TV-Kritik: THE BEAR Staffel 4
Themen: Film, TV & Presse |Seid gewarnt: Dies wird keine normale TV-Kritik. Schon in meiner ersten Kritik zu THE BEAR habe ich darauf hingewiesen, dass es sich um eine Serie handelt, die sich mit den normalen Maßstäben nicht messen lässt:
Handkamera, überlappende Dialoge, rapide Szenenwechsel – mit den Techniken des Underground-Dokumentarfilms erschafft THE BEAR scheinbar mühelos eine Atmosphäre des hundertprozentigen "dabei seins", die den Zuschauer teilweise so sehr fordert wie die Figuren. Verzichtet wird dabei auf die klassische 3 Akt-Struktur, auf detailliert ausformulierte Konflikte, auf eine Konzentration auf das Wesentliche. Dinge in THE BEAR passieren einfach. Wie das Leben.
Was macht man als Autor und Produzent, wenn man alle Lobeshymnen gehört und alle Preise bekommen hat? Where do you go when you are at the top? Die Antwort von Chris Storer hatte sich bereits in Staffel 3 abgezeichnet und wird in Staffel 4 voll umgesetzt: intimer, kleiner, reduziert wie eine gute Sauce, um die Aromen zu intensivieren. Wie die präsentierten Mahlzeiten in der Serie wird die Beschränkung auf das Wesentliche nun zur Hauptsache, zum Fokus. THE BEAR ist jetzt eine Serie vollends ohne traditionelle Struktur und A/B-Plots. Die Location gerät immer weiter in den Hintergrund, teilweise agieren Charaktere minutenlang vor dunklen Stellwänden, als handele es sich um eine Theaterprobe.
THE BEAR war in den ersten drei Staffeln sehr gut darin, das Schweigen zu bebildern, den Aufbau der Motive erzählen zu lassen:
Wäre ich nicht sehr sicher, dass es ein gewollter Stilbruch ist, müsste ich unterstellen, dass der Sender für die vierte Staffel das Budget derart zusammen gekürzt hat, dass solche Aufnahmen nicht mehr möglich sind.
Wenn man sich ein bisschen in der Branche auskennt, dann ist man nicht weniger verstört als der "normale" Zuschauer… aber man erkennt vielleicht schneller, warum das passiert, was passiert.
Schon der Aufbau der einzelnen Szenen in Staffel 4 ist eine "masterclass" in Sachen "reductio ad absurdum", eine absichtliche Beschneidung der inszenatorischen Möglichkeiten des modernen Fernsehen, bis eigentlich kein Fernsehen mehr übrig ist. Keine establishing shots mehr, die uns an die Hand nehmen, wo und wann wir uns befinden. Keine master shots mehr, die uns zeigen, in welcher Position die Personen zueinander stehen, bevor sie miteinander reden. Simple Schuss/Gegenschuss-Edits, extrem nah, die alle Last der Komik, Tragik, Spannung, und Antrieb auf die Darsteller abladen. Keine der Figuren kann sich in den Kulissen verstecken oder sich über Bewegungen von A nach B definieren.
Staffel 4 ist durchgehend statischer Dialog. Wobei selbst der Begriff Dialog noch mit Vorsicht zu genießen ist, denn in THE BEAR geht es um Menschen, die alle nicht in der Lage sind, mit sich selbst oder anderen ehrlich zu sein. Die nie gelernt haben, das Innere nach außen zu kehren. Die meisten Aussprachen, die Drehbuchautoren so gerne elegant drechseln, damit sie beeindruckt zitiert werden können, laufen hier ins Leere, saufen ab in frustrierter, gehemmter Stille. Selbst wenn die Charaktere sich überwinden, Fragen zu stellen, haben ihre Freunde und Verwandte keine Antworten. Man druckst herum, raucht, geht wieder. Die Lösung für Probleme und die Entwicklung der Handlung liegt irgendwo im Schweigen, in still gezogenen Schlussfolgerungen, die wir erst an den Konsequenzen ablesen.
THE BEAR ist auch großartig darin, elliptisch zu erzählen, weil der Weg das Ziel ist und das Ziel damit unwichtig. Ein schönes Beispiel dafür ist die siebte Folge der Staffel, "Bears", der einzige Ausbruch sowohl in Sachen Inszenierung als auch in Sachen Laufzeit. Die Familienfeste innerhalb der Serie sind ja immer für die intensivsten Momente gut, weil sie alle Menschen aufeinander pressen, die sonst schon mit Zweiergesprächen überfordert sind. Diesmal ist allerdings weniger Druck drauf als in der legendären Episode "Fishes" in Staffel 2. Diverse der Charaktere finden sich unter dem Tisch wieder, weil Richies Tochter Eva nicht zur Hochzeit ihrer Mutter tanzen will. Am Ende wird – ausnahmsweise – alles gut und Eva nimmt die Hand ihres Stiefvaters. Aber wir sehen den Tanz nicht. Das ist eine erstaunlich konsequente Entscheidung für eine Episode, die fast eine Stunde lang auf diesen Moment hingearbeitet hat.
