20
Aug 2022

(N)Ischen-Kino

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

Das ist einer dieser Beiträge, die man gerne mit der Phrase “Manchmal werde ich gefragt…” beginnt. Aber das stimmt nicht. Niemand fragt mich, warum ich so selten deutsche Filme schaue oder gar bespreche. Und das, obwohl ich selber welche geschrieben habe und durchaus Expertise mitbringe.

Ich will gar nicht bestreiten, dass es gute deutsche Filme gibt, dass der deutsche Film immer besser wird, und dass die Streaming-Portale einen großen Anteil daran haben, dass auch deutsche Serien aus dem Familie/Arzt/Kommissar-Ghetto ausbrechen können. Da ist viel Schönes dabei, da können Regisseure, Autoren und Darsteller ihre eigenen Stimmen entwickeln, ohne ständig von Sender-Redakteuren ausgebremst und auf Spur gebracht zu werden.

Aber wenn ich mir ansehe, was unter deutscher Flagge im Kino läuft, dann schlage ich die Hände vor die Augen und weine bitterlich. Weil gerade bei der deutschen “Komödie” die Klischees der Cosmopolitan aus den 90ern in einem Maße lebendig sind, dass man sich permanent schämen möchte.

Meine durchaus provokante These: In Deutschland werden fast ausschließlich Filme für Kinder und Frauen gedreht – immer hart am Klischee und ohne jeglichen Anspruch an Innovation oder Authentizität. Ich tue mich schwer, aus den letzten Jahren auch nur einen Film zu nennen, der sich explizit an ein männliches Publikum richtet.

Ich rechne es Walulis an, dass er sich um eine Antwort auf die Frage “Warum sind deutsche Filme scheiße?” bemüht, aber er liegt weitgehend daneben:

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SEX AND THE CITY is alive and well and living in Babelsberg. Menschen, die ich nie treffen möchte, machen Sachen, die nur im Film passieren. Dumme, weinerliche Tussen überall, deren Totalversagen in Sachen gesunder Menschenverstand als eine Form von “Empowerment” verkauft wird. Und das alles ohne die Ausrede, dass hier Männer ihre veralteten Rollenmodelle in Drehbücher gegossen haben. Praktisch alle Schlüsselpositionen dieser Filme sind von Frauen besetzt.

Ich greife hier einfach mal sechs relativ beliebige Beispiele aus meinem Email-Posteingang der letzten Monate raus. Das sind die Inhaltsangaben, wie sie von den Verleihern verschickt werden. Ob ich nun Zielgruppe bin oder nicht – selbst in Regenmantel und Schlapphut würde ich mich dafür nicht ins Kino schleichen.


JAGDSAISON

Eva versteht die Welt nicht mehr. Seit sie von ihrem Mann für die schöne und erfolgreiche Bella verlassen wurde, läuft alles schief. Nicht nur, dass „die Neue“ keine Gelegenheit auslässt, sich bei Evas kleiner Tochter beliebt zu machen, neuerdings versteht sich Bella auch noch prächtig mit Evas bester Freundin Marlene. Die hat aber gerade anderes im Sinn. Gelangweilt vom ehelichen Sex nach Stundenplan hat sie sich auf einen heißen Flirt mit dem attraktiven Peter eingelassen, der am kommenden Wochenende mit ein paar Freunden ganz in der Nähe auf die Jagd gehen und dabei nicht nur Rebhühner erlegen will. Bella, die als Influencerin äußerst erfolgreich ist, bucht dank ihrer guten „Connections“ kurzentschlossen ein Ladies-Luxus-Wochenende im benachbarten Wellness-Hotel und rät Marlene, sich den Kerl dort ordentlich „aus dem Kopf zu vögeln.“ Um das zu verhindern, schließt sich Eva zähneknirschend als Dritte im Bunde an und sorgt zwischen Waxing, Whirlpool und Wilderei für jede Menge Chaos. Doch schließlich stellen die drei Frauen ganz nebenbei fest: „Gemeinsam sind wir unschlagbar…!“

In diesem speziellen Fall muss ich gestehen, dass mich schon der Trailer fassungslos gemacht hat:

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WUNDERSCHÖN

Einem Idealbild nachzueifern, kennt fast jeder von uns. Mütter, Töchter, Männer, Alt und Jung stecken im permanenten Optimierungswahn. „Wunderschön“ erzählt ihre Geschichten: Da ist FRAUKE, die sich „kurz vor der 60“ nicht mehr begehrenswert findet, während ihr pensionierter Mann WOLFI ohne Arbeit nicht weiß, wohin mit sich. Ihre Tochter JULIE will als Model endlich den Durchbruch schaffen und versucht verbissen, ihren Körper in das Schönheitsideal der Branche zu pressen. Das verfolgt wiederum Schülerin LEYLA, die überzeugt ist, mit Julies Aussehen ein besseres Leben führen zu können, und selbst keinen Bezug zu sich findet. Auch Julies Schwägerin SONJA hat mit ihrem Körper zu kämpfen, der nach zwei Schwangerschaften zum Ausdruck einer Lebenskrise wird. Ihr Mann MILAN hat dabei nicht im Blick, welchen Druck sie sich als junge Mutter auferlegt. Das ist wiederum für Sonjas beste Freundin VICKY keine große Überraschung, ist sie doch überzeugt davon, dass Frauen und Männer nicht und niemals gleichberechtigt auf Augenhöhe zusammenfinden werden, zumindest nicht in der Liebe. Ihr neuer Kollege FRANZ würde sie allerdings gern vom Gegenteil überzeugen.


JGA: JASMIN, GINA UND ANNA

JGA: Jasmin, Gina und Anna hatten sich auf den geplanten Ibiza-Trip gefreut. Mal wieder ein Junggesellinnenabschied, wieder eine Freundin, die sich ins Familienleben verabschiedet. Doch diesmal sagen nicht nur die meisten Freundinnen wegen verschnupfter Kids ab, sondern sogar die Braut selbst, denn auch sie ist jetzt schwanger. Die drei übrig gebliebenen Singles geben sich jedoch nicht geschlagen: sie halten am JGA-Plan fest – auch ohne Braut. Aber das vermeintlich sorgenfreie Ibiza, wird für Jasmin zum Problem, denn dort läuft sie ausgerechnet in die Arme von ihrem nie vergessenen Ex-Freund, der mit seiner Entourage ebenfalls JGA feiert. Um sich nicht die Blöße zu geben, spielt sie von da an die zukünftige Braut. So nehmen die Wirrungen ihren Lauf und Jasmins Reise zu sich selbst beginnt.


A E I O U – DAS SCHNELLE ALPHABET DER LIEBE

Vor einem Szenelokal in West-Berlin wird eine Schauspielerin überfallen. Ein junger Mann rempelt sie an, entreißt ihr die Handtasche und läuft davon. Die Dame fällt auf die Knie und schaut dem Dieb hinterher.

Wenig später stehen sie einander wieder gegenüber. Anna und Adrian. Dieses Mal ist sie seine Lehrerin und soll ihn im Sprechen unterrichten.

Adrian ist ein Waisenkind und gilt als schwieriger Fall. Anna ist Schauspielerin, aber spielen tut sie schon lange nicht mehr. Beide stehen ein Stück neben dem Leben, einen Schritt außerhalb der Gesellschaft.

Anna empfängt Adrian bei sich zuhause. Ihre Wohnung gehört Michel, ihm gehört das ganze Haus. Er ist ihr größter Fan.

Bald werden die Unterrichtsstunden zu Abendessen, Spaziergängen und gemeinsam gerauchten Zigaretten. Und irgendwann versuchen sie es mit dem Rest der Welt aufzunehmen. Angefeuert voneinander, aber ohne einen Pfennig, verlassen sie die Stadt. Sie wollen nach Frankreich, ans Meer…


MAL WAS NEUES

Die LateNight-Radiomoderatorin KARLA (39) kann nicht sagen, welche die größte Baustelle in ihrem Leben ist: Ihr notorisches Single-Leben? Ihr nicht erfüllter Kinderwunsch? Oder ihre Mutter MARION, die es nicht verkraften kann, dass Karlas Vater ROBERT einen Neuanfang mit der jüngeren SANDY wagt? Da wären auch noch ihre beiden Schwestern, mit denen Karla ständig aneinandergerät: JULE, Mutter von drei Kindern und gar nicht glücklich. Und JOHANNA, die sich endlich Familien-Harmonie wünscht, vor allem auf ihrer bevorstehenden Hochzeit mit Profi-Fußballerin KATE.

Zum Glück gibt es in Karlas Leben aber auch gute Konstanten, an erster Stelle ihre beste Freundin und Kollegin SENAY, die in der gemeinsamen Radiosendung mit Karla durch den nächtlichen Äther surft und sie mit unerschütterlichem Humor immer wieder auf beide Beine stellt. Sie weicht auch nicht von ihrer Seite, als Karla beschließt, sich ihren Kinderwunsch – trotz Single-Dasein – selbst zu erfüllen.


