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Apr 2022

Kino Kritik: THE NORTHMAN (spoilerfrei)

Themen: Film, TV & Presse |

USA 2022. Regie: Robert Eggers. Darsteller: Alexander Skarsgård, Anya Taylor-Joy, Claes Bang, Eldar Skar, Elliott Rose, Ethan Hawke, Gustav Lindh, Hafþór Júlíus Björnsson, Ian Whyte, Kate Dickie, Nicole Kidman, Phill Martin, Ralph Ineson, Tadhg Murphy, Willem Dafoe u.a.

Story: Als der machtgierige Fjölnir seinen Halbbruder Aurvrandil tötet, um sich den Thron und dessen Frau Gudrún anzueignen, entkommt nur Sohn Amleth dem Massaker – und schwört Rache. Jahre später, zum Krieger gereift, macht er sich auf die Suche nach Fjölnir. Doch Fjölnir ist selbst längst vom Thron verstoßen, Gudrún hat sich arrangiert, und die Liebe zur Erdhexe Olga lässt Amleth an der Sinnhaftigkeit seiner bisherigen Lebensziele zweifeln.

Kritik: Das hier soll ja einer der Kracher des Frühlings werden. Mit THE WITCH und THE LIGHTHOUSE hat sich Eggers genügend “arthouse credibility” erarbeitet, um für sein erdig-düsteres Drama 90 Millionen Dollar raushauen zu dürfen.

Nun konnte ich mit THE WITCH bekanntermaßen wenig anfangen. Der Film ist toll erzählt, aber inhaltlich kocht er eine dünne Suppe. Ich müsste mich dafür vermutlich immer noch rechtfertigen, wenn Eggers das nicht mittlerweile selber so sehen würde. THE LIGHTHOUSE liegt seit zwei Jahren hier auf Halde. Mir wird zuverlässig versichert, der sei toll – von den Leuten, die auch schon THE WITCH für eine Offenbarung hielten.

Und so bin ich Sorge, dass die Konsensmeinung zu Eggers mich in eine Ecke drängt: finde ich THE NORTHMAN nicht gut, habe ich ihn sicher bloß nicht verstanden. Weil ALLE vorab schon wissen, dass der gut ist. Mehr noch: großartig. Andererseits kann ich ja kaum behaupten, dass alle anderen sich irren und nur ich nicht dem Hype aufgesessen bin. Es ist ein Dilemma.

Fangen wir erstmal mit dem Positiven an. Wie bei Eggers nicht anders zu erwarten, ist THE NORTHMAN eine extrem üppige Schlachtplatte, ein gar nicht glamouröses Wikinger-Epos aus dreckigen und brutalen Zeiten. VIKINGS auf 11 gedreht, CONAN auf Island, Klingonen im Mittelalter. Muskelbepackte Leiber, abgehackte Köpfe, wildes Gebrüll und heulender Wind, ständiges Gerede von Rache, Ehre und Schicksal. Man fragt sich, warum IRGENDWER damals so leben wollte und die Menschheit nicht kollektiv von der Klippe gesprungen ist – oder wie es ein paar Jahrhunderte nach dem Ende des Römischen Reiches einen solchen Rückfall in die zivilisatorische Rückständigkeit geben konnte.

Es ist ein Film für Sinne, die sonst vom Kino verschont bleiben. Die See peitscht, der Soundtrack röhrt, man kann den Schwefelgeruch der isländischen Geysire förmlich riechen, kann die Ascheflocken auf der Haut spüren, den Dreck in den Haaren. Man möchte permanent duschen.

Die zwei Stunden Laufzeit gehen sehr flott dahin, denn die Geschichte des Königssohns, der sich für den Verrat am Vater rächen will, bringt ja die üblichen Wegmarken mit, die sich leicht erzählen lassen: Mord, Flucht, Lehr- und Wanderjahre, Rückkehr, Intrigen, Liebe, Rache, Finale.

