminalfall geht, schauen alle Beteiligten nochmal extrem verdächtig – war’s der Neffe?

Hat die Personalchefin Dreck am Stecken?

Will der ehrgeizige Vizepräsident seinen Cousin auf dem Chefsessel beerben?

Oder war’s gar doch der Butler mit dem Kerzenleuchter im Bibliothekszimmer?

Egal: Das Haus wird evakuiert und die Polizei trägt erneut Overalls und Mützchen:

Sowohl im Roman als auch im Film wird ein großes Fass aufgemacht, weil die Unterbrechung des Firmenbetriebs angeblich Millionen kostet. Wohlgemerkt, nicht die Explosion einer etwaigen Bombe, nur der halbe verlorene Arbeitstag. Ich glaube, hier hat Wahlöö die Mechanismen der Megakonzerne deutlich überschätzt.

Wir werfen einen ersten Blick in die Innereien des Hochhauses, die nie und nimmer im LVA-Gebäude gedreht wurden und ebenso nie und nimmer dazu passen. Was ist das hier? Das neue Berliner Congress-Center? Weiß es wer?

Die Personalchefin greift eine schnippische Bemerkung des Neffen auf und wiegelt ab, dass der erwähnte "31. Stock" nur eine beliebte Phrase im Konzern-Lingo ist, im Sinne von "wenn was schiefgeht, waren’s immer die im 31. Stock".

Jansen filmt fleißig die Schaulustigen, während der Countdown für die Bombe abläuft. Ob es so clever ist, direkt vor einem womöglich gleich explodierenden Hochhaus zu stehen, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Unter den Beobachtern ist auch Bruder Einauge hier – niemand Geringerer als die Eurofilm-Legende Franco Nero. Falls es die Szene nicht deutlich genug vermittelt, sage ich es einfach: der war’s! Der hat die Bombendrohung geschickt!

Ja klar, ist ein fetter Spoiler – aber auch total Wumpe, weil wir NIX über ihn erfahren und er außer einem Gespräch mit Jansen später absolut nix mit nix zu tun hat. Das "Verbrechen" und seine Auflösung sind komplette Diätkost.

Das ist die Menge an Statisten, die Gremm heranschaffen konnte, um "4100 Mitarbeiter" zu illustrieren. Digitales Crowd Multiplying gab es ja noch nicht. Ich zeige euch das Bild aber noch aus einem anderen Grund – Geduld!

Hier sieht man im Hintergrund übrigens sehr schön das Dreischeibenhaus, von dem ich eben schrub. Aber die mussten ja im LVA-Gebäude drehen…

Sollte ich fragen, warum die Polizisten bei Gremm so albern überschminkt sind? Die Antwort kann doch eh nur lauten: THE FUTURE!!!

Der Countdown läuft ab. Nix passiert. Keine Bombe. Keine Arme. Keine Kekse.

Der Polizeichef ist einerseits glücklich, dass die Sache glimpflich ausgegangen ist, will um der Moral der Bevölkerung willens aber den "Verbrecher" hinter Gittern sehen und gibt Jansen dafür exakt vier Tage.

"Verbrecher"? Bis hierher haben wir nur einen kindischen Drohbrief, der auch als Scherz gemeint gewesen sein könnte. Den angeblich besten Polizisten des Landes darauf anzusetzen, scheint mir ein wenig übertrieben. Und die vier Tage Frist sind eine komplett willkürliche Deadline, die Gremm (so ich mich recht erinnere) falsch aus dem Roman übernommen hat – da besteht nämlich Jansen darauf, den Fall weiter zu verfolgen, und bekommt vom Chef die vier Tage als Gefälligkeit. Das macht auch erheblich mehr Sinn.

Egal. Das "Verbrechen" ist gesetzt, der Täter noch frei, der Kommissar auf der Spur, und dieser Beitrag mit 20.000 Zeichen doppelt so lang, wie er nach gerade mal 13 Filmminuten sein dürfte. Darum mache ich hier den Break und wir begleiten Jansen bei seinen Ermittlungen demnächst. Ich gebe mir auch vier Tage.



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14 Kommentare
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noyse
22. August, 2025 13:40

ich bin ganz ehrlich – diese Filmverbrechen-Fotostory ist für mich mit Abstand die beste. Eben weil es nicht so ein leichtes Opfer ist wie Lisa oder die anderen Softbumsschinken. Freue mich schon auf die Fortsetzung und es wäre schön wenn öfter mal solche Kaliber besprochen werden. Danke dafür

noyse
22. August, 2025 14:19
Reply to  Torsten Dewi

Es muss , jedenfalls für mich, nicht lustig sein. Am spannensten finde ich ja immer die Sezierung der Projekte die mit pauken und Trompeten versagen, obwohl der Blick auf die beteiligten (romanvorlage, schauspieler, regisseure) da eigentlich ein einen Elfmeter ohne Torwart erwarten würden. das ist ja erstmal auch hier bei Kamikaze der fall. Der Autor der romanvorlage wahlöös ist ja auch kein niemand, er hat uns ja mit seiner Partnerin Maj Sjöwall den wunderbaren Kommissar Beck und schlussendlich Persbrandts unsterbliche Inkarnation von Gunwald gebracht 😉

Mencken
Mencken
23. August, 2025 13:13
Reply to  noyse

Da schließe ich mich an, finde ich auch super.

Michael Hoppe
Michael Hoppe
22. August, 2025 14:22

Den Break von 4 Tagen gönn ich dir herzlich.Finde auch den Sprung von Bumsfilmen zu einem etwas ambitionierteren Projekt-was du aber treffend einordnest-als sehr belebend und wie immer großartig recherchiert und geschrieben

lostNerd
lostNerd
22. August, 2025 20:55

Das fängt ja schon mal super an. Freu mich auf die Fortsetzung.
Und deine Vermutung ist genau richtig. Die Szene wurde im Foyer des ICC gedreht: Foto

lostNerd
lostNerd
22. August, 2025 22:34
Reply to  Torsten Dewi

Würde ja gerne mal eine der Führungen mitmachen. Die sind aktuell aber alle ausgebucht.

S-Man
S-Man
23. August, 2025 02:41
Reply to  lostNerd

Ich hatte vor ein paar Jahren mal die Chance, hier ein paar Bilder. Hatte mich schon auch schwer beeindruckt, was man spannendes in diesen Gebäuden so verwaisen lässt.

https://ruminarium.de/2024/04/05/icc-2023/

Dinozeros
Dinozeros
23. August, 2025 03:17
Reply to  S-Man

Sehr schöne Webseite, S-Man. Du schreibst angenehm unaufgeregt.

Danke!

S-Man
S-Man
23. August, 2025 10:10
Reply to  Dinozeros

Danke sehr.

lostNerd
lostNerd
23. August, 2025 10:51
Reply to  S-Man

Sehr schöne Fotos. Vielen Dank!

Matts
Matts
25. August, 2025 13:17

Auch ich begrüße diesen Abstecher der FVFS. Ansonsten hätte ich niemals erfahren, dass so etwas wie KAMIKAZE 1989 existiert. Faszinierend!

Hopy
Hopy
1. September, 2025 08:26

Ah, eine neue Fotostory 🙂 Sehr schön 🙂 Und dieses Mal ein Film, von dem ich das erste Mal in dem berüchtigten SF-Lexikon von Hahn/Jensen las und nicht so wirklich schlau draus geworden bin. Mal sehen, wie es nach der umfangreichen Fotostory ausschaut.