19
Jun 2021

Fantasy Filmfest Nights XL 2021 (6): KANDISHA

Themen: FF Nights XL 2021, Film, TV & Presse, Neues |

Frankreich 2020. Regie: Alexandre Bustillo, Julien Maury. Darsteller: Suzy Bemba, Mathilde Lamusse, Samarcande Saadi, Sandor Funtek u.a.

Offizielle Synopsis: Drei Teenage-Freundinnen vertreiben sich den Sommer in den Pariser Banlieues mit Sprayen, Dance Battles und Joints. Die drei abgebrühten Mädels sind nicht auf den Mund gefallen und würden füreinander alles tun. Bei einem ihrer Streifzüge durch die Nacht entdeckt Amélie unter einer abblätternden Tapete das Wort „Kandisha“. Morjana kennt die marokkanische Spukgeschichte über den Geist einer schönen Frau, der als rachelüsterner Dämon über Männer richtet. Natürlich machen sich die Freundinnen über die verstaubte Legende lustig. Doch als Amélie später in der Nacht von ihrem Ex verprügelt und beinahe vergewaltigt wird, ruft sie in ihrer Wut nach Kandisha. Und der Dämon erscheint.

Kritik: Dass es im Genrekino Zyklen gibt, ist keine neue Erkenntnis. Im größeren Kontext scheinen sich mehrjährige Wellen von Science Fiction, Fantasy und Horror abzuwechseln. Innerhalb dieser Wellen gibt es Präferenzen bestimmter Subgenres. Waren in den 90ern Vampire massiv en vogue, haben in den letzten Jahren die Zombies Oberhand gewonnen. Selbst auf dem FFF kann man von Jahr zu Jahr Trends wahrnehmen – eine Weile lang stank es an allen Ecken und Enden nach „Coming of Age“-Dramen, deren Genre-Elemente bestenfalls Dekoration waren. 2020 und 2021 hingegen ist eine bisher ungekannte Dominanz des Spukfilms zu spüren, vielleicht auch ausgelöst durch den Erfolg der CONJURING-Reihe und den unsäglichen PARANORMAL ACTIVITY-Streifen und ihrer Ableger. Vielleicht auch nicht. Es ist keine exakte Wissenschaft.

KANDISHA erfindet in diesem Rahmen das Genre des Spukfilms wahrlich nicht neu. Wie auch schon THE POSSESSION und UNDER THE SHADOW versetzt er die bekannten Tropen lediglich in ein neues, frisches Umfeld und gibt ihnen ein entsprechend wenig verbrauchtes Personal mit auf den Weg. So spielt der erste französische Beitrag des diesjährigen Festivals in den herunter gekommenen Plattenbauten der Pariser Banlieus und damit in einem Mikrokosmos aus sozialer Verwahrlosung, Perspektivlosigkeit und Überlebenswillen. Die Freundinnen Amélie, Bintou und Morjana sind letztlich den Hexen aus THE CRAFT analog, denn ihre Bande sind von ihrer Außenseiterposition definiert – als junge Frauen können sie in diesem gewalttätigen Umfeld nur gemeinsam bestehen.

Darum ist es natürlich eine bittere Ironie, dass sie es sind, die mit der Dämonin Kandisha eine Quelle ultrabrutaler Gewalt herauf beschwören, deren Vernichtung weitere Opfer kosten wird.

Wie gesagt: frisch ist der Plot nicht, und die Autoren/Regisseure Bustillo/Maury halten sich sehr streng an die Vorgaben und Abläufe des Genres. Wer sich auskennt, kann alle drei Akte relativ präzise vorhersagen. Aber es ist in diesem Fall wirklich den authentischen Figuren und realen Schauplätzen geschuldet, dass man aus diesen neuen Schläuchen auch den alten Wein gerne trinkt.

Fazit: Ein straffer, spannender Spukfilm, der seine Einzigartigkeit mehr aus dem Setting und den Charakteren zieht als aus der sattsam bekannten Story. Aber es funktioniert Eine deutliche Steigerung zum intensiven, aber unentschlossenen AMONG THE LIVING vom gleichen Team. 8 von 10 Punkten.

Kein Trailer.



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