26
Apr 2021

TV Kritik: SANFTER SCHRECKEN – UNHEIMLICHE GESCHICHTEN AM KAMIN

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

Durch die Darstellerin einer Filmverbrechen-Fotostory, die ich dieser Tage freischalten werden, stolperte ich über diese ZDF-Produktion des Jahres 1977, die mich bass erstaunte – weil ich noch nie von ihr gehört hatte. Weder im LEXIKON DES INTERNATIONALEN FILMS noch im LEXIKON DES HORROR-FILMS war darüber zu lesen – zwei Werke, die sich sonst für keinen obskuren TV-Käse zu schade waren. Das ist umso kurioser, da SANFTER SCHRECKEN einen veritablen Altstar-Supercast zusammen getrommelt hat, um vier mehr oder wenige unheimliche Geschichten aus den Federn internationaler Genre-Autoren zu adaptieren (Henry Slesar, Stanley Ellin, Robert Bloch, Jack Sharkey).

Schon bei Titel und Storyauswahl wird es fast unmöglich, konkrete Informationen zu finden. Was bekannt ist: Stanley Ellin veröffentlichte bereits in den 50ern einen Sammelband mit zehn Geschichten, der in Deutschland den Titel SANFTER SCHRECKEN trug. Eine konkretere Quelle für diesen Film (der teilweise auch nur unter dem Titel UNHEIMLICHE GESCHICHTEN AM KAMIN gehandelt wird) scheint aber die Kurzgeschichtensammlung des gleichen Titels SANFTER SCHRECKEN zu sein, an der mindestens Ellin, Robert Bloch und Henry Slesar beteiligt waren, von der ich aber kein Exemplar ausmachen konnte, das vor 1984 veröffentlicht wurde:

Wie dem auch sei: Man kann nur wieder mal der großen Kleinfirma PIDAX danken, dass sie dieses schräge Kleinod dem Vergessen entrissen und in (teilweise) erstaunlich guter Bildqualität in den Vertrieb gebracht haben.

Nun ist der Anthologie-Film nichts, was in Deutschland große Tradition hat, auch wenn es immer mal wieder versucht wird, z.B. 1919 mit UNHEIMLICHE GESCHICHTEN von Richard Oswald oder sogar mit dem RTL-Film GEISTERSTUNDE 1997. Aber selbst wenn man SANFTER SCHRECKEN in diesen Kontext stellen will, passt er nicht, denn er orientiert sich ganz klar an den britischen Vorbildern der Studios Hammer und Amicus, in dem er eine okkulte Rahmengeschichte nutzt, in der die Protagonisten jeweils "ihre" Story erzählen – oft genug nicht wissend, dass sie schon den Schritt ins Jenseits getätigt haben, und meistens, um danach direkt in die Hölle zu fahren. Sowas halt:

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Und tatsächlich: Zum Einstieg bedient sich SANFTER SCHRECKEN sehr deutlich der Tropen des Gruselfilms. Die Rahmengeschichte führt uns in ein altes Schloss in finstrer Nacht, wo donnernde Blitze auf das Zelluloid gekratzt wurden:

Hier finden sich – ganz dem Subgenre folgend – vier (mit Butler fünf) gesetzte Herren vor dem Kamin in der Absicht, einander Geschichten zu erzählen.

Was für eine Runde! Schauspiel-Legende O.E. Hasse in seiner letzten Rolle! TATORT-Kommissar Klaus Schwarzkopf! TATORT-Kommissar Willy Semmelrogge! Dauer-Bösewicht Wolf Roth (lange schon verheiratet mit Babsi May)! DER KLEINE DOKTOR Peer Schmidt! Ein veritables Who is Who des deutschen Fernsehens der 60er, 70er und 80er Jahre.

