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Okt 2022

Steven Seagals THE FOREIGNER: Fake Germany

Themen: Film, TV & Presse |

Ich habe schon öfter darüber geschrieben, dass es mich nervt, wenn im Ausland gedrehte Filme keinerlei Interesse zeigen, Deutschland irgendwie authentisch nachzustellen. Ob Tim Burton das hier für Düsseldorf hält

oder A-TEAM das hier für Frankfurt:

Es ist nicht mit “wenig Budget” zu entschuldigen, wenn LEGENDS OF TOMORROW in den 70ern in Leipzig eine Privatbank mit Bundesadler im Logo und C64-Computern zeigt:

Auch teure Produktionen wie THE IPCRESS FILE sind da nicht besser.

Gestern ist mir mal wieder ein schönes Beispiel über den Weg gelaufen – der Film THE FOREIGNER mit Steven Seagal von 2003:

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Keine Sorge, ich habe ihn mir nicht komplett angesehen. Stattdessen habe ich mir die großartige Videokritik Hinrichtung von YouTuber SPACE ICE gegeben:

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Über den Film selber braucht man nicht viel reden – er war eine der ersten großen Bankrotterklärungen des einstigen Action-Stars, der voll auf die Formel setzte, mit der Seagal bis heute seine Miete bezahlt: billig in Osteuropa gedreht, jede Story oder Logik mangelnd, mit einem minimalen Aufwand für Seagal, der sich bei jeder Gelegenheit doublen und nachsynchronisieren lässt. Kein Film – eine Film-Attrappe für die dümmsten unter den Action-Allesguckern.

Gedreht wurde der trostlose THE FOREIGNER weitgehend in Polen – inklusive der Szenen, die vorgeblich in Berlin spielen. Die Macher zeigten sich allerdings wenig motiviert, das in irgendeiner Form glaubwürdig zu simulieren.

So bekommt Seagal zu Beginn den Auftrag, für die CIA (?) ein Päckchen von Polen nach Berlin zu bringen. Warum das nicht mit FedEx verschickt werden kann, bleibt unerklärt – wie so ziemlich alles in diesem Film, der sich primär auf eine sinn- und spannungsfreie Ballerei nach der anderen konzentriert.

Schauen wir doch mal, wo in Berlin Seagal das Päckchen hinbringen soll:

Das ist keine deutsche Adresse. Das ist eine willkürliche Anordnung von Buchstaben und Zahlen, ergänzt durch die Worte “Terminus” und “Germany”.

Adressat des Päckchens ist wohl (ich reime mir das aus dem YT-Video zusammen) der reiche van Aken. Seine Villa liegt praktischerweise an einer Straße, die seinen Namen trägt – und deren Schild einfach an den Baum genagelt wurde:

Für einen Punkt hinter “Str” war wohl kein Platz mehr…

Der Begriff “Terminus” bezeichnet in anderen Sprachen als unserer einen Ziel- bzw. Endbahnhof. In THE FOREIGNER kommt dementsprechend ein “Terminus” genannter Bahnhof in Berlin vor, dessen Beschriftung noch weniger Sinn macht als seine Bezeichnung:

In diesem Bau aus dem 19. Jahrhundert befindet sich eine Ubahn- und eine S-Bahn-Endstation und man muss sich vor einer Stromleitung (!!!) in acht nehmen.

Wenigstens dürfen wir angesichts des Hinweisschildes glauben, dass dieses Gebäude sich in der Nähe dieses Hardenbergplatzes befindet:

Marek Śliwecki, Berlin – Hardenbergplatz, CC BY-SA 4.0

Aber damit nicht genug. Ich akzeptiere um der filmischen Wirklichkeit willen, dass ein herunter gekommenes Wohnhaus einen Berliner Großbahnhof namens “Terminus” darstellt. Das erklärt allerdings nicht, warum auch das angeblich in der Nähe gelegene verfallene Hotel, das an keiner Stelle wie ein Hotel aussieht, diesen Namen trägt:

Auch hier bekommen wir eine konkrete Ortsbestimmung:

Eine Helmut Just-Straße gibt es in der Tat. In Potsdam. 18 Kilometer vom Hardenbergplatz entfernt. Da kann doch was nicht stimmen.

