05
Jan 2022

1981: Die Pop-Pandemie wütet

Themen: Film, TV & Presse |

Es ist bekannt, dass ich mich gerne der unangemessenen Nostalgie hingebe. Auch dafür braucht es allerdings Zeit, die mir oft genug fehlt. Weil hinzu kommt, dass viele alte Filme, Serien und Sendungen in ihrer Gänze doch etwas die Geduld strapazieren, bin ich dankbar für Leute, die solches Material sorgsam kuratieren und zu verdaulichen Rückschauen zusammen stellen. Die Musikvideo-Compilations von "some random guy" habe ich ja bereits an anderer Stelle gelobt.

Nun gibt es einen neuen YouTuber, der augenscheinlich erheblich zu viel Freizeit besitzt und diese zu meinem Vergnügen aufbraucht. Francis Pelletier beleuchtet in seinen Pop-Clip-Shows gerne auch mal regionale Märkte – darunter den deutschen. Das wäre für sich genommen kein Grund, einen Beitrag darüber zu schreiben, aber mir ist etwas aufgefallen, das so signifikant ist, dass ich es keinem Zufall oder einer statistischen Anomalie zuschreiben kann.

Das hier sind alle Songs, die es 1977 in die deutschen Charts schafften. Weil nicht nur die Top-Hits präsentiert werden, bekommt man einen deutlich breiteren Eindruck des Musikgeschehens in der Bundesrepublik. Es ist wirklich alles dabei: Glam, Retro-Rock, Schlager, Pop, Disco, Novelty, und viele deutsche Cover-Versionen. Man kann stolz drauf sein, man kann sich schämen – aber so war’s:

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Ich kenne geschätzt 80 Prozent der Songs noch, ob ich sie nun mag oder nicht. Es ist das, was im Radio und auf Partys und in TV-Sendungen so lief. Das prägt.

Bei 1978, 1979 und 1980 geht es mir ganz genau so. Praktisch alles bekannt. Ich bin nur überrascht, dass obskure Band wie "a la carte" und "Ottawan" deutlich mehr "Hits" hatten, als mir bisher bewusst gewesen war.

Gestern hat Pelletier das Video zu 1981 eingestellt. Und obwohl sich die Musiker und Bands wenig geändert haben, habe ich kaum einen der Songs gekannt. Eine totale Umkehrung – 80 Prozent der hier präsentierten "Hits" sind mir fremd:

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Warum ist das so? War ich 1981 im Fußballverein oder doch lieber im Kino als vor dem heimischen Fernsehen? Nein. Da war ich 12. Ich habe mit 12 keinen anderen Medienkonsum gehabt als mit 11 oder 13. An mir liegt es ausnahmsweise nicht.

Was wir 1981 erlebt haben, war eine Zeitenwende. Die 70er endeten. Nicht Silvester 1979, sondern irgendwann im Frühjahr 1981. All die alten Bands und Stars waren noch da, die alten Genres und die alten Komponisten, die genau die Sorten Musik fabrizierten, die im vergangenen Jahrzehnt so gut funktioniert hatten. Ich habe sie oben ja aufgezählt. Aber es funktionierte nicht mehr. Das Jahr produzierte praktisch keine nachhaltigen Hits, selbst Gruppen, die bisher mit Gold-Schallplatten überschüttet worden waren, veröffentlichten ihre schwächsten Releases. Die Musik wurde nicht schlechter – das Publikum wurde ihrer nur müde.

Das Video zu 1981 ist ein dramatisches Dokument des Scheiterns.

Daniel Blythe hat in seinem grandiosen Werk "The Encyclopedia of classic 80s pop" geschrieben, dass 1989 das Jahr war, in dem die 80er starben, weil nur noch generischer Dancefloor-Müll produziert wurde, der dann zu Techno, Acid House und Euro-Pop der 90er überleitete.

Wenn das stimmt, dann setze ich zu dem Endpunkt nun den Anfang:

Die 80er begannen – musikalisch –  im Herbst 1981 und endeten im Frühjahr 1989.

Tatsächlich kann man in Pelletiers Video zu 1981 bereits die ersten tiefen Atemzüge der 80er erkennen: Kim Wilde und Adam Ant, Ultravox und Police. Ganz am Ende reckt die NDW das scheue Köpfchen: Spider Murphy Gang und Achim Reichel schaffen den Einzug in die Charts. Disco, Glam, Rock? Für die nächsten Jahre erstmal ausgemustert. New Wave, NDW, Italo Disco und SAW scharren mit den Füßen. Altstars wie die Stones, Aerosmith und Rod Stewart müssen sich neu erfinden. Das Jahrzehnt der Lederkrawatten und Heimcomputer steht vor der Tür.

Das Video zu 1982 dürfte wieder erheblich interessanter werden…



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Jake
Jake
5. Januar, 2022 11:49

Danke für die Kanal-Empfehlung, den habe ich gleich mal abonniert. Nostalgische Gefühle werden sich bei mir allerdings erst einstellen, wenn der Kanalbetreiber bei den deutschen Charts Ende der 80er/Anfang der 90er angelangt ist. Das war die Zeit, in der ich mir auf Bayern 3 jeden Freitag die "Schlager der Woche" anhörte und meine Lieblingssongs auf Kassette mitschnitt. Da ärgerte man sich dann immer, wenn die Moderatoren zu labern anfingen, bevor das Lied komplett zu Ende gespielt war. 😀

Last edited 13 Tage zuvor by Jake
Kai
Kai
5. Januar, 2022 12:30

Erstaunlich viele John Lennon Songs 81 in den Charts. Ob da vorher was passiert ist? 😛

Habe mal mitgezählt, ich komme auch auf eine Rate von 1 zu 5, bekannte vs unbekannte Lieder. Allerdings habe ich die 70er noch nicht ausgecheckt, ob es da besser wird.

Mison
Mison
5. Januar, 2022 13:20

Aerosmith waren 1981 schon Altstars? 👀

Jessi H
Jessi H
5. Januar, 2022 22:10

Gleich mal den Kanal abonniert. Ich freue mich schon auf die guten Eurodance-Hits <3

Gast
Gast
6. Januar, 2022 01:37

Hab mal mit notiert: Kannte 91 x Song, 112 x nur Interpret, 76 x weder noch (meist Schlager). Mittlere Zahl am größten: Hypothese bestätigt. Bei den 91 dafür schon viel geiles PostPunk/NewWave-Zeug dabei… Aber dass Duran Duran mit ihren ersten UK-Hits in D noch so gar keine Beachtung fanden ist immer noch ein Skandal!

stellaVista
14. Januar, 2022 16:46

Hinter den "obskuren" Ottawan steckt übrigens der Vater von Daft Punk Mitglied Thomas Bangalter, als Songwriter und Producer.

Last edited 4 Tage zuvor by stellaVista