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Okt 2021

Fantasy Filmfest 2021 Tag 6, Film 1: MOSQUITO STATE

Themen: Fantasy Filmf. 21, Film, TV & Presse, Neues |

USA/Polen 2020. Regie: Filip Jan Rymsza. Darsteller: Beau Knapp, Charlotte Vega, Jack Kesy, Olivier Martinez, Audrey Wasilewski

Offizielle Synopsis: Das ständige Surren eines Moskitos. Der Blutsauger brütet im höhlenartigen Penthouse des Datenanalysten Rich. Äußerlich ist der kein Master of the Universe, aber durch einen genialen Algorithmus basierend auf dem Verhalten von Bienen ist er reich geworden. Sagen wir mal so: Die Insekten liegen ihm im Blut. Die Stechmücken nähren sich an Rich, sorgen buchstäblich für bizarre Auswüchse in Gesicht und Körper: ein Spiegel dessen, was kurz darauf 2007 an der Börse passieren wird. Und wir wissen: Es war ein Blutbad.

Kritik: Es steht mal wieder zu unterstellen, dass der Schreiber der obigen Zeilen nur eine vage Ahnung hat, was im Film tatsächlich passiert. Auf mich wirkt das wie "wir haben uns den polnischen Covertext von einem Kumpel übersetzen lassen".

Also von vorne: Richard Boca ist Wunderkind einer Wallstreet-Entwicklerfirma. Schwer autistisch, aber grandios darin, Analyse-Software zur Voraussage der Börsenkurse zu coden. Doch etwas stimmt nicht: Ausfälle und Sekundenbruchteile von gigantischen Kursschwankungen lassen die Programme immer instabiler wirken. Richard kommt zu dem Schluss, dass die Honigbiene als Vorlage für seinen Algorithmus ausgedient hat. Ein Moskito, der sich in sein Apartment eingeschlichen hat, wird die neue Inspiration – und Richard der Gottkaiser seiner Brut. Sind wir nicht alles Blutsauger? Aber da ist noch die Begegnung mit der faszinierenden Lena…

Auf den hier hatte ich gar nicht gesetzt – polnisch-amerikanische Ko-Produktion, versteckt im Mittagsprogramm unter der Woche? Keine wirklichen Stars, keine wirkliche Presse? Was kann das schon groß sein.

Ich sag’s euch: einer der faszinierendsten Filme, die ich in den letzten Jahren auf dem Fantasy Filmfest gesehen habe – ein "slow burner", bei dem der oft inflationär gebraucht Begriff "cronenberg-esk" tatsächlich mal wieder angebracht ist. Im unfassbar mondänen Apartment von Richard Boca treffen sich David Cronenberg, J.G. Ballard und Clive Barker zum Afterwork-Cocktail.

Das ist "new flesh", die Anonymität der Großstadt, der Finanzmarkt als lebendes Wesen, Börsenkurse als Pulsschlag, Macht durch Zahlen – und totale Einsamkeit, das Fehlen jeder Empathie, ein Dschungel ohne Sonne. Für das Manhattan von MOSQUITO STATE gilt wie für das Manhattan von DIE KLAPPERSCHLANGE: einmal drin, kommst du nie wieder raus.

Richards Ab- und Aufstieg zum Moskitopaten (Ähnlichkeiten zur OUTER LIMITS-Episode "Sandkings" drängen sich ebenfalls auf) ist eine radikale Abkehr von seinem bisherigen Leben, das Legen einer neuen Schablone über die Welt, die völlig neue Muster zeigt.

Das ist nicht immer leicht anzuschauen, zumal Richard als Autist keine Figur ist, an die sich leicht andocken lässt. Wer mit Moskitos nicht kann, der sollte einen weiten Bogen um den Film machen. Gorehounds werden ebenfalls nicht bedient. Wer aber zum FFF kommt, um sich herausfordern zu lassen, um neue Wege zu finden, Nerven zu kitzeln, der bekommt mit MOSQUITO STATE die verdiente Gänsehaut.

Fazit: Eine faszinierende Parabel auf den Börsenmarkt als steuerbare Masse von Blutsaugern, verpackt in einen schicken "inner city horror" im Milieu der Superreichen. Nicht Cronenberg, aber verdammt nahe dran. 9 von 10 Punkten.

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Thomas Hortian
23. Oktober, 2021 03:54

Den fand ich auch sehr gut, auch wenn ich ihn eher in eine andere Richtung interpretiere. Denn die "steuerbaren Blutsauger" sehe ich hier nicht, gerade vor dem Hintergrund des sich anbahnenden Börsencrashs, an dessen Vorabend der Film spielt. Für mich erkennt Richard, dass er auch nicht anders als die Moskitos ist, in seinen Lebenszyklus gefangen, dessen Lebensinhalt nur darauf ausgerichtet ist, den Bedürfnissen von Firma und Markt zu dienen. Er hat ja bis zur Begegnung mit Lena scheinbar kein nennenswertes eigenes Leben, was ihm eben auch erst dann, und damit viel zu spät, bewusst wird. Er identifiziert sich daraufhin mit den Insekten, die ihn immer weiter aussagen. Am Ende begibt er sich ja auch zu einem stehenden Gewässer, mutmaßlich, um selbst seine Nachkommenschaft legen zu wollen, denn er hat ja schon kurz darauf erst einmal ausgedient, da das System kurzzeitig zusammenbricht. Aber die neuen Blutsauger stehen schon bereit, und nach dem Crash ist vor dem Crash.

Matts
Matts
30. Oktober, 2021 10:17

Ein wirklich interessanter Film über Besessenheit und Verwandlung. Und obendrein noch toll bebildert.
Als Entomologe musste ich mir den einfach ansehen und war definitiv nicht entäuscht. Die parasitäre Natur der Moskitos bietet natürlich reichlich Symbolkraft für die Finanzwelt. Was ich nicht ganz begriffen habe, war die religiöse Ikonographie in den Kapitel-Tafeln…