Der Bahnhof “Terminus” ist übrigens innen ungleich moderner als außen:

Es fällt auf, dass hier mit dem gleichen Schild auf die Stromleitung verwiesen wird – und die Smarteren von euch nehmen mal das BILD-Schild ins Auge…

Bei diversen Verfolgungsjagden im gemächlichen Tempo kann man sich prima die Nummernschilder der Autos anschauen. Weder haben die Requisiteure das Format noch den Zeichensatz bundesdeutscher Kennzeichen verstanden:

An einem “Kiosk” sehen wir das BILD-Schild aus der “Terminus”-Station wieder:

Woher ich weiß, dass es sich um das gleiche Requisit handelt? Man hat, vermutlich um lizenzrechtliche Probleme zu umgehen, das “d” verändert:

Wer sich die Mühe macht, das Bild ganz nah heran zu zoomen, der bekommt mit dem Verweis auf die PolCard ein sauberes Indiz dafür, wo gedreht wurde:

Ehrlich gesagt hätte es mich überrascht, wenn sich die Macher von THE FOREIGNER bei den Requisiten und Locations mehr Mühe gegeben hätten als beim Drehbuch und den Darstellern. In der vorliegenden Form ist der Film Blaupause und Standard des Leckmich-Drecks, den Seagal seit 20 Jahren in den Markt pumpt. Dass es aber immer noch Zuschauer gibt, die das in ihr Abendprogramm aufnehmen, macht mich rechtschaffen fassungslos.

Oder gibt es auch unter meinen Lesern echte Seagalogen?

P.S.: Es gibt ja auch wahrlich bessere THE FOREIGNER



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jimmy1138
jimmy1138
24. Oktober, 2022 12:33

Das angesprochene Publikum weiß es nicht besser bzw erwartet es genau so.
Beim A-Team kann ist mMn der Grund, daß der Bahnhof in Frankfurt eine schöne alte Bahnhofshalle ist, Köln dagegen modern. Die folgende Szene hat man wohl irgendwo auf einem Flughafen (oder Bahnhof) in Kanada gedreht, der als Frankfurter Bahnhof herhalten mußte, aber nie und nimmer mit einem establishing shot from echten Frankfurter Bahnhof zusammengepaßt hätte.
Mein Lieblingsbeispiel aus jüngster Vergangenheit: Netflixs “The Gray Man”.
Begräbnis in Baku – Oh, Prag. Establishing Shot Wien – Oh, Prag. Establishing Shot Berlin – Oh, Prag. Alle drei Drehorte Minuten voneinander entfernt. Dazu im Fall von Berlin und Wien mühsam per CGI noch Fernsehturm bzw Stephansdom eingefügt. Bei “Wien” könnte ich es noch verstehen, weil der establishing shot den Bahnhof zeigte und – siehe A-Team – dann die folgende (ebenfalls in Prag gedrehte) Szene im Bahnhof nicht zusammenpassen würde mit authentischem Material aus Wien. Aber wäre es da nicht einfacher und billiger, jemand für einen Tag nach Berlin zu schicken um das Material zu organisieren?

jimmy1138
jimmy1138
24. Oktober, 2022 17:58
Reply to  Torsten Dewi

“woraus schließt du, dass das Publikum es genau so erwartet? Ist das nicht eine Pauschalentschuldigung für jedes Defizit?”

Meine Annahme ist, daß durch oftmalige Wiederholung sich in den USA gewisse Stereotype (etwa Fachwerkshäuser oder Frakturschrift) über Deutschland festgesetzt haben.
Ein verwandtes Beispiel: “Braveheart” war ein Erfolg bei Kritikern und Publikum, strotzt aber nur so voller historischer Fehler – insbesondere trugen Schotten zu dieser Zeit keine Kilts.
Am Ende zählt wohl nur, daß man als Zuschauer nicht aus dem Film oder der Serie rausgeholt wird – auch wenn mich persönlich natürlich offenbare Faulheit von Filmemachern stört (das “Terminus” Schild oben sieht z.B. so aus, als ob sich jemand in Photoshop ca. 5 Minuten “Mühe” gegeben hat).

PS: Ehrlich gesagt ärgert mich das, was in US-Produktionen oftmals als “perfektes Deutsch” durchgeht, eigentlich fast mehr.

Stefan
Stefan
24. Oktober, 2022 15:47

Ich finds auch immer wieder witzig, sowas zu sehen, aber aufregen könnte ich mich darüber nicht. Glaube nicht, dass das außerhalb des deutschen Publikums überhaupt mehr als einer Handvoll Leuten auffällt und selbst bei den Deutschen nur einer Minderheit.
Ich muss auch ehrlich sagen: wer mir Vancouver als Toronto verkaufen will, Prag als Paris oder Wellington als Glasgow, wird vermutlich Erfolg haben, wenn zumindest ein paar Schilder in der richtigen Sprache sind. Spätestens wenn noch ein Wahrzeichen reingeshoppt wird. Ich bin in keiner der Städte gewesen (nur Prag, aber ewig her), da glaube ich das halt einfach alles. Und den Amis geht es mit deutschen Städten genauso.
Würde ich mir als Produzent auch überlegen, ob ich dafür extra ne Crew nach Deutschland schicke oder die Kohle lieber irgendwo reinstecke, wo sie dem Film einen Wert geben, der auch erkannt wird. Gerade bei so Leckmich-Dreckfilmen, wo ich eh keines habe.

