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Feb 2023

Kino-Kritik: CREED III

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

USA 2023. Regie: Michael B. Jordan. Darsteller: Michael B. Jordan, Tessa Thompson, Jonathan Majors, Wood Harris, Florian Munteanu, Phylicia Rashad u.a.

Story: Nach einem letzten spektakulären Fight in Kapstadt ist Adonis Creed seit ein paar Jahren der “spiritus rector” seines Box-Teams und kümmert sich primär um seine Familie. Doch dann taucht sein Jugendfreund Damian “Diamond” Anderson auf, der fast 20 Jahre im Knast gesessen hat und nur ein Ziel kennt – die in seiner Jugend verlorene Boxkarriere nachzuholen. Adonis fühlt sich schuldig und will helfen, doch er muss schnell einsehen, dass er sich mit Damian eine tickende Zeitbombe ins Haus geholt hat.

Kritik: Okay, rekapitulieren wir erstmal: ich war immer ein Fan der ROCKY-Franchise. Das hier ist der Sound meiner Jugend:

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Teil 1 und 2 waren noch echte Dramen, die das Boxen lediglich zum Thema hatten. Ab 3 schwenkte die Franchise vollständig in knallbuntes, überproduziertes Comic-Kino um, ohne dabei ihren Protagonisten zu verraten. Prime 80s. ROCKY V läutete die 90er und eine massive Delle in Stallones Karriere ein – ein missglückter “back to the roots”-Film, bei dem sich rächte, dass man die Reihe vorher zu stark mythologisiert hatte. Aber wie Rocky war Stallone immer für einen Neuanfang gut – und den schaffte er unglaublicherweise 2007 mit ROCKY BALBOA. Die Kritik zum Film war einer meiner ersten Blogbeiträge hier. Ich zitiere:

““Rocky Balboa” ist thematisch wie visuell “old school” – der Film gibt sich viel Mühe auszusehen, als sei er 1977 gedreht worden, auch in seiner totalen Verweigerung von High Tech. Die alten Kneipen, die Box-Clubs, die Reihenhäuser – alles noch da, nur sehr heruntergekommen. Wie Balboa. Wie Stallone.”

Weil Stallone danach zu alt war, um in den Ring zu steigen, wurde mit dem neu eingeführten Sohn von Apollo Creed ein Nachfolger aufgebaut, der seit der Staffelübergabe in CREED im Mittelpunkt steht. Aber trotz der Namensänderung ist CREED immer noch ROCKY – die Filme greifen permanent nicht nur die Figuren, sondern auch die Konflikte und die Rituale der ersten sechs Teile auf. So war CREED II eine Art direkte Fortsetzung von ROCKY IV und der Beweis, dass Dolph Lundgren was Besseres als sein Dasein in der “direct to DVD”-Hölle verdient hätte.

Mit CREED III zementiert Michael B. Jordan seinen Anspruch auf die Alleinherrschaft über die Franchise – wie schon Stallone vor ihm ist er nicht nur Produzent und Hauptdarsteller, sondern auch Regisseur.

Es macht durchaus Sinn, CREED III nicht nur an den ROCKY-Filmen zu messen, sondern z.B. auch an ANT-MAN, weil es kaum ein besseres Beispiel gibt, die Unterschiede zwischen dem Oldschool-Kino der 80er und der neuen Disney/Marvel-Wirklichkeit aufzuzeigen. ANT-MAN ist ein generisches, am Reißbrett geplantes und primär dem eigenen Universum verpflichtetes Spektakel, das in CGI ersäuft und dessen Konflikte sich an keiner Stelle relevant oder packend anfühlen. Feuerwerk, Zuckerwatte fürs Auge – aber null Substanz.

CREED III, für einen Bruchteil des ANT-MAN-Budgets produziert, gelingt dagegen das Kunststück, die immer gleichen Versatzstücke des Sportfilms im Allgemeinen und der ROCKY-Franchise im Besonderen erneut aufzugreifen, zu ordnen, und zu einem packenden Drama zu schweißen, dessen Adrenalin uns mitreißt und dessen Kämpfe – so vorhersehbar sie im Ergebnis auch sein mögen – eine beträchtliche Sogwirkung haben.

Zum neunten Mal “zwei Männer, die sich ordentlich auf die Fresse hauen”. Unkaputtbar und zehnmal spannender als fliegende CGI-Superhelden.