Allein, es zeigt sich schon das Problem der ZDF-Zaghaftigkeit: hier wird kein Mystery aufgebaut, keine Spannung entsteht, kein namenloser Fremder fordert bittere Beichte. Die versammelten Herren wissen, dass sie tot sind und wollen ihre letzte Gelegenheit nutzen, entspannt ihre Geschichte zu erzählen. Kein Einsatz, kein Gewinn, keine Chance, dem Schicksal zu entrinnen. Man plaudert bei einem guten Cognac. Da mag sich nur schwer Gänsehaut einstellen.

Den Anfang macht Wolf Roth, der als karrieregeiler französischer Staatsanwalt einen jungen Mann zur Todesstrafe geführt hat. Der Fall macht Schlagzeilen, er macht Karriere – bis kurz vor der Exekution ein Tippelbruder auftaucht, der behauptet, selber der Täter zu sein. Der Staatsanwalt sieht nur eine Chance, seinen Hals zu retten…

Das ist ganz nett konstruiert, auch wenn man den Braten zeitnah riecht. Es hilft auch nicht, dass die Spannung zum Ende hin nicht wirklich anzieht. Dafür hat man Gelegenheit, ausgiebig den Cast zu feiern: Uwe Friedrichsen (erster Columbo-Synchronsprecher)! Rudolf Platte! Carl Lange! Und vor allem: Johanna von Koczian!

Und genau da liegt auch das einzige wirkliche Problem von DER TAG DER HINRICHTUNG: wir müssen als Zuschauer glauben, dass sie die Femme Fatale ist, der Wolf Roth mit Haut und Haaren verfallen ist:

Johanna von Koczian. Jedermanns Tante und unsterbliche Interpretin von:

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Wer immer für das Casting von SANFTER SCHRECKEN verantwortlich war – er war besoffen und unkündbar. Anders ist so etwas nicht erklärbar.

Als Nächstes steht die Geschichte DIE SPEZIALITÄT DES HAUSES an, in der der großartige Klaus Schwarzkopf (zweite Synchronstimme von Columbo!) seinen jungen Geschäftspartner in ein sehr diskretes Restaurant mitnimmt, dessen Lammbraten als die größte Delikatesse gilt, die man als Gourmet auf den Teller bekommen kann.

Auch hier – ein Casting Coup extraordinaire! Der international agierende Ersatz-Christopher Lee Ferdy Mayne aus Polanskis TANZ DER VAMPIRE und immerhin Gott im sensationell depperten NIGHT TRAIN TO TERROR spielt den geheimnisvollen Maître des Hauses!

Da verzeiht man, dass die Pointe relativ offensichtlich ist und am Ende auch gar nicht groß ausgespielt wird.

Die Story gilt übrigens in den USA als so etwas wie ein Kurzgeschichten-Klassiker und wurde u.a. schon für die ALFRED HITCHCOCK HOUR 1958 umgesetzt. Wünscht man lieber eine wohlig-gruselige Hörbuch-Fassung, hat man u.a. die Sprecherwahl zwischen Geoffrey Bayldon (CATWEAZLE) und Vincent Price. Spoiler voraus:

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In DER ZWEITE NAPOLEON treffen wir Herrn Braumüller, der sich seit einem Autounfall für Napoleon hält und in deshalb in psychiatrischer Behandlung ist – eine Rolle, für die Peer Schmidt auch physisch geboren wurde:

Den Psychiater gibt TV-Veteran Wolfgang Wahl, Mitglied der Ur-Besetzung der SCHWARZWALDKLINIK, der am Ende mehr als 40 Jahre in Serien und Filmen zugebracht hat. Die Sekretärin: Christiane Rücker, als Illustrierten-Nackedei so eine Art Vorläuferin von Ingrid Steeger. Und in einer Minirolle: Rainer Basedow, Kabarett-Urgestein und Lesern meines Blogs aus weniger gut beleumundeten Werken bekannt.

