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Mai 2024

Running for Roger: Der Wortvogel beim Giro di Monaco 2024

Themen: Neues |

Vor ein paar Wochen ist es mal wieder soweit: Der Frankster erwähnt einen eher harmlosen Charity-Stadtlauf und fragt, ob ich nicht Bock hätte, mit ihm zusammen dabei anzutreten. Wobei “zusammen” ja ein sehr relativ Begriff ist, denn der Frankster trägt 30 Kilo weniger auf dem Skelett als ich und geht auch gerne mal 100 Kilometer am Stück. Von dem sehe ich immer nur den Kondensstreifen, bis er am Horizont verschwindet.

Aber warum eigentlich nicht? Das Wetter soll schön sein am Sonntag, ich habe dank der neusten Diät wieder ein paar Kilo abgenommen und trage mich mit dem Gedanken, etwas stärker ins Jogging einzusteigen. Das könnte ein guter Test sein, zumal der Giro di Monaco wirklich was für Leichtgewichtler ist: 4,8 Kilometer über den Altstadtring, keine Zeitmessung, kein Wettbewerb. Ich melde mich an, spende 50 Euro für die Gute Sache, und exkaviere meine Laufklamotten aus dem Keller.

In der Tat ist das Wetter ein Traum und ich springe zeitig auf den Roller, weil vor Ort kein Parkplatz zu finden sein wird. Hunderte, nein tausende Hobbyläufer sind schon da, erkennbar an den dieses Jahr grünen Shirts – ich trage keins, weil die Größe “alternder Fettsack” nicht mehr erhältlich war.

Es herrscht eine sehr gute Stimmung, die Menschen sind erkennbar fröhlich und aufgeregt. Aus den Lautsprechern hört man anfeuernde Reden u.a. vom Bürgermeister der Stadt, ein paar gesponsorte Stände zur Verpflegung der Läufer (NACH dem Lauf!) werden bereits bestückt. Mir fällt auf, dass hier weitgehend eine weiße Mittelschicht läuft – Minoritäten jeder Art halten sich wohl raus oder bleiben unter dem Radar. Dafür Hunde, Kinderwagen, Teenager.

Einziger Missklang: Ein paar pro Palästina-Protestler wollen augenscheinlich zur Laufstrecke, um angemessen aufzufallen. Die lokale Polizei hält sie freundlich, aber entschieden davon ab. Not the time, not the place.

Erstmals in meinem Leben sehe ich ein Dixi-Pissoir:

Man ist im ersten Augenblick ein wenig abgestoßen, aber das macht schon Sinn: Es ist schnell und hygienisch zu benutzen und hält die Kabinen frei für Frauen und Menschen mit größerem Geschäft. Es wirkt auch platzsparender und hygienischer.

Den Frankster finde ich schnell, wir saugen die Atmosphäre auf und machen die Beine locker. Ich bringe wenig Erwartungen, aber unangemessenen Ehrgeiz mit:

Während es auf 11.00 Uhr zu geht, füllt sich die Blumenstraße. Ich werde später erfahren, dass es 10.000 Läufer sind, darunter Paul Breitner und Willy Astor:

Ich laufe heute für Roger Corman, den gerade verstorbenen B-Movie-Papst, dem meine Jugend viele schöne Stunden verdankt. Ich habe fünf (!) Biographien von ihm gelesen. Der Frankster läuft für seine Mama, die heute vor sieben Jahren verstorben ist. Der Rest der Menge läuft für Toleranz und Frieden.

15 Minuten vor dem Start beginnt ein Open Air-Konzert der Spider Murphy Gang – vor einem Jahr habe ich dafür noch bezahlen müssen:

Dann geht’s los, der Frankster flitzt davon, und ich lasse es entsprechend langsam angehen. Ich bin 55, über 100 Kilo schwer und seit sieben Jahren komplett aus dem Sport raus. Das hier muss ich nicht gewinnen – das muss ich überleben.

Es wird ein toller Event. Die Strecke ist interessant, die Menschen gut gelaunt, am Straßenrand wird geklatscht und Kinder halten uns die Hände für ein “high five” hin. Alle paar hundert Meter treibende Musik von Trommel- und Trompeten-Bands. S’ist wieder Sommer, Sommer in der Stadt…

Ich bin erwartungsgemäß behäbig unterwegs, jeder Schritt lässt mich das Gewicht an den Beinen spüren, die Trägheit meines gesamten Systems. Unfassbar, dass ich vor sieben Jahren zehn Kilometer relativ stressfrei laufen konnte. The times, they are a-changing.

