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Feb 2022

Kino Kritik: TOD AUF DEM NIL

Themen: Neues |

USA/England 2019. Regie: Kenneth Branagh. Darsteller: Kenneth Branagh, Gal Gadot, Armie Hammer, Jennifer Saunders, Dawn French, Russell Brand, Annette Bening,  Rose Leslie, Sophie Okonedo

Story: Hercule Poirot wird von der reichen Erbin Linnet Ridgeway-Doyle gebeten, ihre Hochzeitsreise im Kreise illustrer Freunde im Auge zu behalten. Sie fürchtet, dass ihre ehemals beste Freundin Jacqueline sich dafür rächen will, dass Linnet ihr den Mann ausgespannt hat. Und Jacqueline ist nicht die Einzige, die einen Grund hat, Linnet tot sehen zu wollen. Auf einer luxuriösen Nil-Kreuzfahrt gibt es bald die ersten Toten und dem belgischen Detektiv bleibt wenig Zeit, den Täter ausfindig zu machen….

Kritik: Es ist kein Geheimnis: ich fand Kenneth Branaghs erste neue Poirot-Verfilmung MORD IM ORIENT-EXPRESS miserabel. Zu viel Pomp, zu viel CGI, und vor allem – ein Hauptdarsteller, der nicht in der Figur versinken, sondern sie zu seinem eigenen Ruhm neu definieren wollte. Der Film litt zusätzlich daran, dass es 1974 bereits die definitive Verfilmung des Stoffes gab und der Reiz der Story, wenn man die Auflösung kennt, doch deutlich nachlässt:

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Und selbst wenn man sich eine stärker an der Vorlage orientierte Version wünscht, hat es die ja auch längst gegeben:

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Somit war der hier völlig unnötig und der Eitelkeit Branaghs geschuldet:

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Aufgestoßen ist mir zudem die alberne "Pointe", dass Poirot am Ende nach Ägypten gerufen wird, wo ihn der TOD AUF DEM NIL erwartet – ein Mord, der zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht begangen worden war.

Die LvA und ich kamen sehr enttäuscht aus dem eleganten britischen Club-Kino.

Es lässt sich aber nicht bestreiten, dass der Film mit 350 Millionen Dollar ein überraschend erfolgreicher Kino-Blockbuster war und die Fortsetzung damit beschlossene Sache. Doch TOD AUF DEM NIL wurde neben NO TIME TO DIE und TOP GUN: MAVERICK das prominenteste "Opfer" von Corona. 2019 fertig gestellt, lag der Film nun mehr als zwei Jahre rum, bevor er einen ordentlichen Starttermin eingeräumt bekam. Ich bin überrascht, dass er nicht direkt über eine Streaming-Plattform verklappt wurde – vor allem, weil Hauptdarsteller Armie Hammer mittlerweile in Hollywood sowas von gecancelt ist. Branagh selbst hat ja seither schon den weltweit umjubelten BELFAST gedreht und veröffentlicht.

Egal. Der Film ist da, der Film wird geguckt. So lud ich die LvA zum Valentinstag erst zur feinen englischen Tea Time, dann zur Originalfassung des Streifens in den mondänen Astor Film Lounge Club. Man muss gönnen können.

TOD AUF DEM NIL teilt zuerst einmal das Grundproblem von MORD IM ORIENT-EXPRESS – es gab in den 70ern bereits eine sehr gute Adaption mit vielen Stars:

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Und eine exzellente Umsetzung im Rahmen der David-Suchet-Serie:

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Warum sollte also jemand das hier noch sehen wollen?

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TOD AUF DEM NIL wiederholt viele Schwächen mit MORD IM ORIENT-EXPRESS, ist aber insgesamt ein deutlicher Fortschritt. Branagh gibt sich Mühe, Poirot weniger aggressiv und viril zu zeichnen. Zu diesem Zweck wird seine Vorgeschichte diesmal nicht nur in vagen Stichworten erwähnt, sondern in einem kräftigen Schwarzweiß-Prolog illustriert. Wir bekommen ein besseres Gefühl dafür, dass Poirots Intellekt seine Maske und sein Schutzschild ist – aber beides Risse bekommt.

Darüber hinaus hat Branagh gerade genug Details der Geschichte modernisiert und neu aufgestellt, um sie aufzufrischen, ohne die Vorlage zu verraten. Die Figurenkonstellation auf dem NIL ist auch deutlich glaubwürdiger als im ORIENT-EXPRESS. Hier werden keine hanebüchenen Zufälle konstruiert, um die Beteiligten an einem Ort zusammen zu bringen. Die Stars haben sichtlich Spaß, dem delikaten Mörderspiel beizuwohnen, auch wenn Gal Gadot erneut primär das Attribut "drop dead gorgeous" einbringt. Es ist auffällig, wie wenig man sie bisher als Darstellerin fordert und sie stattdessen nur als Göttin inszeniert.

Bös ankreiden muss man Branagh wieder mal die katastrophale Location-CGI, die nach einem Asylum-Film von 2010 aussieht. Die Shots von London, Assouan, dem Nil-Delta – das MUSS besser gehen und das ist mit einer generellen Theatralität der gesamten Produktion nicht zu entschuldigen. Es sieht – sorry – scheiße aus.

