13
Jul 2021

Wahlplakate – Qualplakate?

Themen: Neues |

Die Grünen haben heute Ihre Wahlplakate für den Herbst vorgestellt und werden erwartungsgemäß dafür erstmal kritisiert. Tatsächlich sind doofe Wahlplakate etwas, das mich ähnlich aufregt wie doofe Werbeplakate. Genau genommen SIND Wahlplakate ja auch Werbeplakate. Mit einem Unterschied: für Werbeplakate wird ein Haufen Geld ausgegeben, die Fotos machen Fotografen, das Layout machen Layouter, und die Werbesprüche kommen von Werbern. Bei den Parteien scheint oft genug noch die Meinung vorzuherrschen, man könne für die Kampagnen vom Praktikant irgendwas aus dem Handy-Speicher mit ein paar billigen Buzzwords kombinieren lassen. Konzept, Argument, Haltung? Fehlanzeige.

Es würde manchmal helfen, wenn die Kandidaten wenigstens nicht so aussähen, als wären sie mit vorgehaltener Pistole fotografiert worden:

Oder gerade aus der Geschlossenen entlassen:

Selfie in der Club-Toilette, nachdem man gerade eine Line gezogen und "ich bin so unfassbar geil!" in den Spiegel geflüstert hat? Ich rate ab.

Bild total unscharf? Kein Problem – ist der Kandidat ja auch. Der Biedermann für die Brandstifter:

Ganz selten sehe ich mal ein Plakat, bei dem ich denke "okay, das ist zumindest optisch in Ordnung" – und sei es nur, weil irgendjemand im Wahlkampfteam Instagram-Filter ein- und ausschalten kann:

Ein Fotograf hat mir mal erklärt, dass die Kandidaten immer behaupten, sie hätten keine Budgets für brauchbare Motive. Es habe der Bügermeisterkandidat einer mittelgroßen norddeutschen Stadt bei ihm angefragt, ob er eines der schönen Porträts verwenden könne, die der Fotograf für einen anderen Auftrag in der Woche davor geschossen hatte. Dem Fotograf war’s wurscht, darum setzte er lachhaft niedrige 250 Euro dafür an. Der Kandidat lehnte bedauernd ab – soviel Geld dürfe so etwas leider nicht kosten.

Aber das ist ja nur die Optik – was ist mit den Inhalten, höre ich euch rufen. Da ist mir schon vor 30 Jahren was aufgefallen, was sich bis heute als Faustregel bewährt hat. Aufpassen und mitschreiben, das hier ist "news to use":

Ein Wahlkampfspruch entspricht nur dann einer tatsächlichen politischen Position, wenn das Gegenteil es auch tut.

Klingt nicht augenblicklich verständlich, darum erkläre ich es gerne. Der Großteil der Wahlkampfsprüche auf Plakaten besteht aus Phrasen: "Für mehr Sicherheit", "Familien schützen!", "Bildung und Forschung fördern". Tatsächlich sagen diese hohlen Sprüche nichts über den Kandidaten oder seine Partei, denn sie lassen sich nicht plausibel umkehren. Keine Partei würde werben mit "Für weniger Sicherheit", "Familien im Regen stehen lassen", "Bildung und Forschung vernachlässigen". Somit ist es keine politische Position, sondern ein wertloser Allgemeinplatz, eine Selbstverständlichkeit.

Die Parteien geben sich in dieser Sache alle nix, da ist keine besser als die andere. Der König der Plakatphrase war über 20 Jahre Helmut Kohl:

Man stelle sich den SPD-Gegenkandidaten vor, der tapfer verkündet: "Wir sind ganz klar gegen Freiheit, halten Wohlstand für eine kapitalistische Verschwörung und Sicherheit für Tierquälerei – außerdem will ich Kanzler für Legoland werden!"

Aber das ist lange her. Mich erschreckt, dass es keinerlei Erkenntnisgewinn in den Parteizentralen gibt, keine Besserung. Nehmen wir z.B. dieses Motiv, das aktuell überall in München hängt:

Würde die AfD, würden die Linken oder sogar die Rosa Liste mit "Der Schulweg muss wieder in die Vergangenheit führen – oder wenigstens in eine Sackgasse!" argumentieren? Natürlich nicht. Der Spruch der FDP-Dame ist komplett hohl, zumal nicht einmal klar ist, was dieses Wischiwaschi eigentlich heißen soll, bzw. welche konkreten politischen Ideen und Ansprüche dahinter stecken.

Hat man das erst mal verinnerlicht, dann wird es sehr schnell zum Automatismus, jeden Plakatspruch im Kopf erstmal umzukehren, um ihn als Position oder als Plattitüde einordnen zu können.

