28
Okt 2021

Kino Kritik: ETERNALS

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

USA 2021. Regie: Chloé Zhao. Darsteller: Gemma Chan, Richard Madden, Angelina Jolie, Salma Hayek, Kit Harrington, Lia McHugh, Brian Tyree Henry, Lauren Ridloff, Barry Keoghan, Harish Patel, Ma Dong-seok u.a.

Story: Die Eternals sind von der Gottheit Arishem erschaffen worden, um die Menschheit gegen die monströsen Deviants zu verteidigen, was sie auch seit Jahrtausenden getan haben. Ansonsten halten sie sich aus irdischen Belangen raus. Doch nachdem ihr Auftrag beendet schien und die meisten Eternals eine Art normales Leben unter den Menschen gesucht haben, tauchen die Deviants wieder auf – stärker und mit neuen Kräften. Ikaris, Sersi und die anderen tun sich erneut zusammen, müssen aber feststellen, dass Arishem ihnen nicht die ganze Wahrheit gesagt hat und dass der Erde ein anderes Schicksal bevorsteht, als sie dachten…

Kritik: Liest sich nicht schlecht, oder? Ein klassisches Heldenteam, das plötzlich bemerkt, dass es belogen wurde und dass die "gute Seite", für die es kämpft, sie vielleicht nur als willige Werkzeuge missbraucht. An so einer Story kann man viele Fragen über die Natur des Heldentums aufhängen, die Perspektiven von "gut" und "böse", die Aufrechnung von Opfern mit der Notwendigkeit des Universums, sich weiter zu entwickeln.

Und wenn ETERNALS sich für diese Fragen interessieren würde, wäre es vielleicht auch ein guter Film. Stattdessen ist er ein frustrierendes Monster, der dreistündige HULK zum üblichen Bruce Banner des MCU: brüllend, muskelbepackt, tumb und kaum verständlich. So überladen mit Story, Anspruch, Epik und Plot, dass das Drehbuch ächzend darunter zusammen bricht. Weil man einen großen Film zwar schreiben, aber nicht erzwingen kann.

Zu GHOSTBUSTERS LEGACY habe ich vor ein paar Tagen geschrieben:

"Das ist echtes Erzählkino, in dem die Geschichte das Spektakel diktiert und nicht umgekehrt."

ETERNALS ist das genaue Gegenteil davon: ein Spektakel auf der Suche nach Figuren, einem roten Faden, einem Thema. Man hat ständig das Gefühl, einer an sich interessanten Geschichte beizuwohnen, die von den falschen Leuten mit den falschen Figuren erzählt wird, dargestellt von den falschen Schauspielern. Nicht ganz so schlimm, aber in den peinlichsten Momenten an INHUMANS erinnernd, wo auch irgendwelche selbst proklamierten Gottwesen über Wohl und Wehe der Menschheit entscheiden. Ich sage das nicht leichtfertig, aber Richard Madden müht sich als Ikaris redlich, den Anti-Charisma-Wettlauf gegen Anson Mount als Black Bolt zu gewinnen. Und er verliert nur knapp.

Einer der Grundfehler von ETERNALS war sicher schon in den Comics angelegt, die Jack Kirbys wahnhafte Suche nach dem Ultimativen, dem Kosmischen, dem Letztendlichen repräsentieren: je größer die Figuren, desto schwerer ist es, sie für den normalen Zuschauer verständlich und empfindbar zu machen. Da sie trotz ihrer unsterblichen und fast göttlichen Macht von Menschen dargestellt werden, führt das auch zu einem Bruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit: diese übergroßen Wächter über die Menschheit dürfen letztlich nicht mächtiger als die Avengers oder die Justice League sein, weil man ihnen sonst keine glaubhaften Konflikte bauen kann. Wirken sie anfänglich noch fast omnipotent, erkennen wir nach und nach, dass sie auch nur mit Wasser kochen. Da ist plötzlich ein Dolchstoß (fast) tödlich und ein Superheld scheitert daran, dass er schlicht nicht fliegen kann.

Ziemlich aufgestoßen ist mir auch der "woke"-Ansatz, der im Gegensatz zu CAPTAIN MARVEL wirklich die Glaubwürdigkeit des gesamten Geschehens torpediert. Allen Ernstes: die Eternals sind schwul, non-binär, schwarz, asiatisch und behindert (taub). Das ist Konsens-Casting der übelsten Sorte, weil es z.B. auch bedeutet, dass die Eternals für ihre Teamkollegin Makkari Gebärdensprache benutzen – bei der Verwendung der Geste für "Zeit" (ein Tippen auf das Handgelenk/Armbanduhr)  musste ich schwer lachen, weil die Szene 500 vor Christus spielt. Wenn ein GOTT die perfekten Krieger baut – wird er sich dann ERNSTHAFT Gedanken über ihre sexuelle Präferenz machen oder sie gar mit "eingebauten" Handicaps erschaffen? Kappes. Vor allem, weil es sehr früh signalisiert, wer angesichts dieser Weltsicht der Verräter im Team sein muss.

