B-Film Basterds Back in Action! (2)
Themen: B-Film Basterds, Neues |Zweiter Tag und ich bin schon am Anschlag. Fakt ist: Auch wenn die Zeitplanung ausreichend Raum für Kino, Schlaf UND Reviews lässt, ist das meistens eine Milchmädchenrechnung. Ich bin nach vier oder fünf Filmen zu aufgekratzt, um sofort zu schlafen. Dann wird doch wieder drei, vier Uhr draus. Der nächste Vormittag beginnt mit Verspätung, Körperpflege, Verpflegung und Schreibverpflichtung verdichten sich zu Stress. Andererseits mache ich das seit über 30 Jahren und bin nicht mehr überrascht. Nur müde.
Freitag
ROLLERGATOR (1996)
Ein "Zen-Film", was in diesem Fall bedeutet, dass die Szenen nicht geplant und inszeniert wurden, sondern ad hoc "passierten". Schauspieler improvisieren nach groben Vorgaben, die Musik besteht aus einem endlosen generischen Jam auf der Konzertgitarre. Das sollte nie mehr sein als billigst vermarktbarer Rotz sein, und billigst vermarktbarer Rotz ist es dann auch geworden. Kann man wirklich auf keiner Ebene empfehlen und dieser Rifftrax-Clip sollte Warnung genug sein:
MANIA (1975)
Von Renato Polselli hatten wir bereits 2024 die großartig benamsten DAS LUSTHAUS TEUFLISCHER BEGIERDEN und DAS GRAUEN KOMMT NACHTS. Selbst im Kontext des italienischen Psycho-Giallos der 70er nehmen seine Filme eine Sonderstellung ein – weil sie besonders verquast sind und auf niedrigem Niveau Sex, Gewalt, Wahn und Pathos verrühren, bis ein ungenießbarer, aber doch auch seltsam hypnotischer Brei dabei herauskommt. MANIA passt perfekt in dieses Schema – gestern erst gesehen und heute schon weitgehend vergessen:
BLUT AN DEN LIPPEN (1971)
Ich hatte es angedroht und ich habe es durchgezogen – statt die lange Pause am Vorabend zur Rekuperation zu nutzen, habe ich mir im Rahmen der Delphine Seyrig-Retrospektive meinen ersten Harry Kümel-Film gegeben. Viel erwartet habe ich nicht, bestenfalls etwas schicken Softsex im Stil der Prä-EMANUELLE-Ära.
Was für eine Fehleinschätzung! BLUT AN DEN LIPPEN ist ein Rausch, eine Offenbarung, ein komplexes Spiel aus Macht und Sex im Spiegel der Unsterblichkeit, von dekadenter Schönheit, zugleich altmodisch und modern, mit atemberaubend schönen Frauen – Andrea Rau sollte man eine Statue für die Ewigkeit errichten! Die Inszenierung ist so makellos wie die Schauplätze.
Aus dem Stand ein neuer Lieblingsfilm und ein exzellentes Double Feature mit WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN.
Es traf sich günstig, dass ich gleich im Anschluss vor seinem Auftritt noch einen schnellen Kaffee mit Christian Kessler trinken konnte, der meine neu entfachte Begeisterung für Kümel uneingeschränkt teilt.
Danach stellte Christian sein neustes Buch DAS WILDESTE AUGE vor, eine komplett überarbeitete Version seines Klassikers DAS WILDE AUGE aus den 90ern. Begleitet von vielen unterhaltsamen Ausschnitten erzählte er Anekdoten von seinen Begegnungen mit Regisseuren und Darstellern, verriet aber auch, wie das Alter und die Zweitansicht die Meinung zu einem Film justieren können.
Dass das Buch uneingeschränkt empfehlenswert ist, versteht sich von selbst – abgesehen von den sehr faktenreichen und bezaubernd geschriebenen Texten präsentiert es noch eine Vielfalt sehr bunter und spannender Artwork.
Der Rausschmeißer des Tages sollte ROLLER BLADE sein, und die Ähnlichkeit mit ROLLERGATOR ist kein Zufall – Regisseur/Produzent/Autor Donald Jackson hatte einen Fetisch für Rollschuhe und hat roundabout ein Dutzend Filme gedreht, in denen die Protagonisten wackelig durch die Szenerie rollen. Ähnlich wie ROLLERGATOR ist ROLLER BLADE absoluter Ausschuss, gedreht für 5000 Dollar ohne Sinn und Verstand, dafür aber mit haufenweise unmotivierten Nacktszenen, in denen sich u.a. Scream Queen Michelle Bauer blamiert:
Unfassbar, dass der Typ auch den hoch unterhaltsamen und von mir geschätzten HELL COMES TO FROGTOWN gedreht hat:
Samstag
DIE LETZTE STUNDE (1983)
Der Samstag begann mit einem schwer einzuordnenden Film aus Spanien, der angeblich kaum veröffentlicht wurde und selbst renommierten Filmnerds unbekannt ist. Wenigstens war unsere Kopie blitzsauber und vollständig.