Inhaltlich ist DER ZWEITE NAPOLEON eher neckisch und ganz auf die Pointe ausgerichtet, die als Epilog erzählt wird. Genau genommen ein gespielter Witz. Aber ein gut gespielter.

Und damit sind wir auch schon bei der letzten Geschichte TÖDLICHES BLAU, in der ein alternder Lord seinen Butler manipuliert, um über drei Ecken seine untreue Gattin zu strafen. Das geht erwartungsgemäß nach hinten los…

Das hier ist sicher die schrägste, aber auch psychologisch gemeinste Episode im Quartett – das Gespräch zwischen Lord und Butler, das den Kern bildet, ist schmerzhaft anzuschauen. O.E. Hasse lässt weniger den Aristokraten als den Kaisertreuen heraus hängen, inklusive Monokel. Als zweiten Butler sehen wir Friedrich Schoenfelder, eine der bekanntesten Stimmen aus Film und Fernsehen:

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Und schließlich: Evelyn Opela, die quintessentielle "schöne Frau gehobenen Standes" aus unzähligen Krimiserien und Melodramen.

Da ist die Rückkehr ins Schloss der Rahmengeschichte fast schon ein Abschied und auch nicht von Begeisterung begleitet, denn SANFTER SCHRECKEN hat uns keine Form von Auflösung und Überraschung versprochen – und er liefert auch keine. Er hört einfach auf.

Ihr merkt: Der Versuch des ZDF, sich an die Werke von Hammer und Amicus zu hängen, ist exakt das geworden, was man sich vorstellt, wenn man von einem ZDF-Versuch hört, sich an die Werke von Hammer und Amicus zu hängen. Nicht hart genug, nicht spannend genug, nicht mutig genug – aber angefüllt mit einer Sackladung großer Darsteller, die damals zwischen ihren Bühnen-Engagements gerade Zeit hatten.

Ach ja, und weil wir der bekannten Namen noch nicht genug hatten: die Musik zu SANFTER SCHRECKEN stammt von Klaus DAS BOOT Doldinger…

Fazit: Ein konzeptionell sehr drolliger Versuch, einen Anthologie-Film im Stil von Hammer und Amicus zu drehen, der aber dann doch an öffentlich-rechtlicher Hasenfüßigkeit scheitert und trotz des großartigen Altherren-Cast sehr bieder bleibt. Für Freunde klassischen 70er Jahre-Fernsehens allerdings schon ein Spaß.

P.S.: Es gibt einen Bonus exklusiv für Wortvogel-Allesleser: Das PIDAX-Cover des Films zeigt ein bestialisches Augenpaar, das euch vielleicht bekannt vorkommt



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Feivel
Feivel
27. April, 2021 13:20

On a (very very off) sidenote: Der lila Ausschnitt des Buchcovers von 1984 entspricht von der Aufmache und der Schriftart den damaligen Veröffentlichungen von Stephen King. Kann das jemand einordnen: Hat man sich da bewusst drangehängt, oder war das damals einfach der Stil? Mein Bücherregal würde mich eher zu ersterem tendieren lassen, aber ich hab meine Bücher auch nicht nach Erscheinungsjahr sortiert..

comicfreak
comicfreak
28. April, 2021 11:54
Reply to  Torsten Dewi

wie würde denn eine ungepflegte Gänsehaut aussehen?

Dietmar
27. April, 2021 21:00

Ich liebe (!) so etwas: "Wer immer für das Casting von SANFTER SCHRECKEN verantwortlich war – er war besoffen und unkündbar. Anders ist so etwas nicht erklärbar." 😀

comicfreak
comicfreak
28. April, 2021 11:53

Jetzt bin ich ratlos.
Rahmen"handlung" und die 3 letzten Geschichten sind mir definitiv nicht bekannt, aber die erste mit dem Staatsanwalt hab ich definitiv gesehen

comicfreak
comicfreak
28. April, 2021 11:53
Reply to  comicfreak

ich ziehe ein definitiv ab und entschuldige mich