Am Isartor, ca. einen halben Kilometer vor dem Ziel, bin ich am Ende. Mein Kreislauf, meine Atmung, meine Beine – alle befehlen mir, auf den Fußweg auszuweichen und den Rest langsam zu spazieren.

Ich hatte drei Ziele:

  1. Im Ziel ankommen.
  2. Permanent in Bewegung bleiben.
  3. Die Strecke durchweg laufend schaffen.

Wie schon Meat Loaf sang: Two out of three ain’t bad. Ich hadere nicht mit mir. Dafür bin ich auch zu guter Laune. Da ist noch Sprit im Tank.

Am Ziel treffe ich wieder auf den Frankster:

Er hat gerade mal 30 Minuten gebraucht und ist immer noch nicht zufrieden. Kein Wunder, denn er hat für 2025 den Tokio Marathon im Blick.

Wir gönnen uns zwei Grapefruit-Radler von Sponsor Erdinger, um die verlorene Flüssigkeit nachzugießen. Es gibt auch Wasser, Kaffee, Brezen für die Läufer. Musik spielt, Streetfood-Stände bieten ihre Waren an. Die Restaurants des Viertels haben ihre gläsernen Fronten geöffnet, Menschen sitzen auf Parkbänken. Man versteht, warum München auch “die nördlichste Stadt Italiens” genannt wird.

Im Helmfach meines Rollers habe ich eine kurze Hose und ein frisches T-Shirt. Umgezogen wird an der Bushaltestelle. Dann spaziere ich mit dem Frankster noch eine Stunde durch das Glockenbachviertel, zeige ihm ein paar Betriebe, über die ich schon Reportagen geschrieben habe. Er merkt sich den Standort eines Second Hand-Ladens für CD’s, der Interesse an seiner Altware haben könnte.

Auf dem Heimweg fahre ich an einem Wahlplakat vorbei, das die FDP an schierer Hirnrissigkeit noch übertrifft:

Tatsächlich ist das nicht ganz so blöde, wie es klingt – als ich es recherchiere, kann ich den Ansatz zumindest nachvollziehen. Trotzdem…

Es ist traumhafter Mittag und ich könnte glatt noch mehr Zeit in der Stadt verbringen, aber daheim wartet schon der nächste Event-Triple:

  1. Ein Nachmittag mit der LvA und den Katzen auf der Terrasse
  2. Die neue Hörspielversion von THE MAN WHO FELL TO EARTH bei BBC Radio 4
  3. Mein erster Key Lime Pie

Das Ding hat satte 4500 Kalorien! Aber an so einem Tag darf ich mir so ein Stück erlauben. Oder besser gesagt: erlaufen.

Leider rächt sich der Tag dann doch noch, denn zum Abend hin bekomme ich hämmernde Kopfschmerzen und mir wird schlecht. Ganz klar: ein leichter Sonnenstich. Thomapyrin und etwas Schlaf bringen mich durch das Schlimmste. Dafür habe ich “schön Farbe bekommen”, wie man so sagt.

Um es mit einer alten Bierwerbung zu sagen/singen: Ein schöner Tag, die Welt steht still, ein schöner Tag, komm Welt lass dich umarmen, welch ein Tag!

Heute habe ich Muskelkater. Cool. Hatte ich lange nicht mehr.



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bullion
13. Mai, 2024 14:56

Hast du nun Lunte gerochen und wirst wieder häufiger in die Laufklamotten springen? Ich erinnere mich noch an deine Artikel von vor einigen Jahren, als du lauftechnisch gut dabei warst. 🙂

Nikolai
Nikolai
13. Mai, 2024 15:25

4500 Kalorien oder 4500 kcal? Das Zweite halte ich für unmöglich und das Erste wären 4,5 kcal und damit quasi nichts.
Irgendwas stimmt da nicht.

Edit: Auch 4500 Joule wären gerade mal ca 1kcal.

Last edited 10 Tage zuvor by Nikolai
Nikolai
Nikolai
13. Mai, 2024 15:40
Reply to  Torsten Dewi

Ich erläutere das gern.
4500 kalorien sind 4,5 kcal.
Alleine die Butter hat knapp 350 kcal.

Vergleich: 100 Gramm Kartoffeln haben ca 73 kcal.

