20
Jun 2021

Fantasy Filmfest Nights XL 2021 (10): VIOLATION

Themen: FF Nights XL 2021, Film, TV & Presse, Neues |

Kanada 2020. Regie: Dusty Mancinelli, Madeleine Sims-Fewer. Darsteller: Madeleine Sims-Fewer, Anna Maguire, Jesse LaVercombe, Obi Abili

Offizielle Synopsis: Miriam fährt mit ihrem Mann übers Wochenende aufs Land zu ihrer Schwester. Das Verhältnis der beiden Frauen ist angespannt. Auch aus Miriams Ehe ist völlig die Luft raus, das Paar wechselt kaum ein Wort. Einzig von ihrem Schwager Dylan fühlt sie sich angenommen. Als ein feuchtfröhlicher Abend am Lagerfeuer mit ihm unerwartet aus dem Ruder läuft, bricht sich in der verletzten Miriam anschließend eine Wut Bahn, für die es kein Zurück mehr gibt.

Kritik: Ich habe knapp 20 Minuten, diesen Film zu besprechen, bevor ich wieder los muss. Das ist eine Herausforderung. Veranstalter Rainer Stefan kündigte VIOLATION als den härtesten Film des Festivals an und dem, an dem sich die Meinungen spalten würden – weshalb er hierher gehöre. Die Schlussfolgerung teile ich nicht. Was spricht gegen einen Film, der so toll ist, dass er allen gefällt?! Dass VIOLATION aber das Publikum spaltet, lässt sich kaum leugnen.

Kern von VIOLATION ist ein Geschlechtsverkehr von Dylan und Miriam, den wir nur sehr vage erleben und dessen Ablauf beiden Protagonisten gänzlich unterschiedlich im Gedächtnis geblieben ist: Alpha-Männchen Dylan hat mit seiner Schwägerin eine lang gehegte sexuelle Eroberungsphantasie ausgelebt, Miriam sieht sich vergewaltigt. Es kommt letztlich nur darauf an, ob sie "Don’t. Stop." geflüstert hat oder "Don’t stop". Der Punkt macht den Unterschied…

Doch statt sich in drögen Diskussionen über "consent" oder "rape culture" zu ergehen, dreht VIOLATION massiv auf. Miriam wird zunehmend psychisch instabiler (oder war sie es schon immer?) und die Tatsache, dass Dylan ihre Sicht der Ereignisse nicht vollumfänglich akzeptieren will (er müht sich einen "beiderseitigen Fehler" ab), lässt bei ihr alle Sicherungen durchknallen. Und damit meine ich tatsächlich alle….

Das erste Drittel hatte ich befürchtet, VIOLATION würde für die gerechte Rache der missbrauchten Frau in verdientem Blut baden, würde trotz aller Exzesse auf Miriams Seite stehen, wie es so viele "rape and revenge"-Streifen tun. Einmal als Opfer identifiziert, ist die Frau frei von jeder moralischen Verantwortung und bei jeder Grausamkeit dem Mann gegenüber automatisch im Recht. Sämtliche Mechanismen von Moral und Rechtsstaat sind augenblicklich außer Kraft gesetzt. Das wurde in einer Episode von ALFRED HITCHCOCK mal schön aufgearbeitet:

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Und so ganz bin ich immer noch nicht sicher, ob VIOLATION diese Idee nicht einfach nur auf die Spitze treibt, ob die Macher nicht letztlich für gerecht(fertigt) halten, was Miriam mit Dylan macht. Es mag durchaus sein, dass hier eine Spaltung durch die Wahrnehmung der Geschlechter verläuft und Männer sich so automatisch mit Dylan solidarisieren, wie Frauen es mit Miriam tun – beide Seiten ohne Kenntnis davon, was tatsächlich passiert ist. Während es mir offensichtlich erscheint, dass Miriam "fucked up" ist und von Dylan eine Ent-Schuldigung ihrer eigenen Fehltritte verlangt, um sich bequem weiter als Opfer zu sehen, könnten Frauen das komplett anders sehen. Für sie ist Dylan vielleicht das Teflon-Alpha-Männchen, unfähig zu echter Empathie und das monströse Vergehen als "Versehen" abtuend.

Nein. Nein, tut mir leid. Ist nicht drin. Miriam ist (man verzeihe den alten wie rüden Ausdruck) "verrückt wie eine Scheißhausratte" und ihr Verhalten gegenüber Dylan sprengt jeden Maßstab einer verständlichen oder auch verstehbaren Wut-Reaktion. Ich hatte eher das Gefühl, dass die Macher zeitweise austesten wollten, wie lange die Sympathie für Miriam hält, wenn sie immer mehr abdriftet. An welchem Punkt muss auch die empathischste Zuschauerin die Arme hochwerfen und murmeln "now you’re on your own, bitch"?

Also ja – VIOLATION spaltet das Publikum und gibt viel zu denken und zu besprechen. In seiner Kompromisslosigkeit ist er zudem ein perfekter FFF-Film – die Sorte, die ich hier zu lange vermisst habe. Keine dreckige Gewaltphantasie wie MORITURIS, sondern ein schmerzhafter Schlag in die Magengrube. Und obwohl ich den Film nicht mögen wollte, hat er mich gepackt und durchgeschleift.

Ein Punkt mehr wäre locker drin gewesen, wenn die Macher nicht entschlossen gewesen wären, wirklich alle Checkboxen des prätentiösen Anspruchsfilms anzukreuzen, nach dem man nur "gutes Kino" machen kann, wenn folgende Elemente ausgiebig berücksichtigt werden: Zeitlupe, Film rückwärts, klassische Musik, Choräle, Unschärfen, Brüche, schrille Sounds, extreme Nahaufnahmen. Es nimmt VIOLATION mehr, als ihm eine naturalistischere Inszenierung gegeben hätte.

Ach so: abgesehen von der thematischen Fallhöhe sei bei VIOLATION vor männlicher Masturbation und einer Sorte von Extrem-Splatter gewarnt, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Es scheint angeraten, sich mal nach dem Verbleib des Darstellers Jesse LaVercombe zu erkundigen…

Bisher der FFF’ste der FFF-Filme.

Fazit: Ein komplexer Film über ein komplexes Thema, der sich einfachen Antworten verweigert, harte Kost bietet und das Publikum zu Diskussionen förmlich zwingt. Die Erkenntnis für einfachere Gemüter wie mich: never stick your dick in crazy. 8 von 10 Punkten – mehr wären möglich gewesen, wenn sich die Macher nicht ganz so sehr in ihre Editing-Software verliebt hätten.

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