20
Jun 2021

Fantasy Filmfest Nights XL 2021 (15): FLASHBACK

Themen: FF Nights XL 2021, Film, TV & Presse, Neues |

Kanada 2020. Regie: Christopher MacBride. Darsteller: Dylan O’Brien, Maika Monroe, Amanda Brugel, Keir Gilchrist, Emory Cohen

Offizielle Synopsis: Freds Leben steht vor einer Wende: Gerade ist er ins Berufsleben eingestiegen und die Beziehung mit seiner Freundin wird ernst, gleichzeitig liegt seine Mutter im Sterben. Als er auf der Straße in einem Obdachlosen ein bekanntes Gesicht zu erkennen glaubt, lässt ihn der Gedanke nicht mehr los, dass er existenzielle Details aus seiner Vergangenheit verdrängt hat. Was passierte mit seiner Highschool-Flamme Cindy, die am letzten Schultag verschwand? Nahm seine Clique derzeit nicht eine Droge, die sie in grenzwertige Dimensionen beamte? Zunehmend von bizarren Visionen geplagt, macht Fred ein paar alte Jugendfreunde ausfindig, deren Erinnerungen an die Zeit ebenfalls wie ausgelöscht sind. Doch Fred gibt nicht auf. Immer stärker wird der Drang, tiefer in sein Unterbewusstsein abzutauchen.

Kritik: Wie es sich gehört, geht Karma auf der Zielgeraden des Festivals noch einmal RICHTIG in die Linkskurve. Und Karma ist ein gutes Stichwort, wenn man FLASHBACK besprechen will, der laut Nachspann wohl ursprünglich den Titel THE EDUCATION OF FREDRICK FITZELL trug.

Oberflächlich gesehen geht es um… nein, Moment. Es gibt hier kein „oberflächlich“, die Phrase ist der falsche Einstieg. FLASHBACK beginnt, das trifft es besser, verführerisch konventionell, wie viele kanadische Filme auf dem Festival. Ein paar attraktive Darsteller, eine gesichtslose Großstadt, ein junger Karrierist erinnert sich an ein Mädchen aus der Schule, das irgendwie aus seiner Erinnerung gefallen war. Eher beiläufig fängt Freddie an, nach Cindy zu suchen. Was wurde eigentlich aus ihr, der sinnlichen Rebellin, die ihn einst in fragwürdige Kreise lockte?

Mit den Recherchen beginnt für Freddie ein Abstieg in die Hölle… nein, das ist auch falsch, auch nur Phrase. Es beginnt ein Ausstieg. Genau, ein Ausstieg. Innerlich zuerst, aus der Beziehung, dem Job, schließlich ganz konkret – aus Zeit und Raum, aus unserem Konzept von linearer Existenz. Alles ist jetzt, die Silhouetten hunderter Großstädte im Morgenlicht. Befreien uns Drogen von der Knechtschaft der Aliens, die uns in ein Gefängnis aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kerkern? Oder sind Drogen das Gefängnis, der Abschied von der Kontrolle über eigene Entscheidungen?

Ihr merkt schon: heavy stuff. Und in der Tat ist FLASHBACK ein desorientierender, komplexer, vielen Interpretationen offener Film, der sich als einfache Drogen-Flashback-Story ebenso lesen lässt wie als Meditation über das Leben als Folge komplexer Entscheidungen an neuralgischen Punkten. Vor allem aber müssen wir aufräumen, denn die getroffenen Entscheidungen zählen und das Leben darf nicht von den „paths not taken“ bestimmt werden. Am Ende müssen wir am Anfang beginnen.

Kein halluzinatorischer Höllenritt wie BLISS, sondern bewusst zugänglich erzählt und über den konventionellen Einstieg sanft ins Chaos überleitend, ist FLASHBACK neben VIOLATION sicher der Film des Festivals, der am meisten packt und am meisten Diskussionsstoff bietet.

Ich bin sicher, dass nicht jeder an diese wilde, ständig zappelnde Narrative andocken kann, die zwar nicht ganz so visionär, aber doch so stimmig und fordernd ist wie ENTER THE VOID. Aber ich beglückwünsche jeden, der es kann. Der Lohn ist hoch.

Müsste ich was kritisieren: FLASHBACK erzählt noch weiter, als er eigentlich schon zum Ende kommen müsste. Es sind vier, fünf Shots zu viel von Freddie, wie er keuchend aufwacht und sich mit einer neuen Realität und damit einer neuen Möglichkeit auseinander setzen muss. Zum Finale hin stellt sich da eine gewisse Müdigkeit ein. Aber das ist Kleinkram.

Fazit: Ein seine eigene Wirklichkeit ständig in Frage stellender Abstieg ins Fegefeuer der Verantwortlichkeit, die Akkumulation von Schuld und den Weg des Lebens linear und fokussiert zu Singularität. Dafür kauft man FFF-Dauerkarten. 9 von 10 Punkten.

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