Ich habe keine Ahnung was für “Kalorien” du meinst, aber das kann so nicht klappen.

Last edited 10 Tage zuvor by Nikolai
Feivel
Feivel
13. Mai, 2024 16:15
Reply to  Nikolai

Du wurdest in der Schulzeit zu vielen Parties eingeladen, ja?

600g gezuckerte Kondensmilch sind schon 2275 Kalorien (;-)). Den Rest darfst du gern selber dazurechnen. Aber nicht mit den Joules durcheinander kommen!

Nikolai
Nikolai
13. Mai, 2024 19:13
Reply to  Feivel

Ad hominem geht immer?
Sich über andere Lustig zumachen, weil sie es genau nehmen, ist viel zu einfach und einfallslos.
Bitte einen neuen Versuch starten.

Feivel
Feivel
14. Mai, 2024 01:21
Reply to  Torsten Dewi

Pöbeln wollte ich nicht, nur ausdrücken: man macht sich nicht gerade beliebt mit so einer Besserwisserei (“das kann so nicht klappen”). Es gibt einen Unterschied zwischen “genau nehmen” und Pedanterie, da ist auch nichts ad hominem dran. Also bitte nicht persönlich nehmen. Ein höfliches Nachfragen hätte nicht wehgetan und wäre eben weniger besserwiserisch gewesen.

… andererseits haben wir jetzt Torstens Kondenssahnekuchen key lime pie Rezept, also.. ein Gewinn für alle Seiten 🙂

Christian
13. Mai, 2024 16:22
Reply to  Nikolai

Wie Wikipedia so schön sagt: Das Wort „Kalorie“ kann sich auf eine Kalorie (1 cal) oder verkürzend, streng genommen falsch, auf eine Kilokalorie (1 kcal) beziehen. In der Umgangssprache und in den Lebenswissenschaften kommen beide Verwendungen vor. 

Dass Torsten 4500 kcal meint, hat er ja hinreichend erklärt. Kurzer Googlecheck, weil’s mich interessiert hat:

56g Butter ~ 401 kcal250g Biscoff = 1210 kcal (Herstellerangabe)600g Kondensmilch ~ 804 kcal3 Eigelb ~ 966 kcal240ml Schlagsahne ~ 696 kcal3 Esslöffel (~30g) Puderzucker ~ 117 kcal160 ml (~160g) Limettensaft ~ 48 kcal
Damit wären wir schon bei über 4200kcal – natürlich für das ganze Rezept, nicht das abgebildete Einzelstück. Angesichts dessen, dass je nach Marke und Typ der Zutat die kcal-Werte enorm schwanken können sind 4500 kcal doch nicht unrealistisch?

Last edited 10 Tage zuvor by Christian
Nikolai
Nikolai
13. Mai, 2024 19:12
Reply to  Christian

Ich habe mich halt auf das eine Stück bezogen. So kam das für mich rüber, da man eben nur das eine Stück gesehen hat.
Aber danke Christian.

Christian
13. Mai, 2024 16:23

Glückwunsch! Nach langer Abstinenz wieder ins Laufen reinzukommen ist nicht easy. Möchte ich auch wieder angehen…

S-Man
S-Man
13. Mai, 2024 16:39

Diese Dixi-Pissoirs kenne ich schon seit mehreren Jahren, sehr beliebt auf Festivals und anderen Großkonzerten. Eigentlich ganz praktisch, wie ich finde.

Und ja, diese obskure Partei hat auch schon bei der letzten Wahl hier in Berlin-Steglitz ihr plakattechnisches Unwesen getrieben und für allgemeine Erheiterung gesorgt! 😀

Schlotterbeck
Schlotterbeck
13. Mai, 2024 17:38

“Erstmals in meinem sehe ich ein Dixi-Pissoir:”
In Deinem WAS? 😉

Dinozeros
Dinozeros
13. Mai, 2024 21:17

Wie gefiel die BBC-Produktion von “The Man Who Fell To Earth”?

Seeing Ear Theater … gut das.

Dinozeros
Dinozeros
13. Mai, 2024 22:31
Reply to  Torsten Dewi

Danke für die Mini-Rezension. Schön. Kommt auf die Liste, geht ins Ohr.

BTW, so ein paar regelmäßige Listening-Tipps hier wären hübsch. Der Strom an Angeboten dünnt sich zwar aus, ist aber immer noch enorm. Was für den kundigen Kurator.