Selle
Selle
24. Oktober, 2022 22:15

Bei den Kennzeichen würde ich sogar Absicht unterstellen, schließlich hat man ja das grundsätzliche Prinzip mit dem blauen Balken und einem B für Berlin vorne verstanden: Mit so einem Pseudokennzeichen geht man kein Risiko ein, versehentlich eine jetzt oder zukünftig real existierende Kombination zu erwischen und das karge Budget auf das Ausräumen von Ärger verschwenden zu müssen. Im Prinzip wie beim Bild-Logo.

Ich fürchte, dass wir die Nachlässigkeit für regionale Details was Deutschland angeht nicht wirklich exklusiv haben und bin mir sicher, dass sich in jedem Film der nicht in Kalifornien, Manhattan oder London spielt entsprechende Beispiele finden zu können, wenn man sich in der Region etwas auskennt. Selbst der SWR schafft es nicht, im Stuttgarter Tatort keine Karlsruher Straßenbahn zu zeigen 😉

Alexander Freickmann
Alexander Freickmann
25. Oktober, 2022 11:40

Das ist ja aber überall nirgends besser. Wir kennen als Deutschland besser. New York Filme werden ja auch viel lieber in Toronto gedreht. Das flache Chicago wird auch viel lieber im bergigen Vancouver gedreht. Das hat natürlich Budgetgründe und es ist nunmal herzlich egal für den Film.
Selbst Filme, die vor ort gedreht wurden, sind ja auch nicht viel besser. Da geht einer um ne Ecke und endet dann an ner komplett anderen Stelle. Hatte erst letztens Lola rennt wieder geguckt, da rennt Lola auch mal eben von der Oberbaumbrücke zur Tauroggener Straße, da würde selbst Marathonrekordler Kipchoge staunen.

Was ich weniger schön finde, ist, dass die selbst bei teuren Produktionen es nicht einmal schaffen, dass da einer die fremdsprachlichen Sachen durchguckt. So Flüchtigkeitsfehler sind ja OK, da sowas halt produziert werden muss und man ungern ein zweites mal macht. Aber bei so großen Filmen sollte es genug Leute geben, die da Muttersprachler sind und grobe Schnitzer vermeiden könnten. Passiert aber trotzdem nicht, weils halt doch egal ist.
Sowas wie das Stromleitungszeichen hätte ein Muttersprachler (oder, wenns Polen war, halbwegs motivierter Deutschkenntnisse-Mitarbeiter) das auch als Dumfug anmerken können. Vielleicht wurde es sogar, aber der Regisseur hat drauf bestanden.

ScottyTM
ScottyTM
25. Oktober, 2022 12:22

Hier erklärt ein Propmaster was es mit dem Bild-Schild auf sich hat:

https://www.youtube.com/watch?v=5ti_91ZLVsc

PabloD
PabloD
25. Oktober, 2022 14:36
Reply to  Torsten Dewi

Meine erste Idee: “Vielleicht heißt das im polnischen irgendwas Lustiges/Passendes/Versautes und die einheimischen Setbauer haben sich einen Spaß erlaubt? ”

Und siehe da: biło = schlagen

Bleibt natürlich nur eine Theorie.

Mic
Mic
25. Oktober, 2022 15:57

Ich bedanke mich einfach mal recht herzlich für den hysterischen Lacher, den mir das “Terminus”-Bahnhofsgebäude gerade entlockt hat. Den habe ich nach dem heutigen Home-Office-Tag echt gebraucht!

Mison
Mison
26. Oktober, 2022 00:25

Ich frage mich, ob jemand im Team bei Tim Burton wusste, dass Dorf=village und man daraufhin beschloss, dass man bei German village mit verschneiten Fachwerkhäusern nichts falsch machen kann.

Düsseldorfer
Düsseldorfer
26. Oktober, 2022 14:29
Reply to  Mison

Vielleicht extrapoliert ein Amerikaner ja auch automatisch die Gesichtslosigkeit amerikanischer Städte auf Europa und kommt gar nicht auf die Idee, dass es so etwas wie unterschiedliche Stadtbilder gibt?