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Feb 2021

Traumpaar Chromecast & Mobdro: Vom Tod des Grauen Ritters

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

Ich bin extrem zufrieden mit dem Chromecast mit Google TV, gerade weil ich ihn nach einer anfänglichen Euphorie auf seine Grundfunktionen reduziert habe. Wir schauen Fernsehen, hören Musik, gucken Fotos, streamen Inhalte von meinem Google Drive, surfen YouTube. Die Wolf-Oberfläche ist dabei so individualisiert und reduziert, dass die ganzen Streaming-Dienste, die uns solche Sticks üblicherweise anbiedern wollen, gar nicht nennenswert auftauchen. It just works.

Seit heute habe ich auch noch einen Mauszeiger installiert, der es mir ermöglicht, Apps zu nutzen, die nicht für die Steuerung über die Fernbedienung gedacht sind. Damit konnte ich den etwas sperrigen TV Bro-Browser durch Chrome ersetzen. Der nervige Workaround mit einem alten Bluetooth-Gamepad ist ad acta gelegt.

Aufgegeben habe ich Sachen wie Retro-Gaming und Speichererweiterungen, weil ich sie schlicht nicht brauche. Das wird auch noch Thema sein. Bald.

Nun habe ich es mir zur Regel gemacht, bei meinen Beiträgen weitgehend auf Grauzonen zu verzichten. Ich empfehle, verlinke und bespreche keine schwarzen Quellen, Raubkopien sind hier kein Thema. Ich mache niemandem Vorschriften, ich lasse mir keine Vorschriften machen. Wer eine Tauschbörse für Torrents braucht, muss woanders suchen.

Das heißt nicht, dass ich gegen den Reiz des Halblegalen immun bin. Besonders dann, wenn es keine legalen Alternativen gibt.

Und damit kommen wir zu Mobdro, einer meiner liebsten Apps, über die bisher nur einmal und eher vorsichtig geschrieben habe:

Ich wollte das Programm nicht hypen, weil es über das hinaus, was ich damit mache (britisches Fernsehen schauen), sehr viele Dinge kann, die fragwürdiger Natur sind. So gibt es neben hunderten Live-Sport-Kanälen mit Rugby, Fußball und Basketball auch 24/7-Sender, die sich jeweils einer Serie widmen: SEINFELD, SIMPSONS, SUPERGIRL – alles rund um die Uhr. Und Spielfilm-Streamer, die alle Alien-Filme genau so in Dauer-Rotation zeigen wie die Filmographie von James Bond. Musik, Webcams aus aller Welt, Podcasts? Sicher doch. Das alles noch dazu mit einer übersichtlichen Oberfläche, ohne Werbung und auch sehr stabil.

Nochmal: das war mir alles wurscht. Ich wollte nur die BBC, ITV, und Channel 4. Wahrlich, ich habe mich Jahre damit abgequält, diese zu empfangen – und Mobdro war für uns die Lösung. Im Herzen ein Engländer, wisst ihr ja.

So war unser Medienkonsum perfekt, schlank, schön und sicher.

Bis Modro vor einer Woche plötzlich dicht machte:

Natürlich dachte ich zuerst, es läge an mir. Ich deinstallierte das Programm, installierte es noch mal. Schraubte an den Einstellungen. Löschte den Cache. Nix half. Dann wartete ich 24 Stunden. Vielleicht ja nur ein Problem auf Serverseite.

Leider nein.

Mobro. Ist. Down. Was für eine schreckliche Vorstellung, was für eine noch schrecklichere Realität.

Weil im Netz dazu wenig zu finden war und YouTube-Videos aus rechtlichen Gründen die Erwähnung der App gerne vermeiden, schaute ich mal auf Twitter nach – und fand VIELE Gleichgesinnte:

Dabei wurde mir klar, dass Mobdro mehr ist als eine gut gemachte, halb legale Streaming-App. Mobdro ist besonders in vielen ärmeren Regionen der Welt, die für die kommerziellen Anbieter uninteressant sind, eine bequeme Alternative, um mit der kulturellen Sphäre in Kontakt zu bleiben. Indien, Afrika, Südamerika – viele "Hilferufe" kamen aus Gegenden, die noch nicht voll vernetzt und erschlossen sind. Ich stellte fest, dass es tatsächlich Leute Kenya gab, die den Fernseher den ganzen Tag mit FRIENDS laufen ließen – und kleine Dörfer in Pakistan, die sich in Grüppchen vor Pay-Per-View-Cricket-Spielen versammelten. Mein Nutzerprofil, mit Mobdro primär BBC zu schauen, war eher die Ausnahme (was auch an den unterschiedlichen Zeitzonen liegen mag, die Live-TV vom anderen Ende der Welt massiv erschweren).

Mobdro war für viele Menschen wichtig – viel wichtiger als für uns.

