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Okt 2021

Fantasy Filmfest 2021 BONUSFILM: BLOODY ORANGES

Themen: Fantasy Filmf. 21, Film, TV & Presse, Neues |

Frankreich 2021. Regie: Jean-Christophe Meurisse. Darsteller: Fred Blin, Alexandre Steiger, Lorella Cravotta, Lilith Grasmug, Olivier Saladin

Story: Verschiedene Personen im aktuellen Frankreich: da ist Louise, die sich auf ihren ersten Geschlechtsverkehr vorbereitet; Stephane, der skrupellose Finanzminister; Laurence und Olivier, das ältere Ehepaar, das seine Schulden bei einem Tanzwettbewerb lindern will; Alexandre, der Anwalt, dessen Idealismus in Zynismus abdriftet. Sie haben nur wenig miteinander zu tun, dennoch kreuzen sich ihren Geschichten in einem Netz aus Abhängigkeiten und Dekadenz in einer sterbenden Zivilgesellschaft.

Kritik: Ja, ich weiß, es wird langsam albern – aber als ich erfuhr, dass München noch einen Film zeigt, der in Berlin nicht verfügbar war, bin ich gestern im strömenden Regen raus, um BLOODY ORANGES auch noch einzufangen (was der Titel bedeutet, erschließt sich mir übrigens wieder mal nicht – weder sprich- noch wortwörtlich gibt es einen Bezug).

Zuerst einmal war Geduld angesagt: versehentlich wurde der vorherige Film ein zweites Mal gestartet, es gab einen Abbruch, Pause, und dann mehrere Versuche (inklusive Tonausfall), BLOODY ORANGES überhaupt in die Gänge zu bekommen. Eine nervige halbe Stunde, die erneut kein gutes Licht auf die Wahl des RIO als Spielort wirft  (Sitz- und Blickposition können mit der Kulturbrauerei auch nicht mithalten).

Danach denkt man die erste halbe Stunde, die Veranstalter hätten wieder was geraucht, als sie den Film ausgewählt und hier als "Highlight" angekündigt haben. Ein paar unsägliche Dummschwätzer, die sich in wirren Dialogen über Behinderte bei Tanzwettbewerben, das "erste Mal" und einen Medien-Blackout bei politischer Korruption unterhalten. Keine wirkliche Handlung, keine wirklichen Beziehungen.

Dann aber kommt BLOODY ORANGES in Schwung, er verknüpft die Figuren, bringt sie in Konflikt – und schlägt in skrupellose, zynische Gewalt um, die man 2021 zwar nicht mehr tabubrechend nennen kann, die zartere Gemüter aber ziemlich nervös machen dürfte. Der Sinn der Sache? Zeigen, dass Frankreich ein im Wohlstand verrottendes, von zynischen und amoralischen Karrieristen regiertes Land auf dem absteigenden Ast ist, in dem kranke Geister fast immer mit allem durchkommen. Aber eben nur fast…

Das Zitat von Antonio Gramsci wird nicht ohne Grund eingeblendet:

„Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.“

Mehr noch: dieses Zitat könnte die komplette Ausgangsidee des Films gewesen sein. Denn abgesehen von "Dreckschweine durchseuchen die Gesellschaft und müssen mal gehörig drangenommen werden" bietet BLOODY ORANGES bei aller zur Schau getragenen "Sozialkritik" wenig.

Zu dem belgisch-französischen IN THE NAME OF THE SON schrieb ich 2013:

… es ist auch ein furchtbar einseitiger, von Zynismus und Arroganz getragener Film, der an keiner Stelle versucht, dem Feindbild (…) auch nur einen Anflug von Menschlichkeit zu lassen. In der Welt von "In the name of the son" kann es im Talar keine Güte geben, nur Perversion und Selbsthass. Das ist letztlich doch ein wenig dünn und bekommt zwar viel billigen Applaus, aber keinen Diskurs in die Gänge.

So kann man durchaus auch das Defizit von BLOODY ORANGES beschreiben. Natürlich generiert man Entertainment, wenn man Arschlöcher zeigt, die allen unseren Vorurteilen entsprechen und am Ende ordentlich was auf die Schnauze bekommen, aber sonderlich entlarvend oder erhellend ist das eben nicht.

Dass der Film dennoch Spaß macht, ist unbestreitbar, denn er kitzelt unsere niedersten Triebe und als nach 102 Minuten der Nachspann kam, war ich rechtschaffen baff: ich hätte nicht mal die Hälfte geschätzt. Und DAS ist eine Erkenntnis, die man beim FFF zu selten hat.

Fazit: Eine Satire auf das dekadente, von Egoismus zerfressene Frankreich, in dem die Zivilgesellschaft vor die Hunde geht. Kann prima unterhalten und schockieren, sucht sich manchmal aber zu leichte Ziele. 8 von 10 Punkten.

Trailer leider nur auf französisch:

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Thomas
Thomas
2. November, 2021 11:59

Herausragend, in vielerlei Hinsicht der Film.
Danke für die Rezension. Mir fehlt nur noch die Vokabel "anstrengend" – quasi auch noch als Warnung. Aber ein Film darf auch mal nervig und unbequem sein.

Thomas
Thomas
2. November, 2021 13:56
Reply to  Torsten Dewi

Ja so geht’s… eine Freundin wollte schon nach rund der Hälfte rausgehen (vor der Einblendung des Zitats).

Heino
Heino
2. November, 2021 12:49

Ich mag mich täuschen, aber war "In the name of the son" nicht ein belgischer Film?

Matts
Matts
2. November, 2021 13:00

Der hier war echt eine interessante Erfahrung. Ich haben selten einen solchen Film gesehen, der dich erst zum Lachen bringt, um dir dann mit Anlauf in die Eier zu treten.
Ich habe auch das Gefühl, er fordert den Zuschauer heraus, ein bisschen über seine Sehgewohnheiten nachzudenken. Zum Beispiel (ohne zu viel zu spoilern) gibt es zwei Vergewaltigungsszenen im Film – und beide kommen SEHR unterschiedlich rüber.

Franz
Franz
2. November, 2021 18:52

"dieses Zitat könnte die komplette Ausgangsidee des Films gewesen."

ich kaufe ein "sein"