Ich selber bevorzuge klare Aussagen, die klare Entscheidungen ermöglichen:



Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
25 Kommentare
Älteste
Neueste
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
AlphaOrange
AlphaOrange
13. Juli, 2021 11:21

Auch wenn ich dir gerade bei den Phrasen Recht gebe, das ist mir ein bisschen zu undifferenziert.

Natürlich sind Wahlplakate Werbung und klar steckt da ein Haufen Geld, Fotografen, Layouter und Werber hinter und nicht der Parteipraktikant. Die Unterstellung, dass das anders sei, finde ich ziemlich aus der Luft gegriffen. Jede der großen Parteien hat (mindestens eine) Agentur zur Seite, die das betreut und im Großen und Ganzen sieht man das auch.

Wie kommt es dann zu den schlimmen Beispielen? Gerade das Fotothema kaskadiert halt sehr schlecht runter. Du kannst nicht alle Kreiskandidaten zum Shooting nach Berlin karren, das muss lokal organisiert werden, Parteien sind stark selbstorganisierende Strukturen.
Zwei Piraten mit furchtbaren Fotos, einmal AfD katastrophal freigestellt – das sind lokal Kleinstorganisationen ohne Budget und vor allem ohne Erfolgsaussichten (die anderen Plakate finde ich jetzt nicht so schlimm). Dort hast du Recht: da ist auch mal der Praktikant am Werke sofern es überhaupt einen gibt. Aber das liegt eher nicht daran, dass die Parteien lernresistent sind. Das Layout sitzt ja überall (bis auf das zweite Piratenplakat), denn das kommt professionell von oben.

Bei den Wahlsprüchen geb ich dir in einer Richtung völlig Recht. Das sind alles völlig austauschbare Aussagen. Aber ich glaube, sie funktionieren so am Besten (gerade da Plakat vor allem ein Straßenverkehrsmedium ist, dass sehr flüchtig wahrgenommen wird). Es geht weniger darum, Aussagen zu treffen als Themen zu setzen. "Schule". "Bildung". "Sicherheit". "Gesundheit". "Klima". Und so weiter. Einzubrennen, was wichtige Themen der Partei sind.

Ich würde aber tatsächlich abfeiern, wenn mal eine Partei konsequent Fußzeilen unter die Plakate setzen würde – zum Beispiel mit Auszügen aus dem Wahlprogramm – in denen jeder Spruch auch mit konkreten Aussagen untermauert wird. Damit jeder, der wirklich das Interesse hat, auch die Möglichkeit hat, informiert zu werden. Zumindest als Fußgänger.

AlphaOrange
AlphaOrange
14. Juli, 2021 15:51
Reply to  Torsten Dewi

In diesem Fall .. irgendwie .. ja. Ich mag deine Schreibe ja sonst sehr, aber die Satire sehe ich da auch beim dritten Lesen leider nicht. Zumal noch mit der Fotografen-Anekdote belegt.
Nun gut, ist ja jetzt klar, wie’s gemeint war.

Was die konkreten Zahlen angeht, muss man glaube ich oft viel weiter vorne ansetzen, beim Wahlprogramm. Was da nicht drin ist, kann auch schwer aufs Plakat. Und die so verkürzten Aussagen sind eh gefährlich, da meistens mit nem Dutzend "wenn", "aber" und "falls" verbunden und du machst dich direkt angreifbar. Das will ja, wie man im aktuellen Wahlkampf sieht, jeder tunlichst vermeiden.
Die Wahlsprüche sind daher in meinen Augen vielmehr das Symptom von Parteienpolitik, die sich grundsätzlich auf nichts festlegen will, sich nicht messbar und nicht angreifbar machen will. Totale Defensive. Und leider funktioniert das recht gut.

Martzell
13. Juli, 2021 11:23

Gysi warb mit "Reichtum für Alle!" und "COOL!" und "GEIL!". Die besten Wahlplakate macht Die PARTEI, weil die einzig relevante Einteilung der Postmoderne lautet: Witzig oder nicht witzig.

bartdude
bartdude
13. Juli, 2021 11:49
Reply to  Torsten Dewi

Interessanterweise ist das ein Claim, den ich mir auf einem Wahlplaket der heutigen Linken unter der Führung von Frau Wissler durchaus vorstellen kann (es gab da letztes Jahr bei denen ja auch schon mal so ’nen Ausrutscher auf dieser berühmt gewordenen "Strategiekonferenz"). Man kann da auch die offizielle Position der Linksfraktion (https://www.linksfraktion.de/themen/a-z/detailansicht/reichtum/) ohne weiteres in diese Richtung verstehen.

Last edited 9 Tage zuvor by bartdude
S-Man
S-Man
13. Juli, 2021 11:54
Reply to  Torsten Dewi

<kann man Posts nicht mehr löschen?>

Last edited 9 Tage zuvor by S-Man
S-Man
S-Man
13. Juli, 2021 12:16
Reply to  Torsten Dewi

Wo wir gerade dabei sind: Geht das nur mir so oder ist das auch ein Bug? Neuerdings lande ich bei Aufruf deiner Seite immer ganz unten (komplett runter gescrollt), also bei einem alten Post anstatt beim aktuellsten.