Da ist es nur eine amüsante Randnotiz, dass gut ein halbes Dutzend der Hauptdarsteller ebenfalls im MCU aktiv war/ist, Antagonist Jonathan Majors sogar aktuell in ANT-MAN.

Inhaltlich ist CREED III eine Melange aus ROCKY III und ROCKY VI, er greift immer mal wieder Schnipsel aus den Dialogen und Konflikten der Vorgänger auf. Den wenigen Spielraum, den das ROCKY-Korsett zulässt, nutzt er mehr für Variationen als für echte Fortentwicklung. Jordans Regie ist entsprechend “basic”, aber auch erstaunlich entspannt und selbstsicher. In der Inszenierung der Kämpfe werden keine Bäume ausgerissen, aber die Verwendung schmerzhaft anzusehender Ultra-Zeitlupen illustriert den glaubwürdigen Einsatz der Beteiligten. Und das ist vielleicht auch das größte Lob, das man Jordan aussprechen kann: Er hat die Franchise nicht nur geerbt – er hat sie sich verdient. Adonis Creed ist der neue Rocky Balboa.

Man darf aber die Frage stellen, wie es nun weitergehen soll. Adonis Creed ist hier an dem Punkt angelangt, an dem Stallone in ROCKY VI war: er hat nach dem Ende seiner Karriere ein letztes Mal bewiesen, wer der Champ ist. Das lässt sich nicht wiederholen, das lässt sich nicht zurückdrehen. Ich bin gespannt, ob man tatsächlich versuchen wird, die kleine Amara Creed zum weiblichen ROCKY zu entwickeln, was zumindest als Möglichkeit in den Raum gestellt wird.

Was bleibt? Ich gestehe, dass ich nach TOP GUN: MAVERICK und CREED III – und nach den Exzessen der letzten MCU-Filme – wieder Geschmack finde am angemessenen, aber nicht hysterischen Stil des 80er-Kinos, bei dem die Effekte und die eskalierenden epochalen Konflikte noch nicht einziger Sinn und Zweck waren, in denen der Cast noch nicht zwanghaft “divers” und jede Botschaft nicht aufdringlich gesellschaftskritisch war. CREED III will einfach “nur” ein guter Boxfilm sein – und das ist mehr als genug.

Fazit: Ein mit den Elementen der Vorgänger spielender klassischer ROCKY-Film, der beweist, dass die Franchise noch Sprit im Tank und mit Michael B. Jordan den perfekten Nachfolger für Stallone gefunden hat(te).

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Martzell
25. Februar, 2023 14:20

Rocky 1 wird dieses Jahr tatsächlich schon 47 Jahre alt und erstreckt sich über 6 Jahrzehnte: 1976. Stallone war auch Drehbuchautor.

Creed, wird wohl gleich ausgesprochen wie Greed, also Gier. Ein passender Titel, für das endlose melken eines Filmes. Rocky 1 und Rambo 1 sind um einiges besser und bedeutsamer (innovativer) als was danach kam. Auch wenn gute Filme dabei waren, ist das stets zu wenig um würdig für den Titel zu sein.

jimmy1138
jimmy1138
26. Februar, 2023 09:20
Reply to  Torsten Dewi

Dahingehend finde ich ja den ganzen Groll von Stallone hinsichtlich Creed III etwas seltsam – der kommt bei Teil neun der Filmreihe auf einmal auf die Idee, daß gewisse Produzenten nur Geld scheffeln möchten?

Thies
Thies
6. März, 2023 21:28
Last edited 11 Monate zuvor by Thies
Martin Däniken
Martin Däniken
7. März, 2023 10:45

Stallone hat Rocky 4 neu geschnitten und um 40 Minuten ergänzt. Wenn ich mich recht erinnere hat er den Corona bedingten Lockdown dafür genutzt und z.B. die Pauli und der Roboter-Szenen rausgeschnitten…
The Making of ROCKY VS. DRAGO by Sylvester Stallone – YouTube
Ich sag mal so:
Stallone ist ein absoluter Profi und er liebt Filme aber in wieweit der Recut ein Vanity-Projekt ist oder ob es tatsächlich zum Geldverdienen taugt…kann ich nicht sagen.
Er muss (sich) eigentlich nichts beweisen.

Achja im September kommen “The Expend4bles”.