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Okt 2021

Fantasy Filmfest 2021 Tag 4, Film 5: MIDNIGHT

Themen: Fantasy Filmf. 21, Film, TV & Presse, Neues |

Südkorea 2021. Regie: Kwon Oh-Seung. Darsteller: Jin Ki-Joo, Wi Ha-Joon, Park Hoon, Gil Hae-Yeon, Kim Hye-Yoon, Na Eun-Saem

Offizielle Synopsis: Der clevere Serienmörder Do-Sik fährt mit seinem schwarzen Van durch die Nächte Seouls und lauert auf Beute. Bevor die Auserwählten seine charmante Fassade durchschauen können, landen sie als Leichen in dunklen Gassen. Eines Nachts stolpert die gehörlose Call-Center-Angestellte Kyung-Mi auf dem Nachhauseweg über Do-Siks letztes, noch lebendes Opfer. Zur falschen Zeit am falschen Ort, gerät Kyung-Mi mitsamt ihrer ebenfalls hörgeschädigten Mutter nun ins Visier des Killers. Ein perfides Katz-und-Maus-Spiel entspinnt sich, in dem Mutter und Tochter sich gegen den unberechenbaren Psychopathen mit allen Mitteln zur Wehr setzen. Wenn der Killer meinte, er könnte die zwei wegen ihres Handycaps so einfach überwältigen, hat er sich definitiv die falschen Frauen ausgesucht!

Kritik: Und schon wieder "Horror Handicap" – nach einer Blinden ist es erneut eine Gehörlose, die sich gegen sinistre Kräfte zu Wehr setzen muss. Und endlich, ENDLICH wird mal nicht die verlogene Mär erzählt, dass der Behinderte in seiner Behinderung die Kraft findet, alle Widerstände zu überwinden. Kyung-Mi und ihre Mutter sind von der ersten Sekunde an im Hintertreffen – und bleiben es bis zur letzten Minute. Ihre Fähigkeit zu überleben entspringt nicht dem kongenialen Umgang mit der Behinderung, sondern dem schieren Willen und der Urangst vor dem Tod.

MIDNIGHT pfeift auf so ziemlich alle Standards dieses Genres: wir wissen von der ersten Minute an, wer der Täter ist – und Kyung-Mi weiß es auch. Der Täter landet schon im ersten Akt im Polizeirevier. Er ist bekannt und protokollarisch erfasst. Mehrfach kommt er in Situationen, in denen seine Verhaftung unausweichlich scheint. Aber Do-Sik ist der perfekte Psychopath, ein Meister der Improvisation und der Mimikry, dessen totale Amoral ein blitzschnelles Umschalten in jeder Situation erlaubt. Weil ihn nichts überrascht, nichts empört, nichts überfordert. Er ist eine perfekt programmierte "killing machine" und damit so unaufhaltsam wie der TERMINATOR. Und trotz mangelnder Empathie kann er sich gut genug in seine Opfer hinein versetzen, um ihre tiefsten Ängste und Schwächen zu missbrauchen.

Man mag am Anfang der Meinung sein, dass MIDNIGHT ein paar Minuten zu lang braucht, um in die Gänge zu kommen. Aber das täuscht: er baut nur sehr sorgsam seine Beziehungen auf, damit wir sie im weiteren Verlauf erkennen und verstehen. Kyung-Mi und ihre Mutter, Jong-Tak und seine Schwester – da geht es auch um Abhängigkeiten und Bedürfnisse, die Do-Sik immer wieder geschickt aufgreift.

Alfred Hitchcock definierte Suspense einst als das Herrschaftswissen des Publikums – wir wissen mehr als die handelnden Personen und möchte ihnen zurufen, dass eine Bombe unter dem Tisch liegt oder ein Mörder hinter der Tür lauert. MIDNIGHT greift dieses Prinzip auf und dreht es auf 11: ständig begegnen Personen dem freundlichen und besorgten Do-Sik mit Verständnis und Hilfsbereitschaft – und drohen Kyung-Mi und ihre Mutter damit im wahrsten Sinne des Wortes ans Messer zu liefern. Wir können nur hilflos zusehen.

Und so jagt uns MIDNIGHT 103 Minuten lang durch ein nächtliches Seoul – und die Hölle. Im Minutentakt ergeben sich neue Konstellation, ein Durchatmen folgt einem Schreckensschrei, Pulsrasen und Herzaussetzer inklusive. Ich kann mich an keinen Film erinnern, der derart perfekt an der Spannungsschraube dreht und derart viele Höhepunkte hektisch aneinander reiht, ohne sich zu verstolpern. Und bis zur letzten Minute müssen wir ein Ende fürchten, das wir nicht ertragen könnten…

Ich möchte nicht wissen, wie hinterher die Armlehnen der Kinosessel ausgesehen haben.

Scheiß auf die ganzen "Suspense"-Thriller, in denen Leute mit angehaltenem Atem durch dunkle Häuser schleichen. DAS hier ist der "real deal".

Fazit: Ein unfassbar nagelbeißender Thriller mit mehr Wendungen als ein Blätterteig, der alles richtig macht, was andere Filme falsch machen und bei dem der Begriff "hitchcock-esk" endlich mal wieder passt wie die Faust in die Magengrube. 9 von 10 Punkten.

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