23
Feb 2022

BRAVO-Zeitreise (2): Früher war alles besser – aber viel schlimmer

Themen: BRAVO!, Film, TV & Presse |

ACHTUNG! Es wird wieder sexy, spießig, gruselig, peinlich UND doof!

Um 1960 rum war er mit Abstand (neben Horst Buchholz) der populärste "Coverboy" der BRAVO: Freddy Quinn. Die Jugendkultur, die das Blatt prägen sollte (und umgekehrt), war noch nicht ausreichend geformt, die Vorlieben der Eltern galten als fast deckungsgleich mit denen der Teenager.

Es ist daher fast ein Treppenwitz der Geschichte, dass sich Quinn, als die Jugend ein paar Jahre später endlich ihre Stimmung und Haltung fand, zu einem widerlichen Stück Spießerpropaganda hinreißen ließ:

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Oktober 1968: Summer of Love, die Hippies, freie Liebe, Drogen und experimentelle Musik erschüttern das Nachkriegsweltbild. In einer Düsseldorfer Klinik wird ein einflussreicher Blogger und sympathischer Tausendsassa geboren. Die BRAVO? Roy Black, Uschi Glas, Peter Alexander und Heintje. Nur Inge Meysel fällt in einem sympathischen Interview dem Spießerglück in den Rücken und zeigt sich liberaler, als das Magazin erwartet hat.

Hippies, Glam und Prog Rock dominierten die Jugendkultur, aber die BRAVO setzte 1972 (vor dem optischen Relaunch) weiter auf "Coverboys" wie Claus Wilcke und Chris Roberts.

Immerhin: man erfand mit dieser Ausgabe die legendäre "Foto Love Story". Was auf dem Cover verschwiegen wird: es findet sich im Heft auch der erste große Bericht zu einer brandneuen supertollen Science Fiction-Serie!

Ein Satz, den ihr erstmals und nie wieder lesen werdet: Die Pickelpuder-Werbung ist auch toll. Toll im Sinne von unfassbar.

David Cassidy und in zweiter Reihe sein Bruder Shaun waren DIE Teenie-Dreamboys Mitte der 70er – David dank der Serie PARTRIDGE FAMILY, von deren 96 Episoden nur die Hälfte im ARD-Vorabendprogramm ausgestrahlt wurde. Goldener Otto und Dutzende Cover waren der Lohn – von "Naturalien" der Fangirls mal abgesehen. Während David in den 80ern und 90ern ziemlich versumpft und vor ein paar Jahren verstorben ist, konnte sich Bruder Shaun ab den 90er Jahren erfolgreich als Produzent hochwertiger TV-Serien etablieren.

So wie damals für einen chinesischen Film auch mal mit japanischem Reiswein geworben wurde, so hat die BRAVO 1975 immer noch nicht den Unterschied zwischen Karate und Kung Fu verstanden. In den 70ern "sahen die Asiaten alle noch gleich aus". Die können froh sein, dass Bruce Lee schon tot war!

Mitte der 70er gab es eine Phase, da war ALLES Denim: Füller mit Denim, Hüte aus Denim, Pophits über Denim. Die Blue Jeans war Stoff gewordener Lifestyle. Ein bekannter Anbieter sammelte sogar schrabbelige Alt-Jeans, um sie dann zu Flicken-Jacken zu verarbeiten und neu zu verkaufen.

Der Hype hielt so lang wie die Karriere des unsäglichen Pop-Teenagers Maggie Mae, deren Auftritte man im Mittelalter zum Veitstanz erklärt hätte:

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Maggie (eigentlich Andrea Cosima Carle) ist übrigens 2021 an Covid verstorben.

Silvester 1976/77 nahm BRAVO die Popper- und Yuppie-Kultur vorweg und propagierte die "schicke" Edelparty für das Neue Jahr. Ich gebe der Titelzeile recht: für so ein Outfit hätte es bei uns damals auch geknallt.

Filmcover hat die BRAVO ab den 70ern eher selten gebracht – hier eine potente Ausnahme. Es überzeugt mal wieder der Themen-Mix: King Kong und "Was ist Pornographie?"