Moepinat0r
Moepinat0r
13. Juli, 2021 22:38
Reply to  Torsten Dewi

Kann ich auch nicht bestätigen. Alles funzt wie immer, sowohl auf meinem iPhone, als auch am pc mit Firefox.

S-Man
S-Man
13. Juli, 2021 11:52

Danke für diese Erkenntnis der Umkehrung! Großartige Idee.

Moepinat0r
Moepinat0r
13. Juli, 2021 22:35

Jawohl, Rico for Kanzler! Nieder mit den Käfern und Bürgerschaft nur gegen verdienst fürs Vaterland!
Du sprichst da aber ein interessantes Thema an. Gibt es etwa ein Gesetz oder anderen Grund, dass die Plakate immer gleich aussehen? Kann doch nicht so schwer sein, ein informatives und trotzdem ansprechendes Plakat zu gestalten, auch wenn die Kohle knapp ist. 🤔

Dazydee
Dazydee
14. Juli, 2021 00:28

Super sind auch die beiden Herren die zum BÜRGERINNENDIALOG laden.

Ist das nun ein Binnen-I unter Großbuchstaben oder sind wirklich nur Frauen angesprochen?

Martzell
14. Juli, 2021 12:43

Wenigstens höre ich Politiker weniger von Gerechtigkeit faseln. Die hohlste Phrase von allen. Sich als Politiker klar zu positionieren ist gefährlich für die Karriere. Die müssen wie Teflon sein. Alle Aussagen müssen vage genug bleiben dass man ihnen keinen Strick daraus drehen kann. Man darf auch nicht den Fehler machen sich auf “Gespräche“ mit denen einzulassen. Die sind rhetorisch dermaßen überlegen, alles was sie sagen ist einer Agenda geschuldet und losgelöst vom aktuellen Gesprächspunkt. Fridays for Future und Rezo haben es glücklicherweise geschafft sich nicht in Einladungen zu öffentlichen Diskussionen seitens der Parteien oder von Konzernen vorführen zu lassen. Die junge Generation scheint äußerst medienkompetent zu sein. Sehr gut.

Jake
Jake
14. Juli, 2021 15:30
Reply to  Martzell

Die junge Generation scheint äußerst medienkompetent zu sein.

Meiner Meinung nach eine sehr gewagte These. Ich würde behaupten, dass auf die Mehrheit der jungen Menschen leider das genaue Gegenteil zutrifft.

AlphaOrange
AlphaOrange
14. Juli, 2021 16:05
Reply to  Martzell

Komplexes Thema. Sehe die Kompetenz da auf beiden Seiten. Beide scheuen es, sich auf dem Territorium des jeweils anderen vorführen zu lassen, weil sie ziemlich genau wissen, was sie erwartet.

Öffentliche Diskussionen, konservatives Publikum, Altherrenrunden – ja, da wirst du als jugendlicher Aktivist nonchalant in die Irrelevanz belächelt und alle gehen mit, weil weder Teilnehmer noch Moderation bereit sind, in den Konflikt zu gehen und das Publikum lässt sich einlullen.

Aber genauso scheut doch jeder etablierte Politiker das Auswärtsspiel. Wer schaut denn mal auf YouTube vorbei und lässt sich da grillen? Da kommst du auch als Teflon-Kandidat nicht weit. Das macht keiner mit, wenn er nicht vorher genau die Regeln bestimmen darf.

Resultat ist leider ein ziemlicher Mangel an Diskussion zwischen zwei ziemlich wichtigen Gesellschaftsgruppen.

Leichenmaus
Leichenmaus
15. Juli, 2021 07:55

Ich finde die Aussage, wenn etwas aus deiner Sicht nicht gelungen ist, der "Praktikant" habe es gemacht, tausendmal abgedroschener als jede der von dir angeprangerten Phrasen.

Und "der Schulweg muss in die Zukunft führen" heißt für mich:

  • mehr Wertschätzung für Bildung
  • und Digitalierung des Lernens

Inhalte, für die ich gerne mein Kreuz mache.

Und doch, die anderen (Regierungs-)Parteien stehen geradezu exemplarisch für eine Bildungspolitik, die eben nicht in die Zukunft führt.

Andy Simon
Andy Simon
15. Juli, 2021 10:26

Der logische Gipfel der vollkommen abgeschliffenen Wahlplakataussage war dann 1994 diese hier.

Last edited 7 Tage zuvor by Andy Simon
Andy Simon
Andy Simon
15. Juli, 2021 10:29
Reply to  Andy Simon

(Grafik war nach Fehlerkorrektur weg, desw. hier wiederholt)