Ich sehe auch immer noch keine Notwendigkeit dieser Adaptionen. Branagh entfernt sich zu weit von der literarischen Vorlage der Figur – er wird immer nur eine eigenwillige Variation von Poirot, nie die perfekte Verkörperung sein. Dieser Platz gebührt auf ewig David Suchet. Als Variation ist aber dann die generelle Umsetzung der Geschichte zu traditionell, um sich eine eigene Nische zu schaffen. Wer sehen möchte, wie man Poirot und seine Fälle umfassend dekonstruiert, sollte sich THE ABC MURDERS mit John Malkovich anschauen:

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Besser als ORIENT-EXPRESS ist TOD AUF DEM NIL allemal, das habe ich schon erwähnt – lohnt er denn auch für sich genommen den Kinobesuch? Nein. Dafür bietet er nicht genug, was den Kauf der Karten rechtfertigt. Streaming reicht in diesem Fall völlig – und auch dann primär, wenn man sich nicht mehr an Täter und Opfer der Geschichte erinnern kann. Ein Whodunit lebt halt vom "who’s done it?".

Fazit: Eine mondäne, artifizielle und eitle Adaption des Stoffes, die weitgehend gut unterhält, aber der Suchet-Version nicht das Wasser reichen kann.



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Matts
Matts
15. Februar, 2022 12:57

Ich weiss nicht…
Ich muss gestehen, dass ich TOD AUF DEM NIL sogar schlechter als MORD IM ORIENT EXPRESS fand. Im letzteren haben die klaustrophobische Atmosphäre des Zuges und die oft schechte Wetterlage die miese CGI noch besser kaschiert. Im neuen Film beschränkt sich die Handung zwar auch hauptsächlich auf das Schiff, aber diese Pseudo-Offenheit drum herum lässt die Makel viel deutlicher zu Tage treten.
Dazu kommt, dass ich an keine der Figuren – mit Ausnahme von Poirot vielleicht – wirklich andocken konnte. Sie waren entweder zu hölzern (Frau Gadot) oder haben zu wenig Screentime bekommen.
Und dass es geschlagene 70 min dauert, bis der Tod auf dem Nil passiert, hilft auch nicht.

Goran
Goran
15. Februar, 2022 13:28

Hat Gal Gadot in irgendwas überzeugt? Ich gestehe ausser ihrer Superheldenauftritte nix gesehen zu haben, aber ausser Memestatus mit "Kal-EL No" hat ihre Darbietung doch kaum Spuren hinterlassen, oder gibt’s da Empfehlungen?

Last edited 4 Monate zuvor by Goran
Dr. Nick
Dr. Nick
15. Februar, 2022 15:02

Sie wird deshalb als Göttin inszeniert, weil sie eine Göttin IST !!! (Sabber…)

Gerda
Gerda
16. Februar, 2022 12:38

MACH ES DOCH BESSER FU HAMMEL!

Infidol
Infidol
17. Februar, 2022 11:45
Reply to  Torsten Dewi

Es ist leider nur wenigen Menschen bekannt, daß Fu Manchu einen Bruder hatte, der sich leider nie aus dem Schatten seiner berühmteren Geschwister lösen konnte

Mina Knallenfalls
Mina Knallenfalls
20. Februar, 2022 21:39

So, gerade zurück aus einem gemütlichen kleinen Kino in Wuppertal bei alles andere als gemütlichem Wetter.

Und ich widerspreche. Vehement.

Da ich selten ins Kino gehe, fehlt mir in Sachen Location-CGI der Vergleich. Mir hat’s getaugt.

Die Darstellung des Poirot fand ich grandios, eben WEIL es eine Variation der Figur ist und eben nicht nur eine Verkörperung. Wir sehen einen traurigen Menschen. Wir verstehen, warum er traurig ist. Ich fand ihn ambivalent, mal sympathisch, mal unsympathisch, mochte diese Gefangenheit in der eigenen Brillanz.

Auch mochte ich, dass kleine, feine Humorspitzen gesetzt wurden, ohne die tieftraurige Grundstimmung zu verraten.

Zwei schöne Stunden, ein bisschen, wie man eine Person, die man bisher nur in zwei Dimensionen kannte, erstmal dreidimensional sieht.

Etwas langer Vorlauf, ein paar farblose Nebenrollen, aber acht von zehn bekommt das von mir.

Mina Knallenfalls
Mina Knallenfalls
21. Februar, 2022 09:43
Reply to  Torsten Dewi

Ich hätte dazu sagen müssen: Ich kannte Poirot bisher nur aus dem Romanen und Kurzgeschichten und aus den alten Verfilmungen, die Serie mit Suchet steht auf der Liste dessen, was ich noch nicht geschafft habe.

Mal ganz unabhängig davon: Danke für deine immer unterhaltsamen Kritiken. Selbst, wenn diese negativ ausfallen, ich hab nur so überhaupt von dem Film erfahren und so hast du einem kleinen Kino zwei Besucher beschert.