Aber genau da liegt auch das Problem: Die Story von THE NORTHMAN (die wohl auch die Grundlage für HAMLET darstellte) ist nicht nur extrem dünn und vorhersehbar, sie ist auch schon so oft erzählt worden, dass sie den Zuschauer weder überrascht noch mitreißt. Und Eggers fügt keinen Dreh, keine Erkenntnis hinzu, die der Handlung ein wenig Kalorien beigeben könnte. Einige Leser werden das angesichts des Endes bestreiten, aber ich behaupte, dass selbst DAS genau im Rahmen dessen bleibt, was Helden-Epen seit Jahrhunderten erzählen. Es ist bezeichnend, dass ich in meinen NIBELUNGEN-Romanen ein halbes Dutzend Schlüsselszenen exakt so gebaut und geschildert habe wie in THE NORTHMAN. Weil es eben die Standards für Barbarenkrieger-Filme sind.

Mir ist auch nicht ganz klar, was Eggers eigentlich sagen will, was sein Thema ist. Will der Film die toxische Männlichkeit, nach der hier die gesamte Gesellschaft ausgerichtet ist, ob ihrer Opfer und Leiden anklagen, oder will er sie am Ende doch preisen, weil Amleth in seiner Unterwerfung darunter letztlich erreicht, was er erreichen will? Kann die Message sein, dass der Lebensweg eine einzige Gewaltspirale ist – aber auch irgendwie okay?

Oder geht es um religiöse Fragen, um die Gottesanbetung als zivilisatorischer Fortschritt von Odin zu Freya, von Freya zu Jesus Christus? Das wird zwar immer mal wieder angedeutet, es scheint letztlich aber doch keinerlei Auswirkung auf das Geschehen zu nehmen – zumal Amleth de facto atheistisch bleibt.

Ich hadere auch ein wenig mit Menschen, die sich für diese nordische Mythologie begeistern, die ja keinen Deut stimmiger ist als die römisch-katholische Kirche und deren Hörigkeit und Bedingungslosigkeit auch immer einen faschistoiden Beigeschmack hat. Gottesglaube wird auch dann nicht cool, wenn er einem erlaubt, laut brüllend mit dem Schwert zu wedeln und den Tod für so eine Art Kriegerorden zu halten.

Wie bei so vielen dieser antiken Heldensagen darf man auch durchaus die Frage stellen, was Amleth zum Helden qualifiziert. Wir bekommen sehr deutlich gezeigt, dass er mit einer nicht minder tumben Beiläufigkeit Männer, Frauen und Kinder abschlachtet. Dass er seine Familie rächen will, ist weder Entschuldigung noch Rechtfertigung.

Die Figuren in THE NORTHMAN handeln stur nach ihren Vorgaben, selbst Olgas verzweifelter Versuch, Amleth von seinen Racheplänen abzuhalten, entspringt dem Klischee der liebenden Frau, die eine Familie gründen möchte. Aus diesem Korsett heraus können wir auch keine sensationellen Performances erwarten. Alle Darsteller füllen ihre Rollen perfekt aus, die Männer haben Monate in Muckibuden zugebracht – aber niemand sprengt die Ketten der Geschichte, weil niemand etwas Bemerkenswertes hat, was er spielen könnte. Der Skarsgård von THE NORTHMAN ist der Skarsgård von TARZAN. Die Figuren sind hier weitgehend dünner als ihre Äquivalente in TV-Serien wie GAME OF THRONES oder eben THE VIKINGS. Weil ihre Wege und Wandlungen strikt in der Schiene bleiben.

Auf der technischen Seite bin ich auch ein wenig verloren: DAS hat 90 Millionen Dollar gekostet? Wofür? Klar sind die Bilder toll und es war bestimmt nicht billig, die Crew in die irische Ödnis zu karren. Aber letztlich sehen wir hier 80 Prozent der Laufzeit zwei Dutzend dreckigen Bauern und Sklaven zu, die zwischen Holzhütten umher stapfen – hier ein dokumentarisches Setfoto:

Das hier ist nicht GLADIATOR oder 300.

Und so saß ich am Ende wie befürchtet im Saal und dachte: habe ich was nicht verstanden? DAS soll jetzt der große Wurf in Sachen Blockbuster-Barbarenkino sein? Was ist denn daran neu, anders, oder aufregend, abgesehen von der Tatsache, dass Eggers wirklich atemberaubende Landschaften und Schlachten inszenieren kann?