Ich bin sicher, an HUMAN ANIMALS scheiden sich die Geister. Er beginnt als postapokalyptischer, eher surrealer Survival-Film und dreht dann in eine biblische Allegorie mit vielen Denkbrocken zu Themen wie Zivilisation, Macht, Gewalt, Zusammenarbeit und dem "circle of life". Das ist teilweise erstaunlich ästhetisch gefilmt, aber man muss auch viel tumben Pseudo-Anspruch und vor allem sehr viel Sexismus, unangenehm rüde Vergewaltigungen ("die Weiber wollen das so" scheint das Mantra der Macher gewesen zu sein), und letztlich eine sehr vage Form von "Botschaft" mitnehmen. Jede Szene ist ungefähr dreimal so lang, wie sie sein müsste, dafür ist alles mit einem unpassenden bombastischen Soundtrack unterlegt. Demnach lautet mein Urteil: extrem nischig, sehr holperig, aber auf seine Weise auch faszinierend und bemüht, stromaufwärts zu schwimmen.
Es sei vermerkt, dass der Film das wohl bildstärkste Poster des Festivals hat:
Bonus-Info: Hauptdarstellerin Carol Kirkham trat danach noch in einem Film namens I ♥ HITLER auf, dessen Inhaltangabe sich wie folgt liest:
A young German pacifist finds documents in an old castle that proves Hitler didn’t kill himself in April 1945, but fled to Spain disguised as a monk, and now works as a comedian in a remote town. He finds the former Führer in a small theater rehearsing a Charlot parody.
KRIEG DER INFRAS (1981)
Wer hier Platz nimmt, der weiß, was ihn erwartet: 90 Minuten Gekloppe von Sentai-Helden, zusammen gestümpert aus Folgen einer TV-Serie der 70er, so dass schon mal die Hauptdarsteller plötzlich wechseln und man nie weiß, worum es genau geht. Da die Serie bereits die Hongkong-Kopie einer japanischen Vorlage darstellte, darf man gar nicht erst den Versuch irgendeiner Sinnsuche starten. Es wurde im Saal angemessen gekichert, aber letztlich ist ROBOTER DER STERNE noch konsequenter scheiße und damit lustiger ("macht sie fettich!"), und DER INFRA-SUPERMAN hat mehr Production Value.
SOMMER DER LIEBE (1990)
Der zweite Stargast des Festivals entpuppte sich als sehr freundlich und bescheiden. Wenzel Storchs SOMMER DER LIEBE ist ein auf Super8 gedrehtes, absurdes Märchen (evident auch durch den bekannten Erzählonkel Hans Paetsch), dessen technische Mängel von vielen Fans der Subkultur der "genialen Dilletanten" zugerechnet werden. Kann man mögen, muss man aber nicht – ich fand es eher interessant als toll und als Zuschauer muss man viel pubertäre Begeisterung für die pubertäre Begeisterung der Macher aufbringen.
Unfassbar allerdings: Eine Zuschauerin machte bei der Fragestunde hinterher das Fass auf, dass der Regisseur des 35 Jahre alte Streifens sich wegen angeblichen Rassismus (Blackface) und Sexismus (generelle Darstellung von Frauen) rechtfertigen müsse und das Kino sich da irgendeine Schuld aufgeladen hätte, ihn nicht wenigstens mit Triggerhinweisen zu versehen. Zu diskutieren war mit der Frau nicht und ich bedaure die Teilnehmer, die es getan haben – hier litt jemand massiv am "main character syndrome" und wollte sich die Welt drechseln, widde widde wie es ihr gefiel. Wenzel Storch fand das auch sichtlich unnötig.
THE HIDDEN – DAS UNSAGBAR BÖSE (1987)
THE HIDDEN von Jack Sholder versöhnte uns einigermaßen nach der vorherigen Unruhe – er gehört zu der Sorte urbanem Action-Genrefilm, die man Leuten zeigt, um ihnen den Charme der 80er zu erklären. Haufenweise handgemachte Stunts, gut aufgelegte Darsteller (Kyle MacLachlan! Michael Nouri! Claudia Christian! Michael Parks!), ein hohes Tempo, und vor allem ein erstaunlich smartes Drehbuch machen den Film zu einem Showcase für alle Beteiligten:
VIRGINS FROM HELL (1987)
Das mit den "Jungfrauen" möchte ich mal schwer bezweifeln und aus der Hölle waren die jungen Damen sicher auch nicht. Davon ab hatten wir es hier mit einem ruppigen "actioner" zu tun, der aber angesichts der indonesischen Provenienz viel mehr androhte, als er lieferte. Ein harmloses, buntes, in seiner absurden Doofheit amüsantes Remmidemmi-Filmchen, das uns bis nach 3 Uhr gut wachhielt:
Der Tag war lang, die Nacht wird kurz – die letzten Filme besprechen wir morgen.
Die konfrontative Dame bei Wenzel Storch könnte eine Nachkommin der Aktionsgruppe "Die wilden Spulen" sein die damals auf ihre Art aber mit gleicher Argumentation gegen den Film protestierte:
https://www.wenzelstorch.de/sexismus.htm
Ja, Wenzel erwähnte das auch. Danke für den Link. Die merken wirklich gar nichts mehr.
Das Animales Racionales Poster ist ja mal was. Der Film interessiert mich nicht, bin kein Sammler, zahle fast nix, aber das Poster, das hätte ich auch gerne!
Ich frag mich schon, was die Dame zu Wenzels Die Reise ins Glück gesagt hätte. Da gibt‘s ja nicht nur Blackface (Der Tellerlip-Girl-Song!), sondern noch reichlich explodierende Köppe, wortwörtlich angepisste Kinder und diverses Anderes, an dem man Anstoß nehmen könnte, wenn man halt sonst nix im Leben hat.