08
Jun 2022

KAMPFANSAGE: Interview mit Mathis Landwehr

Themen: Film, TV & Presse, Fotostory |

Wer meine Fotostory zu KAMPFANSAGE gelesen hat, dem wird es aufgefallen sein: Ich fand den Film ziemlich daneben, aber den Hauptdarsteller erfreulich klasse. Weil sich ein oder zwei Fragen ergaben, dachte ich mir: versuch doch mal die Kontaktaufnahme über die Uralt-Email von der KAMPFANSAGE-Webseite. Zu meiner Überraschung antwortete Mathis sehr prompt. Weniger überraschend: er ist außerordentlich nett. Also entschied ich mich, die Fotostory ausnahmsweise durch ein Interview mit dem Hauptdarsteller zu ergänzen, um euch die Insider-Perspektive zu liefern.


(Foto von Maria Landwehr)

Wortvogel: Wie kamst du zum Kampfsport?

Mathis Landwehr: Klassischerweise habe ich in jungen Jahren Bruce Lee und Jackie Chan Filme gesehen, die mich stark beeindruckt haben. Es hat allerdings eine Weile gedauert, bis ich meine Eltern davon überzeugen konnte vom Kunstturnen zum Kampfsport zu wechseln.

Wortvogel: KAMPFANSAGE war ja das erste große Projekt der “Ehrenwerten Gesellschaft” für action concept. Was war das für ein Gefühl, von Hermann Joha unter die Fittiche genommen zu werden und in Hürth einen echten Kinofilm vorzubereiten?

Mathis Landwehr: Das war natürlich grossartig damals. Dass wir mit unseren Kurzfilmen den grössten Produzenten für Actionfilme in Europa von uns überzeugen konnten war sehr aufregend.

Wortvogel: Eigentlich sollte der Film ja eine Variante der KAMPFANSAGE-Kurzfilme im Berliner “Milieu” werden. Wie hast du die teilweise hektischen Änderungen an Budget und Konzept wahrgenommen? War es seltsam, statt Großstadt-Action plötzlich Science Fiction zu drehen?

Mathis Landwehr: Es war auf jeden Fall die klügere Variante in dem damals noch recht günstigen Berlin zu drehen. Ausserdem waren wir noch so jung und ambitioniert (das Durchschnittsalter der ziemlich grossen Crew war 23!!), dass uns das kleinere Budget eigentlich nichts ausgemacht hat. Wir wollten einfach nur drehen. Am Anfang gab es Pläne auch in Hong Kong zu drehen, doch aus heutiger Sicht hätten wir uns diese Überlegungen sparen können, weil sie schlichtweg unrealistisch waren.

Wortvogel: Man hat das Gefühl, der Film wirkt auf der großen Leinwand unschön “aufgeblasen”. Auf was für einem Format wurde gedreht?

Mathis Landwehr: Ja, der Film wurde auf Mini DV mit 35 mm Aufsätzen gedreht. Sozusagen die Vorreiter-Variante des digitalen Filmens, das heute nicht mehr wegzudenken ist.

Wortvogel: Wo genau habt ihr gedreht? Gibt es spezifische Erinnerungen an die Dreharbeiten?

Mathis Landwehr: Wir haben sehr viel auf dem „Segelflieger Damm“ gedreht. Das war schon krass. Ein irrsinnig grosses, Gelände mit alten Gebäuden und riesigen Hallen. Da standen teilweise alte, besprühte Lokomotiven und Panzer rum. Ich erinnere mich, dass ich manchmal persönliche Gegenstände oder Fotos von Menschen, die da vor langer Zeit gearbeitet haben gefunden habe. Als wären sie Hals über Kopf abgehauen. Es hatte wirklich etwas von Endzeitstimmung dort. Das Gelände gibt es so garnicht mehr, da wurden Wohnungen gebaut soweit ich weiss.

Wortvogel: Als DER CLOWN im Kino floppte, stand es um den Kino-Release von KAMPFANSAGE plötzlich sehr schlecht. Ist das bei euch als Crew auch so angekommen?

Mathis Landwehr: Ich erinnere mich, dass DER CLOWN parallel zu KAMPFANSAGE vorbereitet wurde. Allerdings sind wir ja beim Fantasy Filmfestival angenommen worden und sind damit durch Deutschland getourt. Auch haben wir einen Kino Release in China bekommen, bei dem ich in Shanghai im ausverkauften Saal mit 1500 Leuten war. Kleiner Fun fact: Til Schweiger war damals auch mit BARFUSS zugegen, der in Deutschland abräumte, aber in Shanghai nur einen halben Saal füllte.

Wortvogel: Du bist sehr erfolgreich bei RTL mit der Serie LASKO untergekommen. War es beruhigend, nach dem unbefriedigenden Release von KAMPFANSAGE noch mal so eine Chance zu bekommen?

Mathis Landwehr: Beruhigend ist vielleicht der falsche Ausdruck. Es war eine tolle Möglichkeit mich weiterzuentwickeln. Die Dreharbeiten waren ganz anders, viel mehr Druck und Erwartungen von aussen, aber ich habe sehr viel gelernt.

Wortvogel: Kannst du was von dem nicht realisierten Projekt KARATE MAN erzählen?