Natürlich begann schnell die Spurensuche: was war passiert? Die offizielle Webseite von Mobdro gab keinen Hinweis, die sowieso sehr verdeckt arbeitenden Macher der App blieben stumm. Jemand unkte, die USA wären schuld – man habe in das Covid-Rettungspaket eine Klausel eingeschmuggelt, nach der ein "Restreaming" illegal sei. Nun ist es das sowieso – und für den Rest der Welt wäre eine solche Gängelung aus den USA auch wurscht gewesen. Andere wiederum meinten zu wissen, dass es nur ein technischer Defekt sei, der bald behoben werden könne. Der übliche Flurfunk.

Nach mittlerweile einer Woche sieht es so aus: Mobdro bleibt wohl unten. Es mehren sich die Hinweise, dass die Betreiber massiv rechtlich in die Zange genommen wurden. Von wem? Vom indischen Cricket-Verband. Dort hat man offensichtlich dem kostenlosen Zweitstreaming der Top-Spiele nicht mehr tatenlos zusehen wollen. Und Cricket ist in Indien ein gigantisches Geschäft, vergleichbar mit der Bundesliga oder der NFL.

Wegen der Cricket-Funktionäre kann ich nun also kein BBC mehr schauen. Mein Leid ist quasi ein Kollateralschaden. Nun gut: dann leidet der Deutsche halt mal am Inder und nicht umgekehrt. Ich esse trotzdem weiterhin Curry vom GURU.

Nun muss man nach vorne schauen können und wo eine Nachfrage ist, gibt es üblicherweise auch bald ein Angebot. Ich habe innerhalb der letzten Tage bestimmt ein halbes Dutzend Apps getestet, die einen vergleichbaren Funktionsumfang und eine Stabilität wie Mobdro versprechen. Alles vergebens. Bei den meisten funktionieren die Sender gar nicht oder man wird mit nervigen Werbungen für Online-Spiele bombardiert, die sich auf dem Chromecast nur sehr mühsam wegklicken lassen. Oft genug muss man entsprechende Playlists finden und einpflegen, in anderen Fällen bleibt das Bild alle zwei Sekunden hängen.

Es ist ein Jammertal – mittlerweile habe ich allerdings ein Programm gefunden, das halbwegs Abhilfe schafft (nein, den Namen werde ich nicht nennen). Zwar funktionieren die unfassbaren Mengen an indischen, pakistanischen und malaysischen TV-Sender nur sehr begrenzt und die Spielfilmkanäle gar nicht, aber BBC, ITV und andere englische Anbieter laufen perfekt. Und da ich diese in einem eigenen Favoriten-Folder gesammelt habe, brauche ich mich auch nicht jedes Mal durch die Menüs zu hangeln. Solange es SO läuft, läuft es richtig.

Trotzdem. Ich hätte Mobdro gerne wieder zurück. Nicht, weil es halblegal oder kostenlos war. Ich hätte SOFORT auch Geld für eine legale Variante bezahlt. Nein, ich hätte Mobdro gerne zurück, weil es eine perfekte App für unsere Medienkonsum-Bedürfnisse war. Mehr als Netflix, Amazon Prime oder Disney+.

Aber so ist das bei Angeboten aus der Grauzone: here today, gone tomorrow. Hoffen wir, dass die aktuelle Lösung eine zeitlang durchhält. Es stehen schließlich neue BAKE OFF-Staffeln ins Haus…

P.S.: Heute wurde die Theateraufführung von GOOD mit David Tennant, für die wir in London Karten gekauft hatten, wegen der Pandemie abgesagt. Es ist wahrlich kein goldenes Zeitalter für Herzensengländer wie uns.



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Nico
Nico
24. Februar, 2021 12:52

Interessante Perspektive, als westlicher Zuschauer ist man ja generell vom Streaming verwöhnt. Ich hatte mir auch mal überlegt, mit einer VPN die BBC anzuschauen (weniger konkrete Sendungen als mehr so das ganze "Feeling" von Fernsehen auf der Insel nach dem Brexit), aber ich habe gehört, dass viele VPN-Anbieter (auch solche mit vielen und wechselnden IPs) rasant geblacklistet werden.

BTW: In dem Absatz vor dem "Mobdro is gone"-Bild wird aus "Cricket" kurzzeitig "Rugby". 😉

Last edited 6 Monate zuvor by Nico
hzhzzhzhzh
hzhzzhzhzh
6. Juni, 2021 13:16
Reply to  Nico

also windscribe vpn fuktioniert bei mir immer wunderbar, sei es mit bbc, itv usw. besonders interesant ist für mich swisscomm blue tv, da kriegt ich live tv aus deutschland , österreich, schweitz, england, und vielen weitere ländern, so guck ihc zb oft filme auf französchien sendern mit englischer tonspur. Die em läuft hier in DE ja auch nicht immer im free tv, da guck ich mir die spiele beim ORF/SRF an.

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[…] Thema: vor gut zwei Monaten ging es hier um den Untergang der App Mobdro, mit der man u.a. internationale TV-Sender empfangen konnte, was […]