Ich bin ein Mann, der für Antworten steht und ihr sollt nicht dumm sterben:

Die 80er begannen in der BRAVO mit den 70ern – das deutsche Disco-Projekt Orlando Riva Sound würde heute "dank" der Tänzerin Sophia Reaney sicher sofort als "cultural appropriation" gecancelt werden. In diesem Fall könnte ich nicht mal was zur Verteidigung vorbringen – außer vielleicht, dass Disco immer auch Karneval und Kostümball war.

Ich kann aber verstehen, dass Jungs da gerne zugeschaut haben:

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Die BRAVO zeigt im Januar die (mittlerweile volljährige) Nastassja Kinski im Heft mal wieder nackt und überzeugt auch sonst mit einem breiten Themen-Mix: Nina Hagen! Kätzchen! Leif Garrett! Gregory Peck!

Und vor allem – eine "Bravo-Horror-Picture-Show", mit der sich das Magazin an einer Grusel-Kurzgeschichte der ganz tranigen Art versucht (Autor unbekannt).

Auf der "Respekt!"-Seite zu vermelden: die BRAVO verkündet das Ende der 70er Musikkultur und sagt die Trends des neuen Jahrzehnts sehr hellsichtig voraus.

Für einen kurzen Moment im Jahr 1988 gab es so etwas wie einen "teen pop war" in den USA: Debbie Gibson oder Tiffany? Kein kulturelles Erdbeben wie "Oasis oder Blur?" ein paar Jahre später, aber immerhin. Es sagt etwas über die Zeit aus, dass alle Sticker-Stars auch heute noch bekannt sein dürften (mit der Ausnahme von David Hallyday, dessen Rockpop-One Hit Wonder den ungünstig weicheiigen Titel "Oh la la" trug). Wer waren Dominoe? Die hier. Ach ja: Team Tiffany. Natürlich.

Sowohl Tiffany als auch Debbie Gibson haben sich dann übrigens im neuen Jahrtausend für den Playboy ausgezogen – in diesem Fall: Team Debbie.

Begeben wir uns zum Abschluss mal in die Gegenwart der BRAVO. Massive Auflagen- und Machtverluste sowie diverse Wechsel in der Chefredaktion haben dem Heft nicht gut getan. Das hier sieht eher wie der Versuch einer Teenager-Klatschpostille mit Serviceanteil aus:

Trauriges Ergebnis 2022: Von einst 1,5 Millionen Auflage sind noch knapp 55.000 übrig (ein Dreißigstel!), das Heft erscheint nur noch monatlich, und der Inhalt wird von einem externen Dienstleister erbracht. Hat die Jugend den Kompass verloren – oder einfach nicht mehr gebraucht?

I shit you not: Die BRAVO-Webseite hat nicht mal mehr eine eigene MUSIK-Rubrik.



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sergej
sergej
23. Februar, 2022 10:54

Zum Starschnitt Amadeus August (was für ein Name) findet man:
https://www.youtube.com/watch?v=3EFidIAe4oA

S-Man
S-Man
23. Februar, 2022 11:12

Irgendwie kann ich deine Bilder nicht mehr anklicken zum Vergrößern. Absicht? Bug? Oder Fehler bei mir?

Jake
Jake
23. Februar, 2022 11:20
Reply to  S-Man

Geht mir genauso. Dabei würde ich mich so gerne darüber aufklären lassen, was Pornographie ist!

S-Man
S-Man
23. Februar, 2022 11:44
Reply to  Torsten Dewi

Nein. Da wird das kleine Bild angezeigt.

Jake
Jake
23. Februar, 2022 19:22
Reply to  Torsten Dewi

Supi, läuft!

Matts
Matts
23. Februar, 2022 16:30

"Karate-Star Bruce Lee"??? Ketzerei!!!

Jake
Jake
23. Februar, 2022 19:17
Reply to  Matts

Hier ein Ausschnitt aus einem Zeitungsartikel vom letzten Jahr. So kann man’s auch verbocken.

Last edited 4 Monate zuvor by Jake
Raphael
Raphael
23. Februar, 2022 22:11
Reply to  Jake

Fehlt nur noch Jamie Lee Curtis.

Selle
Selle
24. Februar, 2022 18:09
Reply to  Raphael

und Pamela Anderson Lee!

Marko
27. Februar, 2022 11:22

"Hat die Jugend den Kompass verloren – oder einfach nicht mehr gebraucht?"

Ich denke, die Erklärung dazu ist so naheliegend wie profan: Internet.