Aber über all das könnte man rasant hinweg erzählen. Es gibt viele doofe Ideen, die man mit einem guten Drehbuch unter den Teppich kehren kann. Das führt uns zu den zwei Hauptproblemen von ETERNALS.

Zuerst einmal ist der Film zu lang – und zu kurz. Das klingt paradox, ist es aber nicht. Er packt die Handlung einer (mindestens) dreiteiligen Miniserie in einen einzigen Film und überfordert damit die Zuschauer. Die Eternals sind als Helden noch gar nicht etabliert, als sie schon gebrochen und rekonstruiert werden. Charaktere sterben, bevor wir Zeit hatten, sie so weit kennen zu lernen, dass es uns schert. Regeln werden in den Raum geworfen und gleich wieder ad acta gelegt. Wir sind schon im Finale um das Schicksal der Erde, bevor wir genau wissen, was auf dem Spiel steht. In einer perfekten Welt hätte man die Eternals erstmal einen Film lang Helden spielen lassen. Dann hätte man sie einen Film lang hinterfragt. Dann hätte man sie einen Film lang neu aufgebaut. Oder man hätte in einzelnen Episoden erstmal die zentralen Figuren eine Weile begleitet, bevor man sie zusammen bringt – damit wir ein Gefühl für ihre Wünsche und Bedürfnisse bekommen, bevor ihr Weltbild vor die Hunde geht. Aber nein, ETERNALS muss im Grunde ein Dutzend Marvel-Filme bis zu den AVENGERS in einen Film packen. Und das platzt dann trotz fast drei Stunden Laufzeit aus allen Nähten – und befriedigt auch nicht wirklich. Drei Stunden sind lang, fühlen sich hier kurz an, und die vielschichtige Story verlangt ständiges einhalten, diskutieren, aufdecken, Ortswechsel, kämpfen, einhalten, diskutieren. Es kommt kein echter "flow" zustande, zumal permanente Rückblenden zwar helfen, den Anfang knapp zu halten, im weiteren Verlauf aber Sand ins Getriebe streuen.

Und schließlich: ETERNALS dürfte kein MCU-Film sein, sondern müsste in seinem eigenen geschlossenen Universum spielen, in dem es die Avengers, die Guardians und die Inhumans nicht gibt. Weil es einfach an keiner Stelle plausibel ist, dass die Zerstörung der Erde so weit fortschreiten kann, ohne dass wenigstens mal Dr. Strange oder Captain America (welcher auch immer) vorbei schauen. Wie können die Eternals sich in der MCU-Realität aufhalten, diese aber gleichzeitig komplett ausblenden? Eben. Können sie nicht. Man wartet die ganze Zeit darauf, dass ENDLICH mal einer von den Avengers landet und sich kopfkratzend fragt: "Was geht denn HIER ab?". Es ist der Fluch des MCU – irgendwann ist es überfüllter als das Fußballstadion eines WM-Endspiels. Und das lässt sich nicht mehr plausibel auseinander dividieren.

Wenn ich mir BLACK WIDOW und SHANG-CHI und den hier anschaue – das MCU ist in keinem guten Zustand (von den TV-Serien mal absehen). Ohne die ganz große Storyline und die bekannten "heavy hitter"-Helden taumelt das Konstrukt, fehlt ihm der Kontext. Da baut nichts aufeinander auf, da greift nichts ineinander. Es wird Zeit, mit Spider-Man und Dr. Strange Vollgas ins Multiverse zu geben.

Abgesehen davon, dass ETERNALS massiv fehlgeleitet ist, sehe ich das Hauptproblem bei Chloé Zhao, die auch das Drehbuch maßgeblich verfasst hat. Wie Patty Jenkins bei WONDER WOMAN 1984 scheint hier jemand die Zügel in der Hand gehabt zu haben, der sich weder für die Mechanismen von Comics im Allgemeinen noch Superhelden im speziellen interessiert, diese vielleicht sogar ablehnt. Nur so ist es zu erklären, dass der Film keinen Fokus besitzt, keinen klaren Helden. Man will ein Genre bespielen, es aber nicht bedienen. Angesichts von Zhaos Filmographie frage ich mich ernsthaft, wie sie an den Job kam – der Arthouse-Hit NOMADLAND kann sie nicht wirklich für Marvel empfohlen haben?!

