09
Sep 2022

Ein paar lose Gedanken zum Tode von Queen Elizabeth II.

Themen: Neues |

In ein paar Jahren wird es Kneipenkonversation sein wie “Wo warst du an 9/11?” und “Wo warst du, als die Mauer fiel?”: Wo warst du, als Elizabeth II. starb?

Ich saß im Kino und schaute einen schwulen Horrorfilm.

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Wahrlich, es sollte mich nicht scheren. Ich bin Deutscher, ich bin Demokrat, und bei uns ist die Monarchie 1918 nach ein paar sehr schlechten Erfahrungen endgültig abgeschafft worden. Das “Macht durch Abstammung”-Fundament jeder Monarchie ist mir so zuwider wie die Heerscharen von Geiern, die von ihr leben.

Und dennoch…

Vielleicht liegt es daran, dass meine Frau Royalistin ist. Die LvA war als Teenager schon 1981 bei der Hochzeit von Charles und Diana. 2011 sind wir zur Hochzeit von Kate und William nach London gefahren. Die Fähnchen hängen heute noch als Deko in unseren Arbeitszimmern. Wir haben die Weihnachtsansprache der Queen immer lieber geschaut als die Neujahrsansprache des jeweiligen Bundeskanzlers.

Es braucht Kontext: Elizabeth II. war nicht als Königin bemerkenswert. Dazu hat das englische Königshaus schlicht zu wenig Macht. Sie hat den Falklandkrieg ebenso wenig verhindern können wie den Brexit oder Boris Johnson. Elizabeth schaffte auf dem Thron allerdings durch schiere Ausdauer und Charakterfestigkeit die Transformation von der Monarchin zur Institution, zur lebenden Legende und schließlich zum Meme.

Elizabeth war ewig und allgegenwärtig. Keiner von uns kann sich mehr an eine Welt ohne sie erinnern. Sie war immer da, wie die entfernt verwandte Tante, von der immer mal wieder gesprochen wird, die aber nie zum Weihnachtsessen kommt. Schaut man heute einen der alten schwarzweißen Miss Marple-Filme, dann sieht man ihr Porträt schon an der Wand hängen.

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In meinen Augen ist das der Schlüssel zu ihrer Beliebtheit und auch ihrer Notwendigkeit. Als sie auf den Thron kam, litt das Königreich noch massiv unter den Folgen des Zweiten Weltkriegs. Der Sieger war dabei, wirtschaftlich der Verlierer zu werden, während die Enzünder des Weltenbrandes sich im Wirtschaftswunder zuprosteten. Die Queen war da. Die Wut des Punks der 70er wollte die Monarchie als “faschistisches Regime” abschaffen. Die Queen blieb.

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Die sozialen Unruhen der 70er und frühen 80er. Immer die Queen. Der Falkland-Krieg. Die Queen. Das “annus horribilis” 1992. Queen. Der Tod Dianas. Queen. Das neue Jahrtausend. Queen. Brexit. Queen.

Es ist nicht zu überschätzen, was die schlichte Präsenz einer Königin, dieser Königin, dem britischen Volk an Stabilität gebracht hat. Das ist sicher auch einer der Gründe, warum selbst die jüngere Generation der Briten die Monarchie nicht abschaffen möchte. Die Queen repräsentiert ein stolzes Großbritannien, so illusionär das auch sein mag.

Oft haben die LvA und ich in den letzten 10 Jahren darüber gesprochen, was kommen wird, wenn die Queen stirbt. Wir waren uns uneins: Ich vermutete, Charles würde gleich zu Gunsten seines Sohnes verzichten und die Thronfolge würde eine Generation überspringen. Meine Frau war dagegen überzeugt, Charles würde als Monarch eine Ehrenrunde drehen und seinem Sohn noch ein paar Jahre relativ normalen Privatlebens gönnen.

Nun ist es passiert – und der weitere Ablauf seit Jahren festgelegt:

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Wie es aussieht, wird die LvA mal wieder Recht behalten.

Klar ist jetzt schon: Elizabeth II. wird eine singuläre Figur der Weltgeschichte bleiben. Weder ihr Sohn, noch ihr Enkel oder ihr Urenkel haben auch nur die theoretische Chance auf eine derart lange Regentschaft. Das Interesse der Menschheit an den Monarchien schwindet.

