10
Jun 2022

Deutschland, einig Spießerland

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

Die Zahl der Retro-Beiträge hier hat mittlerweile überhandgenommen. Vielleicht ein Zeichen meines Alters, vielleicht auch meine Ermüdung und Ernüchterung angesichts einer Gegenwart, die einfach keinen Spaß macht. Ich flüchte mich in die Erinnerung an Zeiten, die besser waren, lustiger, vor allem einfacher.

Aber waren diese Zeiten besser, lustiger, und vor allem einfacher? Götz Alsmann, ein großer Freund des 50s-Style, hat mal gesagt: "Ich möchte die Musik der 50er wiederhaben, aber nicht die Einstellungen der 50er."

Das ist sehr wahr.

In einem Anfall von Kitschbewusstsein habe ich vor Jahren den Satz geprägt: Erinnerungen sind ein Fotoalbum, in das man nur die goldenen Bilder einkleben sollte. Sie sind ein "best of" und keine authentische Repräsentation einer Ära. Die 60er waren nicht nur Minirock und Hippies, die 70er nicht nur ABBA und Schlaghosen, die 80er nicht nur Zauberwürfel und C64. Aber es ist okay, dass wir uns primär daran erinnern wollen. Ich denke lieber an Nena als an Petra Kelly, lieber an Klimbim als an die RAF.

Und dennoch gilt: ausblenden ist okay, vergessen aber nicht. Weil wir dann in die Falle tappen, dass wir unsere (letztlich eben doch) glorreiche Gegenwart mit ihren Freiheiten und Errungenschaft abwerten, weil wir sie mit einer vergoldeten Vergangenheit vergleichen. Das ist nicht fair.

Aus diesem Grund habe ich heute mal ein paar Clips rausgesucht, die zeigen sollen, wie scheiße, intolerant, spießig, dröge und mühsam die deutsche Nachkriegsvergangenheit war. Tausend Takte Übermut? Nicht in Adenauerland.

Frauen durfte in Deutschland bis 1958 kein eigenes Konto führen. Bis 1977 durften sie nur arbeiten, wenn das mit den Pflichten als Hausfrau und Mutter vereinbar war. Das zu beurteilen, oblag auch dem Mann. Und es ist diese Sorte Gesellschaft, die solche Einstellungen nicht lustig, sondern kotzenswert macht:

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Wie man sich die ideale Frau vorstellte, zeigt dieser Beitrag aus der Schweiz – kochen, nähen, zuhören. Persönlichkeit, Bildung, Intelligenz? Unnötig.

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Und weil die Kinder dieser Generation nicht auf die Idee kommen sollten, etwas Anderes zu wollen oder zu tun, musste dringlich vorgeschrieben werden, wie das Taschengeld investiert wurde – nieder mit "Schmutz und Schund":

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Wider alle Erwartungen suchte die Jugend der 60er aber dann doch andere Antworten auf die Fragen des Lebens, wertete politische Ziele wichtiger als Zähneputzen und Kontroversen wichtiger als Krawatten. Wahrlich, das musste den Hass des Spießers provozieren, der in jede Kamera geiferte und bewies, dass eben noch fruchtbar war der Schoß:

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Alles nur aussterbendes Alt-Patriarchat, verstummende Stimmen einer Kriegsgeneration, die "Maul halten" als Tugend eingeprügelt bekommen hatte? Leider nein. Die deutschsprachigen Medien begleiteten die neuen Trends nicht mit Neugier und Offenheit, sondern mit kaum verhohlener Häme und Sarkasmus:

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Wim Thooooooooelke schaffte das Kunststück, sich erst über den Frauenfußball lustig zu machen und sich dann darüber wiederum zu empören:

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Ha ha – er hat "bumsen" gesagt!

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Ein Klassiker zu dem Thema – und der Beweis, dass man den Frauen von den 50ern in die 70er das Autofahren zwar nicht verbieten konnte, aber immer noch ausreichend Platz für widerliche Klischees war:

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Waren die Intellektuellen denn besser, die Kulturbewahrer und -betreiber? Kein bisschen. Ihr kennt es bereits – für den BEATCLUB entschuldigte sich der Sender erstmal kratzbuckelnd bei den furzalten Zuschauern, die vermutlich schon eine Patrone in den Füller schoben, um sich über den "Lärm" zu beschweren:

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Nun ist Beat ja etwas, das man verstehen und damit auch prima ablehnen konnte. Eine Eigenschaft von Kunst ist allerdings, dass sich sich jenen verschließt, die sie nicht verstehen wollen. Die unfassbare Bierernstigkeit, mit der hier Kraftwerk von einem Redakteur angekündigt werden, der offensichtlich eine untergeschobene Kurzkritik vom Blatt abliest, ist ein perfektes Spiegelbild des Umgangs mit neuen Strömungen:

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Es geht noch schlimmer. Dieser "Ratschlag für Kinogänger" ist ein Fleisch gewordener Loriot-Sketch. Kein Kinotipp eines begeisterten Cineasten, sondern mühsam gelesener Vortrag eines verbeamteten Filmverstehers mit legitimierender Literatur und Blümchenvase:

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Und nein, das war keine Frage von links gegen rechts, von konservativ gegen progressiv. Die Linken waren in den 70ern und 80ern keinen Deut weniger scheiße in ihrer von sich selbst besoffenen Rechthaberei. Polit-Phrasen statt Auseinandersetzung, Mauern in den Köpfen statt Pflugscharen in den Händen. Was Nikel Pallat hier macht, war damals schon nicht mutig – es war eine alberne Clownerei, die das zementierte, was Pallat doch angeblich bekämpfen wollte:

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Der deutsche Spießer – nichts ist ihm mehr zuwider als die Freiheit der Anderen:

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In meiner Erinnerung als jemand, der in den 80ern aufgewachsen ist, waren die 80er das Jahrzehnt, in dem endlich alles anders wurde. Musikvideos, VHS, Eddings, TOP GUN und Rollerblades. Like Ice in the Sunshine.

Aber natürlich hat man auch in den 80ern angewidert auf jene gezeigt, die sich nicht anpassen wollten, die Fleiß und Ordnung als Kardinaltugenden ablehnten:

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Wie albern dieser Spießerhass war, kann man gut daran sehen, dass die meisten Punks heute (wie die Hippies vor ihnen) auf die eine oder andere Weise Spießer sind. Die Rebellion der Jugend ist meist ein Feuer ohne nachhaltigen Brennstoff. Der Spießer wächst aus der Asche der Tugend.

Vielleicht ist der Knackpunkt aber auch etwas Anderes: vielleicht fühlt sich der Spießer als status quo vor den Kopf getreten und provoziert, weil die Jugend nie sagt "wir wollen einen anderen Weg gehen", sondern immer "euer Weg war falsch". Weil sie mit dem Aufbruch immer auch eine Abrechnung verbindet, die die Kluft nur verbreitern kann.

Und heute? Ich glaube, wir haben viel erreicht, gerade weil die nachwachsenden Generationen vielleicht nicht besser sind, aber andere Sensibilitäten haben. Weil sie sich nicht von alten Vorurteilen und Hassmechanismen haben prägen lassen. Heute bin ich der Spießer und wahrlich – ich muss mich oft zurücknehmen, um über Fridays for Future oder Die Letzte Generation nicht genau die gleichen Sprüche abzulassen wie meine Großeltern vor 50 Jahren über die Hippies und meine Eltern vor 40 Jahren über die Punks. Ich versuche es. Ich versuche, mich daran zu erinnern, dass ich es jetzt besser machen sollte. Auch wenn ich es nicht verstehe – ich kann versuchen, es wenigstens nicht zu verteufeln, nicht mit rechthaberischem Geifer zu überschütten. Ich bin überrascht, wie schwer es ist.

Ich habe seit 15 Jahren meine Frisur nicht mehr verändert. Ich habe eine bevorzugte Marke an Unterhosen und einen Stamm-Italiener. Ich fahre einen BMW und dieses Jahr nach Mallorca in Urlaub. Ich kann nur hoffen, dass das Äußerlichkeiten sind und ich nie vergessen werde, dass meine Generation auch mal angetreten war, um alles besser zu machen….



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ThomasB
10. Juni, 2022 19:41

Klasse Beitrag und ich fühle mit dir – ertappe mich (JG72) auch dabei, wie ich (gelegentlich) in die Spießerrolle falle. Noch kann ich da bewusst dagegen steuern (liegt auch daran, das hier ein 13 Jähriger rumspringt und mich damit hart konfrontiert wenn es passiert).
Ich hoffe noch eine geraume Zeit lang werde ich dagegen angehen können – schon allein um der jungen Generation den Versuch des Wandels nicht zu verbauen (schließlich haben wir Alte die Macht 🙁 )
grüße
Thomas

Tantejay
Tantejay
10. Juni, 2022 21:28

ich ziehe gerade Parallelen zwischen den Studentenbewegungen der 60er und der FFF-Bewegung heute.

Der Hass, der beiden entgegenschlägt, weil die "Jungen" es wagen, sich gegen die Alten aufzulehnen, ist derselbe.

Ich erinnere mich an die 80er als quietschbunt und (heute) komische Frisuren ^^, aber nicht wirklich anders als die Kinder heute. Wir hatten mehr Freiheiten, waren weniger durchgeplant, aber mehr ist es auch nicht.

Aber ich erinnere mich auch daran, dass mir "das tut ein Mädchen nicht" eingehämmert wurde bis es aus den Ohren rauskam. Ein Mädchen war nicht "aggressiv", ein Mädchen hat sich nicht für Technik zu interessieren. Reiten war okay.