Was funktioniert? Manchmal gelingen Regisseurin Zhao wirklich große Bilder, die das Galaktische mit dem Irdischen in Kontrast setzen und tatsächlich ein Gefühl des Monumentalen transportieren. Angelina Jolie ist verlässlich gut und bringt als einzige Darstellerin so etwas wie Starpower ein. Und die fast drei Stunden Laufzeit haben weder mein Hirn noch mein Hintern bemerkt. Aber das kann nicht wirklich ausreichen. Viel Film fürs Geld ist ja schön – gut Film fürs Geld wäre besser.

Fazit: Ein völlig überblasener und überlanger und an sich selbst verschluckter Versuch, den Marvel-Megafilmen noch ein "mega" draufzupacken. Die an sich gute Story verschwindet im erzählerischen Chaos, das sich nicht mal für eine Hauptfigur entscheiden kann.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

P.S.: Zwei Nachspann-Sequenzen, also brav sitzen bleiben!



Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
20 Kommentare
Älteste
Neueste
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Magineer
Magineer
28. Oktober, 2021 17:30

Schade. Hätte gern mal wieder einen "frischen" Marvelfilm gesehen, aber schon befürchtet, dass die Entscheidung für eine potentiell weniger ansprechende Gruppe von Helden in die Hose geht. Vielleicht habe ich aber auch auf den "Guardians"-Effekt gehofft …
An Zhao allein kann es aber auch nicht liegen – immerhin hat sie selbst ja gedrängelt, "any Marvel movie" machen zu dürfen, weil sie ihr Leben lang Mangafan war und in den letzten zehn Jahren auch das komplette MCU in sich aufgesogen hat. Du hast den Film ja schon gesehen, vielleicht lag da auch was an den Autoren? Meinereiner wird dann wohl warten, bis die Mäuse-Plattform das Teil mal streamt.

DJ Doena
DJ Doena
29. Oktober, 2021 08:22

"Wenn ein GOTT die perfekten Krieger baut – wird er sich dann ERNSTHAFT Gedanken über ihre sexuelle Präferenz machen oder sie gar mit "eingebauten" Handicaps erschaffen?"

Jein. Körperliche Einschränkungen machen für einen Krieger gar keinen Sinn. Und ergebn tuts den auch nicht. Sexuelle Präferenzen aber. Da hatten die alten Griechen und ihre Götter ja schon gar keine Hemmungen.

jimmy1138
jimmy1138
30. Oktober, 2021 12:52

Wieviel Sagen hatte Zhao tatsächlich? Das MCU ist doch sozusagen das Baby von Kevin Feige, der dort kreativ das letzte Wort hat. Wo alles nach einer bestimmten Formel läuft und die großen Action-Set-Pieces, die quasi das Markenzeichen des MCU sind, oft von einer eigenen Crew gemacht werden, d.h. dem eigentlichen Regisseur abgenommen werden.
Als sozusagen etablierte Regisseure mit starkem Input bleiben im MCU mMn Gunn, Waititi, Coogler und Sam Raimi, verabschiedet hat man sich in der Zwischenzeit von Leuten wie John Favreau, Joe Johnstone, Kenneth Brannagh, Joss Whedon, Edgar Wright und die Russo Brüder.

Ein anderer Aspekt: Eternals war gefühlt der zweite Film im MCU der als Reaktion auf DC gedreht wurde. Captain Americ: Civil War war die Antwort auf Batman v Superman, Eternals der Marvel-Konter auf "New Gods". Dieses Desaster hat sich DC aber zum Glück erspart…

jimmy1138
jimmy1138
30. Oktober, 2021 17:19
Reply to  Torsten Dewi

Ich glaube es waren die Russo Brüder, die in einem Interview gemeint haben, BvS hätte Civil War beeinflußt. Das DCEU ist mMn auch erst mit BvS so richtig gegen die Wand gefahren – Man of Steel war großteils ein brauchbarer Auftaktfilm, der im letzten Akt auseinandergefallen ist (was mMn aber auch auf einige MCU-Filme zutrifft).
Es wäre wohl auch dumm, nicht auf das zu achten, was die Konkurrenz macht – insbesondere da DC ja in der Vergangenheit durchaus Erfolg hatte. Superman und Batman waren erfolgreiche Franchises als bei Marvel noch David Hasselhoff Nick Fury war.
Und das Konzept von BvS war ja am Papier nicht schlecht und funktioniert so ziemlich ähnlich in Civil War. Man kann Team Batman oder Team Superman bzw Team Captain America oder Team Ironman sein. Der Film trifft keine Entscheidung wer von beiden tatsächlich recht hat.
Ava DuVerney wurde im März 2018 angeheuert, um Kirbys New Gods auf die Leinwand zu bringen, im April 2018 gab dann Marvel bekannt, man werde Kirbys Eternals verfilmen. Der klassische Hollywood-Zufall, daß mehrere sehr ähnliche Projekt gleichzeitig entwickelt werden?