OVER & OUT

Versprochen ist versprochen! Die vier Freundinnen und selbst ernannten „Muskeltiere“ Lea, Steffi, Toni und Maja schworen sich als Kinder, ihre Hochzeiten auf alle Fälle gemeinsam zu feiern. Was zwischen Turnvereinstraining und Übernachtungsparty feierlich besiegelt wurde, fordert Maja 26 Jahre später kurzfristig per Videobotschaft ein. Kneifen zählt nicht!

Für Lea, Toni und Steffi startet der Trip durch das sonnige Italien mäßig gut, denn vor ihnen liegt eine unerwartet lange Autofahrt bis zu Majas Hochzeitslocation. Ein zu kleiner Mietwagen und eine ungewollte Leibesvisitation sind nur der Anfang eines chaotischen Roadtrips, auf dem die grundverschiedenen Enddreißiger verpassten Chancen, schmerzenden Wahrheiten und dem Kern ihrer jahrelangen Freundschaft wiederbegegnen.


1996 hat angerufen – es möchte sein Frauenbild wiederhaben!

Ich habe euch jeweils die Anmerkungen des Verleihs erspart, warum diese Filme so unheimlich fresh, hip, frech und mitreißend sind. Das ist Phrasengedresche, damit faule Redakteusen in entsprechenden Zeitschriften ein paar Adjektive abtippen können, ohne sich einen eigenen Gedanken machen zu müssen. Ein ganz eigenes Wespennest, in das man besser nicht stechen sollte.

Oder bin ich nur wieder der alte Grantler, der keine Ahnung hat, wie die Welt 2022 tickt und der lieber bei STAR TREK und STAR WARS bleiben sollte?



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milan8888
milan8888
20. August, 2022 12:20

Die Inhaltsangabe von AEIOU wurde doch bestimmt von einer KI verfasst.

Thies
Thies
20. August, 2022 12:45

Ich geh ja meistens in das Savoy-Kino in dem Filme nur im Originalton gespielt werden, weshalb auch nur entsprechende Trailer gezeigt werden in einem Werbeblock, der mit 15 Minuten angenehm kurz ist. Beim letzten Bond hatte es mich leider ins CinemaxX getrieben, wo die Dauer der Werbung verdoppelt wurde und auch deutsche Filme massiv präsent waren.

Was für eine Scheisse!

Die Trailer liessen mich spüren, dass hier kein frischer Wind weht und auch nicht zu erwarten ist. Hier nur zwei Beispiele.

Contra – Sönke Wortmann werde ich ewig wegen “Kleine Haie” lieben, aber in ein ödes Remake einer französischen Komödie, mit Christoph Maria Herbst in einer Stromberg-Variation gehe ich trotzdem nicht rein.

Die Rettung der uns bekannten Welt – Til Schweiger hat bei allen Vorbehalten seine Verdienste, aber ich traue ihm nicht zu ein echtes Portrait von bipolaren Störungen zu zeigen, wenn der Trailer sich darauf reduziert, dass davon Betroffene manchmal richtig “CRAZY” drauf sind.

Dazu dann noch die üblichen Beziehungs-Komödien wie “Es ist nur eine Phase, Hase” und ich hatte das Gefühl in einem Morast zu stecken wie Atrejus Pferd in der unendlichen Geschichte. Aber vielleicht gibt es ja doch noch Hoffnung, Immerhin ist beim FFF wieder ein deutscher Film dabei und er sieht nicht nach “Figaros Wölfe – Teil 2” aus.

Andy Simon
Andy Simon
20. August, 2022 13:51

Zutreffend beobachtet — aber seit Männer seit Jahrzehnten nur noch für Spektakelkino Geld ausgeben, und Frauen sich zwischen Influencerin, Sängerin und Model als Berufsideal entscheiden (vgl. Lola Weippert), schaut die dt. Filmbranche, wo sie da noch bleibt. Billig genug in der Herstellung aind da halt Frauenkomödien, zu denen sich dann der Freundinnenkreis abends trifft. Ähnlich folgenlos und ziellos wie das Aufbegehren in einem Peter-Maffay-Song.

jimmy1138
jimmy1138
21. August, 2022 12:55
Reply to  Andy Simon

Was ist der letzte international herzeigbare Actionfilm aus Deutschland gewesen? Vielleicht bin ich ja komplett ignorant, aber mir fällt da nix ein. Das deutsche Kino war in kommerzieller Hinsicht gefühlt immer von Komödien dominiert – mit Ausnahme der Karl May Filme in den 60ern.
Das Budget ist sicherlich ein großes Hindernis. Aber polemisch gesagt: Gleichzeitig hat man in Deutschland “Matrix 4” meines Wissens nach 25 Mille Filmförderung nachgeworfen. Andererseits werden zumindest die US-Kinocharts seit Jahren von Titeln dominiert, die entweder Sequels oder Prequels sind bzw auf existierendem Material basieren. Wo soll derartiger Stoff herkommen? Deutsche Comics (v.a. im Vergleich zu Frankreich) eher nicht, kann man die Karl May-Franchise nach 60 Jahren wieder aufwärmen (wobei ich persönlich einer Kara Ben Nemsi Streaming Serie nicht abgeneigt wäre) oder gar “Die Unendliche Geschichte” (der letzte relevante deutsche Genrebeitrag?) reaktivieren?
Was das deutsche Kino in meinen Augen aber wirklich kann, sind historische Stoffe. Da gibt es einen durchaus vernünftigen Output, der sich auch international sehen kann.