Die Antwort auf die Frage "aber warum zeigen die den Tanz nicht?" lautet simpel "weil der Konflikt gelöst und das Ziel erreicht ist – er hat keinen Mehrwert außer ein bisschen Sentimentalität". Und die vermeidet THE BEAR nach Kräften.
Natürlich hat THE BEAR auch wieder ein paar hochkarätige Gaststars zu bieten, die das Ensemble ergänzen, ohne es zu überstrahlen: Josh Hartnett, Rob Reiner, Brie Larson. THE BEAR ist eine Serie, die auch arrivierten Charakterschauspielern eine ungewöhnlich herausfordernde Bühne bietet. Das zeigt besonders Jamie Lee Curtis, deren Aussprache mit Carmy mich so schmerzhaft an ein sehr ähnliches Gespräch mit meiner Mutter erinnerte, dass ich die Episode abbrechen wollte, um sie erst einmal zu verarbeiten. Es ist mir bis heute nicht gelungen.
Man kann argumentieren, dass Serien wie THE EXPANSE und THE MARVELOUS MRS. MAISEL die momentane Speerspitze dessen darstellen, was Fernsehen in Sachen Aufwand und Ausstattung leisten kann. THE BEAR ist die Kehrseite und gleichzeitig der Gegenentwurf – eine Leistungsschau in Sachen Dialog und Darsteller, ein völlig neues Level an Intensität und Intimität.
Ist das notwendigerweise der richtige oder gar der einzige Weg? Da bin ich nicht sicher. An den Reaktionen auf Staffel 4 lässt sich gut erkennen, dass viele Zuschauer sich überfordert fühlen und die traditionellere Erzählweise der ersten beiden Staffeln vermissen. Man schaltet nicht den Fernseher an, um karg ausgestattetes Off Broadway-Theater zu sehen, so gut es auch sein mag. THE BEAR fordert teilweise mehr vom Zuschauer, als er einzubringen bereit ist.
Obwohl die Serie eine Order für die fünfte Staffel bekommen hat, bleiben nach dem Ende von Staffle 4 viele Fragen offen – nicht zuletzt, weil Jeremy Allen White eine Kinokarriere in Aussicht hat, die seinen gesamten Fokus braucht:
Wenn alle Figuren und ihre Darsteller so potent sind – warum sollte es dann nicht ohne Carmy gehen? Nun, weil Carmy "der Nagel" ist, wie es für ein Superman-Comic mal so schön definiert wurde. Er ist der Planet, um den alle kreisen. Seine Anziehungskraft hält THE BEAR (das Restaurant wie die Serie) zusammen. Ich habe schwere Zweifel, dass es ohne ihn funktionieren kann.
Auch auf inszenatorischer Seite ist die Frage relevant: was nun? Kann man THE BEAR noch weiter reduzieren, noch weniger abhängig machen von den Schauplätzen, den Ereignissen? Teilt die Serie dann irgendwann die existenzielle Krise des INCREDIBLE SHRINKING MAN?
Fragen über Fragen und – ganz im Stil von THE BEAR – keine Antworten. Als Drehbuchautor und lebenslanger TV-Junkie kann ich allerdings garantieren, dass ich jeden Weg, den die Serie geht, mitgehen werde.
Bin da ganz bei dir. Es ist toll.
Man sieht mal wieder, dass es gar nicht viel braucht, um gute Geschichten gut zu erzählen.
Eine sehr interessante Analyse die ins Schwarze trifft. Schwer zu sagen, was diese minimalistische Serie so faszinierend macht, es ist ein bisschen als würde man ein Therapiegespräch belauschen. Alle Charaktere bestehen hauptsächlich aus Sorgen, Ängsten und Selbstzweifeln, die sie nicht artikulieren können.
Klassische Akt-Strukturen fehlen völlig wie die ablaufende Ultimatums-Uhr, die nicht auf einen Höhe- oder Tiefpunkt hinausläuft, oder das Versprechen einen Stern zu bekommen, das nie wieder ernsthaft thematisiert wird. In anderen Serien würde man das als Plothole identifizieren, hier einfach als die Unstetigkeit der Menschen.
Vieles bekommt man auch nur am Rande oder teilweise mit, beispielsweise wie Onkel Jimmy durch das Restaurant in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten gerät, oder die Fetzen was eigentlich wirklich zwischen Sugar und Francie vorgefallen ist.
Es ist wirklich eher als wäre man zufällig anwesend, und nicht dargeboten.
Ob die Serie ohne Carmy funktionieren kann, habe ich mir auch schon gestellt aufgrund der Ereignisse am Ende der Staffel.
Ob das Schauspiel von Jeremy Allen White in einem Hollywood Blockbuster funktionieren würde frage ich mich allerdings auch.
Habe bisher nur den Piloten angeguckt und die Serie hat mich so absolut nicht überzeugt. Sollte ich denn dran bleiben oder kann ich nach dem Piloten schon quasi akzeptieren, dass das einfach nix für mich ist?
Die Frage kann ich dir wahrlich nicht beantworten.