Ich erinnere mich daran, dass meine Oma ein ziemliches Theater gemacht hat, weil ich in Religion ne 5 und in Biologie, Sexualkunde, ne 2 hatte.

*g*

Frank
Frank
12. Juni, 2022 08:13

Sehr interessante Zusammenstellung. Danke!

Ich bin Jahrgang 1957. Kindheit in den 1960er Jahren und Pubertät Anfang der 70er.
Meine Generation war quasi zu jung für den Rock’n’roll und zu alt für den Punk.
Meine Realität als Kind + Jugendlicher unterscheidet sich von deiner selektiven Rückbetrachtung an Hand von youtube-Clips oder Bravo-Analyse etc.

Ein paar Beispiele:

Kino-Infos – Unsere Top-Kino-Info-Sendung im TV war damals Hellmut Langes ‘Kennen Sie Kino’. Den 'Ratschlag für Kinogänger' sahen, wenn überhaupt nur unsere Eltern.

Frauen und Führerschein – meine Mutter hat ihren Führerschein 1960 gemacht. Erstens weil damit für die Familie dazu verdient werden konnte (Heimarbeit ausfahren usw.) und zweitens weil damit mobiler. Meine Mutter fuhr besser Auto als mein Vater, was er auch zugab. Da brach ihm kein Zacken aus der Krone. Dafür konnte er unsere Familienkutsche besser reparieren. So hatte jede/r seine Spezialfähigkeiten. Der Laden musste laufen, das Geld war knapp. In den Familien meiner Schulfreunde war es ähnlich. Lauter toughe Frauen am Steuer. Die hier gezeigten Klischees über 'Frau am Steuer' waren verfilmte Stammtischwitze und hatte mit der damaligen Realität in den mir bekannten Familien nichts zu tun. Es kann in anderen Familien natürlich anders gewesen sein.

Das gute Jugendbuch contra Heftchen – 1967 erschien erstmals das MAD-Magazin auf Deutsch – für uns Kids sofort Pflichtlektüre und ein Quell der Erkenntnis über die Welt der damals Erwachsenen. Besonders die Medienparodien hatten es mir angetan. Wir nahmen ab da nur noch wenig ernst was uns in TV und Film präsentiert wurde. 'Jerry Cotton', 'Perry Rhodan' und Comics gab es in all unseren Buden. Wobei ich 'Mister Dynamit' am besten fand. 'Jeremias Baumwolle' war eher was für Papa. Aber auch das gute Jugendbuch war bei mir zu Hause – Erich Kästner – auch heute noch einer meiner liebsten. Unsere Lehrer, die durch ihre Jugend in der Nazizeit verkorkst waren, hassten Kästner – und genau deswegen liebten wir ihn.

Aufklärung in der BRAVO – unser Dr. Sommer hieß damals Dr. Corff (oder so), aber für uns eigentlich nur wenig interessant. Wir klärten uns mit dem 'Lexikon der Erotik' des Magazins JASMIN auf. Einem Beihefter auf holzhaltigem Papier der aufgetrennt werden musste. Hatte ein Schulkumpel bei seinen Eltern entdeckt. Die Beschaffung von JASMIN war zuweilen schwierig, aber als hormongesteuerter Jüngling ist quasi nichts unmöglich..
Den Rest der Aufklärung besorgte dann Günther Amendts Buch 'SEXFRONT'. Da wusste man dann endgültig was Sache ist. Die 'SEXFRONT' dürfte das meistgelesene Buch unter uns Jugendlichen damals in der Realschule gewesen sein.

Musiksendungen – meine Clique und ich sahen keinen Beatclub oder ähnliches. Die Hitparade glotzten Oma + Opa. In vielen Familien gab es auch noch kein TV-Gerät. Wir hörten Radio und zwar meistens AFN. Dort bekam man die wirklich guten Sachen mit. 'Wolfman Jack' ließ es krachen und das fanden wir super (heute megageil). Deutsches Radio oder TV war für den Jahrgang 1957 weitgehend uninteressant. Ausser US-TV-Serials mit hübschen Frauen – 'Bezaubernde Jeannie', 'Tammies Hausboot' oder positiv bescheuerte Klamotten wie die 'Monkees'.

Jedenfalls nochmal herzliches Danke für deine Beiträge. Fördert die Reflexion und unterschiedliche Wahrnehmung der Zeitalter.

Mencken
Mencken
12. Juni, 2022 14:31
Reply to  Frank

Meine Wahrnehmung ist ähnlich (allerdings auf die 80er bezogen) und ich fand vor allem bemerkenswert, wie wenig sich daran geändert hat, dass mediale Darstellung und Alltagsleben nur in Ausnahmefällen Überschneidungen aufweisen. Mag aber auch entscheidend davon abhängen, wo man aufgewachsen ist.

Teilzeitinvestor
12. Juni, 2022 14:34

“Petry Kelly”? Wolfgang Petry? Petra Kelly? Kelly Family?