26
Mai 2021

Final Thoughts: THE NEVERS

Themen: Film, TV & Presse |

Story: Im viktorianischen England taucht ein seltsames Fluggerät auf und sät Lichtsporen, die vielen Menschen (vorwiegend Frauen) unterschiedliche Kräfte verleihen. Die "Touched" werden zuerst ausgestoßen und dann zur Gefahr für die Gesellschaft erklärt. Bei Amalia True und Penance Adair finden sie Unterschlupf. Doch die Schlinge zieht sich zu und das Geheimnis der "Touched" wird das Schicksal der Menschheit entscheiden…

Kritik: Es ist Schande genug, dass ich noch nie von THE NEVERS gehört hatte, bis die LvA mich darauf hinwies. Immerhin ist es die neuste Produktion von Joss Whedon, die ihn in vielerlei Beziehung zu seinen Wurzeln als TV-Showrunner zurück bringt (ein paar Vertraute aus BUFFY-Zeiten sind denn auch mit an Bord). Ich habe erst später mitbekommen, dass Whedon mitten in der Produktion ausgestiegen ist – oder augestiegen wurde. So genau weiß man das ja nie.

Trotz des unterschiedlichen Genres (dort Horror, hier Fantasy) und des unterschiedlichen Umfelds (dort amerikanische Gegenwart, hier britische Vergangenheit) sind die Ähnlichkeiten zwischen BUFFY und NEVERS nicht zu bestreiten. Die Handschrift Whedons ist intakt: starke Frauencharaktere mit nahezu übermenschlichen Kräften und Verantwortungen, deren intensive Freundschaften mitunter die Grenzen zur lesbischen Romanze streifen oder gar überschreiten. Knackige Dialoge, zweideutige Prophezeiungen. Ein im ersten Augenblick simpel wirkendes Setup, das sich nach und nach zu einem komplexen Mythos entfaltet, in dem Gut und Böse schwer auszumachen sind und jeder Charakter zum Seitenwechsel fähig ist. Eine Reihe eskalierender Enthüllungen, die mit jedem Versuch der Helden, das Richtige zu tun, das Chaos nur vergrößern. Und hinter allem eine grausame Mechanik, die für ein Happy End kaum Platz lässt.

HBO hat Whedon offensichtlich genug Geld gegeben, um dieses Universum angemessen umzusetzen: Das London um die viktorianische Jahrhundertwende wird in üppiger Pracht präsentiert, aufwändige Kostüme, edle Spezialeffekte und komplexe Requisiten füllen den Bildschirm bis an den Rand wie die alten Hammer-Horrorfilme. Die Riege der Darsteller mag vielleicht nicht gerade Star-Niveau haben, kann aber so ziemlich alles aufbieten, was aktuell die besseren britischen TV-Serien bevölkert. Besonders Laura Donnelly, üblicherweise in depressiver Krimiware zu sehen, ist eine Offenbarung als Amalia True.

So wandelt sich THE NEVERS nach einem launigen Anfang langsam, aber sicher zum düsteren Fantasy-Kostümspektakel, in dem es längst nicht nur darum geht, ein paar mit Kräften gesegnete Frauen vor den neidisch rachsüchtigen Männern zu schützen (denn ja – man kann der Miniserie vorwerfen, dass die Herren der Schöpfung mal wieder nur Bösewichte und Beta-Männchen sein dürfen). Hier wird ein größeres Rad gedreht – spannend, schockierend, mit großartigen Cliffhangern.

Das alles sollte schon für eine herzige Empfehlung reichen – wer sich für diese Themen und diese Sorte Miniserie begeistern kann, für den ist THE NEVERS "must see TV" wie QUEEN’S GAMBIT oder CARNIVAL ROW. Aber es gelingt Joss Whedon, auf der Zielgerade noch einen drauf zu setzen. Ich versuche mal, es nicht zu spoilern: In Episode 6 wird gleichzeitig mit fast allem gebrochen, was wir bis dahin gesehen haben – und damit fast alles erklärt, was uns bis dahin fast beiläufig gestört hat. In dem die Serie eine völlig neue Dimension annimmt, füllt sie ihre Lücken, entlarvt unterstellte Defizite als geplante Auslassungen. Das ist eine Storytelling-Masterclass, wie ich sie schon länger nicht mehr gesehen habe.

Claudia Black. Damn. It’s so fucking nice to see you.

Es ist genau diese komplexe, aber nicht überfordernd komplizierte elliptische Erzählweise, die aus dem sehr guten "victorian superhero comic" einen der Breakout-Hits der Saison 2021 macht. Staffel 2 geordert – Staffel 2 sehnlichst erwartet.

