01
Apr 2022

Fantasy Filmfest Nights XL 2022: LUZIFER

Themen: FF Nights XL 2022, Neues |

Österreich 2021. Regie: Peter Brunner. Darsteller: Franz Rogowski, Susanne Jensen, Monika Hinterhuber, Theo Blaickner

Offizielle Synopsis: Sie verehren die Marienikone im verkrüppelten Baum und kasteien sich mit Steigeisen: Die geläuterte Alkoholikerin Maria hat ihren geistig beeinträchtigten Sohn Johannes im radikalen Glauben diszipliniert und ihm ihr wahnhaftes Bild von Gott, Jesus und Satan eingepflanzt. Nun sieht sie ihr zurückgezogenes Leben auf der Alm von bösen Mächten bedroht. Die mysteriöse Höhle, die Johannes teuflisch anzieht, versetzt sie ebenso in Raserei wie die Investoren, die ein Skiparadies bauen wollen. Mit lauten Drohnen und kreisenden Kettensägen dringen diese immer tiefer in das Refugium des bizarren Mutter-Sohn-Gespanns ein – und das bald mit roher Gewalt.

Kritik: Der Regisseur machte sich vorab in einer Videobotschaft bei mir unsympathisch, denn er faselte von seinen Darstellern als "spiritual warriors", die sich den Figuren gegenüber "loyal" verhalten hätten und wünschte uns einen "starken Dialog" mit dem Film. Prätentiöser Arroganzling.

Dummerweise stimmt alles, was Brunner gesagt hat. LUZIFER ist nicht bloß ein Alpen-Horrorfilm mit Kunstanspruch. Er erfüllt den Anspruch auch. Das hier ist durchdrungen von einer klaren Vision wie die Figuren vom frömmelnden Glauben, ein Film wie ein Schraubstock, der über 103 Minuten immer weiter angezogen wird. Wenn es stimmt, dass der Konsum von Kino nicht nur Vergnügen, sondern auch Verpflichtung ist, dann willkommen zur Verpflichtung.

Man muss froh sein, dass vor dem hier der sehr launige NO LOOKING BACK lief – man ist geneigt, nach dem Screening von LUZIFER in den Waschraum zu gehen und sich die Pulsadern aufzuschneiden. So viel elegische Tragik, so viel bitterer Menschenhass war selten.

LUZIFER ist im positivsten Sinne ein gnadenloser Film. Er gönnt uns keinen Charakter zur Identifizierung, keine erfreuliche Wendung, keinen Schimmer Hoffnung. Wir wissen von der ersten Minute an, dass es ganz böse ausgehen wird – und dass die christlichen Einsiedler keine Möglichkeit besitzen, das Unausweichliche abzuwehren. Es gelingt das Kunststück, zwei völlig vom Leben gebrochene und längst jeder Ratio entkommene Charaktere durch die schiere Übergewalt des Systems, dem sie gegenüberstehen, zu Anti-Helden zu schweißen.

Inszenatorisch ist das sehr trocken Brot, denn Brunner lässt die Bilder sprechen, die Dinge geschehen. Die Handlung entwickelt sich fast nebenher, während wir Maria und Johannes dabei beobachten, wie sie jenseits aller zivilisatorischen Erkenntnis ihr Heil im Erlöser suchen, ohne zu erkennen, dass dieser ihnen nie sonderlich zugeneigt war.

LUZIFER ist ein schwerer, schmerzhafter Film, der konsequent auf ein nicht minder schmerzhaftes Ende zusteuert und dabei immer wieder grausige Geschehnisse in vagen Details andeutet. Er "gehört" nicht nur dem Regisseur, sondern auch den Darstellern, allen voran Susanne Jensen, deren Lebensgeschichte selber sich wie Horror liest. Ich kann die Schonungslosigkeit, mit der sie sich für die Kamera in jeder Form entblößt, nicht adäquat beschreiben.

Zugegeben, für den hier braucht man eine SEHR breite Definition des Begriffes "Horror", aber wenn man das Genre als Quell von Unbehagen, Schrecken und Ekel begreift, dann ist LUZIFER mehr Horror als die Hälfte des restlichen Festival-Programms.

Ich fand ihn toll – will ihn aber kein zweites Mal sehen. Ich war begeistert, kann ihn euch aber wahrlich nicht guten Wissens empfehlen Macht damit, was ihr wollt.

Fazit: Ein sperriges, aber bildgewaltiges Alpendrama, das den Zuschauer fordert, ohne ihn zu belohnen, aber allein schon für die unfassbaren Performances der Darsteller eigentlich Pflichtprogramm sein sollte. Hier wie sonst selten gilt: Proceed at your own risk. 9 von 10 Punkten.

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Thies
Thies
2. April, 2022 01:52

Aushalten konnte ich den Film, aber wirklich viel mitnehmen eher nicht. Einige kraftvolle Bilder und Anerkennung für die Selbst-Zerfleischung der Darsteller – sicherlich. Eine echte Ahnung davon was der Film mir sagen wollte und warum er das auf derart sperrige Art tat – auf keinen Fall. Er war wenigstens nicht so quälend langsam wie "Der Hexenfluch" oder so banal wie "Valley of shadows". Und in einem abwechslungsreichen Programm ist schwere Kunst einem halbgaren Genre-Aufguss alle mal vorzuziehen.