Versteht mich nicht falsch: Das hier ist ein sehr unterhaltsamer und aufwändiger Abenteuerfilm für Menschen mit Freude an Gemetzel. Wer aber ein Erweckungserlebnis erwartet, eine Renaissance des “adult cinema”, der könnte schwer enttäuscht werden. Ich wurde die ganze Zeit das Gefühl nicht los, dass Eggers vielleicht doch einen kleiner budgetierten Schwarzweißfilm zu diesem Thema hätte drehen sollen, mit etwas mehr Eiern und Ambivalenz.

Vielleicht/vermutlich/womöglich irre ich mich aber auch einfach.

Fazit: Ein bildgewaltiges Blut & Boden-Rachedrama mit mythologischen Anflügen, dessen schiere erzählerische Wucht die dürftige Story und die unterentwickelten Charaktere nicht ganz überspielen kann.

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Feivel
Feivel
14. April, 2022 17:36

Zumindest der Trailer hat ja eine sehr stark an GoT angelehnte Ästhetik (?) – und die haben für das Geld gleich ne ganze Staffel abgedreht..

(off topic: THE vikings, THE 300.. Schreibst du parallel über 80er Jahre Bands, oder ist das ein Gag, der gerade an mir vorbei geht?)

Marko
14. April, 2022 18:35

Der Film heißt “The VVitch”, nicht “The Witch”. Und ich fand den toll, nicht zuletzt wegen der hinreißenden Taylor-Joy.

Bin gespannt auf “The Northman”.

Marko
14. April, 2022 18:58
Reply to  Torsten Dewi

“Nicht schert” ist nun auch übertrieben, aber ich kann mich durch Stimmung, Musik, guten Schauspielern und tollen Bildern durchaus hauptrangig unterhalten lassen. Kann aber verstehen, wenn einem das nicht reicht.

Und ach, naja, nackter Popo, warum nicht…

Magineer
Magineer
15. April, 2022 00:24
Reply to  Marko

Nee, heißt er nicht, da ändern auch Beinhart-Fans nix dran:

https://bloody-disgusting.com/movie/3592874/robert-eggers-sets-record-straight-witch-vs-vvitch/

Stylization gibt es in Titeln nicht erst seit Eggers’ Hexensabbat, aber das macht es auch nicht richtiger. The Witch ist The Witch ist The Witch. Es sei denn, auch deine W-Taste ist permanent kaputt.

Marko
15. April, 2022 00:34
Reply to  Magineer

“According to cinematographer Jarin Blaschke, the film was shot mostly with available and natural light. The spelling of the title “The VVitch” is how the word was written in the story’s period because the letter “W” was not yet in common use at the time.”

Keine Ahnung, was mir deine Verlinkung dazu erzählen will, die schreit mir erst mal “MACH DEINEN ADBLOCKER AUS!!!” entgegen, und deswegen mach ich das natürlich nicht. Wird also vermutlich egal sein.

Und wie du am Wort “Wird” siehst (und an “Wort), ist meine W-Taste (jetzt auch noch in “W-Taste”!) nicht permanent kaputt.

DMJ
DMJ
23. April, 2022 14:26

Himmel … mein Filmwissen lässt merklich nach, ich hatte nicht auf dem Schirm, dass VVITCH (ja, falsche Schreibweise … ich mag sie aber halt), LIGHTHOUSE und der hier vom gleichen Regisseur sind.
Ich mochte die ersten beiden tatsächlich ganz gern (verstehe jeden, dem es anders geht), insoweit sollte ich hier wohl mal reingucken. Besonders, da ich doch archaisch-nordisches Barbarenzeug ganz gern mag.
Auch wenn es ja tatsächlich ein Genre ist, das die Identifikation mit den Helden recht erschwert. Deren typische Motivation ist ja: “Weil Tjavle Skornblorgs Urgroßvater meinen Urgroßvater erschlagen hat, als sie zusammen englische Bauern niedermetzelten, muss ich jetzt zur Rache Tjalves Kinder ausweiden und den Göttern opfern!”

Insofern sehe ich das meist mehr als hübsche Horrorshow, als wirklich mitzufühlen.