jimmy1138
jimmy1138
31. Oktober, 2021 15:43
Reply to  Torsten Dewi

Ich denke, beide Franchises beeinflussen einander, das DCEU hat sich was vom Bauplan des MCU abgeschaut und wollte offenbar den Erfolg von Avengers mit JL klonen. Wenn man Inflation unter den Tisch fallen läßt, waren die ersten DCEU Filme kommerziell sogar erfolgreicher als die prä-Avengers MCU Filme (mit Inflation ist eventuell das MCU leicht vorne). Avengers hat das MCU auf ein neues Level gehoben. Diesen Schritt hat das DCEU (bisher) verpaßt.
Apropos Ähnlichkeiten (und vielleicht lese ich da tatsächlich zuviel hinein) – ist es auch Zufall, daß der nächste große Schritt beider Franchises ins Multiverse geht?
Wie gesagt: Es kommt ja in Hollywood öfter vor, daß mehrere ähnliche Projekte zur selben Zeit entwickelt werden oder herauskommen: Dantes Peak/Volcano, Deep Impact/ Armageddon, Olympus Has Fallen/White House Down, Antz/ A Bug’s Life, Turner & Hootch/Der Partner mit der kalten Schnauze, Capote/Infamous, Tombstone/Wyatt Earp,… Zufall oder von der Konkurrenz geklaut?

Marcus
Marcus
9. November, 2021 10:09
Reply to  jimmy1138

BvS kann Civil War kaum beeinflusst haben, denn Civil War kam ja einen Monat später raus.

DSFARGEG
DSFARGEG
30. Oktober, 2021 22:03

Ich hab mich schon beim Abspann von Endgame gefragt, ob es das jetzt mit dem MCU gewesen ist. Bis auf die Guardians, Dude-Thor und natürlich Spider-Man sind restlos alle Figuren weg, die beim ganz breiten Maintream-Publikum (das man für diese Halbe-Milliarde-Blockbuster braucht) bankable sind. Ich hoffe jetzt auf Spider-Man 3 – das ist eine derart todsichere Nummer, wenn sie den vergeigen, kann man sich wahrscheinlich alle weiteren MCU-Filme bis Fantastic Four sparen.

Last edited 1 Monat zuvor by DSFARGEG
Marcus
Marcus
9. November, 2021 10:10

Dazu fällt mir ehrlich nix ein außer: der Vogel muss einen komplett anderen Film gesehen haben als ich. Zum Glück für mich.

9/10.

Marcus
Marcus
9. November, 2021 11:48
Reply to  Torsten Dewi

Damit kann ich leben. 😉

Marcus
Marcus
9. November, 2021 12:30
Reply to  Torsten Dewi

Tu es nicht! :p

Matts
Matts
10. November, 2021 14:10

Ich bin von ETERNALS zwar nicht so begeistert wie Marcus – aber auch weniger enttäuscht als der Wortvogel und viele andere Kritiker. Ja, er ist zu lang und es wurde definitiv zu viel reingepackt. Aber gerade in der 2. Hälfte bin ich dann mit einigen der Figuren doch warm geworden. Und während die Deviants zuerst typisch blasse Marvel-Schurken waren, fand ich den eigentlichen Konflikt deutlich interessanter. Und der Film sah an vielen Stellen wirklich gut aus (ich bestreite ja nicht, dass ich eine Grafikhure bin).
Ich stelle fest, dass die oft prophezeite Superhelden-Müdigkeit bei mir noch nicht angekommen ist. Beim Wortvogel scheinbar auch noch nicht – er präsentiert ja fleissig die Neuheiten von Marvel und DC.

P.S: Als Kit Harrington´s Charakter gesagt hat, dass er eine komplizierte Familiengeschichte hat, musste ich lachen : D

Zak
Zak
12. November, 2021 02:50
Reply to  Matts

Jap, bin auch dabei. Nicht sooooo schlecht wie ihn alle machen, aber auch nicht wirklich grossartig. Einfach "nur" gut.

2- sozusagen.