05
Jul 2024

Kino Kritik: DIE ERMITTLUNG

Themen: Film, TV & Presse |

Hinweis: Diese Kritik stand Anfang der Woche bereits online, allerdings war mir durchgerutscht, dass es ein Review-Embargo des Verleihs bis zum 5.7. gab. Darum wurde der Beitrag bis dahin wieder offline genommen. Ich entschuldige mich auf diesem Wege beim Verleih und bei meinen Lesern.

Deutschland 2024. Regie: RP Kahl. Darsteller: Rainer Bock, Clemens Schick, Bernhard Schütz, Arno Frisch, Thomas Dehler, Sabine Timoteo, Christiane Paul, Nicolette Krebitz, Barbara Philipp, Tom Wlaschiha, Karl Markovics, Wilfried Hochholdinger

Offizielle Synopsis: Im Zentrum des Films stehen ein Richter, ein Verteidiger und ein Ankläger, die im Rahmen der Verhandlung auf 28 Zeuginnen und Zeugen treffen, die von ihren Erlebnissen und Beobachtungen in Auschwitz berichten. Weitere 11 Zeugen der ehemaligen Lagerverwaltung sagen vor Gericht aus. Die 18 Angeklagten werden im Prozess mit Beschreibungen der Zeuginnen und Zeugen konfrontiert und sollen Stellung beziehen.

Kritik: Vor ungefähr zwei Wochen schrieb ich auf Facebook Folgendes:

Pressevorführungen, die ich als Herausforderung sehe:
“Peter Weiss‘ „Oratorium in 11 Gesängen“ wurde 1965 uraufgeführt und basiert auf persönlichen Aufzeichnungen, Zeitungsartikeln und Protokollen des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses (1963 bis 1965). In unmissverständlich klarer Sprache zu einem lyrischen Klagegesang verdichtet und montiert, konfrontiert das Stück Täter und Opfer und lässt das Grauen in Auschwitz spürbar werden.
Nach einer intensiven, vierwöchigen Probenzeit haben 60 Schauspielerinnen und Schauspieler den Text von Peter Weiss für die Kinoleinwand zum Leben erweckt. An insgesamt fünf Drehtagen wurden die einzelnen Gesänge im Studio Berlin Adlershof mit einem ausgefeilten visuellen Konzept in jeweils nur einer Einstellung gedreht – eingefangen von insgesamt acht Kameras.”
240 Minuten.

Ich meinte das sowohl sarkastisch als auch faktisch – ich war durchaus gewillt, mir ein vierstündiges Oratorium zum Thema Auschwitz anzuschauen, und sei es nur, um hinterher ein “Ich hab’s überstanden!”-T-Shirt tragen zu können.

In der Tat: Es wurde harte Kost. Eine Pressevorführung, die man wollen musste. Eine zehnminütige Pause, die von eisigem Schweigen eingeleitet wurde. Ganz dem zugrunde liegenden Stück entsprechend, ist DIE ERMITTLUNG ein freudloser, trockener, fast gänzlich auf inszenatorischen Schnickschnack verzichtender (Be)Lehr-Film über das, was alle wissen und doch immer wieder verdrängen: Die kollektive Schuld der Deutschen am Holocaust in allen Formen. Opfer und Täter bekommen Stimme und Gesicht, dem Vorwurf des Grauens und der Grausamkeit steht nur müder Trotz entgegen: nichts gewusst, nicht gewollt, nur Pflicht getan, Stolz auf den Dienst fürs Volk, und überhaupt – reicht denn der kaufmännische Erfolg im Nachkriegsdeutschland gar nicht zur Entschuld(ig)ung?! Das heutige Verdrängen – hier sehen wir seinen Ursprung, seine monströse Vaterschaft. Wer heute die 68er verhöhnt, hat nicht verstanden, mit was sie aufräumen mussten.

Ist das artifizielles Theater mit Telekolleg-Anspruch, prädestiniert für Festivals und gelangweilte Schulvormittage? Wird die wirkmächtige Visualisierung von HOLOCAUST, SCHINDLERS LISTE und meinetwegen auch Bolls AUSCHWITZ wieder auf tausendfach Gesagtes reduziert, in ein historisch diktiertes Gut/Böse-Schema, das in seiner Absolutheit keine neuen Erkenntnisse oder Diskussionen zulässt?

Ja und nein. Natürlich präsentiert DIE ERMITTLUNG keinen neuen Ansatz, keinen Twist. Regisseur Kahl ist klug genug, nichts aufzublasen, was durch die Aussagen in der Stille des Saals wirken muss. Er betont, er verweist, er gewichtet, alles unter der schweren Last der Schuld, wie sie uns jedes Jahr von sechs SPIEGEL-Titelstorys erneut vorgehalten wird. Wer die Wahrheit nie hören wollte, wird hier fernbleiben – und wer sie kennt, wird nichts hinzu lernen. Es ist “preaching to the converted”.