Ich vermute, dass mit der Trauer eine große Unsicherheit in Großbritannien einkehren wird, eine verstärkte Sorge um Wohl und Wehe des Königreichs. Nicht, weil es tatsächlich angebracht wäre: So, wie die Königin das Schicksal des Landes nicht aktiv gesteuert hat, so ist das Land mit ihrem Tod auch nicht tatsächlich führungslos. Aber wenn man die Briten als ein Familie begreift, dann ist ihr gerade die Oma gestorben. Das hinterlässt eine Lücke auch bei denen, die sich nicht bekennen.

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Gunnar Sadlowski
Gunnar Sadlowski
9. September, 2022 11:43

Elizabeth II. wird eine singuläre Figur der Weltgeschichte bleiben. Weder ihr Sohn, noch ihr Enkel oder ihr Urenkel haben auch nur die theoretische Chance auf eine derart lange Regentschaft.”

Victoria hat immerhin 64 Jahre geschafft. Vielleicht nicht singulär, aber auf jeden Fall die letzte.

Bärbel
Bärbel
9. September, 2022 15:46

wunderschön:
Aber wenn man die Briten als ein Familie begreift, dann ist ihr gerade die Oma gestorben. Das hinterlässt eine Lücke auch bei denen, die sich nicht bekennen.

takeshi
takeshi
9. September, 2022 17:21

Ich habe schon vor 5 Jahren an einige Freunde diesen – damals aktuellen – Guardian-Artikel verteilt:

https://www.theguardian.com/uk-news/2017/mar/16/what-happens-when-queen-elizabeth-dies-london-bridge

Ein laaaaanger Text, aber sehr interessant und informativ.

Last edited 25 Tage zuvor by takeshi
Selle
Selle
10. September, 2022 07:42

Ich denke, das was du beschreibst lässt sich mit “Gewohnheit” zusammen fassen – sie war halt schon immer da. People didn’t like the monarchy, they liked the monarch. Und auch da gab es ja (in den 90ern) eine Phase als sie in der öffentlichen Wahrnehmung sehr als als der Zeit gefallen wahrgenommen wurde und die nostalgische Verklärung dass noch nicht überdeckt hat. Charles selber hat ja die letzten 20 Jahre enorm Beliebtheitspunkte gesammelt und wird sicher noch ein paar demonstrative Zeichen der Bescheidenheit setzen, in England wird ihn niemand groß in Frage stellen. Ich bin mit aber relativ sicher, dass das eine oder andere Commonwealth Realm die Gelegenheit nutzen wird, sich ein eigenes Staatsoberhaupt zu geben.

Christian Siegel
10. September, 2022 10:59

Sehr schön geschrieben, und trifft auch meine eigenen Gedanken zum Thema. Bin niemand, der mit Monarchie viel anfangen kann, aber wie du richtig sagst, Queen Elizabeth II. war mehr als nur eine Königin, sie war eine Institution. So etwas werden wir nicht mehr erleben. Und das darf einen dann auch durchaus mit Trauer (oder zumindest Bedauern) erfüllen.

Last edited 24 Tage zuvor by Christian Siegel
Malzbiertrinker
Malzbiertrinker
12. September, 2022 16:20

Dann bin ich wohl die große Ausnahme. Ich weiß noch nicht einmal, wann genau die Dame gestorben ist. Ich hab es tatsächlich am Sonntag erfahren, weil mich jemand darauf angesprochen hat. Ich hab meine Überraschung gut überspielt, was einfach war, weil ich beim Tod einer 96-Jährigen nicht überrascht war.

Nicht aus irgendeiner Herablassung heraus, sondern ganz aufrichtig: Mir war diese Frau so egal wie ich ihr.

Etliche meiner Freunde wissen nicht mehr, wie sie ihre Miete und ihre Lebensmittel zahlen sollen. Der Fluss, der hinter unserem Haus plätscherte, ist ausgetrocknet. Und in einem anderen Land ist eine Frau ohne jedweden Einfluss auf mein Leben und das meiner Freunde nach einem gewiss langen und hoffentlich erfüllten Leben gestorben.

Nikolai
Nikolai
13. September, 2022 08:35

So sehe ich das ebenfalls. Ihre Sphäre hat eine Schnittmenge von Null mit meiner Sphäre.

milan8888
milan8888
20. September, 2022 14:03

»In ein paar Jahren wird es Kneipenkonversation sein wie “Wo warst du an 9/11?” und “Wo warst du, als die Mauer fiel?”: Wo warst du, als Elizabeth II. starb?«

Ich weiß jetzt schon nicht mehr, wann sie starb oder wie und wo ich davon erfahren habe.

milan8888
milan8888
20. September, 2022 16:01
Reply to  Torsten Dewi

So alt bin ich noch gar nicht…