Mathis Landwehr: Leider gibt es noch nicht so viel zu erzählen. Wir haben relativ lange an dem Buch „geschraubt“, aber konnten bis dato noch keine Finanzierung stemmen. Es ist eine Mischung aus „Tropic Thunder“ und “Seven Samurai“,spielt allerdings in den braunen Tiefen Ostdeutschlands. Ich glaube nach wie vor an den Stoff, der immer aktueller wird, und kann mir gut vorstellen, dass er irgendwann gedreht wird.

Wortvogel: Schaut man sich deine Karriere an, dann drängt sich die Frage auf, als was du dich selber primär sieht: Martial-Arts-Kämpfer, Schauspieler oder Stuntman?

Mathis Landwehr: Ich arbeite seit längerer Zeit nur noch als Schauspieler oder Producer und mache keine Stunts mehr. Nicht zuletzt, weil ich jetzt auch Vater bin. Die Kampfkunst ist und bleibt dabei wohl der „rote Faden“ in meinem Leben.

Wortvogel: Was liegt denn bei dir aktuell in Sachen neue Projekte an?

Mathis Landwehr: Ich entwickle mit meiner Produktionsfirma Roundhousefilm gemeinsam mit ZDF Studios und RTL+ eine Martial Arts Serie, die nächstes Jahr gedreht werden soll. Ausserdem stehen weitere Drehs an, bei denen ich auch vor der Kamera stehe. Letztes Jahr habe ich meinen ersten englischsprachigen Film „Raven’s Hollow“gedreht, der im Herbst auf AMCs Streamingplattform Shudder zu sehen sein wird.

Ein Herzens Projekt ist ein Comic, an dem ich gemeinsam mit William James (Co-Regisseur von SCHNEEFLÖCKCHEN) und Tiana Lenz arbeite, und das wir im Idealfall noch dieses Jahr herausbringen werden.

Wortvogel: Und schließlich: Was ist dein eigenes ungeschöntes, abschließendes Urteil zu KAMPFANSAGE?

Mathis Landwehr: Subjektiv wird es mir natürlich warm ums Herz, wenn ich an die Zeit denke. Wir waren jung und wild und alles war so neu und aufregend, so dass das Ergebnis eigentlich sekundär war. Objektiv gesehen denke ich, dass es ein Wahnsinn war, diesem Film mit einem kleineren Budget als eine SOKO Folge zu drehen und dass er dann auch noch fertig wurde. Wir waren teilweise über 100 Leute am Set. Ich glaube wirklich, dass so etwas heute nicht mehr möglich ist.

Aber als Film ist KAMPFANSAGE natürlich alles andere als perfekt. Ich habe den Film das letzte mal vor über 15 Jahren gesehen, aber ich erinnere mich gut an das Gefühl, das ich damals nach dem ersten Screenings hatte.

Ich war stolz wie Bolle, aber mir war auch klar, dass das Besondere an dem Film war, dass er in dieser Form überhaupt gemacht wurde, und dass wir den Atem und die Eier hatten es gegen alle, grossen Widerstände durchzuziehen.


Und jetzt alle bitteschön: „Danke, Mathis!“



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Adam
Adam
8. Juni, 2022 11:48

Danke, Mathis!

[Edit: Außerdem danke, Torsten!]

Last edited 3 Monate zuvor by Adam
Matts
Matts
8. Juni, 2022 16:49

Danke Mathis!

Ein echt interessantes Interview. Nachdem ich jetzt ein bisschen mehr über KARATE MAN gehört hab (was ja im letzten Post schon mal erwähnt wurde), würde ich mir ja glatt auch wünschen, dass daraus noch irgendwann mal was wird.

Felix Gentner
Felix Gentner
8. Juni, 2022 17:03

Danke, Mathis!

Selle
Selle
8. Juni, 2022 17:51

Danke, Mathis.

Ich finde, “wir waren jung und hatten auf einmal eine Möglichkeit und hatten Bock drauf” eine sehr sympathische Erklärung und als ich jung war war es mir auch relativ egal, ob das Ergebnis gut wurde wenn nur die Erstellung unfassbar viel Spaß gemacht hat. Hebt sich sehr wohltuend von der Maxime “Wir wissen, es ist Scheiße und wir könnten auch besser, aber wir wollen halt Kohle machen” die man in den Lisa-Filmverbrechen oft findet ab.

Andreas
Andreas
8. Juni, 2022 17:57

Danke, Mathis!

DSFARGEG
DSFARGEG
9. Juni, 2022 07:49

„Es ist eine Mischung aus „Tropic Thunder“ und “Seven Samurai“, spielt allerdings in den braunen Tiefen Ostdeutschlands.“
– Einen Martial-Arts-Film, in dem Mathis Landwehr in schneller Folge Nazis die Fresse poliert, gucke ich mir auch mit dem vergurktesten Drehbuch an. Zwei Mal.

Dietmar
9. Juni, 2022 20:20

Danke für das schöne Interview und danke, Mathis!

“Lasko” hat mich nicht interessiert, ich habe also nur mal kurz reingesehen. Die Kampfszene hat aber gereicht, um mir bis heute zu merken, dass es das gab und dass der Hauptdarsteller kampfsportlich beneidenswert ziemlich was drauf hat.

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[…] Von diesem Film habt ihr auf dieser Webseite schon mal gehört – Mathis Landwehr erwähnte ihn vor ein paar Wochen im Interview zu […]