Aber wahrlich, wer sich noch offen zeigt und angesichts der seit fast 80 Jahren andauernden Wiederholung nicht die Finger in die Ohren steckt und mimimi macht, der wird vier Stunden lang in seinen Grundfesten erschüttert, in seinem Glauben an die Menschheit und dem Vertrauen an ein grundlegendes Quantum an Humanität, das man auch dem widerlichsten Handlanger des Regimes zubilligen möchte.

Mit vier Stunden ist DIE ERMITTLUNG nicht zu lang, und schon gar nicht langweilig. Er fesselt in jeder Minute, baut aus einem Puzzle von Schicksalen und Erinnerungen ein nicht administrativ vollständiges, aber sehr lebendiges Bild vom Leben im Horror des Holocaust. Es sind einfache, schnörkellose Aussagen von kleinen Ereignissen im Schatten des Vernichtungsalltags, die die Kehle zuschnüren und die Tränen hochdrücken. Wie konnten die nur? Wie konnten WIR nur? Wie konnte überhaupt jemand? Und dennoch…

Ja, es ist Theater, getragen von einem Schaulaufen dessen, was Deutschland und Umgebung an großen Darstellern aufzubieten hat. Clemens Schick hat als Verteidiger eigentlich nur einen Gesichtsausdruck, den ungläubiger und mühsam unterdrückter Fassungslosigkeit. Es ist der einzig angemessene. Die Angeklagten in ihrer gespielten Empörung und selbstgerechten Jammerlappigkeit – man wird den Drang unterdrücken müssen, sie auf der Straße stellvertretend zu bespucken.

Müsste ich Kritik üben, dann übte ich sie nicht am Film, sondern an der Vermarktung. Mit Texten wie dem obigen, der mit “Oratorium” und “Klagegesängen” droht, wo doch nur Zeugenaussagen und Vernehmungen gemeint sind, tut man DIE ERMITTLUNG keinen Gefallen. Er ist nicht annähernd so sperrig und unzugänglich, wie das Pressematerial befürchten lässt.

Man sollte niemanden verpflichten, DIE ERMITTLUNG zu schauen. Aber jeder sollte sich verpflichtet fühlen. Und dort, wo der Film noch lehrend wirken kann, sollte er in den Lehrplan aufgenommen werden.

Fazit: Wenn “wir” vielleicht Europameister 2024 werden, dann haben “wir” auch sechs Millionen Juden ermordet. Und es gibt kaum eine verpflichtendere Erinnerung daran als DIE ERMITTLUNG. Wenn ihr denkt, ihr seid dafür nicht stark genug, seid ihr noch Mensch genug, um die Kinokarte zu kaufen.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

P.S.: Weil Bildung Not tut – hier das ausführliche Presseheft.



Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest

23 Kommentare
Älteste
Neueste
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Christian Siegel
1. Juli, 2024 21:14

Danke für den Tipp und allgemein die Kritik; war nach der Facebook-Nachricht schon gespannt. Im Kino drück ihn den bei der Laufzeit leider nicht durch, ist aber nun fix fürs Patschenkino vorgemerkt.

PS: The Zone of Interest gesehen?

Last edited 14 Tage zuvor by Christian Siegel
2KopfPuffin
2KopfPuffin
2. Juli, 2024 08:41

Meine Güte, der Pressetext mit seinen “Gesängen” klingt so als wäre das hier “Auschwitz – Das Musical” und das würde ich nun wirklich nicht sehen wollen.

Wenn es eher “Deutsches Haus” nur ohne die Rahmenhandlung ist, dann ist es schon wieder interessant.

S-Man
S-Man
2. Juli, 2024 08:49

Ich bin leider noch nie stark genug für Nazifilme dieser oder Schindlers Art gewesen. Letzteres brachte mir noch Erwachsenenalter Albträume ein, wie es heute nur die Wahlergebnisse können. Auch Auschwitzbesuche im Rahmen der Schule habe ich immer geschwänzt. Ich muss das Grauen nicht sehen oder hören oder sonstwie erleben, um zu wissen, dass es existierte und es eine Pflicht ist, sich dagegen zu stemmen. Für derlei Filme bin ich nicht stark genug, werde sicher keine Kinokarte kaufen (so wie auch nicht für Zone of Interest), aber ich finde gut, dass es sowas noch gibt.

Nikolai
Nikolai
5. Juli, 2024 17:37

Nur so als Hinweis.
“Ich entschuldige mich auf diesem Wege”
Du kannst nur um Entschuldigung bitten.
Entschuldigen können sich nur Andere.

Bluescreen
Bluescreen
5. Juli, 2024 23:58
Reply to  Torsten Dewi

Da bin ich bei Nikolai.
Man kann sich nicht selbst entschuldigen. Das ist Quatsch.
“und ich mir die Hoheit nehme” ist dann schon hochgegriffen und rausgepickt.