jimmy1138
jimmy1138
21. August, 2022 14:52
Reply to  Torsten Dewi

Habe ich das? Der Vorposter sprach vom “Spektakelkino”. Worauf ich hinauswollte, war, daß es mMn in Deutschland (zumindest post-Karl-May) auch in der Vergangenheit kaum bis keine nennenswerten Action-lastigen Filme gab und es unter momentanen Rahmenbedingungen (Budgets, Drehbücher, die auf bekannten IPs basieren) auch praktisch unmöglich ist, daß das deutsche Kino derartige Filme hervorbringt.

Selle
Selle
20. August, 2022 15:03

“In Deutschland werden fast ausschließlich Filme für Kinder und Frauen gedreht – immer hart am Klischee und ohne jeglichen Anspruch an Innovation oder Authentizität.”

Noch steilere These: Frauen scheinen unabhängig vom Medium generell einen höheren Bedarf an fiktionaler, konsumierbarer Unterhaltung zu haben. Auch jenseits der Klischee-Hausfrau mit viel Freizeit. Wenn es in meinem eigentlich klischeearmen Umfeld um abendliche Freizeitgestaltung unter der Woche geht wird Netflix, Kindle und Fernsehen tendenziell eher von den Frauen und Playstation, Steam und DAZN tendenziell eher von den Männern genannt. “Event-Kino” am Wochenende ist natürlich was anderes, aber zum wegkonsumieren scheint der Markt zu regeln.

noyse
20. August, 2022 15:10

Ich habe auch darüber nachgedacht und meine persönliche Erkenntnis ist: das deutsche Kino nimmt seine Figuren einfach nicht ernst und verweigert sich auch jedweder Konsequenzen aus dem Handeln der Figuren. Es geht nur um das Abarbeiten von Stationen nicht von dem Durchleben von Situationen durch die Figuren. Was mich auch stört ist das kaum natürlich gespielt wird, alles wirkt wie Theater – fällt mir immer besonders unangenehm beim Liefers auf. Oder auch wie Aramais Merlin letztens bei Kino+ sagte: Alle sprechen hochdeutsch- voll ausformuliert niemand spricht durcheinander oder fällt einem ins Wort. Das ist kein natürliches Sprech. und wenn schon Remake warum nicht mal von “insel der Krebse” 😉 wenn man den etwas in die neuzeit bringt …

comicfreak
20. August, 2022 15:26

Ich kann mir die Inhaltsangaben durchaus flott und lustig vorstellen, mit Theo Lingen, Peter Alexander und Lilo Pulver. Die hätten das unverkrampft rüber gebracht, und genau in die Zeit passte auch der Humor

Stefan
21. August, 2022 10:21
Reply to  Torsten Dewi

Arbeitstitel: “Ich denke oft an Anuška.”Sorry, musste sein. Übrigens tolle Überschrift!
Als ich früher noch regelmäßig in die Sneak Preview gegangen bin, lief als einer der letzten Filme “Gut zu Vögeln”. Also wenn das nun euer Niveau sein soll, dachte ich damals, bin ich raus.
Als jetzt Wolfgang Petersen gestorben ist, habe ich mal überlegt, wer denn heute noch niveauvolle, deutsche Filme dreht, und so wenig sind es ja doch nicht: Fatih Akin, Detlef Buck, Tom Tykwer, Doris Dörrie… Von ihr kommt ja auch bald ein neuer raus:
https://de.wikipedia.org/wiki/Freibad_(Film)

Marcus
Marcus
22. August, 2022 14:35

Der Fluch des regelmäßigen Kinogängers – ich glaube, ich kenne von jedem einzelnen davon den Trailer. 😬

Jake
Jake
23. August, 2022 10:09
Reply to  Marcus

Dito. Wenn ich mit Begleitung im Kino bin, sind diese Trailer für mich allerdings immer ein kleines Highlight. Das kollektive Stoßseufzen, verbunden mit dem gemeinsamen “die Hände über dem Kopf zusammenschlagen”, macht immer wieder Laune und schafft Verbundenheit. 😉