Fazit: Ein viktorianisches Graphic Novel-Universum, das mit jeder Folge neue Facetten enthüllt und wieder mal die erzählerische Potenz der aktuellen Miniserien-Generation beweist. Premium-Fernsehen für Tee und Kekse.

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P.S.: Ich kann nur spekulieren, dass THE NEVERS so eine Art Notnagel-Titel ist, weil die Macher den offensichtlicheren Titel THE TOUCHED aus lizenzrechtlichen Gründen nicht verwenden durften. In der Serie kommt die Bezeichnung nicht vor.



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Harry
Harry
26. Mai, 2021 17:26

Hmm? Jetzt muss ich die Serie doch einmal ansehen!

Nummer Neun
26. Mai, 2021 18:05

Ich muss ja zugeben, mich hat sie nicht ganz so begeistert – aber das ist wohl eher meiner Erwartung geschuldet, weil ich auf mehr echt Sciene Fiction gehofft hatte und dafür "nur" Superkräfte bekam.

Aber die Ausstattung und die Optik ist natürlich grandios. Und der Twist mit Folge 6 tatsächlich sehr krass. Ich habe einige Minuten lang gedacht, ich hätte ausversehen eine völlig andere Serie erwischt.

Was ich noch loswerden wollte – und ich glaube, das passt hier ganz gut: Vom RBB gibt es eine schöne Reportage zu den Science Fiction Filmen der DEFA in den 1960ern und 1970ern. Keine Ahnung, ob das für die Nerds alles ein alter Hut ist, aber mir hat die Reportage Lust auf die alten Filme gemacht:
https://www.rbb-online.de/doku/u-w/utopia-in-babelsberg–science-fiction-aus-der-ddr.html

oibert
oibert
26. Mai, 2021 21:50
Reply to  Nummer Neun

ja, ich musste mich nach den ersten paar Minuten der 6, Folge auch nochmal vergewissern, die richtige Serie angemacht zu haben.

Extrem gut das ganze!

MinkyMietze
MinkyMietze
27. Mai, 2021 11:01
Reply to  Nummer Neun

Super danke für den Link zur DEFA-SF-Doku ; kein FB darum bisher verpasst

Magineer
Magineer
26. Mai, 2021 19:27

Fand die Serie auch großartig. Warum es "The Nevers" heißt, hat Joss Whedon schon vor drei Jahren auf dem Comic-Con angesprochen, aber klar, das könnte trotzdem aufgepfropft sein. Ich mag den Titel trotzdem irgendwie… 🙂

In irgendeinem Reddit-Thread kam die Frage übrigens auch mal auf, und einer der Kommentare dazu leuchtet mir sofort ein:

*** Call me crazy, but "Joss Whedon’s The Touched" probably wouldn’t go over all that well… ***

Rückblickend sähe das natürlich schon entsprechend zynisch aus. 🙂

P.S.: Fast vergessen, Episode 6 ist einer der fettesten Gamechanger der jüngeren TV-Geschichte. Ich hab die ersten zehn Minuten lang völlig verstört nach der Fernbedienung gesucht.

Last edited 4 Monate zuvor by Magineer
Eugen
Eugen
30. Mai, 2021 18:32

Damn! Eigentlich wollte ich die Serie nicht anfangen da ja Joss gegangen wurde und das teil nicht selbst zu ende bringt….aber da du das so in den Himmel lobst muss es wohl sein. Danke^^

Teilzeitinvestor
14. Oktober, 2021 07:59

Note to self: Nie wieder Filmtips vom Wortvogel schauen. Das waren 6 Stunden verschenkte Lebenszeit. Hätte normalerweise spätestens nach der dritten Folge aufgrund der konfusen und uninspiriert erzählten Story abgebrochen, wollte aber nicht die versprochene große Wendung in Folge 6 verpassen, in der sich alles aufklärt. Nuja, das war dann tatsächlich ein harter (und sehr wagemutiger) Bruch, aber erzählerisch hanebüchen umgesetzt, mit einer naiven SciFi/Fantasy Auflösung. Und das Konzept, für jedes aufgelöste Rätsel gleich drei neue aufzumachen, verheisst auch nichts gutes. Ich würde mich arg wundern, wenn die Fortsetzung das ganze strukturiert und logisch weiterführt, vermute eher, dass die Autoren selber keine Ahnung haben, wo sich die Handlungsfäden hinentwickeln sollen.
Anyway, ich werds nicht erfahren, ich bin bei The Nevers raus. Ein Punkt für die opulente Ausstattung und den wirklich guten Cast, das wars dann auch.