Bluescreen
Bluescreen
6. Juli, 2024 08:35
Reply to  Torsten Dewi

Warum teilst du sie nicht?
Und das mit der “generellen Meinung” ist erklärungsbedürftig.

Olaf Kröger
Olaf Kröger
6. Juli, 2024 10:48
Reply to  Torsten Dewi

Wortbedeutung 1a) auf duden.de für “entschuldigen”: “jemanden wegen eines falschen Verhaltens o. Ä. um Verständnis, Nachsicht, Verzeihung bitten”. Das stünde da nicht, wenn dein (und mein) Wortgebrauch nicht der vorherrschende wäre.

Ich weiß nicht, wieso Leute “ich entschuldige mich” lesen und “ich verzeihe mir” verstehen, aber die generelle Meinung vertreten sie nicht.

Bluescreen
Bluescreen
6. Juli, 2024 15:27
Reply to  Olaf Kröger

@Olaf und Torsten:

Es geht nicht darum, was man ausdrücken will oder was allgemeiner Sprachgebrauch ist.

Sondern um die Frage “Kann man sich selber entschuldigen?”.
Nikolai und Ich scheinen da der Meinung zu sein: Nö.
Diese Schuld (Was auch immer) bleibt bei dir. Die kann man nicht mit “Ich entschuldige mich” einfach so wegreden.
Derjenige, der die Schuld hat (und das ist zu klären) kann sich nicht einfach schuldfrei sprechen.

Und damit zurück zu eurer Meinung. Klar was damit gemeint ist. Nur ist das nicht ganz brauchbar.

Bluescreen
Bluescreen
6. Juli, 2024 19:12
Reply to  Torsten Dewi

Ah ja. Das ist dann jetzt klar.
Und was ist mit “man kann sich nicht selbst enschuldigen”? Darum ging es doch.

Olaf Kröger
Olaf Kröger
6. Juli, 2024 21:00
Reply to  Bluescreen

Noch schlimmer: man kann sich *nur* für sich selbst entschuldigen, weil “entschuldigen” ein echtes reflexives Verb ist.

Beispiel für ein unechtes reflexives Verb: Ich kann mich waschen, Thorsten Dewi kann sich waschen, aber ich kann auch Thorsten Dewi waschen (obwohl ich das gar nicht möchte).

Beispiel für ein echtes reflexives Verb: Ich kann mich beeilen, Thorsten Dewi kann sich beeilen, aber ich kann nicht Thorsten Dewi beeilen.

Probier es gerne aus: “Der Verleih und die Leser entschuldigen Thorsten Dewi” ist so sinnfrei wie “Der Verleih und die Leser verbeugen Thorsten Dewi”. Simply doesn’t compute.

Diese Realität des Sprachgebrauchs wäre ein Skandal, wenn “sich entschuldigen” soviel bedeuten würde wie “sich von Schuld freisprechen”. Es bedeutet aber “um Verzeihung bitten”. Da können der Verleih und der Leser nach Belieben mit “da nich für” oder “Hundsfott!!!” oder irgendwas dazwischen antworten.

Einsamer Schütze
Einsamer Schütze
7. Juli, 2024 14:43
Reply to  Torsten Dewi

Bastian Sick hat leider viele Mythen in die Welt gesetzt, die immer noch nachwirken.

Robert
Robert
5. Juli, 2024 22:37

Wenn “wir” vielleicht Europameister 2024 werden, dann haben “wir” auch sechs Millionen Juden ermordet.

Dieser Satz ist mir schon beim ersten Posting negativ aufgefallen.

Zunächst: Ich bin in den 80ern geboren. Ich habe nicht am Massenmord an den Juden mitgewirkt. Nichts, was ich getan oder nicht getan habe, hätte den Holocaust verhindern können. Genau genommen gilt das für alle, die jünger als 70(!) Jahre sind.

Der Versuch, da die Verbindung zur EM herzustellen, gehört auch eher zum Duktus von linksextremen Splittergruppen, als dass er überzeugend wäre. Solche Gedanken waren schon in der Fischer Debatte (dort rückwärtsgewandt) mäßig und werden mit der Zeit nur schlechter.

Es ist ja toll, dass der Film so eine Wirkung hervorruft. Deswegen aber jetzt die ewige Kollektivschuld aller lebenden Deutschen daraus herzuleiten ist doch etwas zu viel des Guten.

Robert
Robert
6. Juli, 2024 23:20
Reply to  Torsten Dewi

“Wir” haben 6 Millionen Juden ermordet, aber keine Schuld?
Ich versteh nicht ganz, was du da sagen willst.

Robert
Robert
7. Juli, 2024 21:58
Reply to  Torsten Dewi

Ich gehe dieses Bild bewusst nicht mit. Es ist schon beim Fußball Kappes und beim Nazivergleich doppelt.