Scheint ja ein wenig Eggers Ding zu sein: VVITCH spielt ja auch nach urkonservativen Fundichristen-Regeln. – Was erstaunlich viele Leute ja komplett missverstehen, die das Ende als …

* * * SPOILER FÜR THE VVITCH * * *

… Befreiung für die Tochter sehen, weil sie halt strahlt und herumjauchzt. Dabei hat sie den Stiefel des Patriarchats auf ihrem Nacken gegen den Huf des Teufels eingetauscht, der in dem Film ja wahrlich nicht als romantischer Milton-Rebell dargestellt wird, sondern sie Salbe aus Babys herstellen lassen wird.
Aber genug Leute haben ja auch MIDSOMMAR als “girl boss”-Movie verstanden, weil der Diskurs ja grad völlig vergurkt ist.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos
26. April, 2022 14:44

Argh, aufgrund der Erwähnung Hamlets hat mein Hirn beim Lesen dauernd Amleth umgebaut…
Klingt ja insgesamt eher nach nem Sonntags-Prime-Film, auch wenn die Damen im Freundeskreis wahrscheinlich auch wegen Skarsgard ins Kino gehen würden.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos
3. Mai, 2022 09:23
Reply to  Rudi Ratlos

So, gestern in der OmU drin gewesen. Was ne Moppelkotze… Hätte ich gewusst, dass das Ding wie ne GZSZ-Folge aussieht, hätte ich mir die 11€ gespart. Fürchterlicher Look, gerade am Anfang wirken manche Szenen wie ein LARP-Treffen in Posemuckel. Und was ist mit Nicole Kidmans Gesicht passiert? Ich dachte, sie hätte wieder die Kurve bekommen – ganz starke Vibes aus Rammsteins neuem Video…
Mitunter war ich mir auch nicht sicher, ob sich der Film über die eigentliche Thematik lustig macht. Nett war die Szene mit dem Schwertkampf gegen den untoten Hüter, hätte auch aus „Elden Ring“ stammen können. Und abseits der (sehr billigen) Gedärme-Szene am Ende war der Film recht züchtig, da waren Vikings und Konsorten wesentlich ruppiger. Nicht Fisch, nicht Fleisch, ich freu mich schon auf den Honest Trailer

Goran
Goran
28. April, 2022 13:47

“Das hier ist ein sehr unterhaltsamer und aufwändiger Abenteuerfilm für Menschen mit Freude an Gemetzel.”

Ist er das? Für mich war er zu lang, zu öde und überraschend verschämt, geradezu eierlos, was die Darstellung Gewalt angeht.

Nicht falsch verstehen, Blut spritzt, Gedärme fliegen, aber die Kamera dreht sich gern halb weg, die Aufnahmen sind Totale, oder Sekunden kurz, als würde sich die Bildregie lieber die Finger vor die Augen gehalten haben, als das zu filmen.

Diese Gewalt müsste weh tun, der Zuschauer sollte sich unwohl fühlen, und wie auch das Publikum um mich herum, war ich da überhaupt nicht berührt.

Das Beste sind die Ritualszenen, irgendwo zwischen mystisch, männlich und doch auch leicht peinlich, wenn der Priester effektiv in Unterhose vor dem Feuer singt.
Hier hat der Film schöne Einblicke in das Selbstverständnis dieser Männer.

Auch werden die schönen Bilder durch seltsam klaustrophobische Einstellungen, als hätte man für den Heimfernseher gefilmt, eingeschränkt. Das lasse ich mir bei den Innenaufnahmen gern gefallen, um die Enge der Häuser abzubilden, aber draussen fand ich das zu eingesperrt.

Bin auch wirklich nicht emotional angefasst worden.

Eigentlich hat Game of Thrones diese Themen alle besser abgearbeitet.

So musste ich mich stark davon abhalten den zwei Publikumsgruppen, die Mitte des Films schon gingen, auch noch zu folgen.

Last edited 5 Monate zuvor by Goran
Christian Siegel
29. April, 2022 21:01

Ich finde schon, dass “Northman” die klassische Racheerzählung stärker hinterfragt, als sonst bei dieser Thematik üblich – auch wenn man durchaus zu recht kritisieren kann, dass die von Amleth am Ende vorgebrachte Begründung, warum er doch noch in den genretypischen Showdown zieht, mich an die englische Redewendung “to have one’s cake and eat it” erinnerte; sprich, sonderlich konsequent war das zweifellos nicht. Mehr noch als der Inhalt war es für mich aber der Bilderrausch, der mich (bei Eggers: wieder) mitgerissen hat. Kein Überdrüber-Highlight, aber wohltuende Abwechslung vom Kino-Einheitsbrei.